Stell Dir vor, es ist WM – und niemand guckt hin

Jetzt geht’s los! Der größte Quark des Jahres beginnt – die Fußball-Winter-WM in Katar. Ich guck nix! Selbst wenn die deutsche Nationalelf ins Finale kommen sollte. Das ist meine persönliche Form von Boykott. Was ich über die Spiele wissen muss (falls ich was darüber wissen muss), erfahre ich aus meiner Zeitung, der Frankfurter Rundschau. Die 214 Millionen Euro, die ARD und ZDF für die Übertragungsrechte zahlen, sind in den Sand gesetzt. Auch über die „Rahmenbedingungen“, um es euphemistisch zu formulieren, bin ich durch die FR informiert. Schon die „Rahmenbedingungen“ der Vergabe an Katar waren skandalös. (Dazu ein Link zu einem meiner Blogtexte vom Februar 2015.) Wie kann man ein Sportfest, das für Weltoffenheit stehen soll, an ein Land vergeben, das für vieles steht, aber gewiss nicht für Weltoffenheit? Oder warum heißt dieses Sportfest „Weltmeisterschaft“?

NepalesenOkay, Weltoffenheit. Ich nehme an, dass die meisten Kataris sich für weltoffen halten, denn Katar ist finanziell in der ganzen Welt aktiv, und alle Welt kann nach Katar kommen, um es zu bewundern. Das tun in der Tat viele Menschen. Schließlich gibt es in Katar eine Menge eindrucksvoller – man könnte auch sagen: protziger – Architektur. Bombastische Wolkenkratzer zum Beispiel. Die sehen natürlich nach was aus. Also muss das wohl ein tolles Land sein. Ein Land, das praktisch in Nullkommanichts etliche klimatisierte Fußballstadien in die Wüste stellen konnte, obwohl die da niemand braucht. Außer für die WM. In Katar gibt es keine Fußballkultur.

Was es gibt, ist viel Geld, das auf fossilen Energien beruht. Was es gibt, sind 6500 Tote auf den Stadion-Baustellen, aber bei denen handelt es sich ja nur um „Gastarbeiter“. Gern aus Nepal, das sind die billigsten. Das hat schon Franz Beckenbauer nicht interessiert. Der hat da keine Sklaven gesehen: „Die laufen alle frei rum“, hat er gesagt. Ein Satz von besonderer Schönheit. Die Reportage von Thomas Hitzlsberger kürzlich in der ARD (abrufbar über deren Mediathek) belegt zwar nicht, was Beckenbauer nicht gesehen hat, aber sie belegt, was trotzdem passiert ist. Möglicherweise wollte Beckenbauer nicht sehen?

Was es ferner in Katar gibt, sind: keine Demokratie, kein Bier, dafür aber unterdrückte Frauen und die Kriminalisierung von Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung. Manche Facetten der Welt will man in Katar nicht haben. Sie sind nicht haram. Das bedeutet: nach islamischem Glauben verboten. So viel zur Weltoffenheit. Queere Menschen haben zum Beispiel einfach einen „geistigen Schaden„. Sagt der WM-Botschafter des Ausrichterlandes. Er weiß es offenbar ganz genau. Fragt sich nur: Woher? Und damit sind wir bei den „kulturellen Besonderheiten“, die Fußballfans bitteschön nach einem Aufruf des Weltfußballverbands Fifa befolgen sollen, wenn sie nach Katar kommen. Unterdrückung ist eine kulturelle Besonderheit, die zu respektieren ist?

Es ist offensichtlich: Katar steht nicht auf dem Boden der Werte, auf dem der Weltfußball stehen sollte. Zudem beweist diese WM in Katar, dass Werte es immer schwer haben, wenn es ums Geld geht. Und wenn solche Entscheidungen in Hinterzimmern und unter Männern getroffen werden, die sich irgendwie recht gut verstehen.

Trotz meiner persönlichen Haltung wende ich mich gegen einen generellen Boykott der WM. In den vergangenen Tagen haben mich mehrere Mails von Lesern erreicht, die von der FR forderten, von der WM wegzubleiben. Ich antworte diesen Menschen: Nicht zu berichten ist für uns keine Option. Die Informationen über die Zustände in Katar haben Sie durch Berichterstattung. Ohne Berichterstattung gibt es keine Information! Es würde dann keine Öffentlichkeit hergestellt. Es ist aber das Wesen von Medien wie der FR, Bericht zu erstatten. Darum gibt es sie. Etwas nicht zu wissen, weil nicht darüber berichtet wird, heißt nicht, dass das dann nicht mehr da ist. Also berichtet die FR aus Katar, und wie das – abseits der sportlichen Ereignisse, um die es natürlich ebenfalls gehen wird – aussehen kann, hat unser Redakteur Jan-Christian Müller in seinem Interview mit zwei nepalesischen Arbeitsmigranten aufgezeichnet, das am 16.11. in der FR erschienen ist. Übrigens scheint der mediale Druck der Welt in Katar bereits Wirkung zu zeitigen: Das berüchtigte „Kafala-System“, in dem Wanderarbeiter unter anderem dazu gezwungen waren, ihre Pässe auszuhändigen und sich so völlig in die Abhängigkeit zu ihren „Arbeitgebern“ zu begeben -, dieses System ist in Katar abgeschafft. Zumindest offiziell. Mal sehen. Soll ja alles Hochglanz haben, nicht wahr? Wenigstens für die Zeit der WM.

fr-debatte

Die Doppelmoral hat uns fest im Griff

Selbstverständlich ist die massive Kritik an der Vergabe und der Austragung der Fußball-WM 2022 in Kartar vollkommen berechtigt. Die deutsche Seele wird hier mehrfach verletzt: Klimakrise, kein Biergartenfeeling und die Verletzung der Menschenrechte ist einfach zu viel. Jeder Kritikpunkt alleine gesehen, hätte diesen Protest nicht ausgelöst, denn unsere Doppelmoral ist hier schon viel zu weit gesellschaftlich etabliert. Gas aus Katar gerne, Trikotwerbung gerne, schlechte Arbeitsbedingungen (wer baut bei uns die Hochhäuser, schlachtet in Großbetrieben, fuhr unter Tage, leert die Mülltonnen, erntet die Gurken?) haben wir auch, und an der Frauen- und Gendergerechtigkeit (seit wann gibt es die bei uns?) arbeiten wir auch noch. Wahrscheinlich ärgert uns nur, dass die Scheichs so kleffer sind und ihre Einnahmen aus den Bodenschätzen so geschickt verprassen. Zahlreiche andere Länder mit ähnlichen Bedingungen verarmen eher, weil testosteronstrotzende Machthaber allesin ihre privaten Kanäle lenken. Fußball ohne Geld ist nicht mehr vorstellbar und deshalb muss die Moral hier auf der Strecke bleiben. Da ein „Waldstadion“ wegen des Geldes untergegangen ist, ein Verein den Firmenamen im Titel trägt und Kleinstädte plötzlich in der 1. Liga spielen, weil sie im Ort einen potenten Firmenbesitzer haben, sollten wir uns wieder beruhigt in den Couchsessel lehnen und unser Schmusekatze selbst als Veganer mit Rinderresten füttern. Wir werden die Doppelmoral nicht mehr los. Wir leben viel zu gut mit ihr und stürzen uns begierig auf die, die noch viel viel schlimmer sind als wir. Und da findet immer jemand. Das Kehren vor der eigenen Haustür würde manchem Schreihals ganz gut tun.

Reinhold Richter, Frankfurt

fr-debatteDie Sucht nach Geld und Geltung hat das Sagen

Diese WM ist besonders. Es liegen mehrere dunkle Schatten darauf. Da ist zum einen der Schatten der Korruption. Wieviel hat es wohl gekostet, diese WM in die Wüste zu holen? Gut, auch die WM hier 2006 war wohl gekauft. Wahrscheinlich waren das alle mehr oder weniger, seit Fußball ein Milliarden-Geschäft geworden ist. Aber noch nie hat eine WM in einem so kleinen Land in einer Wüstenregion und noch niemals in der Adventszeit stattgefunden. Was das wohl zusätzlich gekostet hat, als plötzlich klar wurde, dass man bei 45 Grad im Schatten nicht Fußball spielen kann? Das waren aber peanuts im Vergleich zu 200 Milliarden Dollar, die der Bau von 8 protzigen Stadien gekostet hat, die dann ab dem nächstem Jahr leer stehen und verfallen. Das ist an Dekadenz nicht zu überbieten. Wer die Kohle bzw. das Gas hat, der leistet sich so was eben, um zu zeigen, dass er es sich leisten kann. Dass dafür viele (Gast)Arbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, manche sogar ihr Leben lassen mussten, spielt keine Rolle und da sind wir beim nächsten Punkt: Menschenrechte, Toleranz , Pressefreiheit. Hier rangierte Qatar schon vorher nicht auf den vorderen Plätzen. Regelmäßig stellt sich dann die Frage, darf man dieses Land überhaupt ein solches Großereignis ausrichten lassen? Dass durch eine WM oder olympische Spiele autoritäre Staaten zu brauchbaren Demokratien mutieren, ist sicher eine Illusion. All diese Dinge sind prinzipiell nicht neu, aber in dieser extremen Ausprägung bisher einzigartig. Aber insbesondere der Fußball muss sich fragen, ob er nicht mittlerweile selbst nach ähnlichen Regeln funktioniert. Auch hier hat die Geld – und Geltungssucht längst das Sagen. Oligarchen, gerne aus Ländern wie Qatar, kaufen sich ganze Vereine, um sie, koste es was es wolle, zu top-teams aufzurüsten, die dann um große Titel mitspielen können. Paradebeispiel Paris. Letztlich sind aber wir, die fans, diejenigen, die das mitfinanzieren. Obwohl allseits lautstark beklagt, hat doch fast jeder ein Abonnement für pay-TV, zahlt hohe Eintrittsgelder, Fanartikel etc. Wollten wir wirklich, dass sich daran etwas ändert, würden wir das boykottieren und das völlig überreizte System schon bald zusammenbrechen lassen. Nach dem Motto: „stell dir vor, es ist WM und keiner guckt hin.“ Ein winziges Virus Namens „Corona“ hätte das schon fast einmal geschafft.

Harald Reinemer, Bad Vilbel

fr-debatteWider das verkrampfte Siegenmüssen

Bei allen äu0ßerst kritikwürdigen Aspekten dieses Turniers gefällt mir der Ansatz „dabei sein ist alles“. Dieser zeigt sich bei der Ansetzung der Viertel- und Halbfinalpaarungen (siehe Seite S6). Da sind im Viertelfinale 1 der Sieger des Achtelfinals 5 gegen den Verlierer des Achtelfinals 6 gesetzt, und im Viertelfinale 2 ähnlich: der Sieger des Achtelfinals 1 gegen den Verlierer des Achtelfinals 2. Und auch das Halbfinale 1 läßt den Verlierer des Viertelfinals 1 gegen den Sieger des Viertelfinals 2 spielen.
Das setzt dem verkrampften Siegenmüssen um jeden Preis mal eine sympathische Note entgegen. Wer das Achtelfinale 6 erreicht, der kommt mit 2 Niederlagen ins Halbfinale. Toll!

Felix Oekentorp, Bochum

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22 Kommentare

  1. Josef Draxinger sagt:

    Schon nach einem kurzen Besuch eines Ethik-Seminars würde klar, dass eine Sportveranstaltung auf Grund der gesamten Situation in Katar niemals dorthin hätte vergeben bzw. verkauft werden dürfen. Außer es handelt sich dabei um eben keine Sportveranstaltung im besten Sinne, sondern um einen riesigen Kommerzbetrieb, für den Legionäre eingesetzt sind. Dafür gibt es den Begriff „Panem et Circenses“, auf Deutsch wörtlich „Brot und Zirkusspiele“. Dieses Wort ist stets auch im Sinne von Käuflichkeit und Bestechlichkeit zu verstehen und vom römischen Dichter Juvenal (60 – 140 n. Chr.) überliefert.

  2. Wolfram Siegel sagt:

    wenn ich die Debatte zum Thema „Queere Menschen und Qatar“ so verfolge, kommt mir unwillkürlich der Gedanke: Da soll ‚mal wieder am deutschen Wesen die Welt genesen. Was wir für richtig halten, das soll gefälligst überall in der Welt gelten!
    Haben wir eigentlich schon vergessen, dass es noch gar nicht so ewig lange her ist, dass auch bei uns alles, was nicht „binär“ war, geächtet und – auch strafrechtlich – verfolgt wurde? Andere Länder sind einfach noch nicht so weit! Insbesondere Länder mit einer traditionell konservativen Kultur.
    Was wäre denn bei uns los, wenn z.B. die katholische Kirche noch unseren Staat im Griff hätte, wie das der politische Islam in den dortigen Ländern tut? Es sähe keinen Deut besser aus, eher sogar noch schlechter.
    Also sollten wir zufrieden sein, dass wir in unserem Land ein anderes gesellschaftliches Klima geschafft haben, und geduldig darauf hoffen, dass auch in diesen Ländern allmählich eine Generation heranreift, die genauso tolerant ist, wie wir es schon heute sind.

  3. Michael Ziganke sagt:

    Ich sehe mir schon seit Jahrzehnten keine Fussballspiele mehr an. Warum? Weil es hier doch nicht um Sport geht, sondern um die Befriedigung grenzenloser Profitgier. Fussball ist nur Mittel zum Zweck. Leider unterstützen das die „Fans“ geradezu frenetisch. Ich kann das nicht verstehen.

  4. Peter Boettel sagt:

    Und jetzt hat sich der DFB, der auch nicht gerade von solidem Handeln glänzt, von der korrupten FIFA unterwerfen lassen.

    Da gebührt doch wenigstens der iranischen Nationalmannschaft ein Lob dafür, dass die Spieler sich weigerten, ihre Hymne zu singen. Was die Jungs wohl erwartet, wenn sie nach Hause kommen? Jedenfalls hatten sie mehr Mut, als unsere Spieler, die den Schwanz eingezogen hatten.

  5. Werner Brosze sagt:

    I had a dream… Mario Neuer läuft in Katar mit der 1Love auf und bekommt dafür die Rote Karte. Bevor er den Platz verlässt reicht er die Binde an den nächsten Spieler weiter, der es ebenso macht, als er vom Platz gestellt wird. Der letzte Spieler reicht die Binde an den Schiedsrichter weiter, der sich selbst vom Platz stellt. I had a dream!

  6. Joachim Bohndorf sagt:

    Erst das politische Einknicken des DFB vor den FIFA-Bonzen, dann die das sportliche vor der Fußball-Hochburg Japan. Die Fehlschüsse passen nahtlos in das verkorkste Bild des skandalösen FIFA-Tourniers in einer orientalischen Sklavenhalter-Feudalherrschaft. Die DFB-Mission täte gut daran, das FIFA-Spektakel als mißlungen abzuhaken, sich nach der Vorrunde geräuschlos aus dem Wüstenstaub zu machen und das heimische Publikum vor weiterer Katar-Stimmung zu verschonen. Jammerschade um das sinnlos verpulverte Geld der TV-Anstalten für die sündhaft teuren Übertragungsrechte an die Infantino-Clique.

  7. Gregor Böckermann sagt:

    Was für ein Theater um die „One-Love“-Kapitänsbinde. Was für eine Aufregung über die „Skavenarbeit“ beim Bau der Stadien in Doha.Die WM in Katar müsse boykottiert werden, tönt es seit einigen Wochen aus allen Ecken.
    Dazu einige Anmerkungen: Wie viele Fußballspieler, außer Thomas Hitzelsperger, haben sich bisher in Deutschland als schwul geoutet? Noch vor zwei Jahren kritisierte Pfarrer Peter Kossen:„Die Fleischindustrie behandelt Arbeitsmigranten wie Maschinen, die man bei externen Dienstleistern anmietet, benutzt und nach Verschleiß austauscht“. Arbeiter aus Rumänien, Bulgarien, Moldawien oder der Ukraine seien untergebracht in „Rattenlöchern, die zu Wuchermieten mit Werksarbeitern vollgestopft werden.“
    Dass sich nun Länder des reichen Nordens (die UEFA ist ja nur einer der sechs Kontinentalverbände der FIFA) als Verfechter der Menschenrechte aufspielen, hat für mich mehr als ein „Geschmäckle“.

  8. Gottfried Ahrendt sagt:

    Sehr geehrter Herr Neuendorf, mit Ihrem Erscheinen an der Spitze der alten durchseuchten DFB-Riege hatten wohl viele Fußballfreunde aufgeatmet. Der Anfang schien wirklich erfrischend.
    Die deutsche Regierung wagt es in diesen wahrhaft unberechenbaren Zeiten – Krieg in der Nachbarschaft, katastrophale Umweltszenarien –, sich mutig den Herausforderungen zu stellen. Gerade das Missachten der Menschenrechte nimmt ungeahnte Ausmaße an, (nicht nur in der katholischen Kirche). Und der DFB knickt – aus Geldgier wegen möglicher Verluste – vor einem Herrn Infantino als Fifa-Chef ein. Herr Neuendorf, das ist wirklich unverzeihlich. Allen Spielern wäre nichts passiert, sie hätten in ihren Vereinen weiterhin den – auch finanziellen – Rückhalt behalten. Und Sie als Verband hätten die Hochachtung für Rückgrat erwiesen bekommen. War es das wert, um diese Trophäe zu kämpfen – auf Kosten der Menschenrechte? Wie jämmerlich.
    Und, da bin ich mir sicher, Sie und die anderen gleichgesinnten Länder hätten mit Ihrer Haltung selbst eine moralische Lektion erteilen können, der selbst ein Herr Infantino nicht hätte ausweichen können.
    Schade, dass Sie sich in so kurzer Zeit bereits auf das Niveau Ihrer nicht rühmlichen Vorgänger begeben haben – aus Gier, jedenfalls nicht für die Ideale unsres Landes. Machen Sie’s gut,

  9. Peter Krumb sagt:

    Die Gier nach möglichen Prämien bei der WM wird vom DFB und dessen Kickern höher bewertet als das Eintreten für Menschenrechte. Pfui Teufel. Von mir sehen die keinen Cent mehr, auch nicht deren Sponsoren.

  10. Dieter Obst sagt:

    Es wird immer deutlicher, dass der offensichtlich korrupte Fifa-Präsident Gianni Infantino mit seinen interessengebundenen Rechtsauslegungen nur das tut, was der katarischen Herrscherfamilie nutzt. Leider profitieren sie von der Unentschlossenheit der sieben europäischen WM-Teilnehmer. Nicht die Fifa, sondern diese Fußballnationen, wenn sie es denn wollen, bestimmen maßgeblich, wie es im Fußball läuft. Hätten sie den Mut gehabt zu bestimmen, wie sie antreten oder nicht antreten wollen, wäre die Fifa machtlos gewesen und die machtbewusste katarische Herrscherfamilie hätten in die Röhre geschaut. Eine WM ohne europäische Fußball-Nationen ist ein Muster ohne Wert. Für die verantwortlichen Fußball-Europäer gibt es die Chance, ihren Einfluss geltend zu machen und die Wiederwahl Gianni Infantinos im kommenden Jahr zu verhindern.

  11. Alfred Kastner sagt:

    Das Verhalten des Deutschen Fussballbundes und das jämmerliche Einknicken gegenüber der macht- und geldsüchtigen Fifa ist mehr als beschämend. Der Fussball, auch und allen voran der deutsche, verkaufen in Katar gerade die Werte, die sich freie Gesellschaften über Jahrzehnte erkämpft haben.
    Ich verstehe jene Medien nicht, die alle WM-Spiele übertragen oder täglich mehrere Seiten über diese WM berichten. Einerseits schreiben sie kritische Kommentare um sofort wieder zur Tagesordnung überzugehen. Vor der Moral kommt wie so häufig in diesem Land das Fressen.
    Das ist aus meiner Sicht pure Heuchelei und Doppelmoral. Jeder Rechtfertigungsversuch ist in Sachen Katar zur Lächerlichkeit verurteilt. Echte.Anhänger dieses schönen Fussballsports, bei dem es leider nur noch um Macht, Einfluss und vor allem Geld geht, werden diese WM der Schande ohnehin vollständig boykottieren.

  12. Merve Hölter sagt:

    Deutschland also raus, Spanien war auf der Kippe. Ja und? Es war schon längst an der Zeit, dass mal andere drankommen. Das vermuffte Stroh mußte endlich umgewendet werden. Nicht nur auf dem Spielfeld. Tut mir leid für die deutsche Mannschaft, aber da war ich leidenschaftslos. Nur gut, dass via Qatar mal wieder alles hochgekommen ist, obwohl alles schon vorher gewusst war.
    Korruption bei der FIFA. Absolution ist nicht zu erteilen. Das Problem liegt darin: Fussball ist weltweit Sport Nummer eins und darum eine Geldmaschine. In afrikanischen Ländern zum Beispiel kicken Kinder mit Plastikflaschen. Was haben sie sonst auch? Tennisbälle? Eislaufschuhe? Schachfiguren? Warum sind marokkanische Fans in Belgien und den NL ausgeflippt? Fussball eint und entzweit. Möge die Basis (nicht nur im Fussball) über die gesättigten Funktionäre und Fahnenschwinger siegen. Ein fast hilfloser Wunsch.

  13. Udo Käutner sagt:

    Aus und vorbei. Jetzt fällt der WM-Boykott doch viel, viel leichter.

  14. Ulrich Hadert sagt:

    Droht nun das Mittelmaß? Die vom Autor Maximilian König angeführten Gründe für das sportliche Scheitern der DFB-Elf sind wohl zutreffend dargestellt. Es ist jedoch so, dass sich die Welt auch nach dem Ausscheiden der deutschen Elf einfach weiterdreht und der Fußball einfach weitermacht wie bisher. Es ist leider auch so, dass das Demokratiemodell der sogenannten „westlichen Wertewelt“ nur in wenigen Teilen der Welt wirklich gefragt ist und deshalb auch bei der WM nicht zum Thema taugte, über das alle Beteiligten diskutieren wollten. Die Welt ist zu unterschiedlich, als dass ein so komplexes Thema bei einer WM wirklich sinnbringend diskutiert werden könnte. Das es versucht wurde ist ehrenwert und war aber von vorneherein zum Scheitern verurteilt, da es einfach um zu viel Geld ging. Da passen Menschenrechte, etc. einfach nicht in den Kram.
    Der Hinweis auf das Ohnmachtsgefühl, dass sich in der deutschen Seele ausgebreitet hat dürfte richtig sein. Die WM war sicherlich ein Grund dafür, dass dieses Gefühl auf breiter Front wieder hochkam. Es war aber schon lange vorher da. Herr König benennt jedoch die Gründe für das Ohnmachtsgefühl nicht.
    Ein Grund dafür dürfte sein, dass die deutsche Infrastruktur in allen Bereichen kaputtgespart wurde. Schon vor 30 Jahren besuchte meine Tochter eine Schule, in der sie 2 Jahre lang nicht zur Toilette ging, weil sie sich vor dem was sie dort antraf ekelte! Ähnliches hört man immer wieder aus allen Bereichen, in denen die öffentliche Hand für das Instandhalten der Infrastruktur zuständig wäre. Ich habe einfach nicht das Gefühl, dass die Politik in der Lage ist, sich auf wirklich wichtige Themen zu konzentrieren und es dann schafft, Dinge die einfach umzusetzen wären, auch mal durchzuziehen. Allein das Einführen einer Geschwindigkeitsbeschränkung auf den deutschen Straßen würde nicht einen Cent kosten und Deutschland befände sich dann in bester und auch zahlreicher europäischer Gesellschaft. Dass der Bundeskanzler dafür aus Angst vor der FDP nicht einmal seine Richtlinienkompetenz einzusetzen wagte, ist neutral formuliert schade.

  15. Harald Nitsche sagt:

    In seinem im Wesentlichen auf die deutsche Fußballmisere konzentrierten Artikel vergisst Maximilian König abschließend nicht, auf andere defizitäre Bereiche in unserem Land hinzuweisen. In diesem Zusammenhang kam mir einmal mehr in den Sinn, wie eine Hauptverantwortliche für die diversen Schlamassel auf merkwürdige Weise im Dunkeln bleibt: die 16-Jahre-Kanzlerin A. Merkel. Ist es eine gewisse Autoritätsgläubigkeit, die es der Ex-Kanzlerin erlaubt, sich in die reichlich selbstgerechte Wohlfühlecke zurückzuziehen, ohne angemessene Kritik fürchten zu müssen?
    Es passt übrigens ins Bild, dass ihre Mitstreiter von CDU/CSU inzwischen wieder bei 30% Zustimmung liegen, während man denjenigen, die die jahrelangen Versäumnisse in schwierigster Zeit aufarbeiten müssen (soweit die FDP dies allerdings will) den schwarzen Peter zuweist. An Durchblick und Lernfähigkeit des deutschen Souveräns habe ich doch große Zweifel, bei einem 15% AFD-Anteil ohnehin.

  16. Harald Reinemer sagt:

    Nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft wird jetzt eifrig diskutiert, Konsequenzen und Rücktritte werden gefordert. Nun war diese WM ohnehin eine besondere und ein Ausscheiden vielleicht unter diesen Umständen irgendwie vielleicht sogar konsequent, betrachtet man es aus der Perspektive der selbstgestellten moralischen Anforderungen gegenüber dem Ausrichter.
    Betrachtet man aber die rein sportlichen Aspekte näher, so kommt man zu einem ganz anderen Bild, als die aufgeregte Diskussion der vielen Besserwisser nahelegt. Manche Probleme kann man wirklich dadurch lösen, indem man Führungskräfte austauscht. Oft dient es aber eher dazu die Augen vor den eigentlichen und eigenen Problemen weiter verschließen zu können. Das Problem scheint das Produkt „Nationalmannschaft“ selbst zu sein. Es ist eine zunehmende Entfremdung und abnehmende Begeisterung dafür sowohl bei den Fans, als auch bei den Spielern erkennbar. Natürlich sagt jeder, wie großartig er das findet in die Nationalmannschaft berufen worden zu sein, wie stolz und glücklich ihn das mache u.s.w. Oft, immer öfter, wird das aber nur gesagt, weil es so erwartet wird. Man schaue nur einmal den Spielern beim ebenfalls erwarteten und vehement eingeforderten Mitsingen der Nationalhymne zu. Fast alle ringen sich das ab, finden es in Wahrheit albern, peinlich oder bescheuert und sind heilfroh, wenn es vorbei ist und die Kamera dabei nicht ständig an ihnen klebt.
    Alle sollten etwas ehrlicher sein und sich eingestehen, dass die Nationalmannschaft entgegen aller Lippenbekenntnisse für die meisten Spieler und auch Fans (und das bedingt sich gegenseitig) nicht mehr oberste Priorität hat, sondern längst der Vereinsfußball. Hier geben die Spieler in wichtigen Partien die berühmten 100 Prozent. Nicht mehr und nicht weniger erwarten wir von ihnen und sie von sich, obwohl doch alle wissen, dass das gar nicht geht, immer 100% zu bringen. Auch weil mittlerweile die physische Belastungsgrenze erreicht ist, was aber auch so nicht eingestanden oder gesagt werden darf. Die FIFA wollte ja die WM ursprünglich auf 64 Mannschaften aufstocken, analog dem allgegenwärtigen Wirtschaftswachstum. Ein Wahnsinn. Vielleicht müssten die Spieler dann aber auch etwas Abstriche bei ihrem üppigen Salär in Kauf nehmen. Und wir Fans müssten uns dann notgedrungen an dem ein oder anderen Abend tatsächlich etwas anderes einfallen lassen, als Fußball zu gucken. Schwer. Geht aber!

  17. Georg Rapp sagt:

    Angesichts von Championsleague und nationaler Meisterschaft, die nach der WM fortgesetzt werden müssen, ist doch durchaus vorstellbar, dass ein Uli Hoeneß – exemplarisch für seine Kollegen aus den anderen Geldsackvereinen – seinen Spielern wie weiland Papi zu seinen pubertierenden Jungs gesagt hat: „Kommt nicht zu spät heim. Und treibt’s nicht zu arg.“?

  18. hans sagt:

    Die WM neigt sich dem Ende zu. Sie war wohl nicht zu letzt in der zweiten und dritten Welt ein überragender Erfolg. Wahrscheinlich bedingt durch das gute Abschneiden von Marokko. Was können wir als D. daraus lernen? Solche Sportereignisse sind nicht für die Politik geeignet und sollten von ihr auch nicht missbraucht werden. Ich gönne den Menschen die daran viel Spaß hatten das auf jeden Fall egal auf welchem Kontinent. Eine gute Idee solch ein Ereignis in so ein Land zu geben war es natürlich trotzdem nicht.

  19. Rolf Sturm sagt:

    Na ja, jetzt wissen wir ja, worauf das Scheitern unserer WM-Kicker zurückzuführen ist: Zitat: „Die besten deutschen Fußballprofis haben sich in Katar nicht wohlgefühlt!“ Inmitten zahlreicher, zugegeben negativen Begleitumstände, zu deren Behebung reichlich Zeit vorhanden war, kann eine solche Aussage — im Kontext war keine Satire zu erkennen — beim enttäuschten Fußballvolk m.E. so nicht stehen bleiben!
    Ist es denn einem hochbezahlten Profi nicht zumutbar, sich 90 bis ca. 100 Minuten voll auf seine „Job“ zu konzentrieren? Ist es währenddessen nicht vollkommen egal, wer wo und warum mit welcher Armbinde ausgestattet ist? Ist es nicht unerträglich, wenn ein „Team“ durch laienhafte Unentschlossenheit und fehlender Konsequenz bei stetigem Spielerwechsel mit „halber“ Abwehr spielt?
    Und überhaupt: Wo im „richtigen“ Berufsleben gibt es denn ein uneingeschränktes Wohlgefühl?
    Solange bei vielen „der besten deutschen Fußballprofis“ solche Unzulänglichkeiten bestehen, ist es primär ganz egal, wer auf der Trainerbank sitzt!
    Jan Christian Müllers facettenreichem Leitartikel — der kurzgefasst auch Zukunftsthemen anspricht — fehlt eventuell noch der dringende Wunsch, dass sich die Durchschlagskraft der Profis bei Vertragsverhandlungen auch auf dem Spielfeld durchsetzt!

  20. Thomas Kuhn sagt:

    „Fußball zum Abgewöhnen“ ist mein vorläufiges Fazit der WM 2022, denn auch ich schalte sofort nach Übertragungen aus- oder um. Mehr noch: Die Kommentatoren während der Spiele sind auch noch kaum zu ertragen, weil sie nun sogar zu zweit ständig und andauernd reden und analysieren. Schon länger höre ich mir die Kommentare von Bela Rethy nicht an, weil er ständig seine Stimme erhebt und übertrieben lobt oder tadelt. Übrigens bin ich nicht allein damit, denn wenn ich in einer Gaststätte mit anderen Sky-Übertragungen verfolge, wird sich dort so laut unterhalten, dass man keinen Kommentar verstehen kann. Ist auch nicht nötig, man sieht, was auf dem Platz passiert.
    Und das ist leider zum Abgewöhnen. „Das Spiel war geprägt von Taktik und Disziplin“ heißt es oft, wenn ein langweiliges Passgeschiebe zu sehen ist, z. B. im Spiel Spanien gegen Marokko. Man sehnte sich zurück zu dem Spiel Spanien gegen Deutschland 6:0, in dem eine spanische Mannschaft Offensivfußball von feinsten präsentierte. Auch das Spiel der Deutschen gegen Italien 5:2 zeigte etwas davon. Erst recht die erfolgreichen Spiele von Eintracht Frankfurt zuletzt.
    Die oft gewählte Defensivtaktik macht die Spiel bestimmenden Mannschaften ratlos und so beginnen Querpass, Rückpass, warten, schauen und kaum Bewegung bei den Stürmern. Einfach öde anzuschauen und oft erfolglos. Und je mehr fußballerische Ödnis zu sehen ist, um so länger sind die vor- und nachbereitenden Gesprächsrunden in ARD und ZDF. Das stundenlange Gerede der immer gleichen Banalitäten stielt einem die Zeit, weil der andere öffentliche TV-Kanal ständig Wiederholungen sendet, die man auch nicht sehen will.
    So trägt diese Weltmeisterschaft dazu bei, sich vom Fußball abzuwenden, ab- oder umzuschalten.
    Wenn ich nun noch daran denke, dass wohl alle Weltmeisterschaften nur durch Korruption vergeben wurden, muss man direkt dankbar sein, dass in Katar alles öffentlich geworden ist: ein käuflicher Fifa-Chef, eine Regierung, die die Menschrechte missachtet, arme Arbeiter bis zum Tode ausbeutet und „mit ihrem Geld alle Kritiker zuscheißt.“
    Leider muss ich zugeben, dass ich die Achtelfinalspiele mit der Hoffnung eingeschaltet habe, dass ein rassiges Spiel zu sehen sein wird. Nur Portugal gegen die Schweiz hatte etwas davon geboten, um danach gegen Marokko wieder so langsam anzugreifen, dass ein Torerfolg immer unwahrscheinlicher wurde. Spannend dagegen Frankreich gegen England. Mal wieder Angriffsfußball. Man hofft als Fußballfan ja immer, dass es ein schönes Spiel wird. Allzu oft wird man enttäuscht. Also „Fußball zum Abgewöhnen“!

  21. Klaus Stöcklin sagt:

    Nachdem die WM für Deutschland vorbei ist, muss man feststellen, dass Deutschland keine qualifizierten Fußballer hat. Insbesondere die Defensive mit dem hüftsteifen Süle, dem wackligen Kehrer und auch mit Abstrichen Raum entsprechen nicht dem Weltklasseniveau. Schaut man die Bundesliga Mannschaften an, spielen fast überwiegend Spieler aus dem Ausland. Wenn dann noch, der auf der „6″ starke Kimmich in die Verteidigung versetzt wird (zumindest die 1. Halbzeit), sagt schon alles. Deutschland hat die WM nicht im letzten Spiel vergeigt, sondern gegen Japan. Hier muss man mindestens 1 Punkt holen und man ist nicht auf die Güte von Spanien angewiesen. Das Flick dies in dem unmittelbar nach dem Spiel gemachten Interview nicht anerkennt, ist nicht nachvollziehbar. Schweinsteiger hat die richtigen Worte gefunden. Für die EM muss sich der DFB was einfallen lassen. Auch die Personalien Flick und Bierhoff sind auf dem Prüfstand zu stellen.
    Genauso ärgerlich wie das Team des DFB ist der Anblick des Bundestages in der Halbzeitpause. Von ca. 750 Abgeordneten saßen ca. 50 Abgeordnete im Saal. Wo sind die Anderen ? Können nicht alle im Wahlkreis sein. !! Hier muss auch eine Änderung eintreten.
    So war der Fußballabend insgesamt eine herbe Enttäuschung.

  22. Gregor Böckermann sagt:

    Herzlichen Dank für Ronny Blaschkes Zweiteiler „Das Politische Spiel – Fussball im Nahen Osten“ und seinen Artikel: „Arabische Nächte“. Mit der „arabischen Diaspora“ in Deutschland und zahlreichen Ländern Europas freue ich mich, dass es Marokko bis ins Halbfinale der WM 2022 geschafft hat.