Bronskis Homeoffice-Tagebuch: Endlich Urlaub!

Leben und Arbeiten in Zeiten der Pandemie

Ach, mein liebes Homeoffice-Tagebuch! Wissen Sie noch: Es gab da mal einen Film namens „Caro Diario“, in dem Nanni Moretti auf seiner Vespa durch Rom gondelt  (unter anderem). So fühle ich mich manchmal auch. Ich gondle mit Ihnen durch die Themen, die Sie ansprechen. Manche führen Sie zu – entschuldigen Sie bitte die Umgangssprache – fetten Diskussionen, andere versanden, obwohl sie viel mehr Beachtung verdient hätten. So ist das eben.

Bronskis Homeoffice-Tagebuch – Tag 161
Dienstag, 18. August 2020
Endlich Urlaub!

Doch jetzt ist Schluss mit Homeoffice! Wenigstens für die kommenden vier Wochen, denn ich mache Urlaub. Und dieser Urlaub wird mich, auch wenn es lange nicht danach aussah, nun doch glücklicherweise nach Frankreich führen! Trotz Corona. Ist das möglich?, werden sich einige von Ihnen fragen, oder: Ist das verantwortbar? Gute Fragen! Kürzlich hatten mein Mann und ich am Telefon eine Diskussion mit einer langjährigen Freundin, die im Allgäu lebt und insistierte: Ich reise in diesen Zeiten selbstverständlich nicht! Eine respektable und zugleich, wie ich meine, trotzdem völlig überzogene Position.

Das Virus Sars-CoV-2 hat sich nur deswegen global ausbreiten können, weil es die für unsere Zeit typischen Verkehrs- und Handelströme gibt, kurz: die Globalisierung. Handelswege gibt es allerdings, seit es Menschen gibt; auch der „Schwarze Tod“, die Pest von 1348, hat sich auf Handelswegen verbreitet (mit Hilfe von Ratten und Schiffen). Experten – Epidemiologen und Virologen – haben daher mit Fug und Recht seit Jahrzehnten davor gewarnt, dass unsere Lebensweise ideale Voraussetzungen für die globale Verbreitung eines Krankheitserregers bietet, also für eine Pandemie. Die Menschheit war bemerkenswert schlecht vorbereitet, als diese Pandemie durch einen bis dahin unbekannten Erreger dann tatsächlich eintrat. Es gab genügend Vorwarnungen: HIV, Sars, Schweinegrippe. Ebola hingegen gehört bislang nicht in diesen Kreis der pandemiefähigen Erreger, weil es sich nicht durch die Luft verbreiten kann, sondern nur durch Schmierinfektion. Sars-CoV-2 übertrifft diese Erreger sämtlich, aus drei Gründen:

  1. Es wird sehr leicht übertragen; Aerosole (ausgeatmete Luft) können schon genügen
  2. Es kann übertragen werden, bevor der Überträger bemerkt, dass er es hat; d.h. Vorwarnsysteme verfangen nicht oder nur teilweise
  3. Es nutzt die Eigenschaften des menschlichen Immunsystems für seine Zwecke (bis hin zum Zytokinsturm, einer Überreaktion des Immunsystems, die sich gegen den eigenen Körper richtet und die tödlich enden kann)

Darüber hinaus scheint Sars-CoV-2 Spätfolgen zu haben, von denen wir noch kein stimmiges Bild haben. Es gibt Hinweise darauf, dass es sich in so gut wie allen menschlichen Organen bis hin zum Gehirn ausbreiten kann. Mit welchen Folgen, das werden wir erst in Monaten, wenn nicht Jahren genau wissen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat das Virus weltweit rund 780.000 Todesopfer gefordert. Ob die alle „an oder mit“ dem Virus gestorben sind, diese zynische Debatte werden wir hier nicht wieder aufnehmen. Viele der Opfer hätten trotz Vorerkrankungen sicher noch mehrere Jahre zu leben gehabt. Und wer jetzt noch behauptet, das Virus sei nichts anderes oder nicht viel schlimmer als eine normale Grippewelle, der fliegt hier raus. Das meine ich ernst! Dasselbe drohe ich Leuten an, die trotz dieser hohen Zahl von Todesopfern mit der angeblich niedrigen Letalitätsrate ankommen. Selbst wenn diese Rate bei „nur“ 0,5 Prozent oder gar darunter liegen sollte, bleibt dieses Virus wegen seiner hohen Infektiösität bzw. Übertragbarkeit hochgefährlich. Noch vor Ende dieses Jahres wird die Zahl der Todesopfer die Million überschreiten.

Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Das sind viele gute Gründe, um weiterhin vorsichtig zu sein. Wenn ich jetzt dennoch auf Reisen gehe, berücksichtige ich das alles. Denn mein Mann und ich, wir reisen mit dem Campmobil bzw. Wohnmobil. Man könnte auch sagen: mit dem fahrenden Eigenheim. Mit den eigenen Wänden um uns herum. Wir werden natürlich einkaufen gehen müssen, so wie zu Hause auch. Wir werden Rezeptionen von Campingplätzen betreten müssen, um uns anzumelden, Croissants zu holen und schließlich auch, um zu bezahlen. Das wird sein wie ein Ladenbesuch, wie wir ihn ohnehin tätigen, auch heuer in Offenbach. Mundschutz und Abstand halten ist obligatorisch, hier wie da. In Frankreich gibt es darüber hinaus derzeit Auflagen, dass beispielsweise Passanten in Innenstädten bzw. Fußgängerzonen Mundschutz tragen müssen. Ist für uns kein Problem, machen wir, wenn es nötig sein sollte. Wir werden aber vorwiegend, wenn wir nicht vor unserem Camper sitzen und lesen, auf unseren Fahrrädern in der freien Landschaft unterwegs sein und weiterhin, so wie wir es auch jetzt ohnehin tun, Menschenansammlungen meiden.

Wollen Sie wissen, wohin es diesmal geht? Falls es nicht zu heiß ist, wollen wir zunächst nach Verdun, das fürchterlichste Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs. Dort gibt es viel zu erfahren. Sollten die Temperaturen einen Inlandsaufenthalt erschweren – ich habe da ein paar ziemlich heiße Tage in Nevers in Erinnerung mit Temperaturen von bis zu 38 Grad; das macht keinen Spaß –, dann geht es ganz spontan einfach weiter ans Meer, also Richtung Atlantik.

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Die „Mündung“ des Golfs von Morbihan bei Locmariaquer. Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Bleiben wir bei der bisherigen Planung, dann wird eine weitere Station am Golf von Morbihan liegen, also in der Bretagne. Dort waren wir vor einigen Jahren schon mal, und es war toll. Nicht nur wegen der vielen Megalithen in der Gegend (Carnac) oder wegen der leckeren Austern, sondern auch wegen der Wildheit des Meeres. Der Golf von Morbihan ist ein Binnenmeer, das nur über eine Mündung von etwa einem Kilometer Breite Verbindung mit dem Atlantik hat. An dieser Mündung werden die Gezeiten zum Spektakel. Anschließend soll es weitergehen nach Limoges, um Freunde zu besuchen. Weitere Station könnte Limeuil am Zusammenfluss von Dordogne und Vezère sein. Auf eine Empfehlung hin wollen wir auch Saint-Antonin-Noble-Val am Fluss Aveyron erkunden, und schließlich – das wird niemanden wundern, der mich kennt – wollen wir nach Marseillan-Plage ans Mittelmeer, wo wir Stammgäste sind.

Falls es zwischendurch Probleme geben sollte, etwa indem ein Gebiet, in dem wir uns gerade befinden, zur Risikogegend erklärt wird, sind wir gewappnet. Eine zweiwöchentliche Quarantäne zu Hause ist kein Problem. Wir haben vorsorglich einen Notvorrat angelegt, mit dem wir voraussichtlich für diese Zeit auskommen werden. Falls ich nicht krank werde, dann werde ich die Arbeit an und mit diesem Blog und an und mit dem Leserforum der FR also am 21. September  wieder aufnehmen. Quarantäne und Homeoffice, das sind für mich ohnehin praktisch nur Synonyme.

Das FR-Blog ruht während meiner Abwesenheit, also vom 21. August bis 21. September. Dann kann hier nicht kommentiert werden. Die Online-Dokumentation Ihrer Leserbriefe findet in dieser Zeit leider nicht statt. Das Print-Leserforum wird in bewährter Weise von Karsten Essen betreut. Wir lesen uns wieder in gut vier Wochen!

Ihr Bronski

Naoned!

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Worldometer  +++ SafetyDetectives

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8 Kommentare

  1. Uwe Neumann sagt:

    Da hält sich der Gesundheitsminister streng dran. Risikofreudige Bürger reisen nach Herzenslust in die Krisengebiete (Risikogebiete), amüsieren sich und wissen, der dumme, zu Hause gebliebene, vernünftige Bürger kommt für alle Folgekosten auf. Über Steuergeld und Kosten der Krankenkassen, damit sonstige Leistungen gekürzt werden können, um den Unvernünftigen, auf sich allein besonnenen Risikoreisenden alle Kosten bezahlt werden können. Unvernunft ist angesagt. Warum auf Corona achten, zu Hause bleiben, wenn doch die Gemeinschaft für mögliche Ansteckungen aufkommt?
    Nicht zuletzt die Gesundheitsministerien lockern ja auch die Badesaison und fordern nur noch drei Quadratmeter Liegefläche je Badegast. Da kann Niemand die Grundregeln von AHA einhalten, selbst beim besten Willen schafft man es nicht.
    Badegäste, wie vorletztes Wochenende, liegen wie die Bücklinge in einer Fischbüchse, bei 3qm pro Badegast. Die Rechenkünstler haben noch nicht einmal das Rechnen auf der Linie nach Adam Ries drauf.
    Meine Meinung lautet daher: Jeder, der meint in Risikoländer reisen zu müssen, auf Malle die Sau rauslassen, der soll gefälligst auch seine zwei/drei Tests selbst bezahlen. Muss ich wegen dieser Unvernunft auf Leistungen meiner Krankenkasse verzichten, die dann wsegen Geldmangels gestrichen werden? Müssten nicht die Minister der Länder und des Bundes, die alles bezahlen wollen, erst einmal eine medizinische Untersuchung über sich ergehen lassen? Ganz gesund können sie ja nicht sein.

  2. Anna Hartl sagt:

    Lieber Bronski,
    ich wünsche Ihnen und Ihrem Liebsten eine wunderbare Zeit!
    Genießen Sie die Zeit in der Natur. Es sind die Momente, in denen die Pandemie weit in den Hintergrund rückt, was ich als sehr wohltuend empfunden habe.
    Viele Grüße, Anna Hartl

  3. Jürgen Malyssek sagt:

    Lieber Bronski,
    vielen Dank für die Infos oben & bon voyage!!

    P.S.: Unsere geplante Irland-Musik-Studienreise im Oktober ist der Green List etc. zum Opfer gefallen. Das wäre eine schöne Abwechslung geworden. Für einen kleinen Reiseveranstalter auch ein heftiger Rückschlag.

  4. I. Werner sagt:

    Beste Erholung Ihnen beiden.

  5. Eines Ihrer Reiseziele weckt bei mir persönliche Erinnerungen – nämlich Limoges.

    Zwei Urlaube Ende der 90er begannen auf dem kleinen Flughafen von Limoges. Von Frankfurt waren wir nach dem Umsteigen in Lyon innerhalb von knapp drei Stunden dort. Der Mietwagen war reserviert und nach weiteren 45 Minuten (zu einem großen Teil entlang der romantischen Vienne) erreichten wir gegen 11:00 Uhr unser traditionelles Domizil an der Charente. Der Patron begrüßte uns mit einem Glas Pineau und erzählte (obwohl wir es längst von ihm wussten), dass er im Mai 1968 als Ordonanz im Hauptquartier der französischen Streitkräfte in Baden-Baden Staatspräsident de Gaulle ebenfalls auf diese Weise begrüßt hätte. Der sei wegen der Unruhen in Paris zu seinem Freund General Massu „geflohen“ (per Hubschrauber).
    Und schon begannen unsere privaten politischen Erörterungen, die zeigten, dass kein Weg um die Ereignisse der Welt herumführt. Besuche in Oradour sur Glane haben diese Erkenntnis bekräftigt.

    Ihnen und Ihrem Mann wünsche ich einen erholsamen Urlaub.

    P.S. Falls Ihr Weg vom Atlantik nach Limoges über die N 141 führt und Sie Zeit haben für einen Abstecher in die „Alte Welt“, empfehle ich einen Besuch des im Wald gelegenen Amphitheaters in Bouchauds (Gemeinde Rouillac). Es ist mindestens so eindrucksvoll wie das in Orange. In Jarnac die N 141 verlassen (Generalrichtung Aigre) und dann 15 KM nordostwärts fahren. Wie in Frankreich üblich, hört die Beschilderung etwa einen KM vor dem Ziel auf. Dann helfen nur noch Kompass oder Navi.

  6. Juliane Schätze sagt:

    Lieber Bronski,

    gute Erholung für Sie und Ihren Mann bei Ihrer Reise durch Frankreich und eine gesunde Rückkehr in vier Wochen.

  7. hans sagt:

    Hallo Bronski,
    schönen Urlaub und hoffentlich macht ihnen die Autonummer OF keine Schwierigkeiten nach dem die Stadt sich jetzt zum Risikogebiet gemausert hat.

  8. Bronski sagt:

    @ all

    Danke Ihnen allen. Da Offenbach heute eine Inzidenz von 50 erreicht hat – hans hat es schon angesprochen – sollten wir nun zusehen, dass wir hier wegkommen.

    Viele Grüße und bis bald

    Ihr Lutz „Bronski“ Büge