Bye bye, Britannia!

Es ist also geschehen. Nach drei Jahren des Brexit-Chaos ist das Vereinigte Königreich am 31.1. um 23 Uhr Londoner Zeit aus der Europäischen Union ausgetreten. Es ist der erste Fall eines solchen Austritts. Das Verhältnis zwischen den kontinentalen EU-Mitgliedern (mit Irland) und Großbritannien war nie einfach, und mehr als einmal stellte sich die Frage, ob die Briten sich selbst überhaupt als Europäer verstanden. Heute ist klar: Sie fanden mehrheitlich die wirtschaftlichen Vorteile gut, die der Staatenbund mit sich brachte, waren aber nicht dazu bereit, darüber hinaus zu gehen. Tendenzen zur Vertiefung der Staatengemeinschaft wurden von ihnen hintertrieben, und insbesondere in der Außen- und Sicherheitspolitik verfolgte das Land stets eigene Ziele. Die britische Politik hat die EU mehrfach als Projektionsfläche für alles genutzt, was im Vereinigten Königreich schiefging, und hat so von den eigenen Unzulänglichkeiten abgelenkt. Immerhin dazu war die EU nützlich.

FlaggenDas geht nun nicht mehr. Nun haben die Briten ihre nationale Eigenständigkeit zurück, und somit sind ihre Politiker fortan für alles verantwortlich zu machen, was auf der Insel nicht funktioniert. Politiker wie der regierende Premierminister Boris Johnson haben erhebliche Verantwortung auf sich geladen, denn es waren nicht zuletzt die von ihnen gestreuten „Fake News“ – um nicht zu sagen: Lügen -, die das Brexit-Referendum damals zuungusten der Mitgliedschaft gewendet haben. Aber dazu gehört natürlich auch die andere Seite der Wahrheit, nämlich dass viele Wählerinnen und Wähler allzu leicht bereit waren, diese Lügen zu glauben. Dieses Referendum war keine Entscheidung durch mündige WahlbürgerInnen, sondern eine durch verführte und manipulierte Politsubjekte.

Doch auch diese Debatte ist nun eine von gestern. Das Vereinigte Königreich freut sich auf seine wiedergewonnene Unabhängigkeit. Ich fürchte, man wird sich noch wundern auf der Insel. Bis zum Ende des Jahres 2020 soll nun ein Handelsvertrag mit der EU ausbaldowert werden, der die künftigen Beziehungen regelt. Dabei zeigt sich bereits, dass Großbritannien nicht bereit zu sein scheint, Normen beizubehalten, die in der EU flächendeckend gelten. Derzeit gelten diese Normen im Königreich noch – von sozialen Standards bis hin zu Zertifikaten für Finanzprodukte -, aber die Verantwortlichen scheinen sich nicht daran gebunden zu fühlen. Es könnte daher sein, dass die Briten sich in einem Land wiederfinden werden, das sein wirtschaftliches Heil in Niedriglöhnen und Steuerdumping sieht und das innerlich zerrissen ist – denn die jetzige Linie wird weder von den Schotten noch von Nordiren oder Wallisern mehrheitlich mitgetragen. Es könnte zu Sezessionsbestrebungen kommen, zu einem Zerfall des Verinigten Königreichs.

Wir werden es ja erleben, ob Boris Johnson, der als Tiger gesprungen ist, als Bettvorleger landet. Die Vergleiche zwischen Winston Churchill und Johnson, die dieser selbst so gern anstellt, hinken jedoch gewaltig. Im jahr 1946 hielt Churchill an der Universität von Zürich eine berühmte gewordene „Rede an die Jugend“, in der er sagte:

„Es gibt ein Heilmittel, das […] innerhalb weniger Jahre ganz Europa […] frei und glücklich machen könnte. Dieses Mittel besteht in der Erneuerung der europäischen Familie, oder doch eines möglichst großen Teils davon. Wir müssen ihr eine Ordnung geben, unter der sie in Frieden, Sicherheit und Freiheit leben kann. Wir müssen eine Art Vereinigter Staaten von Europa errichten.“ (Zitiert nach Europa.eu.)

Churchill hatte die Lehren aus dem Weltkrieg gezogen. Für Boris Johnson ist das alles nur eines: Geschichte.

Balken 4Wir kommen zum Wetter

Endlich! Endlich keine Nachrichtensendungen mehr wie etwa: Unterhausabgeordneter stößt sich beim Stuhlgang den Fuß. Wir ändern das Abendprogramm und senden eine Sondersendung im Anschluss der Nachrichten mit einem Exklusivbericht über die Brexit-Empfindungen der Katze aus Downing Street Nr. 10. Alle weiteren Weltnachrichten müssen deswegen ausfallen. Wir kommen zum Wetter. Über den britischen Kanalinseln zieht ein…

Jochen Dohn, Mittelbuchen

fr-debatteStets schwieriges Verhältnis zu Europa

Dass der Austritt Großbritanniens eine wirtschaftliche und politische Schwächung der EU ist, dürfte nicht zu bezweifeln sein und ist daher auch zu bedauern. Zu widersprechen ist aber der Aussage, die Briten seien gute Mitglieder der EU gewesen. Zu erinnern ist daran, dass die frühere Premierministerin Thatcher mit ihrer Forderung “ I want my money back!“ tatsächlich durchsetzen konnte, dass Großbritannien im Verhältnis zu Wirtschaftleistung weniger an die EU überwies als die anderen Länder. Gute Europäer?
Insbesondere Großbritannien hat eine neoliberale Wirtschaftspolitik vertreten, deren Deregulierungswahnsinn eine der Ursachen der Weltwirtschaftskrise 2008 war.
2011 erhielt die „Europäische Union“ den Friedensnobelpreis. Dass einige EU-Mitglieder 2003 die USA beim völkerrechtswidrigen Überfall auf den Irak unterstützten, wurde dabei wohl irgendwie übersehen. Wichtigster Komplize der USA in Europa war Großbritannien, das die USA wohl auch beim Foltern unterstützte (Stützpunkt der USA auf der zu GB gehörenden Insel Diego Garcia). Wie passt dass zu der immer wieder zu hörenden Aussage, die EU sei eine Wertegemeinschaft? Dieser Golfkrieg zerstörte die politische Architektur der Region und war eine der Ursachen der seit 2015 gestiegenen Flüchtlingszahlen. Aber auch hier verweigerten die Briten Solidarität.
Wir sollten diesen guten Europäern nicht nachtrauern.

Manfred Schulz, Herford

fr-debatteDie wohlfeilste Art des Stolzes

Den Ansatz zu einem Psychogramm Englands hatte 1851 schon ein geistreicher Analytiker geliefert. Was zur gegenwärtigen Präferenz von Nationalismus und Populismus statt Einer Welt und Die Geburt Europas aus dem Mittelalter (Jacques Le Goff) – bei gleichzeitigem ‚Descent of Man‘ (S. 4 u.) – zu sagen wäre, gilt noch immer: „Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein: hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füssen zu verteidigen. Daher wird man unter fünfzig Engländern kaum mehr als einen finden, welcher mit einstimmt, wenn man von der stupiden und degradierenden Bigotterie seiner Nation mit gebührender Verachtung spricht: der eine aber pflegt ein Mann von Kopf zu sein“. […] „Übrigens überwiegt die Individualität bei weitem die Nationalität, und in einem gegebenen Menschen verdient jene tausendmal mehr Berücksichtigung als diese. Dem Nationalcharakter wird, da er von der Menge redet, nie viel Gutes ehrlicherweise nachzurühmen sein“. Schopenhauer hat aber einzelne Repräsentanten der englischen Kultur auch hochgradig wertgeschätzt. (Arthur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit, 1851 · insel taschenbuch 1978).

Heinz Markert, Frankfurt

Ein Kommentar

  1. Werner Engelmann sagt:

    Stellt euch vor, die stolze Friedensnobelpreisträgerin EU ist um 66 Millionen Menschen ärmer geworden, und keinen interessiert das mehr!

    Das kann ich zwar bestens verstehen – aber so ein sang- und klangloser Abschied und nicht einmal ein Winke-winke?

    Doch auch nicht einmal mehr Häme über das Eigentor von Teamchef Johnson mitsamt seinem Ausputzer Farange, die sich selbst um die künftige Chance noch vieler schöner Abseitstore gebracht haben! Über deren Nicht-Anerkennung man die EU würde verantwortlich machen können.
    Zu Zeiten des berüchtigten Wimbley-Tors war das ja noch ganz anders.

    Seitens eines ehemaligen EU-Mitarbeiters mit nicht wenigen britischen Ex-Kolleginnen und -Kollegen sei aber doch daran erinnert, dass es außer einem ausgerasteten Team-Chef und seinen Fans auch noch andere gibt, die weniger zu nationaler Hysterie neigen und für die „fair play“ auch weiterhin ein englisches Wort ist.

    Zumindest den Schotten unter ihnen sei zum Abschied ein herzliches „Auf baldiges Wiedersehen!“ zugerufen.