Viele kleine hilfreiche Gesten

Viele kleine hilfreiche Gesten

Von Lieselotte Stracke-Stieler


Ja, die Ankunft in Deutschland enttäuschte alle meine (damals kindlichen) Erwartungen als Auslandsdeutsche. Für die meisten Mitmenschen und Behörden waren wir keinesfalls willkommen und wurden diffamiert, als gäben wir vor, verloren zu haben, was uns nie gehört habe. Im Nachhinein aber ist mir, als zählten vor allem die positiven Ausnahmen, die vielen kleinen hilfreichen Gesten, die einander ablösten und Halt gaben. Und auf diese möchte ich meinen Bericht beschränken.

Dafür steht für mich das Bild von Efeu, der sich immer wieder an etwas anheften kann, um weiterzuwachsen, mögen ihn einige als schönes, gar nützliches (Verdecker-)Grün, andere als bedrohliches Unkraut sehen.

Wir, das waren meine in Frankfurt/Main geborene Mutter, mein Bruder, Jahrgang 1936, und wie auch ich, Jahrgang 1933, in Bukarest geboren. Nach dem Wechsel des Kriegsbündnisses der Rumänen von der deutschen auf die russische Seite wurden wir im August 1943 bei Verlust allen Eigentums interniert. Mein in Dessau geborener Vater war zwar zunächst mitinterniert. Doch wurde er mit (fast) allen 16-45jährigen Männern und Frauen von dort aus als „rumänisches Kontingent“ in ein Arbeitslager nach Stalino abtransportiert. Bis 1948, als er zu uns und damit zum ehemaligen Stammsitz der Frankfurter Firma, die er seit 1930 in Bukarest vertrat, zurückkehrte, hatten wir nie etwas von oder über ihn gehört.

Wir drei also, Mutter, Bruder und ich, wurden -.nach fast 4 Jahren qualvollen Mangels an allem Notwendigen in zwei verschiedenen Internierungslagern ― samt aller überlebenden Lagerinsassen im Mai 1947 in geschlossenen Güterwagen aus Rumänien nach Deutschland ausgewiesen. In Deutschland galten wir dann allerdings als „Flüchtlinge“.

Und nun zu einigen Beispielen nachhaltiger positiver Erfahrungen: Auf der Fahrt von Rumänien nach Deutschland übernahm in Pirna russisches Militär den Güterzug von den Rumänen: Es wurden unverzüglich die Waggons geöffnet, Säcke mit getrocknetem Brot und Lokomotivwasser verteilt, und ein Offizier mahnte uns, abends die Türen zu verschließen, damit uns seine Soldateska nicht überfiele: “Dableiben, Eimer scheißen!“ Die Soldateska tat es natürlich trotzdem, aber wir waren vorgewarnt.

Der Transport endete in Jüterbog, und wir (vielleicht auch alle) stiegen in einen Zug nach Bebra um, wurden dort entlaust und sollten wohl in ein Lager kommen. Meine Mutter aber versuchte, Fahrkarten nach Frankfurt/Main zu kaufen mittels Reichsmarkmünzen, die sie in ihre Kleidung eingenäht hatte. „Liebe Frau“, meinte der Schalterbeamte, “die gelten schon lange nicht mehr, aber weil sie aus Silber sind, bezahl´ ich Ihnen die Fahrscheine“.

Vom total zerstörten Frankfurter Bahnhofsvorplatz aus versuchten wir, zum Haus der Schwester meiner Mutter und ihrer Familie zu kommen und irrten stundenlang durch die Stadt, bis wir auf einer Polizeistation erfuhren, dass das Haus im amerikanischen Sperrgebiet lag. Der Polizist nannte uns nicht nur die neue Adresse am Dornbusch, sondern gab uns auch Geld für die Straßenbahnkarten und – meinem Bruder und mir – ein paar Nüsse, die er in der Hosentasche trug.

Der Empfang bei den Verwandten war wenig freundlich, kamen da doch nicht die, an deren Fresspakete man während der Kriegsjahre gewöhnt war, sondern Rucksackbettler, die das zwar bombengeschädigte, aber immerhin freie Zimmer beanspruchten. Dazu war meine Mutter auch noch so „größenwahnsinnig“, für mich ein Gymnasium zu suchen, das sie mit 10,-RM von 48,60 RM Fürsorge bezahlen wollte.

Nur wenige Gymnasien waren wieder geöffnet, darunter eines am Zoo. Der dortige Direktor prüfte mein Bukarester Grundschulzeugnis und die Ausnahmeprüfung ins Gymnasium, fand darin das Fach Französisch und war als Französischlehrer davon so begeistert, dass er mich „altersgemäß“ in die Quarta (in die dritte, statt in die erste Klasse) aufnahm. Dort half mir mein Französisch nicht, es hätte Englisch sein müssen. Die Wissenslücken waren enorm, der Wissensdurst zwar auch, aber Versetzung war schon im Herbst. Doch das Kollegium war wohl barmherzig: Ich wurde versetzt.

Ein junger Arzt operierte meinen Bruder ohne Entgelt und schenkte uns seinen eigenen Urlaubsanspruch im Kurort Bad Brückenau.

Meine Klassenlehrerin stellte fest, dass es Zeit sei, den Konfirmandenunterricht der Wohngemeinde zu besuchen. Als der Pfarrer uns wegen der Anmeldung aufsuchte und feststellte, dass es in unserem einzigen und bombengeschädigten Raum keinerlei Möbel außer einer Gartenbank gab, aktivierte er seine Gemeindemitglieder. Umgehend erhielten wir von allen möglichen Seiten Bett, Tisch, Stühle, Ofen, Kleider und ein Care-Paket. Meine Mutter, die dies alles nicht umsonst haben wollte, freute sich, dafür eine kranke Künstlerin pflegen zu können. Bei ihr lernte ich Originalgemälde von Schmitt-Rotttluff, Max Peine und anderen modernen Malern kennen. Sie schenkte uns auch einen großen Papiersack mit „Nährflocken“, die ich damals sehr mochte und heißhungrig, sogar trocken verschlang.

Die Lebensmittel auf Bezugsschein mussten wir zum Teil verkaufen, doch konnte ich Sagokakao von der Schulspeisung, die nicht alle Klassenkameradinnen mochten, mit nach Hause bringen. Nein, Kaugummis, mit denen mich die amerikanischen Wachposten des Sperrgebiets am Dornbusch zu locken suchten, verschmähte ich, nicht aber die Papiere, in die sie eingewickelt waren, die überall herumlagen und deren Innenseite beschriftet werden konnte. Meine Mutter nähte sie zu kleinen Heften zusammen und ich nutzte sie für Hausaufgaben in klitzekleiner Schrift. Denn Hefte und Bücher gab es damals nicht zu kaufen.

Schwierig war ich durchaus. Als mich eine Religionslehrerin zu einer Adventsfeier in ihre Familie eingeladen und mir nach all den schönen Erlebnissen dort zum Abschied eine Tüte Kartoffeln in die Hand drückte, kam ich heulend nach Hause: “Warum hat sie mir Kartoffeln und kein Gedicht geschenkt?“ Auch Geburtstagseinladungen der Klassenkameradinnen wehrte ich ab, konnte ich doch weder ein Geschenk mitbringen, noch die Einladung erwidern. Auch brannte dazu immer noch in meinem Kopf, was einst ein Gastgeber zu meinem Bruder und mir gesagt hatte: “Das kann Euch Euer Vater jetzt nicht mehr bieten.“

Mit dem Wechsel der Wohnung und dem Beginn des Studiums in den fünfziger Jahren aber fühlte ich mich weitgehend „integriert“ und hoffe, dass dies auch den heutigen neu Zugewanderten bald so gehen wird. Dazu scheint mir wichtig, dass sie nicht nur die Nöte und Verletzungen, sondern auch die kleinen und größeren positiven Gesten sammeln und würdigen. Das hilft!

stracke-1Ich habe als Werkstudentin  die Fächer Deutsch, Französisch, Politik und Pädagogik an den Universitäten Frankfurt/Main, München und Paris belegt und war ein Jahr als „Assistante étrangère“ an zwei Volksschullehrer -Bildungsanstalt en in Charleville-Mézières tätig. Nach der Referendarzeit  unterrichtete ich 17 Jahre am Hessenkolleg-Frankfurt , dann als Fachleiterin für Deutsch am Studienseminar II in Frankfurt und anschließend 20 Jahre als Schulleiterin  am Lichtenberg-Oberstufengymnasium (LOG) in Bruchköbel .Nebenberuflich war ich beim Schulfunk des HR, am Seminar für Politik in Ffm. und der Volkshochschule Hanau bzw. des Main-Kinzig-Kreises tätig. Seit 1997 bin ich pensioniert.

Lieselotte Stracke-Stieler,
geb. 1933 in Bukarest (RO).

War u.a. Lehrerin am Hessenkolleg und Schulleiterin
am Lichtenberg-Oberstufengymnasium in Bruchköbel.
Verheirat, lebt heute in Neuberg.

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