Hitlerfahnen zu Dirndlkleidern

Hitlerfahnen zu Dirndlkleidern

Von Doris Egerer

Ich war gerade sieben Jahre geworden. Wir wohnten in Oppeln. Papa war nicht da. Unsere Mutter packte für uns drei Mädchen (vier, sieben und elf Jahre) für die Weihnachtsfeier bei den Großeltern in Karbischau. Wir fuhren mit dem Zug nach Dambrau und Opa holte uns – wie immer – mit der Pferdekutsche am Bahnhof ab. Eine Tante mit zwei Mädchen (acht Monate und fünf Jahre) waren schon da. Nach Weihnachten hörten wir viele Flugzeuge, und immer wieder wurde geschossen. Unsere Mutter und Oma und die Tanten fingen an, zu packen und zu räumen. Manches wurde vergraben. Wir Kinder hörten immer nur „Wir müssen weg“. Alle waren sehr aufgeregt.

Eines Nachmittags wurden die Pferde angespannt, und alle mussten das Haus verlassen. Es hieß, „die Flak schießt uns raus“. Wir Kinder mussten aufs Fuhrwerk und aus dem Hintergrund hörten wir auch wieder Schüsse. Das ganze Dorf hatte sich aufgestellt, und der Treck fuhr los. Über uns Flugzeuge und hinter uns die Flak. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir unterwegs waren. Wir schliefen irgendwo auf Stroh, und am nächsten Tag verabschiedeten wir uns von den Großeltern. Unsere Mutter und wir wurden auf einen Lkw aufgeladen, auch die Tante mit den Kindern. An den Seiten des Lkw waren Bänke besonders für die Großen, alle anderen mussten auf der Erde sitzen zwischen Taschen, Koffern und Kinderwagen. In Freienwalde wurden wir ausgeladen, bekamen zu essen. Stroh war in einem Saal ausgebreitet zum Schlafen.

Dort waren wir eine Woche. Eines Tages packten die Mütter unser Hab und Gut wieder ein, und wir gingen zum Bahnhof, wollten in den Westen. Einige Züge waren schon überfüllt. In einem anderen konnten wir nicht mit, weil der Kinderwagen nicht mehr reinpasste. Wie sich später herausstellte, war das unser Glück. Der Zug fuhr nach Dresden, und in diesen Tagen brannte die Stadt. Es war die Bombardierung Dresdens.

Wir kamen dann doch irgendwann weiter und landeten in Trabitz bei Weiden. Dort durften wir eine Woche bei einem Bauern wohnen. Die Bäuerin war sehr nett, aber der Bauer wollte uns nicht behalten. Die Tante und die beiden Mädchen blieben da bei Verwandten. Wir wollten in die Rhön nach Rüdenschwinden. So hatten es die Eltern zu Hause noch abgesprochen. Da wohnten die Eltern einer Schwägerin. Leider wussten wir deren Familiennamen nicht. In Fladungen angekommen, hatten wir einen Fußmarsch von gut drei Kilometern vor uns. Auf dem Weg trafen wir einen jungen Mann, und Mutter sprach ihn an, ob er eine Moni kenne? Und wieder hatten wir Glück. Er war ein Schulkollege der Tante.

Aber wie erstaunt und entsetzt waren dann die Eltern dieser Tante Moni. Das kleine Haus war voll mit Familienangehörigen, die hier Zuflucht gesucht hatten. Und doch hat man uns aufgenommen. Wir schliefen auf Stühlen und auf der Erde, aber hatten ein Dach über dem Kopf. Schon am nächsten Morgen gingen Mutter und die ältere Schwester nach Fladungen auf Wohnungssuche. Der Bürgermeister, ein sehr freundlicher Mann, schickte sie in die umliegenden Dörfer. Es hatte nachts geschneit, uns es lagen etwa 20 Zentimeter Neuschnee. Und immer war ihr Weg vergebens.

Nach drei Tagen Suche und vielen Nein-Stimmen gingen sie wieder zum Bürgermeister. Er erbarmte sich und sagte, er mache´sein Büro für uns frei, fand aber doch im ersten Stock des Rathauses ein Kämmerchen für uns. So konnten wir unsere Sachen in Rüdenschwinden zusammenpacken und gingen nach Fladungen.

Es war ein kleines Zimmerchen mit zwei Betten, Tisch und Stühlen, aber wir mussten keinem mehr zur Last fallen. Eine Flüchtlingsfrau aus Frankfurt besorgte unserer Mutter eine Nähmaschine, nachdem sie gehört hatte, dass Mutter Schneiderin ist. Und sie brachte ihr auch gleich Arbeit. Bald kamen auch andere Frauen und ließen sich etwas schneidern.

Als unser Geld ausging, wollte Mutter bei der Sparkasse etwas vom Sparbuch abheben, bekam aber nichts, es war ja eine andere Bank.

Später nähte Mutter uns Kindern aus den alten Hitlerfahnen Dirndl-Kleider. Wir hatten ja nur warme Kleidung eingepackt! Einmal wollten wir bei einem Bauern Kartoffeln kaufen, bekamen aber keine – das seien alles Saatkartoffeln.

Etwa zehn Tage vor der Geburt meines Bruders kam unser Vater aus dem Krieg. Er hatte uns über die Familie in Rüdenschwinden wiedergefunden. Wir lebten zehn Jahre in der Rhön und haben heute noch Kontakt.

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Doris Egerer, Frankfurt Doris Egerer, ehem. Manhart, geb. 1937 in Oppeln/Oberschlesien, fasste 1945 in Fladungen Fuß. Heute lebt sie in Frankfurt. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder.

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