Das Höfesterben darf nicht so weitergehen

Es ist derzeit wohlfeil in der Politik, die „Geiz-ist-geil“-Mentalität vieler deutscher Konsumenten zu geißeln, vor allem wenn es um Billigfleisch und Massentierhaltung geht, aber wir wollen nicht vergessen, dass es eben diese Politik ist, welche die Rahmenbedingungen für diese Fehlentwicklung schafft und geschaffen hat, denn: Billig hat seinen Preis. Zusammen mit der Europäischen Union, die mit ihrer Subventionspolitik für Agrarprodukte viel Unheil angerichtet hat. Diese Politik hat nämlich einen Konzentrationsprozess eingeleitet und gefördert hin zu immer größeren agrarischen Produktionsbetrieben. Das betrifft nicht nur das Thema Massentierhaltung. Wer mal die endlosen Getreidefelder in der Champagne oder in Brandenburg gesehen hat, wo kaum noch etwas anderes wächst als das Produkt, dem müssen zwangsläufig erhebliche Zweifel kommen, ob das der richtige Weg ist.

LebensmittelEinerseits stellt die Landwirtschaft die Ernährungsbasis für unzählige Menschen her, aber keineswegs alles fließt direkt in die Ernährung der Menschen wie beispielsweise Getreide, das zu Brot gebacken wird. Viele Agrarprodukte sind Futtermittel für „Nutztiere“. Aus anderen, etwa Rüben, wird Zucker hergestellt, von dem wir viel zu viel essen. Mais wird als Energiepflanze angebaut. Der Beruf des Landwirts, der einmal als bodenständig galt, ist heute auf Effizienz und Produktionsquoten getrimmt. Es geht anscheinend nicht anders, weil der Preisdruck von den Endverbrauchern über die Händler, die Großhändler, die Molkereien und Schlachthäuser an die Bauern durchgegeben wird. Die Bauern sind derzeit das schwächste Glied in dieser Kette. Ihre Verbände haben zumindest die Kleinbauern bisher nicht gut vertreten, sondern sich auf die Seite der großen Produzenten geschlagen. Dabei sind die Bauern eigentlich die, ohne die nichts geht – eben weil sie die Produzenten sind. Sie hätten durchaus die Macht, ihren Verhandlungspartnern die Zähne zu zeigen. Die Proteste französischer Bauern in den Jahren 2008 und 2009, in denen viel Milch einfach weggegossen wurde, haben durchaus Eindruck gemacht, auch wenn die Wirkung, die sie damit entfaltet haben, eher dürftig ausfiel. Vielleicht war die Aktion noch zu zahm?

Doch nein, die deutschen Bauern klagen, weil ihnen künftig neue Umweltauflagen ins Haus stehen, weil sie weniger Umweltgifte verspritzen und weniger Gülle auf den Feldern ausbringen dürfen. Das ist so bestimmt, die Bundesregierung folgt damit einer EU-Richtlinie, die wiederum Einsichten umzusetzen versucht – solchen zum Insektenschutz etwa oder zum Grundwasserschutz. Darüber regen sich die Bauern auf, anstatt die Fehlentwicklungen grundsätzlich anzuprangern. Und dann stellt sich ein Ministerpräsident Markus Söder (CSU) aus Bayern hin und spricht plakativ von einer „Bauernmilliarde„, welche die große Koalition für die Bauern springen lassen will – jedoch keineswegs, um deren Leben zu erleichtern und ihnen bei den grundsätzlichen Problemen zu helfen, sondern nur dafür, die Investitionen zu stemmen, die aus der neuen Richtlinie entstehen. Also noch mehr Bürokratie für die Bauern, noch mehr Neuerungen, die sie nicht wollen und von denen sie sich überfordert fühlen. Es geht nicht anders, aber der Frust ist verständlich. Kein Wunder, dass immer mehr Höfe aufgeben.

Balken 4Die Wiederbelebung der Genossenschaften

Wenn die Landwirtschaft weiter dem Diktat der Marktwirtschaft unterworfen ist und milch- oder fleischproduzierende Bauern nur als Mengenanpasser überleben können, wird sich nichts zum Guten ändern. Solange industrielle Schweinemäster ohne Mengenbegrenzung Schweinehälften für den Export in den unersättlichen chinesischen Markt produzieren können und Geflügelmastbetriebe ein millionenfaches Überangebot erzeugen und beide ihre Gülle ohne Begrenzung im Land und in Europa verteilen können, wird sich nichts zum Guten ändern.
Und wenn sich nichts ändert, werden dort, wo heute die grünen Kreuze der Bauern stehen, weiterhin Bauernhöfe sterben.
Die Vertreter dieser industriellen Landwirtschaft werden über Lobbyarbeit und über die Bauernverbände und bisher mit Hilfe der EU weiter ihre Interessen bei willfährigen Politikern (z. B. Fr. Klöckner) durchsetzen.
Wenn „Der Preis entscheidet“, dann wird es Mindestpreise geben müssen, um der Fehlentwicklung, die Existenzen kostet, die Umwelt vergiftet, dem Tierwohl entgegen steht und die Gesundheit der Verbraucher gefährdet, Einhalt zu gebieten. Das wird sich nicht mit wohlmeinenden und letztlich der Augenwischerei dienenden Appellen an den Handel regeln lassen. Mindestpreise lassen sich in der Marktwirtschaft dauerhaft und marktkonform nur durch ein entsprechend reduziertes Angebot, also durch Verknappung erreichen und aufrecht erhalten. Oder durch Festlegung im Rahmen verbindlicher Vorgaben. Diese könnten sinnvollerweise nur von den Landwirten selbst mit den darüber entscheidenden Politikern ausgehandelt werden.
Dazu bedürfte es eines nicht ausschließlich kapital- und profitorientierten, vor allem Großbauern fördernden Bauernverbandes, sondern einer am Gemeinwohl orientierten Interessenvertretung aller Bauern. Die gibt es in der Bauernschaft zur Zeit offenbar nicht.
Biobauern haben schon gezeigt wie es gehen kann. Der großartige Reformer Raiffeisen, dessen Gedanken in der modernen Landwirtschaft weitgehend verloren gegangen sind, hat schon Mitte des 19. Jahrhunderts gezeigt wie es geht. Die Wiederbelebung des Genossenschaftsgedankens könnte ein Ausweg für die Landwirtschaft sein. Dazu müsste sich der Bauernverband selbst erneuern (das ist kaum zu erwarten), von außen erneuert werden (das würde sehr viel Kraft kosten) oder ersetzt werden (vielleicht der einzig verbleibende Weg).

Jürgen Heck, Rheinbach

fr-debatteKleine Bauern werden aus dem Markt gedrängt

Warum sollten Verbraucher für Fleisch aus tierquälerischer, Güllefluten erzeugender Massentierhaltung plötzlich mehr bezahlen? Für solche austauschbare Ware ist der Weltmarktpreis entscheidend. Und es ist der Bauernverband, der die subventionierte Exportfähigkeit unserer Landwirtschaft mit zweifelhaften Erfolg mit befördert.
Wer mit Billigpreisen Landwirte anderer Länder, beispielsweise Geflügelhalter in Afrika in den Ruin treibt, darf sich nicht wundern, auch in Deutschland nur solche Preise zu erzielen. Auf der anderen Seite profitieren aktuell die Schweinehalter von guten Preisen, da die chinesichen Bestände infolge der Schweinepest eingebrochen sind.
Eine Abkopplung von Weltmarktpreisen und milliardenschweren Lebensmittelexporten durch eine Qualitäts- und Kennzeichnungsoffensive ist bei Bundesregierung, Bauernverband oder Handel weder absehbar noch erwünscht. So werden weiterhin kleine und mittelgroße Bauern trotz hoher Subventionen zugunsten der industriellen Landwirtschaft aus dem Markt gedrängt.

Peter Koswig, Korbach

fr-debatteDer Abnahmepreis wird diktiert

Landwirte wollen mehr Geld für ihre Erzeugnisse von den Lebensmittelkonzernen und nicht den Abnahmepreis diktiert bekommen. Nur so wäre die Umsetzung der neuen Verordnungen der EU und der Bundesregierung möglich. Der Gedanke ist völlig richtig. Nicht Geiz ist geil, sondern, dass der Produzent von seinem Verkaufspreis auch leben kann.

Jürgen Hempel, Lüneburg

fr-debatte

Es ist immer wieder das selbe Spielchen, das die Kanzlerin uns da vorsetzt: Sie ist die mächtigste Person in Deutschland – jedenfalls nach demokratischer Sichtweise – und diesmal geiselt sie eine Subventions- und Preisdumpingpolitik, die sie selbst und ihre Regierungspartei, die CDU, über Jahrzehnte mit verursacht haben und weiterhin unterstützen. Das Ich ist immer der Andere, und an die Stelle der Kanzlerin tritt nun die tatkräftig Sprecherin einer Bewegung für faires Handeln. Aber dieser Branche ist mit dem Appell an Fairness nicht beizukommen. Auch die Drohungen von Frau Klöckner, die an Stelle ihrer lächerlichen Aufforderung zur Selbstkontrolle getreten ist, werden wenig nutzen. Diese Branche aus Aldi, Lidl und Konsorten sind doch längst keine Konkurrenten mehr auf dem Markt, und deshalb spielen sie Monopoly mit uns. Kartellbehörden haben hier gründlich versagt. Die wahre Konkurrenz brauchen sie nicht zu fürchten – kleine, alternative Betriebe – weil weiterhin flächendeckend subventioniert wird, und sich die Kleinen das Preisdumping nicht leisten können. Die Kriegskassen der Konzerne sind immer gut gefüllt, weil es ihnen gelingt, Bauern auszubeuten und Kunden mit Hilfe ihrer perfiden Werbemaschinerie zu binden und Beide gegeneinander auszuspielen. Im Zweifelsfall schieben die Konzerne den schwarzen Peter, der in diesem Fall sehr weiß ist, auf die Zulieferer, und diese machen Politik oder Hersteller verantwortlich. Und die Bauern glauben noch immer, sie seien die Guten, weil sie auch Opfer dieser Politik sind und denken müssen, die Europäer litten Hunger, und deshalb müssten sie Massen produzieren. Aber Hauptsache, die Kanzlerin und ihre Landwirtschaftsministerin tun so, als ob (sie wirklich etwas ändern wollten), und die Gewissen sind beruhigt.

Robert Maxeiner, Frankfurt

4 Kommentare

  1. Diese ganze Diskussion geht mir so etwas von auf den Nerv ! Diese dummen Bauern fahren mit ihren Traktoren in den Städten herum, weil sie noch mehr Gift und Dünger auf die Äcker werfen wollen als bisher schon. Ihre eigenen Strukturen (Bauernverband, Herr Rukwied) haben dafür gesorgt, dass die Dinge so sind wie sie sind, und zwar EU – weit. Sie regen sich jetzt auf, weil sie gern noch mehr Gift und Dünger ausbringen wollen. Während der vergangenen 30 Jahre ist es der Agrarwirtschaft gelungen, 90 Prozent allen Lebens aus Gebieten der sogenannten konventionellen Landwirtschaft zu vertreiben, durch Gifteinsatz. Der Bürger ist dämlich genug, das nicht zu bemerken. Die Zahlen über Restbestände von z.B. Insekten stammen aus Naturschutzgebieten. Auch dort Verluste von 70 – 8o %. Die Regierung gibt jetzt 1 Milliarde Euro, Hilfe für was ? Belohnung für die ach so naturverbundene Landwirtschaft ? Es gibt ja durchaus vernünftige Landwirte, die auf Ökologischer Basis arbeiten, nur bekommen die überhaupt keine Hilfe. Es gibt auch eine Menge Bürger, die durchaus mehr Geld ausgeben, für die Produkte dieser Öko Landwirte. Also was soll die ganze Debatte über die armen , dummen Landwirte. Diese unsere Regierung sollte endlich eine Zertifizierung der Anbaumethoden herbeiführen, mit dem Ziel, das was an Natur noch da ist, zu schützen, die Bauern dabei nennenswert unterstützen und die Verpulverung von Geld durch die Flächensubvention komplett einstellen. Es würde den Bauern die Möglichkeit geben, aus der Gift/Dünger Schraube heraus zu kommen, es würde die Produkte verteuern und vor allem die sinnlose Massentierhaltung einschränken. All dies würde durch vernünftige Zertifizierung zu machen sein. Der Agrarindustrie würde es nicht gefallen. Aber so wie es jetzt läuft, völlig sinnlos eine Milliarde zu verballern ohne irgendetwas zu ändern, da kann man nur mit dem Kopf schütteln. Den kleinen Höfen wird es noch nicht einmal helfen.

  2. Jürgen Hempel sagt:

    Sehr geehrter Herr Jürgen H. Winter,
    wenn der Bauer ohne Gift und mit weniger Dünger auf den Feldern arbeitet, bedeutet das auch, das weniger geerntet wird. Und dass bei gleichem Arbeitsaufwand!

    Landwirte sind die Unternehmer, die schon ein Jahr im Voraus kalkulieren müssen, was sie im Folgejahr an Feldfrüchten anbauen wollen. Da sie ungefähr die Verkaufspreise kennen, können Bauern sich ausrechnen, wieviel Einnahmen zu erzielen sind. Da auch ein Landwirt Kosten hat und auch noch Leben will, benötigt er schon ein Bruttoeinkommen. Also, weniger Gift und Dünger = weniger Einnahmen. Wo soll das hinführen ?

  3. Hallo Herr Hempel,
    vielen Dank für ihren Kommentar. Alles richtig, was sie sagen. Mein Problem ist, dass die Bauern in der Stadt herumfahren und eben mehr Dünger und Gift verstreuen möchten. Das geht unter keinen Umständen und es gibt eine ganze Menge Bauern, die sog. Ökos, die das auch nicht tun. Die vom Bauernverband, Frau Klöckner und der EU vertretene Landwirtschaft, die sog. Konventionelle Landwirtschaft fördert aber mit der gegenwärtigen Förderung genau diese Art der Landwirtschaft, basierend auf Gift und Gülle, mit den geschilderten Folgen. Ich habe deshalb darauf hingewiesen, dass es einer besonderen, nämlich einer Zertifizierten Landbearbeitung bedarf, die dem Erhalt von Fauna und Flora dient, auch wenn die Erträge geringer sind. Diese Einbußen sind durch Förderung auszugleichen, es muss also eine Belohnung für den Bauern erfolgen, statt der Subventionen heute, die einfach der Fläche entsprechend ausgeschüttet werden. Also, nur Flächenschonende Landwirtschaft wird bezuschusst, um Mindererträge auszugleichen. Dafür sollten die Bauern demonstrieren, nicht für mehr Gülle und Gift, denn das macht keinen Sinn und wird vom Bürger auch nicht verstanden.
    Leider konnte ich diesen Kommentar erst jetzt schicken, mein Sohn musste erst meine Maschine wieder auf Vordermann bringen.

  4. Dieses ohrenbetäubende Echo auf diese mickrigen Beiträge ist bezeichnend für die Wertschätzung des Themas durch die Mitbürger. Es ist ihnen egal. Dies ist keine Kritik, dies ist eine Feststellung. Die allgemeine Verdummung des Menschen schreitet fort. Die so vielgerühmte moderne Technik führt dazu, dass der Bürger die Welt um sich herum nicht mehr kennt, er lebt zunehmend in der Welt der Bits und Bytes ohne wahrzunehmen, dass man die Dinger weder essen noch trinken kann. Hört sich blöd an ? Der Tag ist nicht mehr fern, da können die Bürger das herausfinden, denn Fauna und Flora auf diesem Planeten sind lebenswichtig und wenn wir es geschafft haben, diese Prozesse stillzulegen, werden unendlich viele Dinge nicht mehr funktionieren. Das fängt beim Trinkwasser an und hört beim Nichtwachsen des Getreides noch nicht auf, alles ist abhängig vom Funktionieren der Welt im ganz kleinen, das wir derzeit mit allem was geht vergiften, die Quittung kommt, aber es wird teuer. Auch auf diesem Gebiet ist unsere Regierung hilflos und rein Konzernabhängig, die Wissenschaft warnt, wird aber nicht gehört. Die Industrie hat das Sagen