Der „Gustloff“-Katastophe entgangen

Der „Gustloff“-Katastophe entgangen

Von Joachim Wagner

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Am 27. Januar 1945, so um die Mittagszeit, fuhr vor unserem Haus in Königsberg mit rasselnden Ketten und laut dröhnendem Motorengeräusch ein deutscher Panzer vor. Ein Soldat in Uniform stand sogleich in unserer Wohnung und rief meiner Mutter zu: „Marta, nimm die Kinder, du kannst nichts mitnehmen, wir müssen sofort weg, beeile dich bitte, sonst kommen wir hier nicht mehr raus.“ Sie tat wie befohlen. In meinem Schultornister wurden hastig das Silberbesteck meiner Eltern und mein Tauflöffel verstaut, meine Schwester durfte das Angorakaninchen mitnehmen, und schon fuhren wir im Panzer bis nach Zinten in die dortige Kaserne. Später erfuhr ich, dass mein Vater durch das Friseurgeschäft in der Boelke-Kaserne diesen Panzer fahrenden Kameraden kennen gelernt hatte.

Irgendwann waren wir dann in Gotenhafen in der Danziger Bucht. Dort lag die „Wilhelm Gustloff“, die uns Flüchtlinge über die Ostsee weg von der Front in Sicherheit bringen sollte. Meine Mutter strebte mit allen Kräften dorthin. Es herrschte große Hektik, Menschen schrien, Uniformierte erteilten Befehle, und uns drängten sie immer weiter nach hinten, weg von der Landungsbrücke. Meine Mutter war fest entschlossen, mit uns Kindern auf dieses Schiff zu kommen, um der Rache der Russen zu entfliehen. Sie kam aber nicht rauf, weil auf dem bereits hoffnungslos überladenen Schiff kein Platz mehr für eine Ruhr-Kranke wie meine Schwester war. Dann lagen wir niedergeschlagen in Decken gehüllt unter einer Freitreppe.

Am 7. Juli 1946 standen wir auf der Laderampe des Bahnhofs Aumenau/Lahn und warteten auf den Familienvater. Dann kam er zu Fuß um die Kurve und rannte uns entgegen, als er uns erblickte. Es flossen unendlich viele Freudentränen. Hand in Hand liefen wir dann durch den Wald nach Münster. Der Mann und Vater war im Krieg nicht gefallen, und die Mutter hatte sich und ihre Kinder eineinhalb Jahre lang einigermaßen gesund durch die Flucht gebracht. Was für eine Leistung!

aumenau-klein-blogKein Haus des im Tal liegenden Dorfes hatte einen Bombenschaden. Wir betraten das leer stehende, marode Bauernhaus des Bauern Hepp, es war sein Elternhaus. Er selbst wohnte nebenan. Es war zwar ein altes Lehm-Fachwerkhaus, aber es war ganz für uns alleine. Besser ging es nicht. Meine Eltern waren sehr groß im Organisieren und Improvisieren. Sie renovierten mit Gesammeltem, Geschenktem und Erbetteltem. Alles war willkommen, und sie verwerteten, was sie kriegen konnten.

Das Haus des Bauern Hepp
in Münster.
Foto: privat

Wir richteten uns ein. Da der Kamin im Wohnzimmer fehlte, war rasch eine Scheibe ausgeschnitten, ein Ofenrohr besorgt und durch das Fenster nach außen geführt. Mein Vater eröffnete dann bald ein kleines Friseurgeschäft, das aber kaum so viel Geld abwarf, dass es zum Leben gereicht hätte. Wir konnten uns nur deswegen Brot kaufen, weil er den Besitzer der Muschhammermühle getroffen hatte, dem er in dessen Soldatenzeit in der Boelke-Kaserne in Königsberg bereits die Haare geschnitten hatte. Mein Vater musste alle drei bis vier Wochen zur Mühle, um dem ganzen Klan einschließlich der Mitarbeiter die Haare zu schneiden. Sein Lohn war ein Sack Mehl, den er auf sein wackliges Fahrrad gepackt bekam, um ihn die etwa drei Kilometer nach Münster (damaliger Oberlahnkreis) zum dortigen Bäcker zu schieben. Dort wurde der Sack gewogen und in einem Backbuch eingetragen. Für 20 Pfennig Backlohn erhielten wir bei Bedarf ein wunderschönes, rundes, sehr gut schmeckendes Sauerteigbrot. War der Mehlsack laut Backbuch leer, musste der Vater wieder zum Haareschneiden zur Mühle.

Wir zogen Hasen, Gänse, Enten und Hühner auf, hatten einen Gemüsegarten am Haus und fütterten sogar ein Schwein schlachtreif.

wagner-mit-geschwistern-kleinEs waren schwere Zeiten. Meine Mutter war als Volksschülerin recht gut belesen. Sie zitierte gern Immanuel Kant mit dem Sinnspruch: „In schwierigen Zeiten besteht eine gewisse Pflicht zur Zuversicht.“ Mein Vater saß einmal am Tisch und weinte. Die Mutter sagte, dass er Zahnschmerzen hätte. Mein Vater hatte aber kein Zahnweh, er hatte nur unendlich Heimweh.

Der Autor (links) im Jahr 1948
mit seinen beiden Geschwistern.
Foto: privat

Als die aus dem Egerland stammenden Flüchtlinge einen Heimatvertriebenenverein gründen wollten, war mein Vater strikt dagegen und trat dem auch nicht bei. Sein Argument war, dass das nicht zur Verständigung zwischen Einheimischen und uns Flüchtlingen beitragen würde. Recht hatte er. Mein Vater half sofort den Einheimischen, in Münster einen Sportplatz zu bauen. Das war mit Pickel und Schaufel für einen feingliedrigen Friseur eine riesige Leistung und brachte ihm viel Lob und Anerkennung ein. Mein Bruder und ich bekamen von den pubertierenden Bauernjungs oft Schläge. Wir waren ja die lästigen Flüchtlinge, wir waren minderwertig und man nannte uns Kartoffelkäfer, weil sich diese, von den Amerikanern eingeschleppt, über die Kartoffelfelder hermachten. Wir wurden verglichen mit diesem Ungeziefer.

Nachdem ich nach dem langen Hungern kräftig genug war, durfte ich Fußball in der Jugendmannschaft mitspielen und die Nickeligkeiten legten sich langsam.

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portraetJoachim Wagner, geb. 1938 in Königsberg/Ostpreußen,
Dipl.-Bauingenieur, wohnt heute in Eschbach/Pfalz.
Er ist verheiratet.
Dieser Text ist ein Auszug aus
bisher unveröffentlichten Lebenserinnerungen.

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