Leserforum vom 21. bis 26. Oktober

Alle Leserbriefe der Woche im Überblick und im Detail. Scrollen und lesen Sie in Ruhe oder suchen Sie Ihren Leserbrief gezielt mit der Tastenkombination STRG und F sowie dem Namen als Suchbegriff. Sie finden hier von oben nach unten:

  • eine Übersicht nach Erscheinungstagen mit den Namen der Autorinnen und Autoren und ihren Themen. Über die rot eingefärbten Links (Seite eins, Seite zwei) können Sie pdf-Dokumente von den Leserforum-Zeitungsseiten aufrufen, wo diese Leserbriefe erschienen sind. Die Links hinter den Namen führen zu den Leserbriefen, die auch hier im FR-Blog veröffentlicht wurden
  • zweitens alle Leserbriefe der Leserforen-Seiten in ihren ungekürzten Fassungen (im Anschluss an die Übersicht)
  • und ganz unten das Kommentarfeld, über das Sie Ihre Beiträge zur Diskussion beisteuern können. Alle Themen, die unten angeschnitten werden, können diskutiert werden. Bitte stellen Sie ein Stichwort an den Anfang Ihres Kommentars, mit dem Sie anzeigen, welches Thema Sie ansprechen.

Es gelten die Blog-Regeln. Es ist keine Registrierung o.Ä. notwendig.

Balken 4Leserforum vom 21. Oktober
Leserforum 2 20190916Seite eins mit Leserbriefen von:

Michaela Kaiser und Claus Metz nehmen sich der Debatte um Peter Handke an, die nach der Verleihung des Literaturnobelpreises an den Österreicher wieder aufgeflammt ist. Hier im FR-Blog kann in der Debatte „Mit Vehemenz gegen Peter Handke“ darüber diskutiert werden. In deren Einleitung finden sich auch diese und weitere Leserbriefe.
Gerd-Rüdiger Erdmann hält der Bundesregierung klimapolitisches Versagen vor. Sein Leserbrief wurde in der Klimadebatte hier im FR-Blog als Kommentar veröffentlicht.
Gerhard Schwartz ist nicht zufrieden mit der FR-Berichterstattung zum Thema „Entwicklunjgsland Deutschland“. Siehe auch unten.
Rasmus Ph. Helt hält politische Bildung für ein gute Idee gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus. Sein Leserbrief wurde als Kommentar in der Diskussion über den Terror in Halle veröffentlicht.
Walter Desoi lobt die FR-Berichterstattung über ein Kinderheim in Rumänien, in dem schwer erziehbare Kinder resozialisiert werden sollten. Siehe unten.

Seite zwei mit Leserbriefen von:

Roswitha Hoyer und Barbara Kliem haben ihren jeweils eigenen Blick auf die Proteste der „Fridays-for-Future“-Bewegung. Ihre Leserbriefe wurden als Kommentare in der Klimadebatte veröffentlicht, beginnend mit dem von Roswitha Hoyer.
Klaus Philipp Mertens sieht den deutsche Rechtsterrorismus als Netzwerk, mit dem er eigene Erfahrungen hat. Seine Zuschrift wurde als Kommentar in der Debatte über den Terror von Halle veröffentlicht.

Seite drei mit regionalen Leserbriefen von:

Hanspeter Maier und Herbert Kramm-Abendroth haben Kritik am Frankfurter Bürgermeiuster und Antisemitismus-Beauftragten des Bundeslandes Hessen, der dazu aufgefordert hat, eine Diskussionsveranstaltung zum Thema „Meinungsfreiheit statt Zensur“ in Frankfurt abzusagen, weil sie „judenfeindlichen Israelhassern“ ein Podium biete. Siehe unten.
Helge Nyncke kritisiert „selbstbewusste Mädchen“, die nicht begriffen hätten, wofür sie beim „Mädchentag“ eintreten. Siehe unten.
Stefan Otto kritisiert geplante Rodungen im Bannwald südlich von Frankfurt. Siehe unten.
Karsten Neumann fordert Architekten auf, selbstbewusster zu sein. Siehe unten.
Matthias Rabbe kritisiert einen FR-Kommentar, in dem dafür plädiert worden war, die Genehimung von geschäftsoffenen Sonntage viermal pro Jahr zu erleichtern. Siehe unten.

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Leserforum vom 22. Oktober
Leserforum 2 20190916Seite eins mit Leserbriefen von:

Gert Sommer, Roland Klose, Jörg Sternberg, Frerk Meyer, Alfred Bein, I.Werner und Fritz Brehm zur Invasion der Türkei in Nordsyrien. Alle Leserbriefe wurden als Kommentare in der Diskussion zu diesem Thema veröffentlicht. Bitte einfach auf die rot unterlegten Namen klicken, um direkt zum Leserbrief zu gelangen.

Seite zwei mit Leserbriefen von:

Georg Dovermann kritisiert die „Kniefallpolitik“ der deutschen Gerichte vor den Neofaschisten. Der Leserbrief wurde als Kommentar in der Diskussion über rechten Terror veröffentlicht.
Konrad Mohrmann fordert zum Erinnern als Mittel gegen den AfD-Einfluss auf. Der Leserbrief wurde als Kommentar in der Diskussion über rechten Terror veröffentlicht.

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Leserforum vom 23. Oktober
Leserforum 2 20190916Seite eins mit Leserbriefen von:

Almut Mezger, Dave Barth und Siegfried Kowallek beschäftigen sich mit dem Rechtsextremismus. Die Leserbriefe wurden als Kommentare in der Diskussion über den Terroranschlag von Halle veröffentlicht.
Robert Maxeiner
kritisiert Geschäfte mit Diktatoren. Sein Leserbrief wurde als Kommentar in der Diskussion über die türkische Invasion veröffentlicht.
Eckart Bretzke
antwortet auf Otfried Schrot zur Frage des Unrechts an den Kurden, veröffentlicht als Kommentar in der Diskussion über die türkische Invasion.
Henny Ludwig
kommentiert die Verhaftung von Jane Fonda, die sich in Sachen Klima engagiert. Siehe unten.
Jeffrey Myers
kommentiert die Entwicklung in Sachen Brexit. Siehe unten.

Seite zwei mit Leserbriefen von:

Eduard Belotti und Rüdiger Laube bringen ihre Meinung zu „Fridays for Future“ uns „Extinction Rebellion“ ein. Veröffentlicht als Kommentare in der Klimadiskussion.
Peter Köster hat Kritik an einem Leitartikel der FR, in dem für „robustes Eingreifen“ Deutschlands plädiert wurde. Sein Leserbrief wurde als Kommentar in der Debatte über die türkische Invasion veröffentlicht.

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Leserforum vom 24. Oktober
Leserforum 2 20190916Seite eins mit Leserbriefen von:

Sabine Groß, Dieter Murmann und Jürgen Kasiske setzen sich mit den Versuchen der UNO auseinander, den Schutz von Menschenrechten per verbindlichem Vertrag furchzusetzen. Deutschland und die EU verhandeln nicht mit. Das Thema wird im Thread „Privilegien für die globalen Herrscher“ mit den Leserbriefen eingeleitet.
Norbert Panek fordert die Grünen auf, mehr Wildnis zu wagen. Siehe unten.
Paul Woods
reagiert auf den Leserbrief von Walter Desoi zum Theme Heimkinder. Siehe unten.
Klaus P. Jaworek
geißelt Plastikwaffen als Spielzeug, siehe unten.

Seite zwei mit Leserbriefen von:

Malies Ortmeyer, Renata Berlin u. Renate Schnur-Herrmann und Dietmut Thilenius reagieren auf die Politik des Frankfurter Stadtkämmerers und Antisemitismusbeauftragten des Landes Hessen, Uwe Becker (CDU), gegenüber den Initiatoren einer Diskussionsveranstaltung, auf der seiner Meinung nach der BDS-Bewegung ein Forum gegeben werden sollte. Das Thema wurde in der Diskussion „Die Angst vor dem möglichen Antisemitismus“ eröffnet.

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Leserforum vom 25. Oktober
Leserforum 2 20190916Seite eins mit Leserbriefen von:

Ralf-Michael Lübbers macht eine menschenverachtende Politik für das Erstarken von Rechtsextremisus mitverantwortlich. Sein Leserbrief wurde als Kommentar in der Debatte über den Terror von Halle veröffentlicht.
Auch Jürgen Koenigs Leserbrief über das Versagen von Gerichten – Fall Künast! – wurde als Kommentar in dieser Diskussion platziert
Jürgen Hempel prognostiziert, dass die deutschen Landwirte sich neu orientieren müssen. Siehe unten.

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Leserforum vom 26. Oktober
Leserforum 2 20190916Seite eins mit Leserbriefen von:

Winfried Gischewski, Ulrich Altmann und Herbert Müller sagen ihre Meinung zur Entscheidung des Bundestages gegen ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Die Diskussion, die mit ihren Leserbriefen eröffnet wurde, hat die Überschrift „Wen vertreten unsere Abgeordneten eigentlich?
Karl Höhn
steuert seine Einschätzung zu den neuenm Klimagesetzen bei. Sein Leaserbrief wurde als Kommentar in der Klimadebatte veröffentlicht.
Manfred Kirsch
kommentiert die laufenden Vorbereitungen für das Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump. Siehe unten.
Wolf Rüdiger Ladda
sagt seine Meinung zum Thema Fleischkonsum und Klimaschutz, siehe unten.

Seite zwei mit Leserbriefen von:

Johannes Klotz und Winfried Kerntke nehmen Peter Handke in Schutz. Ihre Leserbriefe wurden in der Einleitung zur Debatte über die Verleihung des Literaturnobelpreises platziert.
Christian Karsten teilt seine Einschätzung des Ergebnisses der Parlamentswahl in Polen mit. Siehe unten.

fr-debatte Reine Bürokratenschelte ist zu wenig

Digitalisierung: „Vom Musterschüler zum Entwicklungsland“, FR-Thema vom 9. Oktober

Der Artikel enthält zwar vieles was durchaus richtig ist, trotzdem ist er unausgewogen und letztlich wenig hilfreich – er taugt hauptsächlich als Munitionslager für Wutbürger, die ihren notorischen Unmut auch mal an der Technikfront auslassen wollen. Als Aufmacher für das Thema des Tages „Digitalisierung“ hätte man sich einen Artikel mit etwas mehr Substanz und vielleicht auch konkreten Vorschlägen zur Verbesserung gewünscht, reine Bürokratenschelte ist doch etwas wenig.
So kann man etwa das Wirken von Frau Karliczek sicher in einigen Punkte kritisieren – aber wo sie recht hat, hat sie recht. 5G-Netzabdeckung braucht man wirklich nicht an jeder Milchkanne – wer so was fordert, dokumentiert nur, dass er blind einem gerade aktuellen Hype hinterherhechelt und von Kommunikationstechnik wenig Ahnung hat, und dass ihn Fehlinvestitionen in Milliardenhöhe nicht sonderlich stören würden. 5G wird in den Ballungsräumen benötigt, wo es trotz voller Anzeigebalken im Display immer häufiger zu Gesprächsabbrüchen wegen Netzüberlastung kommt. In den Ballungsräumen wird dann 3G- und 4G-Technik frei, mit der man sehr gut die vielen ärgerlichen Funklöcher in den ländlichen Regionen stopfen kann. Dazu sollte eine vernünftige nationale Roaminglösung für abgelegene Gebiete eingeführt werden, es macht ja keinen Sinn, dass auch noch die letzte Einöde von drei bis vier verschiedenen Funkmasten versorgt werden soll. Melkroboter arbeiten übrigens schon seit Jahren ganz gut auch ohne Netzanbindung, für das Übertragen von Messwerten an die Molkerei würde wegen der recht überschaubaren Datenmenge zur Not auch 2G reichen, falls auf dem Bauernhof kein Festnetzanschluss zur Verfügung steht. Das große Aufmacherbild mit der Milchkanne ist also voll daneben, etwas mehr technischer Tiefgang wäre bei solchen Themen schon angebracht.
Man hätte auch deutlicher herausarbeiten können, dass es nicht generell an finanzieller Förderung mangelt. So stellt etwa der Bund für das Thema Breitbandausbau in jedem Jahr reichlich Geld zur Verfügung. Davon werden aber leider immer nur minimale einstellige Prozentanteile abgerufen, der übergroße Rest verfällt, weil es die Bürokratie nicht schafft, genügend Ausbauprojekte auf den Weg zu bringen. Hier ist mehr Kreativität gefragt, vom Bundeskabinett bis hinunter in die kleinsten Gemeindeämter.

Gerhard Schwartz, Frankfurt

fr-debatteErziehung heißt Konflikt

Folter oder Hilfe: „Ein Kinderheim im Zwielicht“, FR-Politik vom 7. Oktober

Der Berichterstattung kann nur gratuliert werden ob der ausgewogenen Darstellung. Als fachkundiger Leser entwickelt man ein Gespür für solche Dinge.
Entscheidend für mein Urteil war die Information, dass der Initiator der Beschwerden ein jugendlicher Intensivstraftäter ist. Wer schon einmal mit solchen Jugendlichen Umgang hatte, weiß der Wahrheitsgehalt von Beschuldigungen mit Vorsicht zu genießen sind. Die zuständigen Behörden müssen dem zwar nachgehen, hier scheint mir aber das nötige Fingerspitzengefühl verloren gegangen zu sein.
Erziehung heißt Konflikt. Ganz besonders in solchen Fällen. Wir müssen prinzipiell all den Menschen danken, die sich einer solch mental anstrengenden Aufgabe widmen. Wie man aus dem Bericht entnehmen kann, wurde die Maßnahme manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Erfolg beendet. Das ist durchaus normal. Es ist wichtig die Jugendlichen aus ihrem gewohnten Milieu herauszuholen, um ihren Horizont zu verändern. Von daher haben diese Maßnahmen auch ihre Berechtigung. Nicht beirren lassen und weitermachen.

Walter Desoi, Ransweiler

fr-debatteDie geistige Unschärfe des Bürgermeisters

Podiumsdiskussion: „Meinungsfreiheit statt Zensur“: „Becker fordert Absage“, FR-Regional vom 14. Oktober

Da ist sie wieder, die Gleichsetzung von Judenfeindlichkeit und Israelhass, und sie ist infam!
Ich habe mich schon in den 1950er Jahren in der Schule gegen Antisemitismus engagiert und die Filme über die Konzentrationslager gezeigt. Damit wollte ich an die Judenfeindlichkeit im Dritten Reich erinnern, die in unserem Gymnasium kein Thema war. Und ich bin dabei, wenn Stolpersteine verlegt und besucht werden. Auch an der Ausgrabung des KZ in Walldorf, in dem jüdische Frauen aus Ungarn geschunden wurden, war ich beteiligt. Ich bin also sicherlich kein Antisemit!
Wenn ich jetzt den Zweiklassenstaat Israel kritisiere wg. ständiger Verletzung der Menschenrechte und Besetzung palästinensischer Gebiete mit Siedlern, die dort nichts zu suchen haben, und als Antisemit beschimpft werde, dann halte ich das zumindest für eine geistige Unschärfe. Es macht mir die jüdischen Organisationen nicht sympatischer und wird auf lange Sicht auch dem Staat Israel schaden. Man wird kritischer und misstrauischer gegen unanständige Einflussnahme.

Hanspeter Maier, Mörfelden

 

fr-debatteAngriff auf ein zentrales demokratisches Grundrecht

Es ist nur schwer erträglich, dass die antisemitisch-rechtsextreme Mordtat in Halle von Bürgermeister Uwe Becker benutzt wird, um die Veranstaltung zum Thema Meinungsfreiheit zu diskreditieren.
Becker argumentiert, dass es im Zusammenhang mit der Mordtat in Halle ‚völlig inakzeptabel‘ sei, dass „judenfeindliche Israelhasser“ dort aufträten und der „antisemitischen BDS-Bewegung“ eine Plattform geboten werde. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Da wollen vier zum Teil international bedeutende und respektierte Organisationen der Zivilgesellschaft einen Diskurs zur Meinungsfreiheit und ihrer Bedrohung oder Einschränkung führen, und da sieht der Bürgermeister der Stadt Frankfurt „judenfeindliche Israelhasser“ am Werk. Und suggeriert wird anbei der Kurzschluss: judenfeindlicher Mörder in Halle und „judenfeindliche Israelhasser“ in dieser Veranstaltung.
Das ist nicht nur eine kaum erträgliche Instrumentalisierung der Mordtat und eine suggerierte Gleichsetzung, sondern es hat geradezu Rufmordcharakter den Veranstaltern gegenüber. Dies alles klingt wie ein Versatzstück aus populistischen Diskursen.
Dass Bürgermeister Becker mit dieser Forderung nach Absage der Veranstaltung eine Beispiel dafür gibt, wie Meinungsfreiheit in diesem Land bedroht wird, scheint ihm nicht bewusst oder ist ihm gar, angesichts seiner Jagd auf alles was BDS zu sein scheint, völlig gerechtfertigt.
Man nehme also einfach einen unbelegten Vorwurf, ohne konkrete Hinweise zu haben, und agiere damit. Schon die Vermutung, dass da irgendwie der Begriff BDS oder die Auseinandersetzung darum thematisiert werden könnte, reicht also aus, um pauschal die Absage der Veranstaltung zu fordern.
Genau mit diesem Vorgehen zeigt Bürgermeister Becker, wie notwendig in dem so oft betonten „liberalen“ Frankfurt diese Veranstaltung ist. Meinungsfreiheit ist offensichtlich nur diejenige, die Bürgermeister Beckers Verständnis entspricht. In summa ist Beckers Forderung nach Absage der Veranstaltung ein illiberaler Versuch, Meinungsfreiheit einzuschränken, und damit ein Angriff auf ein zentrales demokratisches Grundrecht.

Herbert Kramm-Abendroth, Frankfurt

fr-debatte„Wer nicht schön ist, sollte sich schminken“

Mädchentag: „Kampfansage an alte weiße Männer“, FR-Regional vom 12. Oktober

Ich bin ein alter weißer Mann. Weiß geboren, alt geworden, tut mir leid, kann nichts dafür. Warum ich in dieser Überschrift stellvertretend als Feindbild für selbstbewusste Mädchen herhalten muss, verstehe ich nicht. Den Slogan „Be your Body *self*) auf dem Foto der Mädchendemonstration verstehe ich auch nicht. Warum das Mädchen, das dieses Plakat lächelnd hochhält dabei ein Kopftuch trägt, also ein religiöses Frauen-und-Mädchen-Unterdrückungs-Instrument (Bedeutung: Zeige dich nicht so, wie du bist, sondern verhülle dein Haar vor männlichen Blicken) verstehe ich schon wieder nicht. Genau dieses Symbol ist doch zutiefst sexistisch, aber dieses Mädchen protestiert damit gegen den alltäglichen Sexismus?!? Verstehe ich nicht. Der im Artikel zitierte T-Shirt-Spruch „Beauty does not need make up“ bedeutet wörtlich „Schönheit braucht keine Schminke“ und impliziert damit automatisch das Gegenteil, nämlich „Wer nicht schön ist, sollte sich lieber schminken“, was ebenfalls sexistisch ist. Warum die Mädchen einen solchen Unsinn als ihren Wahlslogan aussuchen (und warum die Autorin ihn dann auch noch nur sinngemäß mit „Frauen sind auch ohne Schminke schön“ und damit falsch übersetzt), verstehe ich ebenfalls nicht. Was ist da los?
Von den vielen hundert Mädchen (und Jungen) die ich als langjähriger Hortbetreuer engagiert und mit viel Einfühlungsvermögen begleitet habe, hat mir als altem weißen Mann noch keine(r) „den Kampf angesagt“. Von meinen eigenen vier Kindern auch nicht. Im Gegenteil. Sie scheinen mich zu mögen. Vielleicht weil ich mich bemühe, sie stets so zu akzeptieren wie sie sind – als individuelle Persönlichkeiten. Was ich aber nicht akzeptieren kann sind sexistische (und andere) religiöse Vorschriften, die sich als kulturelle Traditionen tarnen und ihr Unterdrückungspotential damit einfach weglächeln wollen. Und Leute, die das nicht sehen wollen oder beschönigend unkritisch darüber (und über die vielen anderen sinnfreien Widersprüche s.o.) berichten. Die verstehe ich auch nicht. Bin halt bloß ein alter weißer Mann. Vielleicht liegt’s ja daran.

Helge Nyncke, Mühlheim a. M.

fr-debatteSo wird Klimaschutz zur Lachnummer

Bannwald am Langener Waldsee: „Erneute Klage gegen Rodung“, FR-Regional vom 9. Oktober

Vor einiger Zeit wurde darüber bereits berichtet: Südöstlich des Langener Waldsees sollen aufgrund einer Betriebserweiterung des Kies-/Sandgrubenbetreibers etwas 1,5 Hektar sogenannter Bannwald gerodet werden. Das zuständige Regierungspräsidium in Darmstadt hat hierzu sowohl den Sofortvollzug, als auch den Antrag des Kies-/Sandgrubenbetreibers genehmigt, die vorgeschriebene Aufforstung an einer Ersatzfläche erst in 2038 vornehmen zu dürfen.
In dieser Angelegenheit gibt es zwei Skandale. Erstens: Die eigentliche Rodung innerhalb eines Bannwaldes als solches. Was ist ein Bannwald wert, wenn letztlich doch damit geschehen darf, was man will. Ähnlich hat man bereits mit dem ehemaligen Kelsterbacher Bannwald erleben können, der dann dem Ausbau der Flughafen-Landebahn Nord-West zum Opfer fiel.
Zweitens: Entweder gibt es ein Gesetz oder eine Vorschrift zur Aufforstung an einer Ersatzfläche oder Es ist ebenso wie die Bezeichnung „Bannwald“ lediglich eine Worthülse. Man stelle sich vor, dass ein Gewerbetrieb eine Frist von nahezu 20 Jahren zur Ersatzaufforstung erhält. Dagegen verblasst doch jede Rechtfertigung klimabezogener Demonstrationen und Proteste oder klimapolitischer Maßnahmen von Bundes- oder Landesregierungen zu absoluten Lachnummer.
Man stelle sich einmal vor, was in 2038 geschehen könnte. Da könnte der Kies-/Sandgrubenbetreiber zuvor Insolvenz anmelden, um sich aus seiner Verpflichtung der Ersatzaufforstung zu entziehen. Auf dieses Szenario verweise ich nur nebenbei auf die Wurstfabrik Wilke.
Wer hat danach das Nachsehen? Das Regierungspräsidium bestimmt nicht. Jedoch die Allgemeinheit. Bei Carl Orff „Der Mond“, ein kleines Welttheater, heißt es in der Szene der Totengruft bereits: „Ein Jeder ist ein Edelmann, wenn er nicht grad bescheißen kann!“

Stefan Otto, Rodgau

fr-debatteArchitekten ohne eigene Haltung

„Flare of Frankfurt“: „Preis löst Kritik aus“, FR-Regional vom 14. Oktober

Ich kann das Gerede, das Gebäude des Architekten Hadi Teherani nehme keine Rücksicht auf das städtebauliche Umfeld, dass in diesem fall hr. Prof. D. W. Dreysse von sich gibt, nicht mehr hören! Dass sich das Gebäude nur „wichtig tut“ wie Stefan Forster sagt ist eine genauso unerträgliche Äußerung wie die des Christoph Mäcklerman, man könne keine „Blechkiste“ neben ein Tor aus dem 12. Jhd bauen. Was aus all diesen Kommentaren spricht ist doch, dass Architektur Zurückhaltung bis hin zur Selbstverleugnung üben soll. Die ganze Republik ist mittlerweile von solch einer Haltung übersät. So wie man mit seinen Möbeln im eigenen Wohnzimmer umgeht, wo ein Bauhaus Stuhl neben einer barocken Kommode und diese wiederum neben einem Discounterregal stehen darf, so darf es in der Archtiketur wohl auf keinen Fall sein. Diese Haltung, die die drei Herren da an den Tag legen führt dann zu solch unsäglichen „Highlights“ wie die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt oder so wahnwitzigen Ideen die Garnisonkirche in Potsdam wegen der damals angelegten Blickachsen zu rekonstruieren. Ein lebendiger, frischer Bau, wie es das „Flare of Frankfurt“ von Hadi Teherani ist, der sich durchaus an seiner Umgebung reiben darf wird so schlecht geredet. Was mit dieser Haltung übrig bleibt sind Architekten, die sich mehr mit der gerade mal hundert Jahre alten Idee des Denkmalschutz auskennen, als eine wirklich neue, eigene ästhetische Haltung zu entwickeln. Bin im übrigen Künstler und kein Designer, Hr. Forster!

Karsten Neumann, Nürnberg/Bethang

fr-debatteAuf Kosten von Frauen

Leserbrief zu: „Innenstadt inszenieren, FR-Regional vom 16. Oktober

Glaubt Peter Hanack wirklich, dass so Gesellschaft funktioniert? „Um 12 auf dem Marktplatz Gottesdienst feiern, bevor um 13 Uhr der Kommerz beginnt.“ War es nicht Jesus, der die Händler aus dem Tempel warf? Und nun soll auch noch die Kirche den Segen für einen unbändigen und überflüssigen Kommerz am Sonntag geben. Und das natürlich auf Kosten von vorwiegend Frauen, die in den Läden sonntags hinter der Kasse stehen müssen.
Der Anlass-Bezug ist Teil unseres Grundgesetzes und darf nicht kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen geopfert werden. Der Markt regelt eben nicht alles und der innerstädtische Marktplatz schon längst nicht. Denn den haben Kommunalpolitiker bereits zerstört mit Genehmigungen von Großmärkten auf der grünen Wiese und dem Überlassen von innerstädtischen Wohn- und Geschäftsräumen einem ungezügelten Markt, der mittelständische Händler und normale Wohnungssuchende wegen unbezahlbarer Mieten aus den Innenstädten vertrieben hat. Es ist zu wünschen, dass Verdi und KAB weiterhin dort für Recht streiten, wo Politik und Wirtschaft sich gegen dass Grundgesetz stellen.

Matthias Rabbe, Köln

fr-debatteStaatliche Gewalt

Zu: „Jane Fonda festgenommen“, FR-Panorama vom 14. Oktober

Laut dpa-Meldung wurde die bekannte Schauspielerin Jane Fonda bei einem Klimaprotest vor dem Kapitol in Washington D.C. festgenommen und in Handschellen abgeführt. Zu den vielen unvorstellbaren Ereignissen aus Amerika unter dem amtierenden Präsidenten kommt diese „kleine“ Aktion dazu. „In Handschellen abgeführt“, das hat mich aufgeregt. Liebe FR, berichte weiterhin über alle Proteste zum Klimawandel und die staatliche Gewalt, sie zu unterdrücken, selbst wenn es „Einzelfälle“ sind.“ Da meine vor Kurzem verstorbene Schwester (aus Washington D.C.) mir nichts mehr von vielen Einzelheiten in der Politik und in der Gesellschaft berichten kann, bin ich auf weiterhin auf ausführliche Berichterstattung aus USA angewiesen. Danke an Sie alle in der Redaktion!

Henny Ludwig, Bad Homburg

fr-debatteEs bleibt nur Saures

Zu: „Johnsons Deal auf der Kippe“, FR-Politik vom 19. Oktober

Am 31. Oktober soll man den Schreckgespenstern freien Lauf lassen. Doch der Unterschied zwischen Halloween und Brexit liegt wohl darin, dass bei ersterem der Spuk am nächsten Tag schon vorbei ist. Angesichts der Frage „Süßes oder Saures?“ ist ja zu befürchten, dass nur „Saures“ bleibt.

 Jeffrey Myers, Frankfurt

fr-debatteHessen könnte ein gutes Beispiel geben

Zum Gastbeitrag „Mehr Wildnis wagen“, FR-Meinung vom 4. Oktober

Die Forderung der grünen Fraktionssprecherin für Umwelt, Bettina Hoffmann, den Wildnis-Anteil in den Wäldern zu erhöhen, ist durchweg zu begrüßen und voll zu unterstützen. Allerdings ist zu fragen, warum die Grünen auf Länderebene, dort wo sie Regierungsverantwortung tragen, diese Forderung nicht schon längst umgesetzt haben. Wo bleibt zum Beispiel die „Wildnis-Offensive“ in Hessen, wo die Grünen ja schon seit 2014 mitregieren und das für Forsten zuständige Ressort besetzen? Im hessischen Gesamtwald liegt der nutzungsfreie Naturwald-Anteil aktuell erst bei 3,8 Prozent; fünf Prozent fordert die „Nationale Biodiversitätsstrategie“! Um dieses Ziel bis 2020 zu erreichen, müssten also umgehend weitere rund 10 000 Hektar Wald landesweit aus der Forstnutzung herausgenommen werden.
Es wäre schön, wenn die Grünen nicht nur „theoretische“ Absichtserklärungen zum Besten geben, sondern in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich die erklärten Ziele auch in die Praxis umsetzen würden. Hessen als laubwaldreichstes Bundesland könnte mit gutem Beispiel vorangehen!

Norbert Panek, Korbach

fr-debatteDas Hirn einschalten

Zu: „Die Waffen nieder“, FR-Panorama vom 18. Oktober

Johannes Volkmann (*1968), freischaffender Künstler aus Nürnberg, hatte die zündende Idee, aus „Plastik-Waffen-Schrott“ eine “(Kunst)Plastik“ zu kreieren, die „Skulptur des Friedens“, die jetzt im Hof der Kongresshalle in Nürnberg steht. Grundschüler legten dazu ihre ausgemusterten Plastikwaffen nieder, um dann selbst an dieser „Friedens-Plastik“ mitzubauen. Vielleicht auch angeregt durch den Kunstprofessor Olaf Menzel (*1952), der im Jahre 2006 eine Menge von ausgemusterten Stadionsitzen auf dem Nürnberger Hauptmarkt türmte und das Ganze „Auf Wiedersehen“ nannte. Vielleicht aber auch ein deutliches Zeichen, um beim Kauf von Kinderspielzeug auch mal wieder das Hirn einzuschalten!

Klaus P. Jaworek, Büchenbach

 

fr-debatteLebenslanges Trostpflaster

Erwiderung auf „Erziehung heißt Konflikt“, Leserforum vom 21. Oktober

Es gibt mehrere Punkte im Leserschreiben des Walter Desoi, dem ich widersprechen will. Der erste wäre die Diskriminierung Jugendlicher, denen aufgrund begangener Straftaten die Glaubwürdigkeit abgesprochen wird. Das sollte jedoch umgekehrt gelten, als Jugendliche aus Heimen gegen Ende der 1960er Jahre die dortigen Zustände schilderten und ihnen mehrheitlich nicht geglaubt wurde. Später aber wurden Fonds eingerichtet, um den Betroffenen und lebenslang Geschädigten ein Trostpflaster zukommen zu lassen.
Zweitens geht es um die geschilderten Maßnahmen. Diese erinnern doch stark an die „schwarze Pädagogik“, die bis Anfang der 1970er Jahre den Alltag in Kinder- und Jugendheimen bestimmte und vereinzelt immer noch angewandt wird. Damit sollte eigentlich seit dem Gutachten von Professor Denninger (früher am Lehrstuhl für Öffentliches Recht an der Universität Frankfurt) Schluss sein, in welchem die Verfassungsbrüche und –widrigkeiten in der öffentlichen Erziehung dargestellt wurden.
In diesem Zusammenhang sei auf Artikel 1, Absatz 1 (Unverletzlichkeit der Menschenwürde) und Artikel 2 Absatz 2 (Recht auf körperliche Unversehrtheit) hingewiesen.
Als jemand, der mehr als zehn Jahre in Heimen war und bis weit in die Erwachsenenzeit mit Lügen und Verdrehungen sowohl durch die Eltern, als auch mit denen der Heime und der Jugendämter leben musste, weiß ich, dass eher den Jugendlichen als den Erwachsenen Glauben geschenkt werden sollte.

Paul R. Woods, Neumagen-Dhron

fr-debatteKlasse, nicht Masse

Zu: „Bauer Willi und die Wut“, FR-Wirtschaft vom 23. Oktober

Jahrzehntelang ist die Bundesregierung den Wünschen der Bauern gefolgt. Doch nun ist das Fass voll, die  EU fordert letztmalig den Bund auf, die beschlossenen Agrarpakete in Deutschland umzusetzen. Andernfalls werden Strafzahlungen ( aus Steuergelder ! ) erfolgen. Weniger Dünger und Subventionsänderungen stehen den Bauern ins Haus. Auch wollen die Bauern das Verbot des Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ab 2024 nicht hinnehmen. Dem Grunde nach ist der „Austragungsort“ des Protestes mit Deutschland falsch gewählt, er gehört nach Brüssel
Eine besondere Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft geht künftig zu Lasten der Agrarproduzenten. Kleinbäuerliche Landwirtschaft verursacht im Vergleich höhere Betriebskosten als die Agrarfabriken. Schließlich sollen Nahrungsmittel nicht nach Masse sondern nach Klasse ( Qualität ) honoriert werden. Immer wieder wurden in der Vergangenheit die Äcker mit kostengünstigen oder geschenkten wachstumsfördernden Substrat, wie Gülle, Reste aus Biogasanlagen, Klärschlamm oder Hühnerkot aus den Niederlanden aufgebracht. Ja, sogar tierisches Blut aus Schlachthöfen. Dass große Teile dieser Stoffe in das Grundwasser durch Niederschlag gelangen, wollen Bauern nicht wahrhaben. Behaupten jetzt sogar, dass ehemalige stillgelegte Munitionsfabriken das Grundwasser verseucht hätten.

Jürgen Hempel, Lüneburg

fr-debatteTrump und seine Gegner

USA: „Präsidiale Tiraden“, FR-Meinung vom 18. Oktober

Es ist richtig, dass es zu wenig ist zu hoffen, dass sich Donald Trump als US-Präsident selbst demontiert. Zu sehr hängen Trump und de Republikaner an der Macht. Es kann durchaus sein, dass der brüllende und schreiende Präsident der Vereinigten Staaten gerade mit diesen Aktionen noch Punkte bei seinen rassistischen und nationalistischen Anhängern sammelt. Das „America first“ des Präsidialdiktators hat leider in den USA noch allzu viele Anhänger und in der republikanischen Partei sind nicht genug Gegner Trumps zu sehen, die das Impeachment stützen könnten. Dennoch ist es richtig von den Demokraten, wenn sie versuchen, das Amtsenthebungsverfahren voranzutreiben. Die Demokraten brauchen einen Präsidentschaftskandidaten, der in der Lage ist, vor allem die armen US-Bürgerinnen und -Bürger, von denen es leider viel zu viele gibt, zu überzeugen. Und der dies mit einer charismatischen Persönlichkeit erreicht. Das Impeachmentverfahren ist das Eine und Richtige, während die Kandidatensuche mit Festlegung auf einen Präsidentschaftskandidaten von den Demokraten beschleunigt werden muss. Die Mobilisierung der klassischen Wählerschichten der Demokraten für einen Präsidentschaftskandidaten oder eine Präsidentschaftskandidatin, der oder die Glaubwürdigkeit zum Ausdruck bringen, muss an erster Stelle bei der demokratischen Partei stehen.

Manfred Kirsch, Neuwied

fr-debatteHabeck und der Wachstumsfetisch

Zur Ausgabe vom Freitag, 18. Oktober: Weniger Fleisch, Seite L5

„Wir müssen den Wachstumsfetisch in Frage stellen!“ so Robert Habeck, Vorsitzender der Grünen. Recht hat er! Aber in Frage stellen ist nicht genug! Es muss gehandelt werden! So gibt es Fleischproduktionsstätten, ohne eigenes Land, ohne eigenes Futter also; und daraus folgt: auch kein Land für die unvermeidliche Gülle! Für holländische Massentierhalter ist das kein Problem. Futter kommt wahrscheinlich aus Brasilien (Soja aus Anbauflächen von gerodetem Regenwald); die Gülle kommt nach Deutschland, speziell nach NRW! Die Gülleverordnung lässt das zu, es ist also legal! Und das, obwohl die EU Deutschland wegen zu hoch belasteter Wasserwerte verklagen will! Im Bund gab es mal einen grünen Umweltminister, in NRW auch. Den Gülletransport zu verhindern wäre doch nur ein kleiner Schritt und problemlos kurzfristig möglich! Der Import sowie Export von Gülle sollte, müsste EU-weit sofort verboten werden! Aber keine Regierung sollte die EU für eigene Untätigkeit vorschieben! Und nun werden wir aufmerksam die Einwirkung der Grünen im Bundesrat auf das sogenannte “Klimapaket“ verfolgen!

Wolf Rüdiger Ladda, Hilchenbach

 

Die kleinere Katastrophe

Zu:  „PiS-Sieg vertieft die Sorgen um Polens Demokratie“, FR-Politik vom 13.10.

Die Fülle der Beiträge zur Sejmwahl in Polen kann ich nur insgesamt abarbeiten, da ich mich sonst heillos verzetteln würde, zumal es ja Überschneidungen gibt. Das Interview mit dem früheren Außenminister lasse ich bewusst beiseite, da Politiker gewohnheitsgemäß bei solchen Gelegenheiten Werbung in eigener Sache machen und wenig Informatives von sich geben. Immerhin wird in einigen Beiträgen anerkannt, dass die PiS mit Sozial- und Wirtschaftspolitik gepunktet hat, und auch noch einen soliden Staatshaushalt vorgelegt hat, was die PO ja immer als unvereinbar angesehen hat. Schade, dass in diesem Zusammenhang nicht vom Kampf gegen den Steuerbetrug berichtet worden ist. Wieso die Geschichte von den Armen und Reichen und der Ungerechtigkeit eine populistische Erzählung sein soll, leuchtet mir nicht ein. Diese Aussage relativierend wird vom Autor ja auch gleich darauf hingewiesen, dass Linke und Bürgerliche zu wenig für die Menschen getan haben. Ich erinnere an das Erbe der PO geführten Regierung mit Minilöhnen unter 1 Euro pro Stunde, unsichere Arbeitsverhältnisse, Verkommenlassen des öffentlichen Gesundheitswesens, kein Kindergeld, niedrige Renten, ausgenommen die der ehemaligen Mitarbeiter des kommunistischen Sicherheitsdienstes, Privatisierung der Daseinsvorsorge. Darüber hinaus werden wieder die Üblichen Klischees bedient, leider auch von der aktuellen Literaturnobelpreisträgerin. Es ist eben nicht die Wahl zwischen Autoritarismus und Demokratie gewesen. Die PO ist eine durch und durch autoritäre Partei. Als sie noch regierte, rückte der Geheimdienst an, wenn eine Zeitung einen Skandal aufdeckte, vermeintliche Gegner wurden abgehört, einen unliebsamen Fernsehsender versuchte man abzuschalten. Wer im Parlament anders abstimmt, als von der Führung vorgegeben, fliegt raus, und ganz aktuell hat ein verkommener Senator namens Fedorowicz Abtrünnigen mit negativen Folgen für ihre Kinder gedroht. Dann wird der PiS vorgeworfen, die Medien unter ihre Kontrolle bringen zu wollen. Den öffentlich rechtlichen Rundfunk hat sie tatsächlich mit Gefolgsleuten besetzt, nur kann die Opposition damit nicht punkten, da sie es vorher genauso gemacht hat. Mögliche Interventionen bei TVN kann ich auf die Schnelle nicht recherchieren, gehört habe ich nichts davon. Aber auch ist die PO genauso angreifbar, da zu ihrer Regierungszeit Der Chefredakteur von Fakt wegen zu PO-kritischer Berichterstattung abgesetzt wurde. Aus den angesprochenen Affären kann die PO auch keinen Honig saugen. Den Missbrauchsskandal in der Kirche kann man wohl kaum der Regierung anlasten, dumm für die PO, dass sie eine Erhöhung des Strafmaßes für pädophile Verbrechen durch Fernbleiben von der Abstimmung nicht mittrug. Um den Vorwurf gegen den Ministerpräsidenten, bei einem Grundstückskauf begünstigt worden zu sein, ist wieder still geworden, nachdem er darauf hingewiesen hatte, dass er denselben Preis wie andere Käufer auch entrichtet hatte. Beim Thema Justiz wird üblicherweise vergessen, wie es vor 4 Jahren aussah. Der Verfassungsgerichtshof war nach und nach mit Kandidaten der PO besetzt, man ernannte sogar kurz vor der Wahl noch drei Richter, deren Wahl eigentlich erst nach dem Regierungswechsel anstand. Die Gerichte arbeiteten ohne jede Kontrolle und urteilten nach Gutdünken. Die Richterschaft war nach der Wende weitgehend im Amt geblieben und wählte ihresgleichen als Nachfolger. Ein Netzwerk aus korrupten Anwälten und Richtern verschob unbehelligt Immobilien im Rahmen der Privatisierung nach Enteignung durch das kommunistische Regime. So ist dann auch ein wichtiger Punkt der Justizreform, dass jeder ein als unrecht empfundenes rechtskräftiges Urteil noch einmal beim Obersten Gericht überprüfen lassen kann. Es gab seitens der Regierungspartei hetzerische Bemerkungen, um die Weigerung, Flüchtlinge aufzunehmen zu begründen. Von einer allgemeinen Ausländerfeindlichkeit kann in Polen keine Rede sein. Als Jude kann man nach meiner eigenen Beobachtung unbehelligt in der Öffentlichkeit Kippa tragen, dass die Regierung die gleichgeschlechtliche Ehe ablehnt, erfüllt noch lange nicht den Tatbestand der Hetze. Auf das Wahlergebnis bei den Deutschpolen kann ich mir keinen Reim machen. Jung, modern und gut ausgebildet schließt eigentlich aus, PO zu wählen. Diese Partei ist total rückwärts gewandt mit ihrem extrem neoliberalen und autoritären Kurs und hat mit ihrer Untätigkeit angesichts prekärer Arbeitsverhältnisse und dem Fehlen jeglicher Sozialpolitik der Jugend nichts zu bieten im Gegensatz zur PiS die junge Arbeitnehmer in großem Umfang von der Steuer befreit hat und junge Familien mit Kindergeld unterstützt. Aus der Charakterisierung der Landbevölkerung als nur an ihrem eigenen Mikrokosmos interessiert zu sein und der PiS als Ansprechpartner gezielt der armen Menschen spricht die in einem Beitrag beschriebene Arroganz der A-Menschen. Vergessen wird dabei, dass die PO-Anhänger in ihrem eigenen Mikrokosmos leben, nämlich dem, in dem man gut Geschäfte machen kann, ohne durch gesetzliche Regelungen eingeschränkt zu sein und sich dem Gemeinwohl verpflichten zu müssen. Wenn man vergleicht, wie die Situation des Durchschnittsbürgers vor 4 Jahren nach 8 Jahren PO geführter Regierung aussah und wie jetzt, wäre es Dümmste, was die Polen hätten machen können, die Po wieder an die Regierung zu bringen, und sie wollten selbstverständlich, dass die PiS die absolute Mehrheit bekommt, da niemand mit ihr koalieren will. Herr Krökel sieht in dem Wahlergebnis eine kleine Katastrophe. In Anbetracht dessen, was ich hier ausgeführt habe, meine ich, dass mit dem Verhindern einer erneuten PO geführten Regierung eine viel größere Katastrophe verhindert worden ist.

Christian Karsten, Andernach

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