Die Probleme der Frauenbeauftragten

Warum eigentlich nicht? Unsere Nationalhymne, dieser alte Zopf, soll ein bisschen entstaubt werden. Jedenfalls wenn es nach der Gleichstellungsbeauftragten des Bundesfamilienministeriums geht, Kristin Rose-Möhring (SPD). Aus „brüderlich“ soll „couragiert“ werden, aus „Vaterland“ entstehe „Heimatland“. Das wäre in der Tat geschlechtsneutral, und künftig könnten sich auch alle deutschen Frauen hinter dieser Hymne versammeln. Bisher wurden sie nur mitgemeint. Und auch die LGBT*-Gemeinde, sofern sie sich für Hymnen begeistert, wäre mit im Boot. Es wäre an der Zeit, oder?

Es ist das Verdienst – oder die Schuld, ganz wie man will – von Konrad Adenauer, dem ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik, der, obgleich Kölner, es doch nicht recht verknusen konnte, dass das deutsche Volk sich nach dem Krieg eigenständig für eine Nationalhymne zu begeistern begann: für den Karnevalssong „Die Einwohner von Trizonesien“ von Karl Berbuer, ebenfalls Kölner und mit entsprechender Heiterkeit gesegnet. Das Lied wurde tatsächlich als Ersatz für die bisher fehlende Nationalhymne bei Sportveranstaltungen gespielt. Es lag wohl weniger an mangelnder Genderneutralität, dass Adenauer den Song dennoch ablehnte, und auch kaum in erster Linie an der politischen Korrektheit, die dieser Song, wie es nun mal Wesen des Karnevals ist, konsequent vermissen lässt. Eher wohl lag es daran, dass man zum Beispiel bei Staatsempfängen etwas braucht, was etwas mehr … nun, nennen wir es Würde ausstrahlt.

Diese Würde hat das Lied der Deutschen zweifellos, vor allem zur Melodie von „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ von Joseph Haydn. Es ist ein Lied, das vom Ringen der Deutschen um nationale Einheit erzählt, ein republikanisches Lied, dem in jenen Strophen, die heute nicht mehr gesungen werden, durchaus Militarismus anzumerken ist, vorsichtig ausgedrückt. Wir singen heute nur die dritte Strophe. Unsere Hymne ist also ein Torso, sie ist eine Notlösung, und sie ist nicht sakrosankt. Es gibt keinen Grund, warum man sie nicht an veränderte Umstände anpassen dürfte.

Aber, liebe Leute, muss es wirklich „Heimatland“ sein? Dass „Mutterland“ nicht geht, leuchtet mir ein. Ich persönlich hätte nichts dagegen, aber ich fürchte, jener Teil der deutschen Bevölkerung, der Mütter lieber hinter dem Herd sieht als identitätsstiftend draußen im Land, wird damit überhaupt nicht einverstanden sein.

Welche Alternativen hätten wir vorzuschlagen? Als altem SciFi-Freund, der ich bin, fällt mir „Basis“ ein. Kennen Sie die 70er-Jahre-TV-Serie „Mondbasis Alpha 1„? „Mondbasis“ geht natürlich nicht, wir befinden uns auf der Erde. Also „Erdbasis?“ Nun ja, holpert ziemlich. „Einigkeit und Recht und Freiheit / für die deutsche Erdbasis“ – geht nicht, verstehe schon. Wäre aber zukunftsweisend, denn immer mehr Menschen begreifen, dass die Menschheit die Erde wird verlassen müssen, nachdem sie sie zu Ende ausgebeutet hat. Das ist auch der Grund dafür, dass in letzter Zeit weltweit mehr und mehr Anstrengungen unternommen werden, die auf den Mond und perspektivisch auf den Mars zielen, wo das menschliche Zerstörungswerk dann fortgesetzt werden könnte. „Erdbasis“ könnte, so gesehen, schon recht bald einen angenehm heimeligen Beiklang bekommen, dann nämlich, wenn die Erdbasis verloren ist. Aber das ist noch ein bisschen hin, deswegen brauchen wir unsere Hymne nicht zu ändern, das geht auch in fünfzig Jahren noch.

„Heimatland“. Das will mir nicht so recht gefallen. Ich könnte das nicht so ohne weiteres singen. Da müsste ich würgen. Meine Hymne ist „Smalltown Boy“ von Bronski Beat. Wenn da nur nicht so viel „Run away, turn away, run away, turn away, run away“ drin vorkäme! Aber genau das geht mir bei „Heimatland“ durch den Kopf. Man könnte es auch mit den Pet Shop Boys halten, die einst sangen: „Mother’s got a hairdo to be done“ (aus: „Suburbia„). Also, kurz und gut, liebe Frau Rose-Möhring: „Heimatland“ ist im FR-Blog nicht mehrheitsfähig. Wie wäre es stattdessen mit Smalltownland? Wie? Ist englisch? Na, wunderbar – dann wäre Deutschland endlich in Europa angekommen!

Balken 4Leserbriefe

Regina Neumann aus Marburg meint:

„Wenn die Umformulierung der Nationalhymne das dringlichste Problem der Frauenbeauftragten ist, kann es mit der Benachteiligung von Frauen nicht so schlimm sein! Nebenbei: „Brüderlich“ assoziiert „solidarisch“; „couragiert“ zielt auf „Augen zu und durch“. Und nebenbei wird das geistige Eigentum abgeschafft. Bringt’s das?“

Heidrun Wilker-Wirk aus Darmstadt:

„Da die Marotte, Texte umzuformen, um sich greift und weit über ein paar Einzelfälle hinausgeht, sei hier an die beißende Satire von Heinrich Böll erinnert. Sie müsste derzeit in jeder Zeitung abgedruckt, in jeder Oberstufenklasse gelesen, in jedem Radiofeuilleton vorgetragen werden. Worum gehts, ganz kurz zusammengefasst:
Dr. Murke hat ein Feature verfasst und für den Rundfunk aufgezeichnet. Es geht darin um Gott und die Welt. Nach einiger Zeit ist der Inhalt immer noch richtig, aber Gott ist aus der Mode. Gemeinsam mit dem Rundfunk beschließt man, Gott zu ersetzen durch die Formulierung „jenes höhere Wesen, das wir verehren“. Natürlich folgt ein Rollback, und Gott ist wieder in.
Böll wäre nicht Böll, wenn er das Essay so einfach verfasst hätte. Nein, aus Gründen der Zeitersparnis hat Dr. Murke einfach die zeitgerechte Formulierung eingelesen: jenes höhere Wesen, das wir verehren acht mal im Nominativ, zwei mal im Genitiv, sechs mal im Vokativ … oder so ähnlich. Der Cutter hat geschickt Gott herausgeschnitten und den jeweiligen Schnipsel der angepassten Formulierung eingefügt. Beim Rollback muss dies nur wieder rückgängig gemacht werden, Gott-Schnipsel werden eingefügt. Ganz zum Schluss bleiben einige unbespielte Tape-Abschnitte übrig: Dr. Murkes gesammeltes Schweigen.
Bitte lesen Sie alle, alle diesen Essay. Danach wir es leicht fallen, die Finger von Sprach- und Inhaltsmanipulationen zu lassen.“

Hans Wolffram aus Bad Liebenwerda:

„Was mich dabei besonders verblüfft hat, war dass das Wort „brüderlich“ durch „couragiert“ ersetzt werden soll. Unter „brüderlich“ verstehe ich anderen beizustehen und zu helfen, gemeinsam Gutes zu tun und Gemeinschaft. „couragiert“ heißt so viel wie mutig und tapfer zu sein. Dies bezieht sich auf den Einzelkämpfer, auf Singularität und fördert damit besonders eigenmächtiges, selbstgerechtes und selbstsüchtiges Handeln. Ein Handeln, was in unserer Gesellschaft sowieso immer stärker wird. Ich glaube nicht, dass die Frauenbeauftragte, auch noch als SPD-Mitglied, unsere Gesellschaft in diesem Sinne verändern und legitimieren will. Meine Gesellschaft wäre dies nicht mehr.“

Otfried Schrot aus Ronnenberg:

„Nach österreichischem Vorbild soll nun auch die deutsche Nationalhymne geschlechtsneutral formuliert werden. Einen entsprechenden Vorschlag hat die Gleichstellungsbeauftragte des deutschen Familienministeriums, Kristin Rose-Möhring, in einem Rundschreiben unterbreitet. Wie die „Bild am Sonntag“ berichtet, soll „Vaterland“ zu „Heimatland“ werden und „brüderlich“ zu „couragiert“. Stellungnahme des Leserbriefschreibers: Falsch! Aus „Vaterland“ muss „Elternland“ werden und aus „brüderlich“ „geschwisterlich“!“

Luzian Lange aus Sulzbach:

„Ich bin sehr einverstanden mit „Heimatland“ statt „Vaterland“. Aber dass „couragiert“ beim Singen nicht holpert, ist nicht wahr. „Brüderlich“ wird vorne betont, „couragiert“ jedoch hinten. Wie scheußlich „kuhragiert“ auf dem höchsten Ton in meinen Ohren klingt, ist mit Worten kaum auszudrücken. Sorry, aber auf diesem Weg bekommt man die offenbar ersehnte Zivilcourage nicht in unsere Hymne.“

33 Kommentare

  1. Anna Hartl sagt:

    Lieber Bronski,
    wunderbar geschrieben.
    Bin für Smalltown Boy, Run away, Turn away, trifft doch hier den Nagel auf den Kopf. Schöner Song.

    Dem „Schwachsinn“ sind offensichtlich keinerlei Grenzen mehr gesetzt. “ Couragiert und Heimatland! Mir ist schlecht!

    Da frage ich mich einiges bezüglich des Aufgabengebietes einer Frauenbeauftragten.

  2. Barbara Eilers sagt:

    Ich fand es sowieso sehr schade, dass bei der Wiedervereinigung nicht die textlich viel schönere Becherhymne mit der Musik von Hans Eisler genommen wurde. Allerdings kommen auch da die Worte “ Vaterland“ und „brüderlich“ vor. Hätte man doch wirklich den neuen Schwestern und Brüdern gönnen können und ist auch ein echtes Friedenslied. Text bei Wikipedia zu finden. brüderlich ist doch ein sehr schönes Wort!

  3. Jürgen Malyssek sagt:

    Rate auch dazu, ‚Dr. Murkes gesammeltes Schweigen‘ von Heinrich Böll zu lesen. Dann erübrigen sich alle Ansinnen Hymnen und alte Texte zu ändern. Wenn das dann immer noch nicht genügt, dann weiß ich auch nicht mehr weiter.

  4. Brigitte Ernst sagt:

    Ich plädiere entschieden für eine konsequente Bereinigung unserer gesamten Elternsprache sowie aller literarischen Texte mit dem Ziel einer totalen Geschlechtsneutralität.
    Da möchte ich mich mit der Frauenbeauftragten vergeschwistern. Welch herrliche Texte da entstehen können! Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, Freude schöner Göttinnen- und Götterfunken, Sprössling aus Elysium… Alle Menschen werden Geschwister, wo dein sanfter Flügel weilt, Lieb Elternland, magst ruhig sein…
    Auch Redewendungen müssen angepasst werden: Vorsicht ist der Elternteil der Porzellankiste.

    Da kommt noch viel Arbeit auf uns zu, deshalb muss die Einsetzung eines/r Sprachbereinigungsbeauftragten unbedingt noch in den Koalitionsvertrag aufgenommen werden.

  5. Werner Engelmann sagt:

    @ Anna Hartl

    „Couragiert und Heimatland! Mir ist schlecht!“

    Schön, dass Sie das so plastisch ausdrücken.
    Wer genügend Selbstbewusstsein hat, braucht sich eben nicht hinter lächerlicher Begrifflichkeit zu verstecken. Und mit etwas Sprachgefühl merkt man auch gleich, was daran faul ist.
    Beides aber geht Frau Rose-Möhring offenbar ab.

    Nur eine kleine Korrektur am Titel von Bronski: Die Dame ist „Gleichstellungsbeauftragte“ und nicht „Frauenbeauftragte“. Was wohl heißt, dass es um Beseitigung REALER Ungleichstellung und deren Ursachen gehen SOLLTE. Aber den Unterschied scheint sie selbst noch nicht begriffen zu haben.

    Nun gibt es freilich dazu auch sehr sachliche Argumente. Dazu aber morgen.
    Nur so viel im Vorgriff:
    Mir wäre es in der Tat auch noch nicht eingefallen, meine „Männlichkeit“ durch die Tatsache beeinträchtigt zu sehen, dass ich Sprecher einer weiblich kodifizierten „Muttersprache“ (mit weiblichem Artikel) bin und diese sogar noch Jahrzehnte lang unterrichtet habe.
    Um aus seinem eigenen subjektiven Empfinden eine Staatsaffäre zu machen, dazu gehört schon eine besondere Form von elitärem Dogmatismus, den wir offenbar nicht nötig haben.

  6. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Ist das wirklich Ihr Ernst, Frau Ernst?
    Das mit der Sprachbereinigungsbeauftragten?
    Mit der „konsequenten Bereinigung … aller literarischen Texte … totalen Geschlechterneutralität“?

  7. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst:
    „Ich plädiere entschieden für eine konsequente Bereinigung unserer gesamten Elternsprache sowie aller literarischen Texte mit dem Ziel einer totalen Geschlechtsneutralität.“

    Ich schließe mich Ihrem Vorschlag an. Hätte den riesigen Vorteil, dass mit einem Schlag auf „elegante“ Weise so ziemlich die gesamte Weltliteratur entsorgt werden könnte. – Was da nicht alles an Lehrkräften eingespart werden könnte! –
    Bis zur nächsten Karnevalssitzung müsste das wohl geschafft sein.
    Es lebe die Bildung! Helau und Alaaf!

  8. Georg Kutschke sagt:

    @Werner Engelmann, 9.3., 2.30
    „Nur eine kleine Korrektur am Titel von Bronski: Die Dame ist „Gleichstellungsbeauftragte“ und nicht „Frauenbeauftragte“.“

    Genau genommen, Herr Engelmann „ist“ sie Frauenbeauftragte. §19 (2) BGleiG (gilt für die Verwaltungen des Bundes) ist hier deutlich, sie wird von Frauen gewählt, in deren Auftrag sie also tätig ist:
    (2) Die weiblichen Beschäftigten einer Dienststelle ohne eigene Gleichstellungsbeauftragte sind bei der nächsthöheren Dienststelle wahlberechtigt.

    http://www.gesetze-im-internet.de/bgleig_2015/BGleiG.pdf

    Das Gesetz bezeichnet sie allerdings als Gleichstellungbeauftragte, also wird sie so genannt. Man könnte diese Bezeichnung also als Euphemismus bezeichnen. In diesem Sinne kann sich Herr Bronski etwas aussuchen.

  9. Werner Engelmann sagt:

    Nun mal im Ernst.

    „Unsere Hymne ist also ein Torso, sie ist eine Notlösung, und sie ist nicht sakrosankt.“ (Bronski)
    Das ist soweit zwar richtig, doch die Schlussfolgerung ist falsch: „Es gibt keinen Grund, warum man sie nicht an veränderte Umstände anpassen dürfte.“
    Doch, die Gründe gibt es, und zwar viele.

    Bronski verwechselt hier zwei Dinge:
    Die Aussortierung der 1. Strophe war eine Notwendigkeit, konsequente Folge gezielter Fehlinterpretation zum Zwecke des Missbrauchs der Hymne für imperialistisches Machtgehabe – übrigens nicht erst im 3. Reich. Textrezeptionen sind aber Teil des Kommunikationsprozesses, bei dem der Text selbst nur ein Teil ist. Sie bleiben also unablösbar an diesem haften.
    Die 3. Strophe ist dagegen – solange sie nicht verhunzt wird – gegen solche Uminterpretationen resistent. Es ist also genau umgekehrt zu fragen, welche Gründe es für solches Verhunzen geben sollte. Und vor allem: Wem das alles nützt.
    Ich kann auch nicht erkennen, welche „Umstände“ sich da geändert haben sollen. Es sei denn, dass es zu Zeiten der AfD wieder vermehrt Menschen zu geben scheint, die – aus verschiedenen Richtungen kommend – dem Eskapismus frönen und in der Verabsolutierung ihres subjektivistischen „Sprachgefühls“ ihre Erfüllung zu finden scheinen. Die sich also gegenseitig ergänzen.
    Frau Rose-Möhring gehört mit Sicherheit dazu.

    Im Folgenden einige Auszüge aus meinem Schreiben an die (bisherige) „Gleichstellungsbeauftragte“:

    (1) Linguistischer Aspekt:

    Laut Duden-Grammatik (Ausgabe 1966, § 3685) wird die Bedeutung zusammengesetzter Substantive wie folgt bestimmt:
    „Das zusammengesetzte Wort ist eine begriffliche Einheit, denn seine Bedeutung umfaßt gewöhnlich mehr und anderes als die der entsprechenden selbständigen Wörter:
    Muttersprache ist nicht das gleiche wie die Fügung der Mutter Sprache.“
    Dies gilt selbstverständlich auch für das Kompositum „Vaterland“.
    Der Begriff steht – nicht anders als „Muttersprache“ – als „begriffliche Einheit“ gleichermaßen für ALLE ihm zuzuordnenden Elemente (hier: Angehörige des Landes bzw. Sprecher).
    Hier irgendeine diskriminierende Absicht hineinzulesen, ist aus linguistischer Sicht also blanker Unsinn.

    Schon ein Blick auf den Namen des Ministeriums, dem sie unterstellt ist („für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“) hätte die „Gleichstellungsbeauftragte“ lehren können, dass nach ihrem Prinzip der Selbst-Verabsolutierung noch eine Reihe anderer Gruppen sich „diskriminiert“ fühlen und explizite Nennung im Namen fordern könnten. Und wohl kaum ein Werk der Weltliteratur könnte sich dem „egalitären“ Furor entziehen, würde vor dem Tribunal angemaßter Sprachrichter bestehen können.

    (2) Sprachpsychologischer Aspekt:

    Der große Sprachforscher Wilhelm von Humboldt verweist u.a. auf die psychologische, für menschliches Bewusstsein konstitutive Bedeutung von Sprache:
    „So hängt die Sprache als ein nie abgeschlossenes organisches Ganzes für Humboldt eng mit der Individualität und den Denkstilen der sie Sprechenden zusammen.“
    Anders ausgedrückt:
    Sprache ist Teil der eigenen Identität. Sprache vorzuschreiben ist also ein tiefgehender Eingriff in die Identität und die persönliche Freiheit des einzelnen. Nicht umsonst ist Sprachlenkung ein Merkmal diktatorischer Systeme. In einem demokratischen Staat haben solche Maßnahmen keinerlei Platz, solange der Respekt vor anderen gewahrt und das Miteinander nicht gefährdet wird.

    Die Psycholinguistik, insbesondere von L.S.Wygotski, fügt dem einige Präzisierungen hinzu: „Er ging davon aus, dass Sprechen und Denken weder identische noch völlig getrennte Prozesse sind.“ (Wikipedia)
    Was bedeutet, dass sprachliche Begriffe zwar das Denken prägen, dass aber umgekehrt auch unangemessene Begrifflichkeit durch Denken hinterfragt werden kann. Dies obliegt allein dem demokratischen Diskurs. Die Vorstellung, Denken über vorgegebene Begriffe einlinig steuern zu können, ist naiv und sprachwissenschaftlich unhaltbar. Entsprechende Versuche sind also zum Scheitern verurteilt.
    Und die Soziolinguistik hat zudem die Rolle nonverbalen Denkens aufgedeckt – insbesondere bei Angehörigen der Unterschicht. Sie bilden ihre Beurteilungskriterien nicht vorwiegend nach sprachlichen Begriffen, sondern anhand (meist bildlich vergegenwärtigter) konkreter Erfahrungen. So etwa können vorhandene Vorurteile gegen Flüchtlinge bei der konkreten Begegnung aufgehoben oder zumindest reduziert werden. (Ich habe dazu genügend Beispiele aus meiner eigenen Praxis.)

    Zusammenhänge, die verständlich machen, warum gerade Intellektuelle Bevormundungsversuche solcher Art als Angriff auf ihre Identität verstehen und – wenn sie dies mit der SPD in Zusammenhang bringen können – sich in der Folge mit Abscheu von ihr abwenden (was sich gelegentlich in Hass verwandelt). Die auch überzogene Kritik an „political correctness“ verständlich machen, die von Rechtspopulisten weidlich für ihre demagogischen Zwecke genutzt wird.
    Verständlich wird aber auch die Abwendung von sozial benachteiligten Schichten (welche die SPD einst vertrat), wenn sie sich statt mit konkreter Verbesserung ihrer Situation mit ideologisch abgehobenen, besserwisserischen Vorgaben konfrontiert sehen, die an ihrer gesellschaftlichen Realität vorbeigehen und sie zudem in ihrem Selbstbewusstsein treffen. Vertrauen verwandelt sich so in Verachtung – und das zu Recht.
    Die Empörung, aber auch der Hohn und die Häme selbst in Kommentaren einer seriösen Zeitung wie der FR spricht eine deutliche Sprache:
    (http://www.fr.de/politik/gleichstellung-deutsche-hymne-bald-ohne-vaterland-a-1460066, http://www.fr.de/politik/meinung/kommentare/nationalhymne-symbole-beseitigen-keine-ungleichheit-a-1460249)

    (3) Historisch-politischer Aspekt:

    (a) Der Dichter Hoffmann von Fallersleben war ein Patriot und Demokrat, der eine engagierte politische Hymne gegen Kleinstaaterei („Einigkeit“), Fremdherrschaft und Fürstenwillkür („Recht und Freiheit“) geschrieben hat. Er hat damit erheblich zur Herausbildung unseres demokratischen Nationalstaates beigetragen.
    Für diesen demokratischen Impetus vor der Paulskirche und dem autoritären Zugriff eines Bismarck steht die Hymne (geschrieben 1841) als Ganze und der Begriff „Vaterland“ als Chiffre für die (damals erst zu schaffende) politische Einheit im Besonderen. Dieser ist nicht ersetzbar durch einen beliebig schillernden Wischiwaschi-Begriff „Heimat“.
    Wenn aber der Begriff „Vaterland“ als „diskriminierend“ empfunden wird, der „Heimat“-begriff dagegen – angesichts aus dem Boden schießender rechtsextremer „Heimatschutz“-verbände oder einer neofaschistischen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ – als „geschlechtsneutral“, dann zeigt sich hier eine politische Naivität, die schon weh tut.

    (b) „Brüderlichkeit“ ist einer der Kernbegriffe der französischen Revolution, der gesellschaftlichen Zusammenhalt beschwört, mit der Herausbildung demokratischer Staaten eng verbunden und damit unveränderlich. In der deutschen Hymne noch verstärkt durch „Herz und Hand“, was auch bildlich „Geschlossenheit“ evoziert.
    Ist es schon unerträglich, diesen Bezug zu demokratischen Ursprüngen einfach kappen zu wollen, was auf ein gestörtes Verhältnis zur Geschichte schließen lässt, so offenbart der Vorschlag, elementare historische Bezüge durch das abgedroschene Fremdwort „couragiert“ zu ersetzen, Niveaulosigkeit par excellence und einen erschreckenden Mangel an Sprachgefühl. Mit Analogien zu Sprachpanscherei bei AfD-Vorstößen im Sinne „völkischer“ Transformation in Konkurrenz zu treten, ist das letzte, was für dieses Land und die SPD hilfreich ist.

    (c) Eine Nationalhymne ist Ausdruck des Verhältnisses einer Nation zur eigenen Geschichte, die auch identitätsstiftend sein soll. Respekt vor Personen, die – wie Hoffmann von Fallersleben – in einer demokratischen Tradition stehen, ist dabei elementar und von jedermann zu erwarten.
    Franzosen haben das begriffen, wenn sie trotz aller Bedenken ihre blutrünstige „Marseillaise“ unangetastet lassen. Was in keiner Weise den Schluss zulässt, dass, wer sie singt, gierig darauf aus ist, die „Ackerfurchen mit unreinem Blut zu tränken“. Es ist vielmehr Ausdruck entschlossener Verteidigung des herausgebildeten Rechtsstaats gegen Angriffe von innen und von außen (von mir erlebt anlässlich der Kundgebungen nach den islamistischen Attentaten).

    (d) Zum Kern einer demokratischen Erziehung gehört somit die Vermittlung eines positiven Bilds des eigenen Landes im Sinne von Verfassungspatriotismus. Dergestalt, dass errungene demokratische Werte als zu verteidigendes Gut erfahren werden.
    Dies setzt einerseits eine Gemeinschaftserfahrung voraus, die in der Pluralität das Gemeinsame zu erkennen vermag – repräsentiert durch sprachliche (und melodische) Symbole, die allein als Symbole und nicht nach ihrem abgeleiteten „ursprünglichen“ Sinn von Bedeutung sind.
    Andererseits eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, insbesondere den Menschen, die – in widersprüchlicher Weise – zur Herausbildung unseres demokratischen Staates beigetragen haben und die entsprechenden Respekt verdienen. Das betrifft auch die von ihnen gewählte Terminologie.
    Widersprüche sind nach Hegel und Marx das Movens der Geschichte, ohne die auch die Herausbildung demokratischer Staaten sowie einer pluralistischen Gesellschaft unmöglich gewesen wäre. Ein Demokrat hat das schlicht auszuhalten. Der Versuch ihrer Eliminierung zerstört nicht nur historische Bezüge und historisches Bewusstsein, er erweist sich auch als reaktionär im wörtlichen Sinn.
    Als pikanter Beleg dafür sei angeführt, dass Frau Rose-Möhring als einzige Begründung die Nachahmung (ausgerechnet!) des österreichischen „Vorbilds“ reklamiert. Entlarvender geht’s nicht mehr.

    Solche Eskapaden, die durch geistigen Eskapismus, elitär-dogmatisches Denken und blinden Aktionismus geprägt sind, pervertieren den behaupteten „aufklärerischen“ Impetus in das gerade Gegenteil, indem sie Auseinandersetzung mit historischer Entwicklung verhindern, die sich in dialektischer Weise aus vorhandenen Widersprüchen ergibt. Sie bereiten in der intendierten Nivellierung aller Widersprüche einem reaktionären, scheinbar „harmonischen“ Familien- und Gesellschaftsbild rechtsradikaler Couleur das Feld.
    Und wenn solche Eskapaden aus dem Verantwortungsbereich der Sozialdemokratie kommen, isolieren sie diese, die um ihre Existenz kämpft, um Glaubwürdigkeit ringt und dringend der Erneuerung, eines offenen Ohrs für Sorgen und Nöten der Menschen bedarf, von ihrer Basis. Sie kann und wird also solches nicht dulden.
    Der neuen Familien-Ministerin, Franziska Giffey, traue ich zu, solchem Unfug ein rasches Ende zu setzen. (Ich habe einige Jahre in ihrem Nachbarbezirk Kreuzberg unterrichtet.)

    P.S.: Ich konnte es mir nicht verkneifen, Frau Rose-Möhring zu wünschen, von der Peinlichkeit verschont zu werden, an einem SPD-Kongress teilnehmen und die alte Arbeiter-Hymne „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ mit anstimmen zu müssen. Aber dazu wird es wohl – hoffentlich – nicht mehr kommen.

    @ Georg Kutschke

    Danke für die Information!

  10. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Den Text der Nationalhymne im Rahmen einer geschlechtsneutralen Sprache revidieren zu wollen, erscheint mir angesichts der Geschichte dieses Lieds naiv und unhistorisch. Zwar kann man seinem Dichter, dem Germanisten August Heinrich Hoffmann, der aus dem Ort Fallersleben stammte (welcher heute zu Wolfsburg gehört), nicht zu den völlig unreflektiert schreibenden vaterländischen Poeten seiner Zeit zählen (wie z.B. Ernst Moritz Arndt). Dennoch wollte er mit seinem „Lied der Deutschen“ ein betont nationales Zeichen setzen. Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass er es im Ausland verfasste, nämlich auf der damals britischen Insel Helgoland (er datierte es auf den 26. August 1841; der Tausch des Eilands gegen die deutsche Kolonie Sansibar wurde erst 1890 vollzogen).

    Der zeitgeschichtliche Anlass des Lieds ist bekannt: Der eine war die so genannte Rheinkrise, als sich in Frankreich Stimmen mehrten, die Ansprüche auf die deutschen Gebiete westlich des Rheins erhoben. Diese beriefen sich neben den Annektierungen im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688 – 1697) vor allem auf die Besetzung der Pfalz nach dem Ersten Koalitionskrieg, den Preußen und Österreich gegen die französische Revolutionsregierung führten. Diese währte von 1798 bis zum Ende Napoleons 1814. Der zweite Anlass war die deutsche Kleinstaaterei, die Deutschland nach Auffassung patriotischer Kreise schutzlos möglichen Angriffen seiner Nachbarn aussetzte.

    Hoffmann orientierte sich beim Versmaß seines Lieds bewusst an der österreichischen Kaiserhymne „Gott erhalte Franz, den Kaiser“, die von Joseph Haydn im Auftrag von Franz II (1768 – 1835), dem letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, vertont worden war. Indirekt idealisierte Hoffmann damit auch dieses untergangene Reich.

    Selbst in der ersten deutschen Republik, der von Weimar, ist man nicht geschichtsbewusst mit dem Gedicht umgegangen. Der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert bestimmte 1922 das Lied zur deutschen Nationalhymne.
    Im NS-Staat wurde lediglich die erste Strophe gesungen („Deutschland, Deutschland, über alles“), auf die grundsätzlich das „Horst-Wessel-Lied“ der SA folgte.

    Die Bundesrepublik Deutschland besaß zunächst keine offizielle Hymne. Erst durch einen offiziellen Briefwechsel von 1952 zwischen Bundespräsident Theodor Heuss (FDP) und Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) wurde entschieden, dass Hoffmanns „Lied der Deutschen“, das bereits seit 1950 wieder verwendet wurde, weiterhin Nationalhymne bleiben sollte. Gesungen wird jedoch seither ausschließlich die dritte Strophe.
    Gegen Adenauer nicht durchsetzten konnte sich Theodor Heuss mit seinem Vorschlag, Rudolf Alexander Schröders von traditionellen christlichen Wertvorstellungen durchdrungenes Gedicht „Hymne“ zur Nationalhymne zu bestimmen:

    „Land des Glaubens, deutsches Land,
    Land der Väter und der Erben;
    Uns im Leben und im Sterben
    Haus und Herberg, Trost und Pfand…“

    Die Diskussion um eine einheitliche deutsche Hymne war für Bertolt Brecht 1950 Anlass für einen Gegenentwurf, der keine nationalistische und revanchistische Interpretation zulassen sollte. Brecht nannte seinen Text „Kinderhymne“, weil sie im Rahmen eines gleichnamigen Gedichtzyklus entstanden war. Die erste Strophe lautet:

    „Anmut sparet nicht noch Mühe,
    Leidenschaft nicht noch Verstand,
    dass ein gutes Deutschland blühe
    wie ein andres gutes Land.“

    Das Versmaß entspricht dem des Deutschlandlieds, sodass es auch zur Melodie von Joseph Haydn gesungen werden kann. Hanns Eisler komponierte jedoch auch eine eigene. Kinderhymne, Deutschlandlied und sogar die DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ (Text von Johannes R. Becher, Melodie von Hanns Eisler) können zur Melodie der jeweils anderen Hymne gesungen werden.
    Sowohl die Regierung der Bundesrepublik als auch die der DDR lehnten damals Brechts Text ab.

    Vor der Wiedervereinigung 1990 wurde erneut über eine zeitgemäße gemeinsame Hymne diskutiert. Dabei fand Brechts Kinderhymne vor allem in Ostdeutschland, aber auch unter Literaten große Zustimmung. Maßgebliche Repräsentanten Westdeutschland wie Richard von Weizsäcker lehnten eine neue Hymne jedoch ab.

    Wenn sich die Gleichstellungsbeauftrage im Bundesfamilienministerium nunmehr an der einseitig männlichen Sprache des Textes stört und eher kunstlose Änderungen vorschlägt, wäre es eigentlich an der Zeit zu einem großen Schritt. Nämlich zurück zu Brechts Kinderhymne.

    Interessant ist in diesem Zusammenhang die Meinung von FR-Leserin Brigitte Ernst. Würde man die Weltliteratur tatsächlich im Sinn einer geschlechtsneutralen Sprache umschreiben, erwiese man damit nicht zuletzt den religiösen Fundamentalisten einen riesengroßen Gefallen. So ist beispielsweise das Alte Testament durch kaum übersehbare Widersprüche gekennzeichnet. Diese belegen eindeutig die Veränderung des Gottesgedankens als Folge jeweils neuer Thesen zu Moral, Recht und Sitten einschließlich der gesellschaftlichen Stellung der Frau im Verlauf von ca. 1.000 Jahren. Eine geschlechtsneutrale Vereinheitlichung könnte von weniger Gutinformierten als Indiz für die Allwissenheit Gottes gelten und auf dessen Autorenschaft hinweisen.

  11. Wolfgang Mohr sagt:

    Man sollte alles so belassen wie es ist. Die Begriffe sind halt so festgelegt. Es heißt einerseits Deutsches Vaterland, andrerseits Deutsche Muttersprache. Also was soll die verkrampfte Gleichschaltung einiger Besserwisser.Es war auch noch nie gut den Bürgern sprachliche Vorschriften zu machen. Ich erinnere an eine Zeit, als die Menschen hierzuland nicht mehr zum Gruß Guten Tag, oder Grüß Gott sagen durften , sondern Heil Hi…

  12. Anna Hartl sagt:

    @Werner Engelmann
    Der Vorschlag der Gleichstellungsbeauftragten fühlt sich einfach nach „an den Haaren herbeigezogen an“.
    Gibt es ein geschlechtsneutrales Wort für Muttersprache?
    Unsere Gleichheit definiert sich doch nicht nur über die Sprache und es lebe der Unterschied!

    Sprache ist ein Teil der eigenen Identität schreiben Sie und Sprache vorzuschreiben ist also ein tiefgehender Eingriff in die Identität und die persönliche Freiheit des einzelnen.
    Wie wahr.
    Ganz zu schweigen davon, dass sich nicht jeder von unserer Nationalhymne diskriminiert fühlt, um nicht zu sagen wenige.
    Ich halte es da mit Frau Eilers, brüderlich ist ein schönes Wort und es geht darum, was wir damit verbinden, den Sinn hinter dem eigentlichen Wort, was uns wiederum miteinander verbindet.
    Couragiert ist ein lächerlicher Ersatz.
    Mit Heimat und Vaterland verhält es sich ähnlich.
    In Vaterland klingt für mich auch Geschichte an. Heimat ist für mich der Ort, wo ich mich Zuhause fühle. Das muss nicht Deutschland sein.

  13. Brigitte Ernst sagt:

    Sollte man Hoffmann von Fallerslebens Deutschlandlied tatsächlich nicht mehr für zeitgemäß halten, habe ich nichts gegen die Wahl eines anderen Liedes zur Nationalhymne. Was ich rundweg ablehne, ist die Veränderung eines sprachlichen Kunstwerks. Das ist Barbarei, und wenn der Dichter noch am Leben wäre, könnte er gerichtlich gegen die Verhunzung seiner Dichtung vorgehen.

  14. Anna Hartl sagt:

    @Brigitte Ernst
    Vielen Dank Frau Ernst, sehr vergnüglich zu lesen.
    Das Elternteil der Porzellankiste, der Göttinnenfunke …, da möchte ich mich doch glatt mit Ihnen vergeschwistern.
    Wenn uns der Humor ganz abhanden kommt, können wir einpacken.

  15. Werner Engelmann sagt:

    @ Anna Hartl

    „Gibt es ein geschlechtsneutrales Wort für Muttersprache?“ –

    Das gibt es, ist aber nur in technischen Zusammenhängen, z.B. internationalen Sprachenabkommen sinnvoll, die eine Vergleichbarkeit der Niveaus verschiedener Einzelsprachen herstellen sollen. („Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen“ oder „Europäisches Sprachenportfolio“ des Europarats, für Deutsch vom Goethe-Institut erarbeitet.) Da heißt es „Erstsprache“. Ähnlich ist an Europaschulen die Bezeichnung L1 bis L4 eingeführt.
    Solche Vergleichbarkeit ist aber nur bedingt möglich, da es sich hier um „natürliche Sprachen“ mit den ihnen innewohnenden, historisch entstandenen „unlogischen“ Anteilen handelt. Ich habe jahrelang an der Erstellung einheitlicher Beurteilungskriterien für die verschiedenen Niveaus der Sprachen 1 bis 4 an Europäischen Schulen mitgearbeitet: für künstliche Sprachen wie Mathematik ein Kinderspiel, für Muttersprachen dagegen extrem schwierig.

    Bei Wikipedia, wo auf die Kritik am Begriff „Muttersprache“ eingegangen wird, gibt es nur teilweise befriedigende Antworten. Diese Kritik setzt an der Definition als der Sprache an, „die von der Mutter gesprochen und von ihr erlernt wird“. Was heute nicht mehr in allen Fällen zutrifft (im Barock und bei bürgerlichen Kreisen im 19. Jh. meist auch nicht).
    Das ist aber eine Kritik aus rein semantischer Sicht, d.h. die ausschließlich die innere Beziehung eines Sprachzeichens (Einheit von Laut und Bedeutung) berücksichtigt, nicht aber die etymologische Entwicklung und die Bedeutung für den Sprecher/Hörer. Das ist eine übergreifende „pragmatische“ Sicht, die hier allein wichtig ist.
    Das rein semantische Verständnis würde zu aberwitzigen, nicht handhabbaren Wort- und Satzungetümen führen. So etwa die Umschreibung von „Muttersprache“ bei der UNO: „…eine Sprache, die im Heim eines Individuums in früher Kindheit gesprochen wurde, aber nicht notwendigerweise die Sprache, die von ihm aktuell gesprochen wird“.
    Die „Vorschläge“ der „Gleichstellungsbeauftragten“ sind ja gerade deshalb so lächerlich, weil sie ohne Sinn und Verstand aus einem ganzen Spektrum von Bedeutungen eines Begriffs (hier: Angehörige einer Nation oder Sprecher) eine einzige, nämlich die der Geschlechterbeziehung, als angeblich für die gesamte Menschheitsgeschichte allein bedeutsam postulieren und entsprechend (in letzter Konsequenz) die Sprache (seit Urzeiten) ummodeln wollen. Dogmatismus pur, und deshalb so gefährlich, weil es letztlich dem Prinzip totalitärer Sprachlenkung entspricht.

    Die von mir zitierte Interpretation der Duden-Grammatik berücksichtigt dagegen die allein entscheidende pragmatische Dimension, also welche Vorstellungen und Gefühle in den Hirnen und Herzen der Sprecher/Hörer mit den verwandten Begriffen verbunden werden.
    Hier konkret „Muttersprache“ und „Vaterland“ als neue, in sich geschlossene Wertbegriffe, die mit den Einzelteilen der Zusammensetzung nicht mehr viel zu tun haben.
    Natürlich spiegelt die Entstehung der Begriffe historische Verhältnisse wider („weiblicher“ häuslicher und „männlicher“ politischer Bereich – ist noch bei Schiller so: „Lied von der Glocke“). Das ist für das heutige Sprachverständnis aber bedeutungslos. Und verändert wird dies nicht in der Sprache, sondern in der Realität. (Marx: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“) Dadurch ändern sich auch die in den Köpfen assoziierten Bedeutungszuschreibungen.
    Die nachträgliche Zerlegung der Wörter in die Einzelteile stellt die ursprüngliche historische Bedeutung wieder her, verallgemeinert sie und projiziert sie in die Gegenwart. Das trägt zu Hysterisierung bei, entspricht ziemlich genau dem Verfahren der AfD, zum Glück überwundenes „völkisches“ Verständnis von Sprache und Nation wieder zu erwecken. Leider gibt es nicht wenige, die aufgrund höchst rudimentärer Kenntnisse und einem unterentwickelten „Sprachgefühl“ auf solchen Unfug hereinfallen und sich dabei sogar noch für „links“ oder „fortschrittlich“ halten.
    In manchem (nicht generell jedem) Widerstand gegen „Genderisierung“ sehe ich ein durchaus „natürliches“ Gespür für das, was da abläuft – ohne dieses freilich genauer begründen zu können, wie ich es gerade tue.

    Es gibt zahllose Beispiele, die diesem Bedeutungswandel von „Muttersprache“ und „Vaterland“ entsprechen, besonders bei Sprichwörtern und Redewendungen.
    Etwa die Redewendung „mit Kind und Kegel“:
    Als „Kegel“ wurden im Mittelalter uneheliche Kinder bezeichnet, denen das Recht auf den Namen „Kind“ verweigert wurde. Das aber weiß heute kein Mensch mehr. Was übrig bleibt, ist allein das Gefallen an der Alliteration.
    Völlig abwegig zu behaupten, wer diese Redewendung gebraucht, der wolle ähnliche mittelalterliche Verhältnisse wieder herstellen.
    Etwas mehr Sachlichkeit, kritisches Hinterfragen der eigenen Sicht bzw. des eigenen „Gefühls“ könnte dagegen solcher Hysterisierung durchaus entgegenwirken. Das aber setzt neben ausreichender Sensibilität wiederum etwas Selbstbewusstsein voraus – und das ist wohl die Krux.

  16. Werner Engelmann sagt:

    @ Klaus Philipp Mertens

    Brechts „Kinderhymne“:

    Es mag ja aufschlussreich sein, die Entstehungsbedingungen des „Lieds der Deutschen“ nachzuzeichnen, bleibt aber eine leere Übung, wenn danach keine Schlüsse für die gegenwärtige Problematik erkennbar sind.
    Bez. der „Kinderhymne“ kann ich Ihnen gar nicht zustimmen. Ich halte es für einen der schwächsten lyrischen Versuche von Brecht, sowohl sprachlich wie inhaltlich. Kann dem „Lied der Deutschen“ nicht entfernt das Wasser reichen.
    Sprachlich wegen der höchst ungeschickten Wiederholung von „gut“ in zwei völlig vagen Kontexten, besonders dem völlig unklaren Maßstab „ein anderes gutes Land“ (?).
    Inhaltlich in der moralisierenden Vagheit insgesamt, auch, was die Beschwörung menschlicher Haltungen betrifft, ohne jeglichen politischen Bezug.
    Eine Hymne mit solcher Vagheit, in die jeder hineinlesen kann, was er will, kann keinerlei Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugen.

    Auch die „große Zustimmung unter Literaten“ sagt gar nichts aus. Das spiegelt lediglich die offensichtlich völlig unklaren Vorstellungen über eine mögliche und wünschenswerte Entwicklung sowohl 1950 als auch 1990 wider: Leise Ahnung von der Unvereinbarkeit der „Systeme“ (was Brecht erst 1953 klar wurde), ein Versuch, dies „irgendwie“ unter einen Hut zu bringen, ohne eigene konkrete Ideen.
    Da hatte Richard von Weizsäcker wohl ein richtiges Gespür.

  17. Barbara Eilers sagt:

    Ich bin sicher, dass Frau Ernsts Beitrag eine wunderbare ironischhe Ünertreibung war.
    Ja – die Kinderhymne! Zu schön- trotz brüderlich und Vaterland! Könnten wir sehr gut gebrauchen angesichts der kriegerischen und konfrontativen Zeiten und des Rufs nach Aufrüstung!

  18. Barbara Eilers sagt:

    Ihre Kritik, Herr Engelmann, scheint mir sehr formalistisch. Brechts Text verkörpert für mich genau das, was ich mir von und über dies Land wünschen würde. Bei der leider auch nach der Wende gebliebenen bisherigen Hymne kommt mich beim Hören immer ein leichtes Grauen an – wenn ich an die Geschichte und die erste Strophe denke. Da finde ich die von der Gleichstellungsbeauftragten vorgeschlagenen Veränderungen einfach nur läppisch. Und die ist immer im Hintergrund präsent -auch bei unseren völkisch-nationalistischen Rechten im LAand.
    Schade, dass mit der Wiedervereinigung eine große Chance vertan wurde. Damals waren wir alle voller Hoffnung auf ein Ende des kalten Krieges und fragten uns, wozu wir eigentlich noch eine NATo bräuchten. Und schauen Sie sich die Welt heute an.

  19. Wolfgang Mohr sagt:

    Es soll doch immer bei Vaterland und Muttersprache bleiben, da sind ja beide erwähnt. Übrigens was soll dieser Geschlechtsneutrale Krampf, den man uns bringen will. In einer guten Familie liebt man doch beide Elternteile und das in Erinnerung bis ins hohe Alter. Ich rate den Frauenbauftragten doch dann am Besten zu gewissen Gelegenheiten die zweite Strophe der Nationalhymne wieder einzuführen, da wird doch den Deutschen Frauen gehuldigt.

  20. Stefan Briem sagt:

    @ Barbara Eilers

    Ganz genau. Wie gut, dass wir die NATO noch haben.

  21. Jürgen Malyssek sagt:

    Was Klaus Philipp Mertens kenntnisreich zu sagen hat, sollte genügen, um den Spuk zu beenden.
    Das tut uns nicht gut, was da mit dem Drängen nach Geschlechtsneutralität getrieben wird.
    Erst der Mohr, jetzt die Hymne. Was folgt als nächstes?
    Demnächst eine neue Umschreibung der Bibel?
    „Am Anfang schuf das Wesen, das wir verehren, Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe, und der Geist des Wesens, das wir verehren, schwebte auf dem Wasser. Und …“
    Lasst uns dann lieber über die Götterwelt der Alten Griechen nachdenken. Da war der Olymp zwar nicht ganz paritätisch besetzt, aber für jeden war doch etwas da. Zeus hatte zwar das Sagen, aber oft sah er nicht gut aus.
    Also, wir schaffen das schon!

  22. Barbara Eilers sagt:

    Wenn schon, dann auch konsequent: die Geist*in des Wesens, das wir verehren….., Herr Malyssek! Wobei ich die gendergerechte Sprache nicht generell verteufeln will. sie treibt zwar witzige und schräge Stilblüten, übertreibt manchmal krass, hat Mut zur Lächerlichkeit – legt aber auch immer wieder den Finger in Wunden und bietet Anlass, sich Gedanken zu machen über Altgewohntes, das sehr ungern infrage gestellt wird. Ist ja auch unbequem. Aber ohne geht’s auch nicht.

  23. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Barbara Eilers

    Beim Geist würde ich sogar dazu neigen, das sächliche Geschlecht zu nehmen: das Geist, weil damit unproblematisch auch auf das Geistige übergeleitet und damit ein viel größeres geistiges Spektrum angesprochen werden könnte.

    Darüber hinaus könnte es dazu anregen, die Geschlechterfrage zu versachlichen: „Das war ich nicht“ oder „Das bin ich nicht“ oder „Eigentlich bin ich ganz anders“. Das könnte sehr zur Entspannung zwischen Frau und Mann beitragen. Das würde ich sehr begrüßen. Oder, Frau Eilers, sehen Sie das ganz anders?

  24. I. Werner sagt:

    Es muss Ende der 1950er Jahre gewesen sein, als sich die unverheirateten Lehrerinnen und Erzieherinnen in unserem Internat entschlossen hatten uns zu erklären, dass sie in Zukunft nicht mehr mit Fräulein angeredet werden wollten sondern mit Frau. Rechtlich war das sowieso schon möglich, hatte sich sprachlich wohl noch nicht umgesetzt. Uns Mädchen war das sofort sehr einsichtig, wir haben das sofort akzeptiert. Zumal es keine männliche Entsprechung wie Männlein oder Herrlein in der Anrede gab. Durchsetzen muss sich dieser Sprachgebrauch aber auch im Bewusstsein der Gesellschaft. Und da ist der Wandel eher langsam. Es dauert offenbar lange, bis er sich sprachlich etabliert. Als die Mauer fiel und wir auch Ostberliner Mitarbeiterinnen suchten, stellten sie sich sehr selbstbewusst als Ingenieur vor. Sie hatten mit dieser maskulinen Titulierung überhaupt kein Problem. Und wenn ich mich dunkel erinnere, gab es auch in der BRD nur den Titel des Professors, auch für die Frauen. Da hat sich sprachlich viel durchgesetzt, das ist gut und spiegelt auch die gesellschaftliche Akzeptanz. Frauen haben doch ihren Platz in der Gesellschaft längst erobert, auch wenn es noch immer Arbeitsplätze gibt, die als „weiblich“ gelten und immer noch schlechter bezahlt werden. Aber der langen Rede kurzer Sinn, wir müssen deshalb die Sprache nicht verhunzen mit Sternchen, Bindestrichen, – innen Anbindungen und sie damit ziemlich unlesbar machen, wenn doch jeder weiß, wer angesprochen ist. Das Wort brüderlich fand ich immer schön, der Ersatz geschwisterlich beinhaltet für mich was anderes. Das Wort brüderlich klingt für mich warm, geschwisterlich künstlich. Ich behaupte mal, die Sprachentwicklung im Volk macht daraus ihr Eigenes,

  25. Barbara Eilers sagt:

    Ja , da haben Sie sicherlich recht, dass es seltsame Stilblüten gibt. wie war das noch mit der Universität, die entschied, dass es generell nur noch weibliche Formen geben sollte und sich die Männer mit gemeint fühlen sollten? Herrlich! I h mag diese Art (vermeintlicher) Absirditäten – den. Sie führen so wunderbar den normalen Wahnsinn vor Augen. Ich spiele auch gern damit und habe lange gern das große I genutzt. Mit meinen Kolleginnen hatte ich Streit, weil sie in ein Angebot für werdende Eltern unbedingt auch die gleichgeschlechtlichen werdenden Eltern reinstricken wollten. Sie haben dann eine tolle Lösung gefunden.
    Was ich aber richtig blöd finde, ist, z.B. den Mohr aus dem Othello rauszunehmen, den Negerkönig aus Pippi Langstrumpf, die Brüderlichkeit aus was auch immer für Lieder, den Bewunderer aus dem Gomringergedicht….. Vielleicht bin ich da inkonsequent? Irgendwann setzt eben -finde ich -ein gewisser humorloser und fundamentalistischer Hang ein.
    Das Fräulein hat aber tatsächlich noch Jahzehnte gebraucht, bis es wirklich verschwunden ist.

  26. Werner Engelmann sagt:

    @ Barbara Eilers:
    „Irgendwann setzt eben -finde ich -ein gewisser humorloser und fundamentalistischer Hang ein.“ –

    Eine mit Sicherheit richtige, vielleicht noch recht vorsichtige Beschreibung dessen, was sich hier in zunehmendem Maße abspielt.
    Um das richtig einzuschätzen, bedarf es schon einer genaueren Differenzierung der zur Debatte stehenden Fälle. Denn die liegen auf völlig verschiedenen Ebenen:
    Die Bezeichnung „Fräulein“ (von der I. Werner spricht) ist im 20. Jahrhundert überflüssig und obsolet geworden. Ihr Wegfall entspricht einem normalen Sprachwandel, der einem Bewusstseinswandel folgt. Vergleichbar etwa zur Bedeutungsentwicklung des mittelhochdeutschen Worts „frouwe“ von „Herrin“ zur neutralen Geschlechtsbezeichnung „Frau“. Eine Entwicklung, die freilich einige Generationen in Anspruch nahm.
    Das große I im Wort stört zwar den Lesefluss, ist vielleicht auch als „Marotte“ zu bezeichnen, über die man lächeln kann, ansonsten aber relativ unproblematisch.

    Anders aber, wenn jemand, dessen Familie seit Jahrhunderten „Mohr“ heißt, von einer kommunalen Vertretung, die sich selbst zum „Gewissen der Nation“ erklärt, mit „Rassismus“-Vorwürfen überzogen wird. Oder wenn eine Gleichstellungsbeauftragte ihr engstirniges „Sprachgefühl“ zum Maßstab einer ganzen Nation erklärt und das schöne Wort „brüderlich“ als „sexistisch“ aus der Hymne getilgt wissen will.
    Und es geht ja noch weiter („Lebensart“ auf 3sat berichtete davon): Da wird ein schönes Gedicht von der Hauswand einer Universität getilgt, weil sich eventuell jemand in seinem subjektivistischen Sprachempfinden daran stoßen KÖNNTE.
    Und die nächsten Anschläge auf den so ganz und gar unemanzipierten Schiller (der sich zudem noch unterstand, zwei Schwestern zu lieben) und überhaupt die ganze Weltliteratur, die so gar nicht bereit ist, sich solch messianischem Stürmen und Drängen zu unterwerfen, sind wohl schon im Busch.
    Und statt das Ganze dem Bereich der Pathologie zuzuordnen – wo es wohl hingehört – werden immer neue gedankenschwere „Threads“ und Diskussionsforen eröffnet. Derweil das ganze Flüchtlingselend in den tiefsten Versenkungen des Unterbewussten verschwindet und „völkisches Erwachen“ fröhliche Urstände feiert.

    Was mit berechtigtem Anliegen um eine Sprache „political correctness“ begonnen hatte, die Diskriminierungen und Provokationen verhindern sollte, zieht immer weitere Kreise und wird immer abstruser. Es geht dabei auch offenbar nicht mehr nur um die Diskussion um die Grenzen der „Satire“ und „Freiheit der Kunst“, worauf Frau Ernst zu Recht hingewiesen hat.
    Im Falle der Mohammed-Karikaturen war die gesamte „westliche Welt“ sich noch einig, dass einer Religionsgemeinschaft nicht das Recht überlassen werden kann darüber zu richten, wie weit Kritik gehen dürfe.
    Was damals – mit gutem Recht – als „Zensur“ und massiver Übergriff einer fremden Religion mit totalitären Zügen auf unsere westliche Kultur empfunden und angeprangert wurde, die auf aufklärerischen Traditionen basiert, wird aber mittlerweise längst und in immer absurderer Weise von selbst ernannten Sprach-„Erziehern“ betrieben und gefordert.
    Und längst geht es um viel mehr: Um das Recht des einzelnen an seiner Sprache und um Zwang zur Selbstzensur, betrieben mit pseudo-aufklärerischem Impetus und viel Schaum vor dem Mund. Und die jeweils ausgeflippteste, von keinerlei Sachkenntnis getrübte „Betroffenheits“-Rhetorik maßt sich an zu bestimmen, was landesweit als „diskriminierend“ zu gelten habe und der „Gleichbehandlung“ widerspreche.

    Das geht über einen „humorlosen und fundamentalistischen Hang“ offenbar weit hinaus. Das trägt bereits totalitäre Züge. –
    Und ausgerechnet selbst ernannten „Abendland“-Rettern mit „völkischen“ Anwandlungen soll es zukommen, sich auch noch als „Sprachretter“ gegen diesen Unfug aufzuspielen?

  27. Siegfried Kowallek sagt:

    Der Vorschlag der Gleichstellungsbeauftragten des Bundesfamilienministeriums, Kristin Rose-Möhring, hat für mich immer noch einen gewissen Charme. „Vaterland“ durch „Heimatland“ zu ersetzen, ist indes in der aktuellen politischen Landschaft nicht so sympathisch, der verfassungspatriotische Vorschlag „Bundesstaat“ lässt sich jedoch nicht missverstehen. „Voller Mut“ statt „couragiert“ für „brüderlich“ ließe sich besser singen. Und das Wort „Unterpfand“ könnte, da im Aussterben begriffen, außerdem bei einer Hymnenänderung als obsolet aufgegeben werden. So böte sich folgende neue Hymne an:

    Einigkeit und Recht und Freiheit
    für den deutschen Bundesstaat!
    Danach lasst uns alle streben
    voller Mut mit Herz und Tat!
    Einigkeit und Recht und Freiheit
    sind das Glück, das man jetzt hat:
    Blüh im Glanze dieses Glückes,
    blühe, deutscher Bundesstaat!

  28. Manfred Kirsch sagt:

    Auch ich halte es wie Siegfried Kowallek für sinnvoll, bei einer Änderung der Nationalhymne darauf zu achten, dass der Geist des Grundgesetzes, der auch für Toleranz, Zivilcourage und Antifaschismus steht, in ihr zum Ausdruck kommt. Wenn die Hymne auch eine emotionale Bindung an die Werte unserer Verfassung mit befördern soll, dann ist es unbedingt notwendig, Verfassungspatriotismus in richtig verstandenem Sinne zur Geltung zu bringen. Wenn schon von Patriotismus die Rede ist, so kann in einer Demokratie nur der Verfassungspatriotismus gemeint sein, etwa im Sinne des verstorbenen ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. Siegfried Kowalleks Hinweis auf den Bundesstaat und damit auf die Werte des Föderalismus, der ja eine zusätzlicher Demokratiesicherung darstellt, ist daher genauso wichtig wie die Forderung nach Zivilcourage, die bei seinem Hymnenvorschlag ebenfalls zum Ausdruck kommt. Auf jeden Fall wird es wichtig sein, bei einer Neufassung der Hymne den föderalen, sozialen und friedlichen Charakter der Republik gegenüber nationalen und völkischen Ideen durchzusetzen.

  29. Brigitte Ernst sagt:

    Soll jetzt jeder nach eigenem Gusto am Text unserer Nationalhymne herumdoktern? Der eine, weil sie ihm zu völkisch, die andere, weil sie ihr zu männlich ist? Armer Hoffmann von Fallersleben!
    Da plädiere ich doch eher für eine ganz neue Hymne, möglichst von einer prominenten deutschen Musikgruppe verfasst. Ich schlage die Rodgau Monotones vor mit „Erbarme, die Deutsche komme“.

  30. JaM sagt:

    @ Manfred Kirsch
    „Auf jeden Fall wird es wichtig sein, bei einer Neufassung der Hymne den föderalen, sozialen und friedlichen Charakter der Republik gegenüber nationalen und völkischen Ideen durchzusetzen.“
    Auf jeden Fall sollte es Priorität haben, den föderalen, sozialen und friedlichen Charakter der Republik gegenüber nationalen und völkischen Ideen durchzusetzen. Dann wird es ziemlich egal sein, welchen Text die Nationalhymne hat.

  31. Barbara Eilers sagt:

    @Herrn Kowallek: Einigkeit und Recht und Freiheit
    Sind das Glück, das man jetzt hat
    Glück hat man nicht. Vor allem kann man es jederzeit wieder verlieren.
    Ich wäre auch eher dafür – wie Frau Ernst, aber ohne den zynischen Unterton dabei – sich gemeinsam um eine neue Hymne zu bemühen. Diesmal gemeinsam mit allen – auch denen aus den östlichen Bundesländern. Das kann eine fantastische Diskussion werden -hoffentlich ganz anders als das Geschwurbel um die „deutsche Leitkultur“ Um Werte sollte es aber natürlich gehen! Wollen wir nicht bei Campact eine Petition starten?

  32. Josef Ullrich sagt:

    Wie beim Thema Mohren, wenn man sonst keine Sorgen hat.

  33. Wolfgang Mohr sagt:

    Eigentlich wurde damals beide Wiedervereinigung etwas versäumt: Es wäre sicher eine schöne kultutrelle Aufgabe gewesen, wenn die Bundesregierung einen Wettbewerb für eine neue Nationalhymne ausgeschrieben hätte. Anstatt der einen Strophe, die wir singen, hätte die neue Hymne ruhig drei Strophen haben können, zumal das einstige Deutschlandlied dreistrophig war , wie auch die eistige DDR-Hymne. Man sollte immer lieber Neues schaffen, anstatt alte Lieder textlich zu verändern.