Ernährung aus Überzeugung

Wer ein weltweit führender Nahrungsmittelkonzern sein will, der muss versuchen, rechtzeitig die Tendenzen zu erkennen, wie unsere Ernährung entwickelt werden könnte, denn man will ja, als Konzern, auch weiterhin gute Geschäfte machen. Nestlé ist ein solcher Nahrungsmittelkonzern, und dort hat man bei Allensbach eine Studie zu den Essgewohnheiten der Deutschen in Auftrag gegeben. Die Meinungsforscher befragten 1636 Menschen zwischen 14 und 84 Jahren und verglichen die Ergebnisse mit ihrer Umfrage von 2009. Die Ergebnisse sind nicht unbedingt überraschend. Wer wenig Geld hat, ernährt sich schlechter, also eher mit Nestlé-Produkten – das ist eines der Ergebnisse. Dass daran auch die Gesundheit hängt, muss Nestlé nicht interessieren. Eher das Image als Unterschichten-Ernährer. Wie kommt man da raus? Vielleicht mit veganen Nahrungsmitteln? Da kann man mit Chemie nämlich auch viel machen. – Die Nestlé-Studie kommentiert Anja Röder aus Wächtersbach im Gastbeitrag, der gekürzt auch im Print-Leserforum erschienen ist.

@ all – Eine Zwischenansage

Dieser Beitrag kann leider nur bis einschließlich Freitagmittag (17.5.) kommentiert werden, da ich dann in Urlaub fahre und das FR-Blog für vier Wochen nicht moderiert wird und nicht kommentiert werden kann. Ich veröffentliche den Beitrag trotzdem noch vorher, um die Vollversion der Zuschrift zu dokumentieren. Am 17. Juni wird dieser Thread sofort wieder eröffnet, so dass dann wie gewohnt vier Wochen lang zum Thema diskutiert werden kann.
Viele Grüße  — Ihr / Euer Bronski

Ernährung aus Überzeugung

Von Anja Röder

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Das Frühstück blieb mir heute Morgen beinahe im Halse stecken: Der Nestlé-Konzern hat eine Studie zum Ess- und Ernährungsverhalten der Deutschen in Auftrag gegeben. Ausgerechnet NESTLÉ.
Als Ergebnis der Studie präsentiert der Vorstandschef von Nestlé Deutschland Marc-Aurel Boersch die überraschende Erkenntnis, dass die unteren Schichten der Bevölkerung weniger Geld für Ernährung zur Verfügung haben als die mittleren und oberen Schichten, weshalb natürlich auch wesentlich mehr Menschen aus der „Oberschicht“ (die Gehaltszuordnungen zu den Schichten bleibt der Artikel leider schuldig), nämlich 72 % im Gegensatz zu 39% der weniger Vermögenden angeben, sich aus Überzeugung gesund zu ernähren. Deswegen würde auch der „wachsende Trend zu Produkten aus der jeweiligen Region, zu Saisonprodukten, zu natürlichen Lebensmitteln, zu Nachhaltigkeit und artgerechter Tierhaltung nur von der Ober- und Mittelschicht vorangetrieben.“
Sicher würden sich auch Geringverdiener gerne „aus Überzeugung“ gesund ernähren, wenn es denn ihr Geldbeutel zuließe. Leider ist es aber so, dass gerade Produkte aus artgerechter Tierhaltung oder Bio-Lebensmittel generell teurer sind als konventionell erzeugte Produkte. Ebenso verhält es sich mit zuckerreduzierten Produkten, wie Müsli, oder Trinkkakao, die dann meist mit weniger Inhalt daherkommen aber mehr Geld kosten. Oft sind dann auch noch die Portionsangaben verändert um die Vergleichbarkeit zu erschweren.
Nestlé hat eine große Bandbreite an Frühstückscerealien und Trinkkakao im Angebot, die mit plakativen Bildern um die Gunst der Kinder buhlen und die Erwachsenen mit Fitness-Slogans auf Müslipackungen mit überzuckertem Inhalt ködern.
Ökotest hat das Kakaopulver Nesquick Anfang des Jahres als schlechtestes Produkt im Test abgestraft. Der Grund waren stark erhöhte Mineralöl-Rückstände (Mineralölkohlenwasserstoffe) und der völlig überhöhte Zuckergehalt. Gesunde Ernährung sieht anders aus. Aber wer braucht schon eine verbindliche Lebensmittel-Ampel? Unsere (nicht meine) Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, setzt in allen Bereichen lieber auf Freiwilligkeit statt auf einheitliche, gesetzliche Vorgaben. Man will ja der Industrie nicht zu nahetreten.
Nestlé ist der größte Lebensmittelhersteller der Welt und macht einen Jahresumsatz von rund 80 Milliarden Euro und einen Gewinn von etwa 9 Milliarden Euro pro Jahr. Der Konzern besitzt unzählige Tochterfirmen (Maggi, L’Oréal, Vittel…) und ist von Wasser über Kaffee, Milchprodukte, Babyprodukte, Fertignahrung, Süßigkeiten bis hin zu Tiernahrung praktisch in allen Lebensbereichen anzutreffen. Den meisten Umsatz macht das Unternehmen mit löslichen Getränken, Nescafé ist die führende Kaffeemarke auf der Welt und der Konzern überschwemmt den Planeten mit den Aluminium-Kapseln für Nespresso, die auch in Deutschland millionenfach verkauft werden. Zur Produktpalette gehört auch Wasser, das zum Teil in Regionen gewonnen wird, in denen der Grundwasserspiegel bereits extrem niedrig ist. Während Nestlé dort weiterhin Millionen von Litern Wasser pro Jahr gewinnen darf (wie in Vittel in den französischen Vogesen), welches es dann in umweltschädliche Plastikflaschen füllt, sollen die Einwohner ihr Wasser über Pipelines aus weit entfernten Orten erhalten. Gewinnmaximierung schlägt Ethik – eine einfache Formel.
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Natürlich ging es Nestlé bei dieser Studie um unser aller Wohlbefinden und eine noch gesündere Ernährung, die dies ermöglichen soll. Deswegen sieht der Chef auch im Segment der Fertigprodukte „großes Wachstumspotenzial“, obwohl 20% der Befragten generell darauf verzichten möchten. Mehr frisches Gemüse will Herr Boersch dafür verwenden – man darf gespannt sein, wie das Maggi Fix-Produkt der Zukunft aussieht.
Die Verpackungsflut hat er ebenfalls erkannt und erläutert, 95% der Nestlé Verpackungen seien bereits recyclingfähig. Dumm nur, dass die Quote des tatsächlich in Deutschland recycelten Mülls gerade mal bei 5,6 % liegt (Spiegel 4/19). Wie schön, dass der Manager beim Anblick der vielen neuen Produkte und Verpackungen in Verzückung gerät. Als der Oberschicht zugehörig, kann sich Herr Boersch ja trotzdem ganz bewusst und aus Überzeugung gesund ernähren.

Ein Kommentar

  1. hans sagt:

    Es ist zwar klar was mit dem Bericht gemeint ist und es ist auch nicht völlig falsch, aber genauso klar ist das man sich morgens ein Bio Müsli mit Bio Jogurt für höchstens 70 Cent pro Portion machen kann.
    Nur weil man vielleicht nicht so ein hohes Einkommen hat muss man nicht aufhören zu Denken.