Pastorale Belehrungen

Was ist für Sie Heimat? Wollen Sie drüber reden? Es gäbe gute Gründe, dies nicht zu tun, denn die Debatte über Heimat ist eine, die uns von den neuen Konservativen aufgezwungen wird. Ich bin ehrlich: Ich bräuchte sie nicht, diese Debatte. Gerade aus Frankreich zurückgekehrt, mit vielen frischen Bildern aus diesem herrlichen Land im Gepäck, inspiriert durch Menschen, die ich dort getroffen und gesprochen habe, halte ich diese Debatte über Heimat für ebenso muffig wie überflüssig. Aber damit stehe ich ja vielleicht allein. Roland Winkler aus Aue jedenfalls hat einen Leserbrief zu diesem Thema geschrieben, und den möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Ein Gastbeitrag.

Pastorale Belehrungen

Von Roland Winkler

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BILD geht mit Sonderausgabe in die Heimat-Offensive. Heimat- und Vaterlandsbewusstsein ist offenbar dringendst zu erklären und jedem Deutschen aufs Neue nahe zu bringen. BILD erinnert an deutsche Legenden, Taten, Traditionen, Leistungen, Deutsches und der Altbundespräsident gehört selbstverständich in den Heimat- Beschwörungs-Chor. Wenigstens weiß auch BILD, wie vielfältig Heimatverständnis, – liebe, – bewusstsein sein kann. BILD weiß ebenso genau, wozu und wann immer Heimat als emotionale Medizin gebraucht wurde und wird. Wenistens fehlt nicht der Ruhrkumpel, deren Bergbautraditon, harte Arbeit bis zur letzten Schicht. Wie viele der Ruhrkumpel hatten eine weitere andere Heimat als Deutschland.

Da wird es mit deutschem Heimatverständnis schon schwieriger. Pfeifkonzerte gegen einen deutschen Nationalspieler; woher kommt die Null-Toleranz? Wer schreibt jedem, der deutsch sein will und darf, was zu seiner Heimat, seinem Heimatverständnis, seinen Bindungen oder auch persönlichen Kontakten usw. gehören darf und muß? Was soll der Erdogan-Aufreger, der sich mit zahllosen deutschen Politikern zeigt, der als Verbündeter gilt und nicht annähernd als Buhmann und Diktator wie ein Putin behandelt wird?

Die Gaulands und Co fordern wie BILD dazu auf die deutsche Heimat zu lieben. Was ich an dieser Heimat liebe, das sollte mir überlassen werden, freiheitlich also. Ob der Beckenbauer mein verehrtes Heimatbild sein muss, da hätte ich schon Fragen. Was Gauck schon in Amtszeiten mit seinem Heimatbild an Anspruch an die deutsche Jugend verbundenn hat, das macht auch nicht unbedingt meine Heimat aus, Heimat wie ich sie mir vorstelle. Umkämpft und verdächtig belastet ist dieser Heimatbegriff, was Deutsche hinreichend wissen sollten. Darüber will nicht gesprochen werden, nicht darüber, was jetzt und heute den Heimatbegriff gerade so wichtig macht.

Was Heimat ist, mir bedeutet, das mag emotionale Momente haben, mal mehr oder weniger aufwühlend sein, aber Heimat ist jedem jederzeit gegenwärtig. Heimatgefühl ist gesund, wenn es auch ausdrucksstark sein kann aber immer und jederzeit die Heimat der anderen schätzt, deren Heimatgefühl achtet und sich nicht über das der anderen stellt. Heimatgefühl in Stellung zu bringen gegen Ausländer, Flüchtlinge, in Gegensatz zu deren Heimatgefühlen, die mit Verlust und viel Not, Elend und Gewalt verbunden sind, das ist mir keine ehrbare Heimatliebe. In dem Sinne ist meine Heimat nicht unbedingt und immer die Heimat wie jedes Deutschen, der seine deutsche Heimat liebt.

Die Erfahrung vieler Millionen Menschen verschiedener Nationen, Rasse oder Reigion ist es noch immer, daß Heimat das nichtbntrennen, ausschließen muss, im Gegenteil Heimat schöner, friedlicher, menschlicher liebenswerter machen kann. Pastorale Belehrungen braucht es zu Heimat bestimmt keine, die Fremde belehren und nicht sehen wollen, was sich ganz deutsch zeigt und entwickelt.

2 Kommentare

  1. Klaus Philipp Mertens sagt:

    In einer Großstadt des Ruhrgebiets, im Schatten einer riesigen Kohlenzeche, wurde ich geboren. Diese Region prägte meine Sprache und meine diversen Vorurteile. Als ich von der Grundschule, die eine evangelischen Bekenntnisschule war, aufs Gymnasium wechselte, musste ich jeden Schultag mit einem Nahverkehrszug der Deutschen Bundesbahn zehn Kilometer von der Vorstadt zur Stadtmitte fahren. Der tägliche Wechsel der Lokalität veränderte die Perspektive. Die war einerseits bestimmt von Dampflokomotiven und Personenwagen, die überwiegend noch aus den 30er Jahren stammten, andererseits von den neuen schlanken D-Zügen, die von mächtigen roten Dieselloks der Baureihe V 200 gezogen wurden. Zusätzlich beflügelten die schier unendlichen Schienenstränge meine Phantasie. Und der Mikrokosmos des Dortmunder Hauptbahnhofs vermittelte mir endgültig das Gefühl, dass meine kleine Welt an Grenzen gestoßen war. Hinter diesen verbarg sich (noch) Unbekanntes und möglicherweise Besseres.

    Heimat ist seither für mich eine Grenzerfahrung: Ich blicke zurück auf das Überschaubare, das für mich lange Jahre Normalität bedeutete, und schaue im nächsten Moment nach vorn. Denn alles bewegt sich, alles ist im Fluss, ich bewege mich mit, obwohl ich mir hin und wieder gern eine Pause gönnen möchte.

    Deswegen kann ich die Akzentuierungen, die der Begriff Heimat derzeit wieder erfährt, nicht nachempfinden. Ich erinnere mich gern an Menschen und Ereignisse meiner Kinder- und Jugendjahre im Ruhrgebiet. Ebenso aber habe ich Kulturlandschaften im Südwesten Deutschlands, in Frankreich und in England kennen- und schätzen gelernt. Auch die Bekanntschaft mit Gelehrtenrepubliken von Cambridge, Oxford und Tübingen haben bei mir Spuren hinterlassen. Und selbstverständlich die Menschen, denn ohne sie wäre alles unbelebt und bliebe lediglich der natürlichen Entwicklung sowie dem natürlichen Verfall überlassen. Menschen hingegen verändern das, was ist; allerdings allzu häufig gegen ihre eigenen Überlebensinteressen

    All das ist zu Mosaiksteinen in meiner Welt geworden, die sich von Jahr zu Jahr vergrößerte. Entsprechend dynamisch entwickelte sich mein Heimatbegriff. Er verlangt nach Eingewöhnung in das jeweils Neue und konserviert das, was ich als das Überstehenswerte von gestern und vorgestern verstehe. Wo das nicht geschieht, degeneriert Heimat zur Provinz im negativ besetzten Sinn des Worts.

    Aus dieser Perspektive nehme ich auch die aktuelle Flüchtlingsdebatte wahr. Sowohl die hier bereits lange Zeit Lebenden als auch die Neuankömmlinge weisen ein gefährliches Maß an Eindimensionalität auf. Vertreibungsängste der einen und offensives, vielfach gar aggressives Eintreffen und Auftreten der anderen stoßen auf einer Ebene aufeinander, die kaum Raum für Willkommen, Austausch und Angenommensein bietet.

    Etwas in meiner Entwicklung jedoch ist konstant geblieben, nämlich die Bedeutung der deutsche Sprache, in der mir alles vermittelt wurde. Sie ist für mich einerseits ein Muster an Präzision und andererseits eröffnet sie mir die Mehrdeutigkeit aller Denkbilder.

    Heimat ist nichts für Einfältige und deswegen ungeeignet für Nationalisten.

  2. Werner Engelmann sagt:

    @ Klaus Philipp Mertens

    „Heimat ist nichts für Einfältige und deswegen ungeeignet für Nationalisten.“

    Keiner hat dies klarer ausgedrückt als Kurt Tucholsky:
    „Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land.“
    (Kurt Tucholsky: Heimat. In: Stephan Reinhardt (Hrsg.): Die Schriftsteller und die Weimarer Republik. Ein Lesebuch. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1992, ISBN 3-8031-2208-2, S.170f.)

    Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Es sei denn die Schlussfolgerung, die Tucholsky selbst zieht:
    Was „Heimat“ ist und bedeutet, begreift nur, wer auch “ international fühlen“ kann.
    Was heißt: Es besteht keinerlei Veranlassung, die Definitionshoheit über „Heimat“ den „nationalen Eseln“ (Tucholsky) zu überlassen. Noch weniger, sich geistigen Usurpatoren vom Stil eines Alexander Gauland zu beugen, die sich als „das Volk“ aufführen, um sich „unser Land zurückzuholen“.

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