Mythisierung der Kreuzritter

Noch immer kommen Leserbriefe zu zwei FR-Texten herein, die sich mit Gewalt im Christentum, christlichem Fundamentalismus und dem gewalttätigen Erbe der Kreuzfahrer beschäftigen und die Frage nach der Mitverantwortung des Christentums für die Attentate von Oslo stellen. Daher mache ich das Thema nachträglich hier auf und fasse die Leserbriefe, obwohl zu unterschiedlichen Texten, zu einem Thread zusammen.

Der Göttinger Professor und Kirchenkritiker Gerd Lüdemann zeichnet in seinem Gastbeitrag „Gewalt im Christentum“ das historische Bild eines intoleranten Judentums, das sich in dem Glauben, das von Gott auserwählte Volk zu sein – Lüdemann nennt dies die „Doktrin der Erwählung“ -, strikt von allem Äußeren abgrenzte und einen „rituell begründeten Hass“ gegen alles pflegte, was nicht zu Israel gehöre. Auf diesem Nährboden sei das Christentum gewachsen. Es hat sich, folgt man Lüdemann, von diesen Ursprüngen nicht emanzipiert: „Die jüdische Mutterreligion gab an ihren christlichen Ableger nicht nur den intoleranten Monotheismus weiter, sondern auch das Bewusstsein, auserwählt zu sein – mit der tragischen Folge, dass die Kirche dieses sehr schnell gegen Israel kehrte und eine Ersatztheorie vertrat. (…) Gewaltpotenziale beherrschen demnach beide Teile der Bibel von vorne bis hinten, sodass deren radikale Abrüstung nötig wäre. Der Status der Bibel als heiliger Schrift hat jedoch bisher ernsthafte Gespräche darüber verhindert, ob etwa ein Großteil des „Wortes Gottes“ zu ächten sei. Wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn wahnsinnige Christen das Waffenarsenal der Heiligen Schrift weiter einsetzen.“

Heinz Sigmund aus Mannheim meint:

„Lüdemanns Artikel ist zwar mit ‚Gewalt im Christentum‘ überschrieben, jedoch handeln zwei Drittel seiner Ausführungen davon, dass letztlich ‚die Juden‘ Schuld haben an der christlichen Gewalttradition und damit auch am Massaker in Oslo. Der Mann geifert gegen einen angeblichen ‚exklusiven Monotheismus‘ und hat anscheinend noch nichts davon gehört, dass beispielsweise schon in der Antike das jüdische Synhedrion die Todesstrafe de facto außer Kraft gesetzt hat aufgrund differenzierter Exegese der einschlägigen Gewalttraditionen. Längst wird in der Religionswissenschaft die These vom inklusiven Monotheismus (Ottmar Keel) diskutiert, der eben dadurch besonders tolerant wurde, weil er die unterschiedlichsten Traditionen anderer Religionen absorbiert hat und diese im Namen des ‚einen Gottes‘ vertreten konnte. So ist es diesem ‚Gastbeitrag‘ gelungen, durch ein zweifelhaftes wissenschaftliches Hintertürchen antijüdisches (und antichristliches) Gedankengut in der seriösen Presse zu platzieren und ordentlich Wasser auf die Mühlen von Verschwörungs-theoretikern zu kippen, die immer schon wussten, wer an allem Schuld hat.“

Wolfgang Wagner aus Bad Boll:

„Es ist mehr als fragwürdig, dass der Ex-Christ Lüdemann die noch kaum bekannten Motive des norwegischen Attentäters zum Anlass nimmt, um einmal mehr seit Marcion vor allem das Alte Testament zu denunzieren. Er merkt gar nicht, wie er damit vor allem älteste Vorurteile gegen das Judentum schürt. Dies ist besonders übel, da die Kirchen in einer zehnjährigen ‚Dekade zur Überwindung von Gewalt‘ durchaus selbst- und bibelkritisch ihre Gewaltpotentiale bearbeitet haben. Ansonsten weiß wahrscheinlich auch Lüdemann, dass weltweit vor allem Christen unter Gewalt zu leiden haben. Deren Verfolger können das ganz ohne Bibellektüre!“

Günther Keine aus Dortmund:

„Dass es Gewaltpotenzial in der Bibel gibt, ist unbestritten. Es gibt dort aber auch viel Gewaltüberwindungs-Potenzial: man denke im Alten Testament (unter anderem!) an die Gestalt des Gottesknechts in Deuterojesaja und erst recht im Neuen Testament an Jesus von Nazareth. Weil er das nicht einmal erwähnt, halte ich den Gastbeitrag von Gerd Lüdemann für höchst einseitig und seinen Satz ‚Gewaltpotenziale beherrschen demnach beide Teile der Bibel von vorne bis hinten‘ für schlechthin falsch.
Jahrzehnte lang habe ich Kriegsdienstverweigerer beraten, darunter viele, die sich auf den christlichen Glauben bzw. auf Jesus beriefen. Die meisten waren keineswegs undifferenziert und standen immer auch in kritischer Auseinandersetzung mit Gewalttraditionen im Christentum bzw. den Kirchen. Deren Ursprung sehe ich eher in der ‚Konstantinischen Wende‘, d.h. der frühzeitigen Versuchung des Pakts von Kirchenführern mit staatlichen (und eigenen) Machtinteressen. In diesem Sinn finde ich mich eher wieder in dem Artikel von Gerd Althoff ‚Das gewalttätige Erbe der Kreuzfahrer‘. Und da stimmt es: Die Kirche sollte ihr Verhältnis zur Gewalt gründlich prüfen!“

Götz Bading aus Krefeld:

„Solche Theologen wie Gerd Lüdemann hatte man schon einmal in großer Zahl. Und zwar zur Zeit Jesu – sie hießen nur anders: Pharisäer, Schriftgelehrte, Sadduzäer und Herodianer. Wenn Lüdemann verstünde, daß er damals einer von ihnen gewesen wäre, würde er vermutlich vorsichtiger sein bei seinen flotten Urteilen. Denn der Hass dieser fanatischen Juden, die das AT, das sie ja angeblich glaubten, ihrem großen Stolz und ihrer Heuchelei zuliebe in sein Gegenteil verkehrten, was Jesus Christus Anlass gab, sie fortwährend zu tadeln und zurechtzuweisen, hat sie bewogen, diesen ‚Störenfried‘, der alle ihre Lehren widerlegte, in einem Komplott mit Hilfe des unbeliebten Pilatus durch römisches Todesurteil zu beseitigen. Nur, was hat’s ihnen denn geholfen? Sie erreichten mit ihrem mörderischen Plan genau das Gegenteil: Zu Pfingsten entstand das Christentum und nahm ihnen nicht nur ihre besten Leute, sondern veränderte den Lauf der Geschichte und eroberte sogar das brutale Römische Reich – durch den Heidenapostel Paulus, der doch ursprünglich einer von ihnen gewesen war! Zwar etablierte sich in Rom die Fälschung des Christentums, die sich RKK nennt; aber das kann keinen wahren Gläubigen beunruhigen, denn mit der Wiederkehr Christi, dem zweiten Kommen, wird sich auch dies Problem binnen Kürze erledigt haben.
Nicht Rom wird siegen, nicht die Nachfahren der Pharisäer, also ‚die Lüdemänner‘, werden siegen, obwohl sie gemeinsam mit Rom heucheln werden, sondern es wird allen ihren Anstrengungen zum Trotz der von ihnen als ‚Fundamentalismus‘ verunglimpfte biblische Glaube an Jesus Christus, den Sohn Gottes, siegen, genauso, wie es die Offenbarung des Johannes beschrieben hat – ganz gleich, ob Leute wie Gerd Lüdemann nun vor Allmachtsansprüchen und Gewaltszenarien warnen oder Verbote bestimmter Bibeltexte verlangen mögen.
Deshalb für den Hasser der Wahrheit und des AT, Gerd Lüdemann, sogleich ein angemessenes Zitat aus dem AT: Spr 11:21 Den Bösen hilft nichts, wenn sie auch alle Hände zusammentäten; aber der Gerechten Same wird errettet werden.“

****************************

Ein anderer Professor, Gerd Althoff aus Münster, fragt in seinem Text „Das gewalttätige Erbe der Kreuzfahrer„: „Haben wir im Westen aber genügend Sorgfalt aufgewendet, dieses Kapitel unserer Vergangenheit, das von religiös legitimierter Gewalt handelt, kritisch aufzuarbeiten und als das zu bezeichnen, was es war: ein Irrweg, der die wesentlichen Gebote des Christentums missachtete?“ Er kommt zu dem Schluss: Nein. So habe ein verhängnisvoller Mythos der Kreuzzüge entstehen können. „Die Bewunderung militärischer Leistungen, das Aushalten von Entbehrungen, der Kampf weniger gegen viele, das Vordringen ins Unbekannte – all das bot Stoff für Anknüpfungen, die gerade für Eliten oder solche, die sich dafür halten, verführerisch waren. Hier hat die Fachwissenschaft kein gutes Bild abgegeben und das Feld anderen Stiftern von Erinnerung überlassen, deren Früchte wir jetzt sehen. (…) Diese Hinwendung der christlichen Kirche zur Legitimation und Anwendung von Gewalt im eigenen Interesse beschränkte sich nicht auf den Kampf gegen Ungläubige, sondern bezog Gewalt gegen ungehorsame Christen und Ketzer ein. Sie überschattete ein ganzes Zeitalter, das auch als Zeit der „päpstlichen Weltherrschaft“ deklariert wird, mit Ketzerkriegen, Inquisition, Folter – und mit immer wieder erneuerten Versuchen, die Herrschaft im Heiligen Land dauerhaft in christliche Hand zu bringen. Ausgelöst wurde die Hinwendung zur Gewalt durch neue päpstliche Herrschaftsansprüche: Man forderte Gehorsam von allen Menschen, Bischöfe, Könige und Kaiser eingeschlossen. Eine solche Forderung aber zog notwendig die Frage nach sich, wie man mit Ungehorsamen umgehen sollte. Gewalt war eine absehbare Konsequenz dieser Neuerung.“ Die Untätigkeit der Kirche bei der Aufarbeitung könne mitverantwortlich dafür sein, dass sich eine fundamentalistische Subkultur herausgebildet habe, die die Kreuzfahrer, darunter auch die Tempelritter, verehre.

Wilhelm Gärtner aus Lindenfels meint:

„Professor Althoffs Kernthese: die Hinwendung der christlichen Kirche und der römisch katholischen im Besonderen zur Legitimation und Anwendung von Gewalt zieht sich wie ein roter Faden vom Mittelalter bis in die Neuzeit.Im Internet findet sich unter dem Stichwort ‚Verbrecherorganisation‘ Folgendes:
In einem von vielen Prozessen stand 1985 ein Student in Bochum vor Gericht wegen Bezeichnung der Kirche als ‚größte Verbrecherorganisation der Weltgeschichte‘. In seinem Gutachten für diesen Prozess beweist der Kirchenhistoriker Deschner, dass es keinen Zweifel an der Richtigkeit dieser Bezeichnung geben kann. Das Urteil endete mit einem Freispruch. (freigeisterhaus.de)
Nicht nur im Mittelalter, in der frühen Neuzeit, sondern bis in das 20. Jahrhundert hält die Kirche jeden Rekord an Folter-und Mordopfern. Der Vatikan befiehlt nicht nur Kreuzzüge gegen die ‚Ungläubigen im Morgenland‘ – sie finden auch in Europa statt. Im 13.Jahrhundert fällt in Frankreich die letzte Festung der Katharer. Es braucht mehrere Kreuzzüge um Hunderttausende hinzurichten. Aus dem Wort ‚Katharer“‚ wird Ketzer. Uralter christlicher Antisemitismus, basierend auf dem Klischee vom Juden als Christus-Mörder, führt zu Pogromen. In den ersten 150 Jahren christlicher Herrschaft in Mittel-und Südamerika sterben 90 Prozent aller Indios.
‚Welche Bedeutung hatte aber die Annahme des christlichen Glaubens für die Länder Lateinamerikas und der Karibik?‘, fragt der Papst 2007. Es bedeutete für sie, Christus anzunehmen. ‚Christus war der Erlöser, nach dem sie sich im Stillen sehnten.‘
Mit Billigung des Papstes und unter Führung hoher Geistlicher wurde im ‚Reich Gottes‘, Ustascha-Kroatien 1941-1943 eine dreiviertel Million orthodoxer Serben abgeschlachtet.
Schlussfolgerung: Der Staat muss sowohl dem religiös legitimierten islamistischen Terror als auch dem fundamentalistisch christlichen Pendant eine klare Absage erteilen. Götz Aly (FR,19. 10. 2010) : „Entschließen wir uns endlich zu einem säkularen Staat mit klaren Regeln und viel individueller (damit auch religiöser) Freiheit!“

Regina Neumann aus Marburg:

„Leider wird im Zusammenhang von Ritterorden und Kreuzzügen nur auf deren Kampf gegen den Islam im Nahen Osten verwiesen. Dabei gab es ebenso einen Kreuzzug gegen die Stedinger Bauern in Norddeutschland, einen gegen die Katharer im Südwesten Frankreichs oder gegen die Wenden bzw. Slawen – es ging dabei weniger um die Religion als um die weltliche Herrschaft. Man darf sich gar nicht ausmalen, wer alles unter Berufung auf die Ritterorden bekämpft werden könnte …
Mehr differenzierte geschichtliche Kenntnisse und genaue Analysen über den Umgang mit groben Vereinfachungen und deren Funktion wären schon wünschenswert.“

Friedrich Gehring aus Backnang:

„Wie wurde die Christenheit gewalttätig? Auf der Suche nach den christlichen Wurzeln des Massakers von Oslo darf man m. E. nicht erst bei den Kreuzfahrern beginnen, denn schon hier fragt sich, wie sie als Christen so gewissenlos gewalttätig sein konnten.
Die frühen Christen hatten den Kriegsdienst in dem Staat, der sie immer wieder blutig verfolgte, so lange abgelehnt, bis das Christentum zur maßgeblichen Religion im römischen Reich geworden war und Christen die Macht bekamen, aus Verfolgten zu Verfolgern zu werden. Eine sehr wichtige Rolle spielte dabei die Sühnopfertheologie, die erstmals 325 n. Chr. im Glaubensbekenntnis von Nicäa allgemeine Gültigkeit erlangte mit der Aussage, Jesus sei ‚für uns‘ gestorben. Schon im Neuen Testament bemächtigt sich die priesterliche Opfertheologie der Person Jesu mit der Behauptung, Jesus sei als Opferlamm von Gott selbst für die Sünden der Welt am Kreuz geschlachtet worden. In dieser Vorstellung vollzieht die römische Staatsmacht mit ihrer brutalen Praxis der Kreuzigung gewissermaßen als die Beauftragte Gottes das Heil der Welt. Schlimmer kann Gewalt kaum verherrlicht werden.
Jesus hat die Opfertheologie heftig bekämpft, als er der Priesterschaft vorwarf, den Tempel zu einer Räuberhöhle gemacht zu haben (Mk 11,17). Jesus will Umkehr zur Nächsten- und Feindesliebe, keine Sündenböcke, die diese Umkehr ersparen. 300 Jahre nach ihm ist das vergessen, und Christen können als Soldaten Feinde töten. Durch diese verhängnisvolle Weichenstellung können Christen ohne Gewissensbisse Kreuzritter oder Attentäter werden.
Aber die ins Christentum eingedrungene Sühnopfervorstellung hat noch eine zweite fatale Konsequenz. Wenn Gott selbst seinen Sohn als Sündenbock opfert, statt von uns Menschen selbstkritische Übernahme von Schuld und Umkehr zu fordern, dann wird auch im täglichen Leben das Abschieben von Schuld auf Sündenböcke hoffähig. So wurden christliche Judenverfolgungen und Hexenverbrennungen möglich. Deshalb gilt es heute den Anfängen zu wehren, wenn ein Finanzfachmann wie Sarrazin mitten in der Krise des Casinokapitalismus die Dolchstoßlegende erfindet, Berliner Kopftuchmädchen würden Deutschland abschaffen.
Der Täter von Oslo hat 1500 Seiten lang Sozialdemokraten als Sündenböcke entmenscht wie einst christliche so genannte Arier die so genannten Untermenschen, dadurch konnte er sie skrupellos töten und sich dennoch als ein Teil des christlichen Abendlands verstehen. Das Abendland wird erst wahrhaft christlich, wenn es bekennt: Sündenböcke sind keine christliche Möglichkeit.“

Klaus-Hermann Rössler aus Köln:

„Der Massenmörder Breivik hat weder irgendetwas mit der katholischen Kirche zu tun, auch wenn er in seinem Wahn-Manifest im Internet einige irrtümliche Auffassungen über sie verbreitet hat. Noch hat er sich selbst als gläubigen Christen bezeichnet, im Gegenteil, er hat ebenda darauf hingewiesen, dass er eine persönliche Beziehung zu Christus nicht hat (und lässt auch an keiner Stelle erkennen, dass er eine solche jemals angestrebt hat). Dass der Massenmörder mit seinen Verbrechen Verständnis oder positive Resonanz ausgerechnet in der katholischen Kirche oder sonst einer christlichen Kirche gefunden hätte, wird nicht einmal der eingefleischteste Kirchen- und Christenkritiker behaupten wollen.
Es ist deshalb also Prof. Althoffs Geheimnis, wie er zur Auffassung gelangen kann, der islamistische Terror habe nunmehr ‚ein fundamentalistisch-christliches Pendant, das ihm an Grausamkeit nicht nachsteht‘, gefunden, ‚wenn auch zunächst [sic!] als Einzelfall.‘
Zum anderen erstaunt es, dass Althoff einseitig die katholische Kirche und christliche Historiker für die Romantisierung der Kreuzzüge und die angeblich ungenügende Distanzierung unserer Kultur gegenüber der Gewaltausübung durch Kreuzritter verantwortlich macht Ist doch gerade die Entwicklung Breiviks ein frappierender Beleg dafür, dass die Mythisierung der Kreuzritter gerade nicht dem unmittelbaren Einfluss der katholischen oder dem einer anderen christlichen Kirche zuzuschreiben ist.Insbesondere die katholische Kirche hätte keinerlei Anlaß, ausgerechnet die vom Papst im 14. Jahrhundert unter dem Zwang des französischen Königs verbotenen und verfolgten Tempelritter und ihre Taten zu romantisieren. Es spricht alles dafür, dass die Bezugnahme Breiviks auf die Tempelritter freimaurerischen Ursprungs ist; bis zu seinem Ausschluss am Tag unmittelbar nach der Tat war er Mitglied einer norwegischen Loge, wie ein Eintrag auf deren homepage eindeutig feststellt.
Wie nämlich beispielsweise das von der FR mitinitiierte Buch von Dieter A. Binder ‚Die Freimaurer‘ feststellt, hat die Freimaurerei ab dem 18. Jahrhundert maßgeblichen Einfluss auf eine Mythisierung und Romantisierung des Rittertums genommen, insbesondere der Tempelritterorden spielt eine erhebliche Rolle (S. 45-48, S. 159-161). Das Freimaurerlexikon von Eugen Lehnhoff und Oskar Posner von 1932 stellt im Artikel ‚Knights Templar‘ fest, dass ein mindestens zu dieser Zeit in angelsächsischen Ländern und in Schweden tätiger (Neu)Templer-Orden freimaurerischen Ursprungs ist. Der wahrscheinlich subkulturell einflussreichste Neutemplerorden ist der Ordo Templis Orientis (O.T.O.), der insbesondere durch seinen früheren Großmeister Aleister Crowley beispielsweise in der Popkultur und bei der Entstehung zahlreicher anderer esoterischer Organisationen (wie Scientology) eine beachtliche Rolle gespielt hat. Auch er ist in freimaurerischem Umfeld entstanden. Freilich ist damit natürlich nicht ein Bezug aller Freimaurer zur Esoterik oder zu Neutemplerorden festgestellt – und die tatsächliche Mitgliedschaft des Mörders in einem solchen ist nach heutigem Kenntnisstand unwahrscheinlich.
Dennoch: Wenn man den Massenmörder in seinen Motiven unbedingt anders als in psychiatrischen Kategorien erfassen will und wenn man wie Althoff eine Beziehung zur Religion herzustellen wünscht, dann sollte ein Bezug zur durch die Freimaurerei vermittelten Esoterik fairerweise an erster Stelle der Erwägung stehen. Hierher rühren die mythischen Tempelritterfantasien – ihr gewalttätiger Inhalt bleibt aber im Falle Breiviks eine Frage der behandelnden Ärzte und der den Fall verhandelnden Gerichte.“

Auf den Leserbrief von Klaus-Hermann Rössler aus Köln antwortet Resit Resuloglu aus Bad Homburg:

„Die freimaurerische Idee beruht auf Humanität und schließt Rassismus, religiöse Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit aus!
Wir, die Mitglieder der Loge zur Einigkeit sind zutiefst erschüttert und entsetzt über die ausländerfeindlichen und zum Teil christlich-fundamentalistisch motivierten Gewalttaten, denen so viele Menschenleben zum Opfer gefallen sind. Wir verurteilen diese abscheulichen und kriminellen Taten auf das Schärfste. Die tiefempfundene Anteilnahme von uns allen gilt allen Opfern und ihren Angehörigen.
Unsere humanitäre Loge zur Einigkeit hat in Ihren Reihen Mitglieder aus mehr als 14 Nationen und aus unterschiedlichen Glaubens- und Denkrichtungen. Die Loge überlässt es ihren Mitgliedern, welcher Glaubensgemeinschaften sie angehören wollen oder nicht. Sie bekennt sich zur brüderlichen Verbundenheit aller Menschen, zur Unantastbarkeit der Menschenwürde und zum Recht auf ein unversehrtes und selbstbestimmtes Leben in Freiheit.
Von Gruppierungen wie Ordo Templis Orientis (OTO), Neutemplerorden oder anderen Organisationen die sich auf die Missionierung oder Verfolgung und Ausgrenzung andersdenkender Menschen gegründet haben, distanzieren wir uns.
Die freimaurerische Idee der Weltbruderkette schließt Rassismus aus. Sie verpflichtet dazu, kriminellen Ausschreitungen gegen Ausländer ebenso entschieden entgegenzuwirken wie allen Versuchen, Gewalt zu verharmlosen und ihr mit Vorbedacht oder durch bloßes Wegschauen eine Rechtfertigung zu verschaffen. Die Mitglieder dieser Loge reihen sich ein in die Kette derer, die das Schweigen gegenüber Gewalt insbesondere der Gewalt gegen Ausländer entschieden entgegentreten.
Das Motto unserer Loge und der gesamten Freimaurerei heißt ‚Brücken bauen‘: Brüderlich bauen wir Brücken zwischen Menschen aller Rassen, aller Nationen und aller Religionen dieser Erde.“

5 Kommentare

  1. Agent 2010 sagt:

    Es ist halt die Frage , ob bestimmte Vorstellungen die Gewalt erzeugen oder die Gewalt die Vorstellungen.
    Sicher scheint mir , daß jede menschliche Gruppierung dazu neigt , sich selber für die Guten und alle Anderen für die Bösen zu halten , etwas einfach formuliert jetzt.
    Ob sich das in der Religion , in irgendeinem -ismus oder beim Schlägern für den eigenen Fußballklub äußert , immer dasselbe Muster.
    Und gerne suchen sich Gruppen äußere Feinde , vor allem dann, wenn die inneren Defizite unerträglich werden.
    Ist der eine Feind besiegt , kommt bald schon wieder Unruhe auf und die Suche nach dem nächsten beginnt , ein Grund, ihn zu hassen , findet sich dann schon.

  2. Dr. Ursula Samman sagt:

    Herr Althoff scheint einem Wunschdenken verfallen, wenn er glaubt, der Satz: „ ….daß die Unsrigen im Blute der Sarazenen ritten bis zu den Knien ihrer Pferde“ noch zu den Geheimnissen der theologischen Fachwissenschaftler gehört. Dieser unselige Satz fördert sicher nicht die Illusion eines „friedlichen, gewaltfreien Christentums“, auf die auch mancher Leserbriefschreiber noch nicht verzichten kann.
    Sollte dem Autor auch nicht bekannt sein, was in dem sehr informativen Buch „Die Kreuzzüge – Krieg im Namen Gottes“ ( Autor Peter Milger, erschienen bei C. Bertelsmann) berichtet wird? Demnach wurden bei der Eroberung Jerusalems keineswegs „nur“ die nichtchristlichen Bewohner Jerusalems getötet. Entsprechend einem vorherigen „Beschluß“ namentlich nicht bekannter Personen, aber wahrscheinlich christlicher Führer, wurden ALLE, AUCH die christlichen Bewohner, die schon dort lebten, z. T. um sich um die heiligen Stätten zu kümmern, wurden ohne Unterschied systematisch gemetzelt. Auch Überlebende wurden nach einem weiteren „Beschluß“ getötet. Das Eigentum der Bürger ging in den Besitz der Kreuzfahrer über.
    „Kriege im Namen Gottes“ werden von Christen auch heute noch geführt, selbst wenn es hinter den großen Worten und hehren Zielen doch nur um Zugewinn an Macht und Geld (Öl, Bodenschätze etc.) geht. In allen Jahrhunderten und auf der ganzen Welt flossen und fließen Ströme von Blut, um die Welt von christlicher Nächstenliebe zu überzeugen. Es ist nicht zu fassen!

  3. Abraham sagt:

    „Kirchenkritiker“ Gerd Ludermann irrt mit seinem Beitrag, mit dem er die „Gewalt im Christentum“ als das Erbe des Judentums deutet, gleich mehrfach.

    Zunächst unterstellt er, dass als „Kehrseite“ der „rigorosen Abgrenzung von anderen Völkern“ und der „Doktrin der Erwählung“ im biblischen Judentums „ein rituell begründeter Hass gegen alles vorherrscht, das nicht zu Israel gehört“. Unser historisches Wissen über die biblische Zeit ist recht begrenzt, so dass kaum geprüft werden kann, ob sich tatsächlich die Israeliten (also die Juden der frühbiblischen Zeit) „rigoros“ von anderen Völkern abgegrenzt haben. Man wird auch darüber viel streiten können, wie das theologische Konzept des Bundes mit Gott und der daraus folgenden Erwählung Israels damals verstanden wurde. Gegen die Annahme, dass aus der Bibel einen „Hass gegen alles, das nicht zu Israel gehört“, sprechen die recht zahlreichen Vorschriften der Bibel, die das soziale und wirtschaftliche Leben der Israelitischen Gesellschaft regeln. Diese verbieten ausdrücklich, den „fremden, der bei dir wohnt“ zu bedrücken („denn auch du warst Fremder in Ägypten“). Auch der Fremde hatte, wenn auch eingeschränkt, Zugang zum Kult. Das Verbot, fremde Götter anzubeten, war nur für das Volk Israel gültig, denn nur diesem wurde die „Bürde der Tora“ auferlegt. Dem Volk Israel wird auch nicht aufgetragen, für „ihren“ Gott (der nach der Bibel ohnehin der Gott der gesamten Menschheit ist) oder für ihren Kult zu missionieren. Die ungehinderte Existenz „fremder“ Kultstätten im Lande Israel, die auch immer wieder (verbotswidrig) Israeliten anlockten (was vor allem die Propheten beklagen), ist in der Bibel mehrfach bezeugt und durch archäologische Funde bestätigt.

    Auch der nächste „Beleg“ Ludermanns für die angebliche religiöse Intoleranz des Judentums trägt nicht. „Diese Absonderungsideologie kehrten Theologen im babylonischen Exil (587–539 v.Chr.) konsequent gegen alle, die nicht zur reinen Kultgemeinde zählten“, behauptet Ludermann. Zwar berichtet die Bibel von innerreligiösen Konflikten zwischen den aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrten israelitischen Eliten und den im Lande verbliebenen Israeliten. Dass Angriffe gegen „alle, die nicht zur reinen Kultgemeinde zählten“, von einer Gruppe ausgingen, die in Babylon als Minderheit religiöse Toleranz genoss (weshalb wohl nur Wenige aus dem Exil ins Land Israel zurückkehrten), ist sehr unwahrscheinlich.

    Das dritte schwache Glied in Ludermanns Argumentationskette ist seine Darstellung des Makkabäer-Aufstandes als ein Konflikt zwischen weltoffenen hellenistischen „jüdischen Kreisen“ und engstirnigen „frommen Juden“. Ludermann unterschlägt dabei allerdings, dass die Aufstellung der Zeus-Statue im Jerusalemer Tempel keine freiwillige Handlung „jüdischer Kreise“ war, sondern die Folge der Eroberung der Stadt durch den seleukidischen Herrscher Antiochos III. Ein Religionsedikt von Antiochos IV, mit dem die Ausübung des jüdischen Kultes verboten wurde, gilt als der Auslöser des Aufstandes der Hasmonäer unter der Führung von Juda Makkabäer. So jedenfalls tradiert Josephus Flavius, der römisch-jüdische Historiker des 1. Jahrhunderts, die Geschichte und so dürfte sie auch den frühen Christen bekannt sein.

    Nun könnte man einem „Kirchenkritiker“ eine gegen den Strich gebürstete Lesart der Geschichte zubilligen. Einem Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums kann man allerdings nicht durchgehen lassen, dass er die zeitgenössischen religiösen Auffassungen und die Praxis des Judentums gänzlich ausklammert, aus der „ältesten Christen“ kommen. Über diese Zeiten wissen wir nämlich (im Gegensatz zu der biblischen Zeit) aus historisch gesicherten Quellen ziemlich viel. Wir wissen, dass nicht wenige Juden wie auch die hasmonäische Führungsschicht den hellenistischen Lebensstil der herrschenden Römer (wohl einschließlich der religiösen Bräuche) übernommen haben. Dass „die Verehrung fremder Götter … mit dem Tod bestraft werden konnte“, ist auch im Konjunktiv falsch. Die generell ablehnende Haltung der Pharisäer zu Todesstrafe ist belegt, wenn auch die Behauptung der Mischna, der Sanhedrin (das oberste rabbinische Richtergremium) habe die Todesstrafe 40 Jahre vor der Zerstörung des Tempels (also im Jahre 30) abgeschafft, nicht nachprüfbar ist.

    Dass das frühe Christentum aus den Ideen der Pharisäer mit ihrer auf betont friedlichen Auslegung der jüdischen Religion schöpft, hat bereits Leo Baeck mit seiner Schrift „Das Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte“ 1938 belegt. In den Pharisäern hat auch das rabbinische Judentum seinen Ursprung, wie es bis heute besteht. Der Talmud belegt, dass die Rabbinen eine kritische Auseinandersetzung mit der Bibel und ihrem Gewaltpotenzial nicht scheuten, indem sie der „schriftlichen Lehre“ als Korrektiv die „mündliche Lehre“ beigefügt haben. Ein Beispiel für die rabbinische Abrüstung ist der folgende Midrasch (Erzählung): Als sich die gespaltenen Fluten des Schilfenmeers hinter den Israeliten schlossen und die Pharaonenarmee darin versanken, setzten die Engel im Himmel einen Jubelgesang an. Der Ewige unterbrach sie mit den Worten: „Meine Geschöpfe ertrinken und ihr wollt jubeln?“

    Das Christentum entwickelte sich hingegen zur Kirche, die nach Macht strebte. Vielleicht könnte man darin die Quelle der „Gewalt im Christentum“ eher als in dem jüdischen Erbe finden?

  4. fox sagt:

    @ Frau Samman

    Ihnen ist aber bekannt, dass nach Aussage verschiedener Menschenrechtsorganisationen ca 75% aller religiös Verfolgten Christen sind. Und von allen aus religiösen Gründen Getöteten und Ermordeten ist der Anteil an Christen noch etwas höher. Dreimal dürfen Sie raten, in welchen Regionen diese Menschen zu Opfer werden.

  5. Dr. Ursula Samman sagt:

    Im christlichen Abendland starrt man nur auf getötete Christen, niemand kam auf die Idee, VON Christen getötete zu zählen, z.B. jetzt noch in Afghanistan, Pakistan, und Libyen, um nur die aktuellsten zu nennen. Oder zählen die nicht?