Plötzlich gab es Namen wie Hajek, Platzek und Blahout

Plötzlich gab es Namen wie Hajek, Platzek und Blahout

von Ulrike Ebner

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1943 wurden meine Eltern und ich (Jahrgang 1941) in Nürnberg ausgebombt.  Wir fanden eine Bleibe in einem ca. 50 km entfernten Ort in der Fränkischen Alb bei Greding. Auch die Schule, in der mein Vater in Nürnberg unterrichtete, war in Schutt und Asche.( Er musste nicht mehr an die Front, da er schon über 50 Jahre alt war). Er bekam auch gleich eine Lehrerstelle auf dem Land, da die jungen Lehrer dort im Umkreis zumeist in den Krieg abkommandiert waren.

Ich erinnere mich, dass selbst wir, die wir aus der nicht weit entfernten  Stadt kamen, nicht sehr von der bäuerlichen Bevölkerung geschätzt wurden. Wir waren die „Reingeschmeckten“, die Städter, die Fremden eben, zumal mein Vater kein Nazi war und meine Mutter auch nicht bei der Partei. Uns ging es nicht sonderlich gut, wir litten Hunger,  und hätten wir nicht den Schulgarten bewirtschaften dürfen, wäre der Hunger  noch ärger gewesen.

Als aber die Flüchtlinge kurz nach l945 in Scharen ins Dorf kamen, war die Stimmung unter den Einheimischen am Tiefpunkt. Jeder musste eine Familie aufnehmen. Die Ablehnung war riesengroß. Auch ins Schulhaus wurde eine Familie einquartiert und wir mussten das sog. Bad, die Küche und das Plumpsklo mit einer vierköpfigen Familie teilen. Es kamen zuerst die Menschen aus dem Sudetenland und später aus Schlesien. Es waren Frauen und Kinder und Alte, die jungen Männer aus deren Heimat waren im Krieg. Plötzlich gab es Namen wie Hajek, Platzek, Schymansky und Blahout etc., die sich mit den Stadlbauers, Grubers und Hinterseeers verständigen mussten, hier der bayrisch-fränkische Dialekt, dort die schlesisch- bzw. sudetendeutsche Sprachfärbung.

Vor allem die Bauern waren sehr unfreundlich zu den einquartierten Familien und legten ihnen Steine in den Weg, wo sie nur konnten. Sie durften nicht den Wasserhahn im Hause benutzen, sondern sie mussten sich Wasser vom Brunnen über dem Hof besorgen, auch im Winter – und die waren eiskalt.  Wenn sie versuchten zu hamstern, dann wurden sie zum Teil von Hunden vom Hofe gejagt und verbal beleidigt.

Allerdings waren die Flüchtlinge zum Teil sehr einfallsreich und versuchten, über die Runden zu kommen, so gut sie nur konnten. Sie betrieben Nachlese auf den Feldern, wo sie die zurückgelassenen Kartoffeln aufsammelten und auch Getreide, um das sich die Bauern sonst nicht mehr bekümmerten. Trotzdem wurden sie auch hier verscheucht und beschimpft. Sie sammelten Bucheckern und pressten daraus Öl, was die Einheimischen vorher nie machten. Sie sammelten Pilze und Heidelbeeren, um sie dann an die Dorfbewohner gegen geringes Geld zu verkaufen. Sicher, es gab auch Ausnahmen, aber die Mehrzahl der Einheimischen war sehr gegen die „Armenhäusler“ eingestellt,  von Mitleid kaum eine Spur.

Meine Mutter lernte in dieser Zeit noch Radfahren, um in den Nachbarorten persönliche Dinge wie Glacéhandschuhe, Chameuse-Unterwäsche, Tischwäsche und Familienschmuck gegen Butter, Eier und Mehl einzutauschen. Uns ging es dadurch etwas besser als den Flüchtlingen aus dem Osten, diese hatten nichts mehr zu tauschen oder anzubieten, einmal, weil sie in ihrer Heimat fast alles zurücklassen mussten und  zum anderen, weil auf ihrem Treck auch noch vieles verloren ging.

Die Flüchtlingsfrauen aber waren sehr geschickt im Stricken und Handarbeiten, sie brachten das Klöppeln nach Bayern, fertigten Hausschuhe aus Fahrradschläuchen (ja, das ging) und wuschen auf den Höfen die Wäsche der Bauern per Hand und Waschbrett. Wenn sie also „leistungsfähig“ waren, dann konnten sie ihr furchtbar ärmliches Leben etwas aufbessern, ansonsten war es für sie ein bitterarmes Dasein. Ich erinnere mich, dass ich einen wunderschönen Pullover von einer Frau aus dem Erzgebirge gestrickt bekommen habe, dafür wurde sie von meiner Mutter mit Gemüse aus dem Garten und in Wasserglas eingelegten Eiern entlohnt (man sammelte Eier im Laufe des Sommers und legte sie in einen Steintopf, der mit dem sog. „Wasserglas“ angereichert war, um sie für den kommenden Winter länger haltbar zu machen).

In dieser Zeit war es sehr schlimm, ein uneheliches Kind zu bekommen, wenn das Kind aber noch von einem Flüchtling war, dann kam das einer Katastrophe gleich, einem Sündenfall. Eine junge Frau, gebürtig im Ort, erwartete ein Kind  von einem Flüchtling. Sie war so verzweifelt, dass sie bis zur Geburt des Kindes ihren Leib  so stark schnürte, damit keiner merke, dass sie schwanger ist. So etwas ist heutzutage kaum mehr nachzuvollziehen. Letztendlich wurde dann doch noch mit Schimpf und Schande geheiratet, was für alle Beteiligten eigentlich ein Trauerspiel war.

Als dann die Amerikaner l945 auch unser Dorf besetzt hatten, kam es später zu „Fraternisierungs-Erscheinungen“ vor allem zwischen jungen Flüchtlingsfrauen und den GIs. Das kam gar nicht gut bei der männlichen, jungen Dorfbevölkerung an und die Mädchen wurden schnell als „Frolleins“ oder „Flietscherls“ abgestempelt.

Im heißen Sommer von 1947, als Deutschland wirklich hungerte und es nichts zu kaufen gab  (außer auf dem Schwarzmarkt), kamen die meisten Flüchtlingskinder nicht mehr zur Schule, mit der Begründung, sie hätten keine Schuhe. Also erließ mein Vater das Edikt, a l l e Schüler sollten barfuß zur Schule kommen. Soweit ich mich erinnere kamen sie alle, Bauern- und Flüchtlingskinder, ohne Schuhwerk, wie angeordnet. Keiner war mehr ausgegrenzt.

Mein Vater war auch begeistert von der Tatsache, dass sich mit den Jahren ganz langsam die Fronten  aufweichten und durch Eheschließungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen und den Geburten das Blut auffrischte. Aber  bis dies alles kein Thema mehr war, verging viel Zeit.

Es scheint, als hätte ein Großteil der Älteren heute all dies vergessen, was sie am eigenen Leibe erfahren haben. Viele jungen Menschen  aber von heute kennen solche Zeiten nicht. Vielleicht sind wir auch in weiten Teilen zu einer Empathie unfähigen  Gesellschaft geworden, um nicht nachvollziehen zu können, wie es den Menschen geht, die auf der Flucht sind.

Ulrike Ebner, Nidderau

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