Kein Siegeszug der kritischen Vernunft

Warum sind wir Menschen eigentlich nicht vernünftig? Die Fähigkeit dazu hätten wir durchaus, aber wir verhalten uns nicht so. Jedenfalls nicht immer. Nicht in der Masse. Es gibt natürlich Ausnahmen, kleine und große. Etwa die Demo gegen Fragida, den Frankfurter Ableger von Pegida – 12.000 Menschen demonstrierten im Januar 2915 auf dem Frankfurter Römerberg. Ebenfalls 2015, Großdemo in Berlin gegen TTIP, mehr als 100.000 Menschen. Kürzlich in Washington, Anti-Waffen-Demo in Washington unter dem Namen „Marsch für unser Leben“, geschätzt 800.000 Teilnehmer allein in Washington D.C. Die Liste ließe sich ohne weiteres erweitern um Mahnwachen und Ostermärsche und viele andere Kundgebungen politischer und gesellschaftlicher Sorge. Und doch ändert sich nichts oder wenig, und dieses Wenige zu langsam und wird auch noch infrage gestellt durch den Irrsinn unserer Führer und „Eliten“ wie Donald Trump, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, die in Syrien zündeln, um nur ein Beispiel zu nennen, in dem sich dieser Irrsinn gegenwärtig manifestiert.

Hier und da blitzt kollektive Vernunft auf, wie die genannten Demonstrationen beweisen, und die Menschen zeigen, dass es ihnen nicht gleichgültig ist, wie die Dinge laufen. Und kurz darauf scheint dieser Wille zum Handeln wieder zu erlöschen, überwiegend jedenfalls. Resignieren wir aus dem Eindruck heraus, ohnehin nichts ändern zu können? Packen uns die Alltagsmechanismen und zwingen uns, an anderes zu denken, Naheliegenderes, tägliche Dinge eben? Lassen wir uns eventuell manipulieren, einlullen von den schönen Dingen des Lebens – oder solchen, die uns als schön verkauft werden? Sind wir vielleicht gar nicht so vernünftig, wie wir selbst annehmen? Oder sind wir einfach faul?

Hier im FR-Blog wurde darüber diskutiert, ob wir ein neues 1968 brauchen. Da wurde der Wunsch erkennbar, die Menschen mögen sich aufrütteln lassen. Ein anderer Ansatz, dieses Problem der Massenträgheit zu diskutieren, hat sich jetzt aus der Oster-Kolumne von Katja Thorwarth ergeben, deren Online-Überschrift „Trennung von Staat und Kirche – jetzt“ war (im Print: „Ostern? Muss das sein?“). Auch dieser Anlass ist hier im FR-Blog ausgiebig diskutiert worden („Was für ein Palaver um drei Tage im Jahr!„). In den Leserbriefen, die außerdem hereinkamen, ging Bernd Wegerhoff aus Düsseldorf zum Gegenangriff über und kritisierte eben das, was ich oben dargestellt habe: Die vielgerühmte kritische Vernunft, der Thorwarth anhing, habe bisher nicht gezeigt, zu welchen Siegeszügen sie fähig sein könnte. Das forderte Rainer Fäßler aus Frankfurt dazu heraus, ihm zurückzurufen: Aber die Religion?

Ich veröffentliche diese Leserbriefe zusammen mit der aktuellen Erwiderung von Bernd Wegerhoff hier in Folge, angereichert um einen Leserbrief von Winfried Kallabis aus Dieburg, der aufzeigt, in welcher Richtung unsere kollektive Vernunft eigentlich am dringlichsten aktiv werden müsste. Die Debatte!

fr-debatteKein Siegeszug der kritischen Vernunft

„Sehr geehrte Frau Thorwarth, vor meinem inneren Auge sehe ich Sie am Rechner sitzen. Die Kolumne ist soeben fertig geworden, aber Sie grübeln noch ein halbes Stündchen über der Frage, ob sich nicht hier und da noch eine Formulierung finden läßt, die noch einen Tacken ätzender, zynischer oder herabsetzender rüberkommt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Aber Sie haben schon recht: seit das Christentum dank Kant und Goethe endgültig als Mummenschanz entlarvt ist und die kritische Vernunft ihren denkwürdigen Siegeszug angetreten hat, seitdem hat eben diese kritische Vernunft gesorgt für – eine Friedensordnung, die diesen Namen verdient und unter deren vernünftiger Ausgestaltung kein Mensch mehr um Leib und Leben fürchten muß;
– eine Wirtschaftsordnung, in der kein Mensch mehr um eines kleinen oder großen Profits willen elendig verrecken muss;
– einen erstaunlichen Aufschwung der Humanität (Belege im Mittelmeer) und
– einen nie gekannten Grad der Zivilisierung der Menschheit (Belege an amerikanischen Schulen).
Soviel zu Ihrer ahistorischen und von keiner erkennbaren Analyse angekränkelten Vernünftelei.
Sollten Sie aber einmal bereit sein, wenigstens kurzfristig von Ihrem hohen Roß herab- und in die Niederungen des christlichen Alltags hinunterzusteigen, lade ich Sie ein, einmal unter meiner Kanzel Platz zu nehmen. Sie werden sich wundern, wieviel Vernünftiges Sie da zu hören bekommen werden – und zwar nicht trotz, sondern wegen sorgfältigen Hörens auf das Wort der Heiligen Schrift.“

Bernd Wegerhoff aus Düsseldorf

fr-debatteDie schrägen Argumente des Pfarrers

„Mag sein, dass Frau Thorwarth in ihrer Kolumne vom 29. März sehr direkt über Rationalität – oder besser: Irrationalität – von Ritualen im Christentum schreibt. Manche Leser mögen auch das Infragestellen christlicher Botschaften als Provokation empfunden haben. Ihre Argumentation war aber in jedem Fall konsequent.
Herr Pfarrer Wegerhoff bedient sich in seinem Leserbrief  vom 5. April, „Nehmen Sie Platz unter meiner Kanzel“, hingegen einer Methode, die als ironisch verkleidete Widerlegung zu der Aussage von Frau Thorwarth daherkommt. Schaut man sich aber seine Beispiele genauer an, die das Scheitern einer von Rationalität getriebenen moralischen Handlungsweise aufzeigen sollen, sieht man, wie schräg seine Argumente in Wirklichkeit sind.
Eine kritische Vernunft bringt bis dato keine „Friedensordnung, die diesen Namen verdient“ hervor, so Herr Wegerhoff. Aber die Frage ist erlaubt: schafft oder schaffte das das Christentum? Schon immer beeilten sich Kirchen auf allen Seiten der kriegsführenden Parteien, die Menschen mit Gottes Segen ins Feld zu schicken. Dabei bemühten sich die Vertreter der Kirche viel zu oft, eher Auseinandersetzungen zu rechtfertigen als diese zu verhindern. Für den Frieden – damals wie heute –  traten die Kirchen nur dann uneingeschränkt ein, wenn ihr Existenzrecht im Staat nicht gefährdet schien; und wenn es um ihre eigenen Belange ging, waren sie allzu oft regelrechte Kriegstreiber.
Ein „Aufschwung der Humanität (Belege im Mittelmeer)“ zeitigt die Vernunft ebenfalls nicht, so die Aussage des Pfarrers. Aber ist das bei Staaten, die so viel Wert auf ihre christlichen Wurzeln legen, so viel anders? Ich erinnere nur an Polen, das seit Jahrzehnten sein Religiosität wie eine Monstranz vor sich herträgt, das aber in puncto Aufnahme von Flüchtlingen Schlusslicht in Europa ist. Christliche Nächstenliebe: leider Fehlanzeige, wenn es um die eigenen Belange geht.
Oder wie ist das mit dem „Grad der Zivilisierung der Menschheit (Belege an amerikanischen Schulen)“, als Indiz für das Scheitern der kritischen Vernunft? Leider gehen gerade in den USA pekuniäre  Interessen wie z.B. der fast unbegrenzte Zugang zu Waffen so mühelos Hand-in-Hand mit freiheitlich-christlicher Überzeugung. Auch dieses Beispiel für die Überlegenheit christlicher Werte ist bei genauerer Betrachtung keins.
Also, Kirche als Garant für humanitäres  Handeln ergibt sich für mich aus keinem der Beispiele von Pfarrer Wegerhoff. Da halte ich es doch lieber mit Frau Thorwarth: Lassen wir Kirche, egal welche, konsequent raus aus Belangen des Staates. Ein Versuch ist es wert!

Rainer Fäßler, Frankfurt

fr-debatteKein Asyl für die Vernunft bei Agnostikern

„Sehr geehrter Herr Fäßler, Sie setzen sich mit Vehemenz gegen eine Behauptung zur Wehr, die ich nicht aufgestellt habe. Mit keiner Silbe habe ich insinuiert, das Christentum sei anderen Denkungsweisen überlegen. Nur: wer, wie Frau Thorwarth, uns alle auf den Schwingen der kritischen Vernunft paradiesischen Zuständen entgegen eilen sieht, ist ins andere Extrem verfallen. Es darf in hohem Ton über die Vernunft reden, wer da will, er sollte allerdings zu erkennen geben, daß er die „Dialektik der Aufklärung“ gelesen und verstanden hat. Und er sollte – was Sie doch auch tun – zur Kenntnis nehmen, was an Interessen, Profitgier und Ungerechtigkeit einer solidarisch gestalteten Zukunft im Wege steht. Wenn Sie darauf aufmerksam machen, daß unter den vielen, die da im Wege stehen, sich auch zahlreiche Christen befinden, dann haben Sie recht. Gott sei’s geklagt, aber es ist so.
Hinzu kommt, dass spätestens seit der Rehabilitierung Galileis durch die Katholische Kirche das Kapitel „Glaube contra Vernunft“ abgeschlossen ist. Seitdem wundere ich mich über Zeitgenossen, die diesen Zwist als Wiedergänger am Leben zu halten versuchen. cui bono?
Ärgerlich ist an Ihrer Replik nur die offenbar unausrottbare Mär von der Kriegslüsternheit der christlichen Kirchen. Dazu zweierlei: Erstens hat die Kirche die „Lehre vom gerechten Krieg“ entwickelt mit dem Ziel, Kriege nicht zu rechtfertigen, sondern einzudämmen. Die Kriterien dieser Lehre sind so eng gefaßt, daß bei ihrer Anwendung keine der Auseinandersetzungen nach dem 2. Weltkrieg hätte stattfinden dürfen. Zweitens habe ich vor Jahrzehnten von der Religionswissenschaft (nicht der Theologie!) die sprachliche und sachliche Differenzierung zwischen „religiösen Konflikten“ und „religionisierten Konflikten“ gelernt. Seitdem ist es mir nicht mehr gelungen, religiöse Konflikte zu identifizieren.
Und schließlich: nach einer Jahrhunderte alten Definition ist die Theologie „fides quaerens intellectum“ (der die Vernunft! befragende Glaube). Sieht doch so aus, als sei die Vernunft weder aus dem Glauben noch aus der Theologie jemals ausgewandert und habe um Asyl bei den Agnostikern nachgesucht.“

Bernd Wegerhoff aus Düsseldorf

fr-debatteKann sich die Vernunft politisch durchsetzen?

„In dem Interview mit dem Wissenschaftler von Weizsäcker  aus Anlass des vor 50 Jahren veröffentlichten Berichts über die Grenzen des Wachstums  werden für die Zukunft der Menschheit wichtige Einsichten und Erkenntnisse angesprochen. Dem Wachstum werden heute Grenzen gesetzt vor allem vom Klima, der biologischen Vielfalt und verfügbaren Böden, die alle übernutzt werden. Unser Verhalten ist nicht nachhaltig, wir verbrauchen viel zu viel. Wenn es darum geht, die ökologischen Fußabdrücke der westlichen Wohlfahrtsgesellschaft zu verringern, ist daher jeder Einzelne gefragt, zum Beispiel durch weniger Autofahren und Flugreisen. Richtig ist aber auch, dass der Energie- und Stoffverbrauch staatlicherseits durch schrittweise Verteuerung minimiert werden müsste, wodurch sich fünfmal mehr Wohlstand aus Energie und Stoffen herausholen ließe, wie der Club of Rome feststellte.
Man wird von Weizsäcker auch darin zustimmen, dass die Entfesselung des Kapitalismus ein grober politischer Fehler war und ist. Gebraucht werden  globale Regeln für globale Märkte, Steuern müssten am Ort der Produktion erhoben werden, und die Kapitaltransaktionssteuer müsse endlich eingeführt werden. (Eine solche schon lange auch von Attac und anderen geforderte Steuer hat der ehemalige Finanzminister Schäuble immer im Ansatz verhindert!)
Gegen die Expansion gebraucht werde eine Balance zwischen Markt und Staat, zwischen Innovation und Stabilität usw., ganz besonders zwischen Mensch und Natur. Hier wurden ganz wichtige Erkenntnisse formuliert – doch warum wurde dies bisher nicht realisiert? Dazu braucht es nach dem Club of Rome eine neue Aufklärung. (Interessante Parallele: Dies hat auch Heiner Geißler 2012 in seinem Buch ‚Sapere aude! Warum wir eine neue Aufklärung brauchen‘ gefordert – sehr lesenswert!)
Die Ursachen der ökologischen Krise sind erkannt und Lösungsansätze gefunden. Doch kann sich die Vernunft  auch politisch durchsetzen? Es muss bezweifelt werden! Die großen Konzerne beherrschen Politik, Meinung und Bildung. Weiter so, vermittelt auch die Kanzlerin. Könnte eine neue Bewegung, wie von Weizsäcker meint, „ein Aufstand gegen die Dominanz der Kapitalmärkte und der angelsächsischen Denkweise sein“? Es ist uns zu wünschen, dass sich massiver Widerstand in einer solchen Bewegung regt – denn sonst werden voraussehbar spätestens unsere Kinder die weltweite Katastrophe erleben.

Winfried Kallabis, Dieburg

13 Kommentare

  1. Ralf Rath sagt:

    Im Januar 2015 und nicht im Jahr 2915, wie versehentlich von Bronski geschrieben, fand eine Demonstration auf dem Römerberg gegen Fragida statt.

  2. Werner Engelmann sagt:

    Zweifellos liebt es Katja Thorwarth, etwas zu provozieren. Ihre Forderung „Trennung von Staat und Kirche – jetzt!“ muss deshalb aber nicht falsch sein.
    Allerdings sollte man sich vorher nicht nur mit Exzessen „vernunft“gesteuerter Systeme – so im Terror der französischen Revolution – auseinandersetzen. Auch reale Erfahrungen damit stehen am Beispiel Frankreich ja zur Verfügung und sollten vor Schnellschüssen genau untersucht werden.

    Ich lebe in Frankreich.
    Die Auswirkungen auf das Leben in einer katholischen Gemeinde sind zunächst durchaus positiv. Vermutlich ist es die Armut der katholischen Kirche, welche soziales Engagement nach dem Beispiel des Abbé Pierre (Wohltätigkeitsorganisaton „Emmaüs“) fördert.
    Vergessen darf man aber auch nicht, dass in Frankreich die reaktionären katholischen „Intégristes“ (vergleichbar den „Pius-Brüdern“) recht stark sind und sich z.B. in der Debatte zur Verhinderung einer „Ehe für alle“ (sozialistisches Projekt) massiv eingebracht haben. Dennoch kommt auch von dieser Seite keine Forderung nach Abschaffung der Trennung von Staat und Kirche.
    Zu bedenken ist zudem, dass auch „republikanische Gesinnung“, in der Vermischung mit Nationalismus wie beim Front National, durchaus quasi-religiöse Formen (Le Pen als die neue „Jeanne d’Arc“) annehmen kann, was keinesfalls weniger gefährlich ist.
    Und schließlich ist die Korruption in der Politik (verbunden mit Namen wie Sarkozy, Chirac, François Fillon und eben auch Le Pen) derart verbreitet, dass „der“ Politik allgemein misstraut und Nationalismus dadurch noch gefördert wird.

    Warum ich trotz der genannten Bedenken der Forderung von Katja Thorwarth durchaus zuneige, möchte ich an frischen Eindrücken von der „Staatsministerin“ Dorothee Bär gestern bei „Hart aber fair“ verdeutlichen.
    Alleine schon ihr von Ignoranz und massiven Vorurteilen geprägter Einleitungsspruch spricht Bände:
    „Die 68er haben wir weder für die Frauenrechte noch für sonst irgendwas gebraucht. Trotzdem dominieren die Linken bis jetzt die öffentliche Meinung. Viele Menschen fühlen sich davon nicht mehr repräsentiert. Das gefährdet die Demokratie.“
    Das alles in der Diskussion bekräftigt durch simpIe Gleichsetzung „der“ 68er mit RAF-Terror, abgespultes CSU-Glaubensbekenntnis und „konservative Revolution“ sowie sehr viel kaum verhohlenen Hass und Verachtung für Andersdenkende.
    Von der Journalistin Stefanie Lohaus treffend charakterisiert: „Sie schmeißen alles, was Ihnen nicht passt, in einen Topf, sagen, die 68er sind schuld, und weg damit!“
    Gegenüber einem solch aggressiven, brav abgezirkelten Weltbild mit vorurteilsgeprägter Einteilung in „Gut“ und Böse“ erschien selbst der Altkommunarde Langhans, trotz versponnener Thesen (etwa vom „Nazi-DNA“), fast noch wie ein harmloser, liebenswürdiger Guru.
    Aufschlussreicher noch Mimik und Gestik der Frau Beer, wenn Kommunarde Langhans spricht: Starrer Blick nach vorn, Augenflattern, Schüttelfrost – so, als begegne sie gerade dem Leibhaftigen. Dabei wird der direkte Kontakt durch zwei andere Diskutanten verhindert.
    Eine Szene, die mich an die eigene kindliche Sozialisation im bayrischen Wald der 50er Jahre erinnert, wo nach zwei sozialdemokratischen Stimmen bei der Bundestagswahl 1953 ein ganzes Dorf nach den Gottlosen, ewiger Verdammnis Verfallenen zu fahnden begann.

    Ein Verhalten einer CSU-Ministerin, das nahelegt, darüber nachzudenken, inwiefern die von dieser Seite, besonders den Propheten der „konservativen Revolution“ geführten Debatte nicht mit „den“ 68ern, sondern über sie, nicht mit „dem“ Islam, sondern über ihn Züge einer Art von politischem Exorzismus darstellt. Was sich wohl nur im Zusammenhang mit einer verinnerlichten religiösen Grundeinstellung, verknöchert und bigott, erklären lässt. Nicht anders als etwa beim polnischen Katholizismus und der demokratiefeindlichen PIS-Regierung.

    In diesem Zusammenhang bin ich voll auf der Seite von Katja Thorwarth.

  3. Anna Hartl sagt:

    @Werner Engelmann
    Vielen Dank für ihre treffende Beschreibung von Frau Beer.
    Ihre Mimik ist mir auch aufgefallen und was mir völlig quer hängt ist ihr Satz, sie fand die 68er überhaupt nicht spannend, sondern die Zeit jetzt und sprach nur von Digitalisierung.
    Das lässt sehr tief blicken.

    Was soll daran spannend sein? Es geht nicht mehr um Menschen und das Miteinander in der Gesellschaft, sondern um Technik.

    Ganz ehrlich, „würg“. Man kann von dem was Herr Langhans sagte, halten was man will, die Haltung und die Auesserungen von Frau Beer hierzu zeigen, wie Sie es sagten, eine verknoecherte und bigotte Einstellung.

  4. Jürgen Malyssek sagt:

    Das war „hartes Brot“, was Dorothea Bär bei Plasberg serviert hat!
    An Ressentiment und Biederkeit kaum noch zu übertreffen.
    Ich muss, dem, was Werner Engelmann dazu gesagt hat, nicht viel hinzufügen.

    Das ist also unsere Staatsministerin für das Digitale und den gesellschaftlichen Fortschritt. Da weiß ich nicht, vor was man sich mehr fürchten sollte: Vor der faktischen Welt des Internets oder vor den Vorstellungswelten, die in diesen Köpfen beherbergt sind?
    Das sage ich auch unabhängig von der Notwendigkeit der Trennung von Staat und Kirche.
    Allerdings sollte erwähnt werden, dass hinsichtlich vieler sozialen Aufgaben des Staates, die „Kirche“ im Kontext ihrer Verbände konkret mit dem Staat zusammenwirken. Allerdings geht es nicht um indoktrinären Handeln, sollte es jedenfalls nicht sein.

    Noch zu „Hart aber fair“:
    Ich wünsche mir nicht unbedingt diese Sendung, um die Debatte über ’68 zu führen. Aber sie hat deutlich gemacht, wieviel Ressentiment und Hass gegenüber dieser Bewegung in den Köpfen der Konservativen bis Reaktionären noch stecken. Und wie gefährlich das auch noch auf die öffentliche Meinung schlagen kann, wenn die Rechten am Ruder bleiben.
    Da kann ich es mir nicht verkneifen zu sagen, dass ich die Anwesenheit von „Guru“ Rainer Langhans als erleichternd und hilfreich empfand (die „Nazi-DNA“ ausgenommen). Auch Klaus Wowereit argumentierte in einer Weise, die der Bedeutung der Unruhen und der Proteste gegen den Mief der Nachkriegszeit insgesamt gerecht wurde.
    Wenn ich eine Bär und einen Dobrinth höre, dann sinkt bei mir die Hoffnung auf das, dass sich die kritische Vernunft politisch durchsetzen kann und bin ganz nahe am geäußerten Zweifel von Winfried Kallabis (oben).

    Es bleibt für mich dabei: Wir brauchen ein neues ’68!
    Wir müssen die vielen Formen des Widerstandes wieder zum Leben erwecken beziehungsweise bereits vorhandene gute Ideen verfolgen. Und ich kann es mir auch nicht viel anders vorstellen, als dass es in den Hochschulen anfangen muss. Weil es eine Frage der Aufgabe der Generationen ist.

  5. Anna Hartl sagt:

    @Juergen Malyssek
    Ich bin heute noch dankbar, dass ich in dieser Zeit (68er) aufgewachsen bin. Bin zu jung, um tatsächlich aktiv Anteil gehabt zu haben, aber das Gefühl von „beginnender Freiheit“ und Veränderung ist mir noch in Erinnerung.

    Allein die Musik dieser Zeit zeugt für mich von etwas wertvollem, wichtigen.

    Deshalb haben mich die Art und die Aussagen von Frau Bär (schreibt sich wie Bär?) fast schon geschockt.

    Zu Ihrem Satz, „wir brauchen ein neues ’68“, auch wenn Sie „neu“ schreiben, „man kann nicht zweimal in den selben Fluss steigen“ (Heraklit).

    Die Renaissance „alter Ideologien“ zeigt zwar, das Menschen im größeren Umfang noch mobilisierbar sind, doch für vorhandene gute Ideen, kommt mir jedenfalls so vor, fehlt das verbindende und die Bereitschaft zur wirklichen Veränderung. Wir leben eher in einer Zeit der Vereinzelung und vieler kleiner Gruppierungen, denen die Öffnung für etwas „größeres“ fehlt.

    Vielleicht bedarf es heute des Zusammenschlusses, bzw. der stärkeren Annäherung der unterschiedlichen Generationen um diese Gesellschaft in eine Richtung in Gang zu setzen, die das, was im Leben wertvoll ist, als Ausgangspunkt nimmt und als Ziel.

  6. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Anna Hartl

    Schön zu hören: „Ich bin dankbar … und Veränderung ist mir noch in Erinnerung.“

    Heraklit ist richtig. Klar läuft läuft es nicht identisch ab, aber es muss was passieren.

    Ja, die Bereitschaft zur Veränderung ist wie ein Humpelgang. Aber es gibt diesen Satz: ‚Was du nicht veränderst, das verändert dich.‘ Die Veränderung ist eine kollektive Sache, aber oft geht es von einzelnen (starke Symbolik) aus.

    Eine Annäherung der unterschiedlichen Generationen ist eine Möglichkeit. Ist auch nicht unrealistisch. Aber ich hoffe, dass die Generationen nach mir wieder Mut fassen.
    Wir sehen es bei den Schülerprotesten in Amerika für schärfere Waffengesetze. Starke Impulse zu erkennen.

  7. Brigitte Ernst sagt:

    Bei aller berechtigten Kritik an Frau Bär möchte ich doch daran erinnern, dass es neben der unsäglichen Nazi-DNA des Kaspers Langhans auch die von diesem behauptete „Kleinfamilie als Keimzelle des Faschismus“ war, die Frau Bärs Gesichtszüge entgleisen ließ. Und keiner fragte diese von der Geschichte überholte Witzfigur, warum sich denn das ach so gepriesene Lebensmodell Kommune in der Gesellschaft nicht durchgesetzt hat, warum sich alle früher oder später davon verabschiedet haben und sich witzigerweise heute sogar Schwule und Lesben, die doch ganz andere Lebensmodelle entwickeln könnten, sich nach der guten alten „Dampf-Ehe“ drängen.

  8. Brigitte Ernst sagt:

    Zu Bronskis Eingangsfrage: „Warum sind wir eigenlich nicht vernünftig?“
    Ganz einfach: weil wir zwar vernunftbegabte Wesen sind, zugleich aber auch von Emotionen getrieben und als Säugetiere von Instinkten geleitet werden. Diese emotionale Seite zeigt sich z.B. jedesmal auf Demos, die zwar von vernünftigen Gedanken angetrieben werden, dann aber teilweise in irrationale Gewalt ausarten, obwohl diese dem vernünftigen Ziel total zuwiderläuft. Da werden die scheinbar Vernünftigen plötzlich sehr unvernünftig.

    Und der eigene Egoismus ist meist stärker als die weise Voraussicht für die nächsten Generationen. Das liegt wohl an der begrenzten Zeitspanne des menschlichen Lebens. Gerade wer sich nicht mehr auf ein paradiesisches Jenseits freuen kann, muss im Diesseits raffen, was er kriegen kann.

  9. Anna Hartl sagt:

    @Brigitte Ernst
    Ja, Herr Langhans scheint in einer anderen Zeit stehengeblieben und sowohl „Nazi-DNA“ als auch der Vergleich mit Autisten waren schräg. Das ändert aber nichts an der stockkonservativen und gelinde gesagt, überheblichen Art von Frau Bär.

    Kommunen gibt es auch heute noch. Sie leben unter anderen Vorzeichen, u.a. Menschen die ohne Konsum leben wollen etc. Ob sie der freien Liebe frönen, weiss ich nicht, aber das Modell der Ehe wird auch hier nicht in der klassischen, abgeschlossenen Form gelebt.

    Die heutige Form der Lebensabschnittspartner weicht auch von der Art und Weise ab, die noch unsere Eltern und Grosseltern gelebt haben.

    Sie kennen sicher den Spruch, dass für die Erziehung eines Kindes ein ganzes Dorf vonnöten ist. Der Glaube mein Mann/Frau mein Kind als „abgeriegelte“ Einheit ist auch eine Vorstellung, die nur in Teilen auf das eigentliche Wesen des Menschen zutrifft.

    Was bleibt ist, dass kein Mensch mehr in einer lieblosen Ehe gefangen ist. Die Kirche sieht das zwar anders, aber was soll’s.

    Was bitte ist eine „Dampf-Ehe“?

  10. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst, 25. April 2018 um 7:59

    Dass eine Witzfigur wie Alt-Kommunarde Langhans nicht Vertreter „der“ 68er ist, sondern bestenfalls Beispiel einer der skurrilen Entartung dieser Bewegung, die in dieser selbst längst überholt wurde, das alles ist wohl auch Herrn Plassberg bekannt.
    Wenn er dennoch diese Witzfigur nicht nur einlädt, sondern ihr auch noch besondere Aufmerksamkeit widmet und somit an einem dümmlichen Mythos mit strickt, so richtet sich die Kritik vor allem an Herrn Plassberg bzw. das öffentlich-rechtliche Fernsehen, die an ihre Verantwortung hinsichtlich seriöser Information zu erinnern wären.

    Allerdings hat keiner der Mitdiskutanten – außer Frau Bär – diesen Unfug ernst genommen. Was wiederum die Frage aufwirft, mit wie viel Naivität bzw. ideologischer Borniertheit man ausgestattet sein muss, um in der CSU Karriere zu machen und zu Minister-„Würde“ zu gelangen. Bez. dieser CSU-Mann/Frauschaft in der Regierung fällt mir da nur noch Tucholsky ein.

    Bez. der „Kleinfamilie als Keimzelle des Faschismus“:
    Dass das in dieser Form Unsinn ist, darüber braucht man nicht lange zu diskutieren.
    Der Ausgangspunkt dieser These war zwar die richtige Erkenntnis, dass das kleinbürgerliche Milieu der Hauptträger des Faschismus, nicht nur in Deutschland war. Insofern, als die Kommunarden ja selbst diesem Milieu entstammten, ist an dem Spruch vom „Faschismus in uns“ ja auch was dran – was ein Langhans mangels intellektueller Voraussetzungen freilich nur in Form so platter Sprüche wiedergeben kann.
    Die Intelligenteren der 68er wie Rudi Dutschke haben das ja auch erkannt und diesen Unfug nicht mitgemacht.

    Schlimm finde ich, wenn Journalisten wie Fleischhauer – dessen Opposition zu seinen Eltern ich ja noch verstehen kann – nicht zu differenzieren wissen und flugs ins reaktionäre Lager wandern.
    Unsinn ist auch die Behauptung, dass Kinder per se politisch gegen ihre Eltern opponieren müssten. Es hängt eben von der Vermittlung ab. Bei uns ist das nicht so. Unsere Kinder – die wir niemals politisch in irgendeine Richtung gedrängt haben – liegen diesbezüglich alle auf unserer Linie.
    Meine Hauptkritik an vielen 68ern ist eben die, dass viele eine positive Vermittlung ihrer Ideale nicht geschafft haben, sondern in Übereifer (oder auch wegen Illusionen oder unhaltbarer Vereinfachungen) eine reaktionäre Gegenbewegung mit initiiert haben.
    Hierzu Erkenntnisse zu befördern, das wäre ein interessanter Diskussionspunkt gewesen. Aber dazu reicht wohl das Format eines Plassberg nicht aus.

    Noch zur bürgerlichen Kleinfamilie:
    Die patriarchalen Strukturen, denen muslimische Familien in der Regel unterliegen, zeigen, dass nicht die Kleinfamilie ursächlich für die Weitergabe der frauenverachtenden Ideologie ist, sondern die „Umma“, also Clan und Großfamilien, deren immensem Druck diese Kleinfamilien nicht standhalten.
    Soziologisch wäre also genau der gegenteilige Schluss eines Langhans zu ziehen, nämlich wie diese Kleinfamilien aus der „Umma“ herausgelöst werden können, um überhaupt erst die Voraussetzungen für individuelle Selbstbestimmung zu schaffen.

  11. Brigitte Ernst sagt:

    @ Anna Hartl u. Werner Engelmann

    Der Begriff „Dampf-Ehe“ ist eine eigene Wortschöpfung, die sich an den scherzhaften Ausdruck „Dampfradio“ anleht. Letzterer bezeichnet ein technologisch veraltetes Gerät oder Medium im Gegensatz zu den neueren Entwicklungen wie Fernsehen und Internet. Ich gebe zu, eine etwas gewagte Analogie.

    Was den Auftritt von Frau Bär bei Plaßberg anbetrifft, so muss ich gestehen, dass ich die Sendung erst um 21:45 eingeschaltet habe. Wie die Dame sich vor den absurden Entgleisungen des Ex-Kommunarden Langhans geäußert hat, weiß ich daher nicht. Dass Talkshow-Moderatoren gern mit besonders schrägen Gästen aufwarten, um der Diskussion eine gewisse Würze zu verleihen, ist bekannt. Dennoch hätte ich es für notwendig befunden, wenn nicht nur Frau Bär diesen unsäglichen Hirnlosigkeiten deutlicher Paroli geboten hätten.
    Von deutscher Nazi-DNA zu sprechen schrappt meiner Ansicht nach hart am Rassismus vorbei, und eine Krankheit wie den Autismus als begrüßenswerten Zustand zu bezeichnen, halte ich für menschenverachtend. Wenn etwas Ähnliches von rechter Seite geäußert worden wäre, hätte die Empörung sicher hohe Wellen geschlagen. Aber (Pseudo-)Altlinke genießen wohl Narrenfreiheit.

    Was modernere Lebensformen, die über die Kleinfamilie hinausgehen, anbetrifft, so gab es in der 68er Zeit ja durchaus gute Ansätze. Was sich durchgesetzt hat, ist die WG, zumindest als Form des Zusammenlebens unter jungen Leuten.
    Ich selbst wohnte in den 70er Jahren mit meinem damaligen Ehemann gemeinsam mit zwei anderen Pärchen in einem Haus mit drei Wohnungen in einer Gemeinschaft, in der das Kochen der Hauptmahlzeiten nach einem Wochenplan auf die drei Parteien verteilt wurde und man sich, als nach und nach Kinder geboren wurden, in deren Betreuung unterstützte. Den ganzen Sommer lang diente der Garten als gemeinsames Wohnzimmer, wo man sich zum Gedankenaustausch traf.
    Umzüge aus beruflichen Gründen beendeten diese offene und kommunikative Wohnform dann.
    Das teils skandalisierte, teils mit neidischer Lüsternheit beäugte Markenzeichen der Kommune 1, die sexuelle Offenheit, fehlte in unserem Modell allerdings, und diese Lebensform scheint sich ja auch gegenüber der, wenn auch oft zeitlich begrenzten, Zweierbeziehung nicht durchgesetzt zu haben.

  12. Jürgen Malyssek sagt:

    Man kann sich natürlich noch lange an Rainer Langhans abarbeiten,weil er nun wirklich mit seiner Nazi-DNA und der Keimzelle Kleinfamilie zwei schwerverdauliche Fehlschüsse abfeuerte.
    Aber wirklich schlimm war doch Dorothee Bär, und sie ist aktuelle mitregierende Politikerin, also hat Einfluss. Langhans lebt in seiner eigenen Welt und macht nichts mehr kaputt. Da hätte man doch eher dem Schwachsinn von Frau Bär Paroli bieten müssen.
    Lass Langhans in Ruhe, der beißt nicht.
    Wirklich Substanz boten nur die Publizistin Lohaus und Klaus Wowereit.
    Ich habe die ganze Sendung gesehen.
    Insgesamt macht man mit so einer Sendung, mit solch einer Mischung von Gästen und diesem technokratischen Moderator Plasberg 1968 & Verdienste regelrecht kaputt! 1968 war mehr als Kommune 1 oder WG. Nicht in den Fängen von Fleischauer und Bär landen!

  13. Werner Engelmann sagt:

    (…)

    Kommentar hierhin verschoben; da passt er besser.
    Gruß, Bronski