Zwei mal zwei macht fünf

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen findet Rechtschreibung nicht (mehr) so wichtig. „Jeder Mensch braucht ein Grundgerüst an Rechtschreibkenntnissen, das ist gar keine Frage. Aber die Bedeutung, Rechtschreibung zu pauken, nimmt ab, weil wir heute ja nur noch selten handschriftlich schreiben“, sagt er. Es gebe inzwischen „kluge Geräte“ für alles mögliche, auch für die Korrekturen in geschriebenen Texten. Natürlich bekommt Kretschmann dafür reichlich Widerspruch.

Keine Frage, unsere Welt verändert sich. Wann haben Sie zuletzt einen Brief mit der Hand geschrieben und mit der Post verschickt? Können Sie überhaupt noch handschriftlich schreiben? Wann haben Sie zuletzt ein Buch gelesen? Nun, ich denke mir, dass die meisten der Userinnen und User dieses Blogs auf diese Fragen Antworten geben würden wie: Ich lese regelmäßig und gern nicht nur Zeitung, sondern auch dicke Bücher; ich schreibe handschriftlich Tagebuch; und, ja, ich pflege gute, alte Brieffreundschaften und schreibe regelmäßig Briefe.

Doch die Welt ist im Wandel, und was für Sie und mich (noch) gilt, betrifft junge Menschen immer weniger.  Die haben sich längst andere Kulturtechniken angeeignet. Die kurze Textform wird bevorzugt (SMS), und in der schriftlichen Kommunikation, etwa in Chats oder in Online-Foren und -Netzwerken ist es nicht so wichtig, dass man auch mal Fehler macht. Vielmehr kommt es darauf an, sich prägnant und verständlich auszudrücken. Der Gedanke des Ministerpräsidenten, die Schulausbildung an den Notwendigkeiten der Zeit zu orientieren, ist daher nicht grundsätzlich falsch. Wir hatten eine ähnliche Debatte vor einer Weile schon mal beim Thema Schreibschrift bzw. Schönschreiben. In meiner Schulzeit wurde darauf noch wert gelegt. Aber die Frage muss erlaubt sein: Warum sollen Schülerinnen und Schüler etwas lernen müssen, was sie schlicht nicht brauchen?

Weil es den Geist formt. Das ist zweifellos richtig. Doch dieselbe oder eine ähnliche Formung, die letztlich auch mit Charakterbildung zu tun hat, ließe sich gewiss auch auf anderen Wegen erzielen, die zeitgemäß sind. Man kann natürlich den Verfall der Sprache beklagen, wie es vor einem halben Jahr der Verein Deutsche Sprache getan hat. Nur: Das wird nichts daran ändern, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Sie hat längst eine gewaltige Eigendynamik gewonnen und wird weitergehen, egal wie laut darüber geklagt wird. Daher ist es richtig, darüber nachzudenken, wie man dem gerecht werden kann, so wie es Winfried Kretschmann getan hat.

Balken 4Hirnschmalz für die Entschlüsselung

Man muss Herrn Kretschmann unbedingt zustimmen, wenn er die Rechtschreibung in Schulen nicht mehr für wichtig hält. Eine durch keine engstirnigen Vorschriften mehr gegängelte Schreibweise des Deutschen eröffnet völlig neue und kreative Möglichkeiten, sprachlich zu formulieren, die bisher durch kleingeistige Schreibkontrolle massiv behindert wurden.
Weiterhin wird das Denkvermögen der Schüler ausdrücklich gefordert, denn wenn in Zukunft jeder, auch ein einfacher Text, wegen seiner beliebigen Orthographie ein Rätsel darstellt, so muss zur Entschlüsselung des gemeinten Inhalts doch eine Menge Gehirnschmalz zur Anwendung kommen. Allerdings sollten Korrekturprogramme durchweg ausgeschaltet sein, weil das dem Lernen wiederum abträglich ist.
Die förderliche Methode, altbackene Regeln abzuschaffen und zu ignorieren, sollte auch im Bereich der musikalischen Instrumentalausbildung angewandt werden: Die Schüler sollten sich beim Vorspiel nur noch ganz locker an die vorgegebenen Noten und Tempi halten. Das Musikstück vor ihrer Nase ist sicherlich schon tausendmal und mehr gespielt worden, so, wie es da steht. Warum nicht mittels ganz anderer Töne mal mutig eine radikale Neuinterpretation von z.B. Beethovens „Mondscheinsonate“ oder „Für Elise“ wagen?
Wir empfehlen gleiches Vorgehen auch im Mathematikunterricht: Wer sagt denn eigentlich, dass 2 x 2 immer 4 sein muss? Das ist ja wirklich nur eine konventionelle Festlegung. Schon in der Grundschule sollten die Alternativen 2 x 2 = 5 oder 2 x 2 = 73 genauso gut gültig sein ebenso wie beliebig viele andere Lösungen.
Alle Schulfächer sollten in dieser Weise neu gestaltet werden: Der Stress, über den alle heutzutage klagen, wird sicherlich weitgehend abgeschafft werden und glückliche Schülermienen danken es Ihnen!

Johannes Krämer, Frankfurt

fr-debatteSollten sie trotzt dem Feler entdecken – macht ja nicks

Lieber Herr Grätschmann, man hat Mittlers Weile so seine Erfahrungen damit wie Politiker an der Lebens Wirklichkeit vorbeiagieren und wie Sie oft mit Ihrer mangelhaften Kompetenz, ins real Geschehen eingreifen zu müssen klauben. In Bildung relevanten Fragen ist, dass verehrend. Bespielet aus ihrem bundeslang finden sich hefig. Offensichtlich, erwarten sie auch nicht das man auf der Bahais einer stabilen Rechtsschreibung der Muttersprache sich später in der Orografie einer Fremdsprache ausrännt oder auch Fachbegriffe z.B in den von ihnen Einmal aus geübten Naturwissenschaften kor eggt, widergeben kann. Aber zum Glück, haben wir statt Rechtsschreikompetenz die Rechtsschreibkorrektur-pro krame, die alle unsere Efler Korrigieren.
Hoffentlich gibt es ballt auch pro krame die Endscheidungen von Politikern Korrigieren (z.B Stuttgart 21). Neben intelligenten Rechtsschreib-Pro kramen, hoffen wir endlich auf die Über Name, der macht durch die Künstliche Intelligenz.
Sie verstehen sicher was Ich Menge der ganze deckst ist durch mein Rechtschreibkorrektur-Pro kram gelaufen. Sollten sie trotzt dem einen oder Zwei Fehler entdecken – Macht ja Nicks. Es rauscht das Mann sahnt was Ich Menge.
Herzliche Gruses!

Hermann Heiser, Meins-Kastell

fr-debatteIch will speter auch mal lerer wern

Liber Härr Krätschman, fielen dank das sie die dofe rächtschreibung abschafen woln! Ich will speter auch mal leerer wern und da find ich es gut wen ich die schieler nich immer verbesern mus. Ich hab dann nich so fiel arbeit und kan auch noch in die polidik gen. Da mach ich dan das beim rächnen auch egal ist was rauskomt. Da froin sich alle besonderst die hendler von diesen interligenten gereten un ich wert zum beliptesten polidiker gewelt.
Fiele grüse

Lothar Reinhardt, Biebesheim

fr-debatteDer Trend geht zu immer mehr Bildhaftigkeit

Ausgerechnet von den Grünen, in diesem Falle vom Ministerpräsident Kretschmann aus Baden-Württemberg kommt der Hinweis, dass „Rechtschreibkenntnisse nicht mehr wichtig“ seien. Zwar spricht er jedem „ein Grundgerüst an Rechtschreibkenntnissen“ zu, aber negiert zugleich, dass Rechtschreibung „gepaukt“ werden müsse.
Es wundert ja nicht, dass gerade aus einem Bundesland, das von sich behauptet, alles zu können außer Hochdeutsch, eine solche Forderung kommt. Warum soll man nicht so schreiben, wie einem der Schnabel gewachsen ist?
An Kretschmann scheint die Diskussion in den letzten Monaten über den Stellenwert von Rechtschreibung völlig vorüber gegangen zu sein. Ich verweise hier nur auf die breiten Studien des Sprachwissenschaftlers Wolfgang Steinig, der die Rechtschreibkompetenz von Grundschülern untersucht hat und einen „Abwärtstrend“ bei schon sehr niedrigem Niveau beobachtet hat und den Boden dieser Entwicklung noch nicht sieht. Ein Grund für Steinig liegt darin, dass der Trend hin zu immer mehr Bildhaftigkeit („Emoticons‘‘) und Mündlichkeit zu tun hat. Das heißt, wir schreiben mehr und mehr so, wie wir auch sprechen würden? Und das gilt vor allem für Grundschüler.
Grundsätzlich plädiert Steinig dafür, Rechtschreibung insgesamt einen höheren Stellenwert zuzubilligen und zwar nicht nur im Deutschunterricht, sondern auch in all den übrigen Fächern. Rechtschreibung hat auch mit gut lesbarer, flüssiger Handschrift zu tun. Das ist kein Luxusproblem konservativer Feingeister im digitalen Zeitalter, vielmehr unterstützt das Anwenden der Handschreibung Rechtschreibung, Lesen und Textverständnis.
Kretschmann sollte sich ausnahmsweise den hessischen Kultusminister Lorz in einem Punkt zum Vorbild nehmen: Lorz will genau diese Kompetenzen bei (Grund-)Schülern durch die Erhöhung der Unterrichtsstunden im Fach Deutsch stärken.

Gert Hirchenhain, Fuldabrück

fr-debatteWozu überhaupt noch Schulbildung?

Es ist ja wirklich eine geniale Idee, den abgenutzten Slogan „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ endlich zu ersetzen. Jetzt heißt es also: „Wir können alles. Außer Rechtschreibung.“ Zum Glück gibt es ja jetzt „kluge Geräte“, die Grammatik und Fehler korrigieren. Aber wäre es dann nicht konsequent, auch noch andere Kulturtechniken abzuschaffen, wie z.B. das Erlernen des Lesens. Wie Sie als moderner Mensch ja wissen, können die „klugen Geräte“ durch die installierte „Sprachassistentin“ Texte vorlesen oder gesprochene Texte wieder in geschriebene Texte verwandeln. Das Verstehen längerer und komplexer Texte ist in Zeiten von WhatsApp und Twitter natürlich völlig überflüssig. Und dank Google sollten wir die SchülerInnen auch nicht länger mit naturwissenschaftlichem Unterricht ärgern, da ja alle Antworten auf den Tablets zu finden sind. Kluge Übersetzungsapps ersetzen den fremdsprachlichen Unterricht. Konsequent zu Ende gedacht, braucht es dank „Künstlicher Intelligenz“ überhaupt keine längere Schulbildung mehr, eine kurze Einweisung in die sich selbst erklärenden Programme dürfte doch ausreichen. Das ist dann die wirklich moderne Bildungspolitik der Grünen! So wird das „Ländle“ in Zukunft viel Geld für überflüssige Lehrkräfte und Bildungseinrichtungen sparen, was für die flächendeckende Digitalisierung und Überwachung zur Verfügung steht.
Übrigens Herr Kretschmann, „Feler sind ausdrücklich erlaubd“ und eine wirklich menschenfreundliche und moderne Pädagogik hat nichts mit Ihrer Vorstellung von „Pauken“ von Rechtschreibung zu tun.

Hermann Roth, Frankfurt

2 Kommentare

  1. Armin Beier sagt:

    Man sollte die unsinnige Aussage des Ministerpräsidenten nicht überbewerten. Schließlich ist er ja der Landesvater des Bundeslandes, das schon vor Jahren mehr oder weniger stolz verkündete: „Mir könnet alles – außer Hochdeutsch“.

  2. Sowohl die gesprochene als auch die geschriebene Sprache soll die Komplexität der menschlichen Lebensverhältnisse konkret und falls erforderlich abstrahierend wiedergeben. Das funktioniert aber nur, wenn der Einzelne über einen entsprechenden Wortschatz verfügt und sich in Grammatik, Semantik und Syntax professionell und ohne Hilfestellung bewegen kann.

    Ebenfalls unverzichtbar ist die Richtigschreibung der Wörter. Denn letztere sollen die Logik der Sprache abbilden. Die Rechtschreibreform von 1996 wollte diesem Ziel näher kommen, allerdings stand sie unter der Prämisse der Vereinfachung der Regeln, insbesondere bei der Groß- und Kleinschreibung. Das ist nicht immer gelungen, weil Vereinfachung auch eine Simplifizierung bedeuten kann, die mitunter in Verfälschung endet. Auch die Zulassung unterschiedlicher Schreibweisen dient nicht immer der Sprachlogik. Wer viel schreibt und sich bemüht, korrekt zu schreiben, kann von all dem ein Lied singen.

    Vor diesem Hintergrund hat es den Anschein, dass sich Winfried Kretschmann die Sache mit der Rechtschreibung zu einfach macht und ihre von der Sache her begründbare Vielschichtigkeit exakt dort reduziert, wo es auf Genauigkeit ankommt. Wenn er seine Meinung u.a. damit begründet, dass „wir heute nur noch selten handschriftlich schreiben“, übersieht er, dass handschriftliches Schreiben und das Schreiben am Computer denselben Grundanforderungen unterliegen (siehe oben). Und die „klugen Geräte“, von denen er sich die Korrektur von Fehlern erhofft, sind erfahrungsgemäß nur so intelligent wie ihre Schöpfer. Ganz abgesehen davon, dass ihr inflationärer Gebrauch zur Verblödung der Anwender führen könnte.

    Dennoch: Solche Hilfestellungen können nützlich sein. Das von mir häufiger genutzte Programm WORD (Bestandteil von Office 365 Business) kennt viele der von mir verwendeten Wörter jedoch gar nicht. Deswegen füge ich sie dem Wörterbuch hinzu (häufig bei substantivierten Adjektiven und Verben sowie Wortverbindungen). Benutze ich sie später wieder in ihrer Ursprungsform, meldet WORD einen Fehler. Soviel zur vielgepriesenen künstlichen Intelligenz.

    Selbst das Installieren der digitalen Duden-Wörterbücher „Rechtschreibung“, „Synonyme“ und „Fremdwörter“ hilft selten. Es scheint so, als ob die Schnittstellen (auf beiden Seiten) unsauber programmiert sind. Darum schreibe ich Texte, in denen ich zwangsläufig Fachausdrücke benutzen muss und in denen es auf Sprachlogik besonders ankommt, mit einem speziellen Programm, in welchem die Duden-Rechtschreibung einwandfrei funktioniert (PAPYRUS).

    Geradezu gefährlich für unser Bildungssystem halte ich Winfried Kretschmanns Erwägung, die schulische Ausbildung an den jeweiligen Zeitgeist anzupassen. Konkret also an das, was sich die Meinungsführer in der Konsumgesellschaft an Qualifikationen wünschen. Deren Prinzipien liefen auf eine neue Klassengesellschaft hinaus, die eindimensionale Persönlichkeiten auf verschiedenen Ebenen und Führer unterschiedlicher Ränge hervorbringt. Wer zu welcher Klasse gehört, erkennt man bereits heute vor allem am jeweiligen Bildungsgrad. Wenn Abiturienten trotz guter bis sehr guter Noten an den Universitäten selbst in den von ihnen favorisierten Fächern scheitern, ist das ein typischer Indikator für eine Fehlentwicklung. Auch in Kaufmanns- und Verwaltungsberufen bekommen Auszubildende (auch mit Abitur) erhebliche Schwierigkeiten, wenn ihnen die allgemeinbildenden Schulen den postulierten hohen Grad an Allgemeinbildung nicht vermitteln konnten.

    Und noch einmal zurück zur Rechtschreibung: Selbstverständlich verändert sich Sprache, schließlich lebt sie mit den Personen, Gegenständen und Epochen, die sie zur Sprache bringt. Aber ihre Grundaufgabe, die Gesamtheit aller Tatsachen logisch und verständlich wiederzugeben, ändert sich nicht.