Ankunft nach Flucht: Dagmar Scherf

Wir spürten keine Ablehnung

von Dagmar Scherf

.

Meine Mutter floh im Februar 1945 mit meiner Oma, meinen zwei Geschwistern und mir von Danzig nach Gunzenhausen in Mittelfranken. Ab Herbst 1945 bekam sie eine Lehrerinnenstelle an der Volksschule im zwanzig Kilometer entfernten Dorf Wettelsheim. Da Lehrer damals zumal in ländlichen Regionen noch als absolute Respektspersonen behandelt wurden, spürten wir in dieser neuen Bleibe keine Ablehnung.

Scherf Wettelsheim1948 begann meine Mutter zusammen mit Verwandten und wenigen weiteren Hilfskräften am Rande von Wettelsheim ein Siedlungshaus zu bauen. Ohne Bagger und Kran war das eine mühselige Arbeit.

Eine ungewöhnliche Hilfsaktion aus jener Zeit hat sie schriftlich festgehalten: „Der Pfarrer machte eines Tages mit seinen Konfirmanden einen Ausflug und kam an unserem Bauplatz vorbei. Wir luden gerade die Dachziegel von einem Lastauto ab und trugen sie einzeln auf das Dach. Das war zu sechst – mehr waren wir sicher nicht – sehr mühsam. Kurzerhand ließ der Pfarrer seine Klasse eine lange Reihe bilden vom Lastwagen zum Haus. Und dann flogen die Ziegel nur so von Hand zu Hand.“ – Das Fazit meiner Mutter lautete: „Ich glaube, dass die Konfirmanden in dieser Religionsstunde mehr gelernt haben als wenn sie in der Zeit über dem Katechismus gesessen wären.“

(Aus dem Buch „Veilchenbluten“ von Dagmar Scherf, VAS-Verlag 2013)

Dagmar Scherf, Friedrichsdorf

Bild: Privat. Alle Rechte vorbehalten.

Zurück zur Startseite des Archivs „Ankunft nach Flucht“ –> HIER.

ankunft-nach-flucht