Entscheidend war der Neuanfang

Entscheidend war der Neuanfang

von Karl Pfeil

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Elisabeth war gerade mal 25 Jahre jung als sie 1945 ihre Heimat  verlassen musste. Sie musste fliehen, denn sie wurde vertrieben. Ein Opfer der Benesch – Dekrete. Ein Opfer des Aussig – Massakers. Elisabeth blieb keine Zeit mehr. Sie musste lieb gewonnene Dinge zurücklassen. Nur das Nötigste befand sich im verbeulten Koffer. Etwas Wäsche. Einige wichtige Dokumente, einige Fotografien. Ein Bild und ein Buch über ihre Heimat.

Elisabeth Pfeil geb. Zach mit AkkordeonElisabeth wuchs behütet auf. Sie besuchte die Bürgerschule und machte eine Schneiderlehre. Elisabeth war eine humorvolle und lebensfrohe Person, liebte die Musik, spielte Akkordeon. Sie lachte gern und laut. Sie liebte ihre Stadt, die Elbe, die Burg Schreckenstein. Überhaupt Böhmen. Sie war froh, als dieser schreckliche Krieg endlich vorbei war. Sie wäre vermutlich ihrer Heimatstadt immer treu geblieben. —

Elisabeth Pfeil, geb. Zach,
ungefähr im Jahr 1940.
Bild: privat.

Anlass für die restlose Vertreibung der deutschen Minderheit aus dem Sudetenland war die Explosion einer Munitionsfabrik für die man  deutsche Zivilisten verantwortlich machte. Wie man heute weiß, war es jedoch eine gezielte Aktion des tschechischen Innenministeriums. Die genauen Opferzahlen sind nicht bekannt.

Die Vertriebenen wurden überall im zerbombten Deutschland verteilt und die Menschen, die hier den Krieg überlebt hatten, mussten freien Wohnraum zur Verfügung stellen. Elisabeth landete in einem kleinen, grauen Ort mitten in Hessen. Sie wurde bei einer Familie untergebracht. Die Menschen begegneten ihr zunächst kühl und argwöhnisch. Erst der Krieg und jetzt die Flüchtlinge. Die lebensfrohe Elisabeth heulte Rotz und Wasser. Sie war isoliert und fremd in einer Umgebung, die ihr nicht gefiel. Eine Eingewöhnung in die neue Situation erschien ihr als eine  unüberwindbare Hürde.

Die Bürokratie brachte sie wieder unter die Leute. Im  Amtsgerichtsgebäude befand sich die Registrierungsstelle. Der Mann dort am Schalter war freundlich und zuvorkommend. Er verschaffte ihr eine Beschäftigung als Hausschneiderin. Fortan ging Elisabeth in die Haushalte und schneiderte. Sie lernte eine Menge Leute kennen, die allesamt nett zu ihr waren. Das Eis war gebrochen und Elisabeth hatte ihr Lachen wieder gefunden.

Es sprach sich herum, dass der Mann vom Amt wohl ein Auge auf sie geworfen hatte. Im Ort nannte man ihn daher despektierlich den „Flüchtlingskommissar.“

Die beiden ließen sich nicht beirren. Im Januar 1947 wurde geheiratet und im November 1947 brachte Elisabeth einen gesunden Jungen zur Welt. —

Karl PfeilMeine Mutter hat mir nie viel über die schrecklichen Vorkommnisse, über ihre Vertreibung und über all diese negativen Erfahrungen erzählt. Warum, weiß ich nicht. Entscheidend war wohl ein Neuanfang. Sie lebte mit ihrem Mann zufrieden, hatte am gesellschaftlichen Leben großen Anteil und hatte vor allem eine Familie und eine neue Heimat gefunden. Sie starb friedlich im Jahre 2012 im 92. Lebensjahr.

Karl Pfeil aus Rabenau,
der Sohn der Protagonistin dieses Beitrags,
zeichnete diese Geschichte auf. Er ist Jahrgang 1947.
Bild: privat.

 

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Ein Kommentar

  1. Josef Ullrich sagt:

    Sehr geehrter Herr Pfeil,
    mit großem Interesse habe ich Ihren Bericht über Ihre Mutter gelesen. Als gebürtiger Aussiger, Jahrg. 1938, der bis 1948 in Schreckenstein gewohnt hat, interessiert mich wo Ihre Mutter in Aussig gewohnt hat. Meine Ausreise und Eingliederung habe ich am 7.12.15 in diesem Forum beschrieben. Über Ihre Antwort freue ich mich.
    Mit besten Grüßen
    Josef Ullrich, Frankfurt/Main