Die Küche musste mit Flüchtlingen geteilt werden

Die Küche musste mit Flüchtlingen geteilt werden

von Carsten Dietrich Brink

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riststrasse-11-1959-kleinIch erzähle einfach einmal die Geschichte meiner Großeltern, die in einem Vorort Hamburgs lebten. Sie hatten dort ein eigenes Mehrfamilienhaus aus der Gründerzeit vor dem ersten Weltkrieg. Während des zweiten Weltkriegs ging mein Großvater nicht in den Luftschutzkeller und so konnte er das Abbrennen seines Hauses mehrfach vereiteln. Er warf die Stabbrandbomben aus dem Fenster, nur ein einziges Zimmer im Haus brannte aus.

Der Großvater von
Carsten D. Brink
hielt das Haus in Hamburg
penibel in Schuss.
Das Bild stammt aus dem Jahr 1959.

Foto: privat

Als die britischen Besatzungstruppen kamen, wurde die Wohnung meiner Großeltern zum britischen „Casino“, alle Wohnungen im Haus wurden beschlagnahmt. Meine Großeltern und meine Mutter, mein Onkel war noch in Gefangenschaft, mussten die Wohnung binnen zwölf Stunden räumen, Mobiliar und Hausrat mussten zurückgelassen werden. Es gelang aber, Wäsche und Geschirr im Garten zu vergraben. Die Großeltern zogen zu Schwager und Schwägerin am Ort. Ein Handwagen voller Besitz durfte mitgenommen werden. Ich erlebte die Nachwirkungen dieser Zeit, weil mein Großvater nie wieder ordentliche Türbeschläge, Lichtschalter und Steckdosen in seiner Wohnung anbrachte. Es blieb bei den Notbehelfen von etwa 1946. Auch die Schäden am Mobiliar wurden nie behoben.

Meine Großeltern bewohnten vor dem Krieg mit zwei Kindern eine Fünf-Zimmer-Wohnung mit Flur und Küche ohne Bad und Toilette auf dem Hof. Nach den Briten folgten Flüchtlinge aus Ostpreußen, meinen Großeltern und meinem Onkel verblieben drei Zimmer, die Küche musste mit den Flüchtlingen geteilt werden. Ein Zimmer wurde von einer Mutter mit zwei Kindern bewohnt, ein anderes von einem älteren Ehepaar. Das blieb so bis 1960.

brink-kleinBis 1955 waren neben Ostpreußen auch Helgoländer in der Straße, denn Helgoland gehört zum Kreis Pinneberg. Helgoland konnte erst dann wieder „besiedelt“ werden, als es nicht mehr „Bombodrom“ für die britische Luftwaffe war. Ich habe nie erlebt, dass es zu Streit oder Problemen gekommen wäre, mag sein, dass es half, dass mein Großvater selbst aus Ostpreußen stammte.

Carsten Dietrich Brink, Gauting



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