Bronskis Woche Rand linksIst es allein meine Wahrnehmung, dass der – ich nenne es mal so – gesellschaftliche Umgangston rauer geworden ist? Ich beobachte täglich auf meinen Fahrten zur Arbeit (mit dem Rad) aggressives Verhalten von Autofahrern, aber auch von Radfahrern und Fußgängern. In der Offenbacher Fußgängerzone kollidierte ich vor einer Weile fast zu Fuß mit einer Frau, die sich nur für das Display ihres Handys interessierte, nicht für ihre menschenreiche Umgebung. Sie machte einen Ausfallschritt in dieselbe Richtung, in die ich vor ihr ausgewichen war. Normalerweise eine Situation, über die man lacht und dann hinweggeht, doch diese Frau begann, mich anzuschreien, und als ich in ruhigem Ton sagte, sie solle eben auf ihre Umgebung achten, weniger auf ihr Handy, wäre sie fast auf mich losgegangen: Ich hätte ihr nichts vorzuschreiben.

Werden wir aggressiver?

Fast täglich hören wir Berichte über Klagen von PolizistInnen, Rettungssanitätern, Feuerwehrleuten, die an ihrer Arbeit gehindert oder sogar tätlich angegriffen werden. Bedenklich auch der Fall eines Frankfurter Rentners, der Polizeiweisungen missachtete und einen Beamten am Auto mitschleifte, als er versuchte, in die gesperrte Straße zu fahren. Es gibt bereits Autoren, die über dieses Phänomen Bücher schreiben. Der frühere FR-Autor Jörg Schindler etwa: „Die Rüpel-Republik“. Doch hier geht es nicht mehr „nur“ um Rüpeleien, hier geht es um handfeste Behinderungen und Tätlichkeiten.

Verbale Gewalt hat nach meinem Empfinden spürbar zugenommen. Katja Thorwarth und Stefan Krieger, unsere engagierten Onliner, bestücken mit Beispielen solcher Gewalt seit Jahren ihren „Hate-Slam„. Vielleicht ist das tatsächlich die beste Methode, damit umzugehen. Auch das folgende Stück Hassprosa eines Menschen, den ich zu seinem Schutz hier nicht namentlich nennen werde, wird Eingang in das Kompendium verbaler Gewalt finden, das der Kollegin und der Kollege mittlerweile angesammelt haben, denn ich habe ihnen diese Mail natürlich weitergeleitet. Ohne das jüngst ergangene Urteil des Berliner Landgerichts im Fall Künast würde ich so etwas hier nie veröffentlichen, aber wenn Beleidigungen wie „Drecksfotze“ oder „Sondermüll“ als Bezeichnung für einen Menschen hingenommen werden müssen, weil das unter freier Meinung läuft, dann muss man möglicherweise auch die folgende Mail hinnehmen. Der Autor äußert sich zu den Demos gegen die Internationale Automobilausstellung.

„Die Psychopathen sind Ökofaschisten und Terroristen gehören ins Gefängnis. Eingänge von Messen blockieren und anderen Mitbürgern ihr Recht auf Messebesuch nehmen, ist Nötigung und man sollte die Halbaffen bestrafen. Unfassbar, was für Menschenmüll sich in der BRD herausnimmt, der Mehrheit vorzuschreiben, wie sie zu leben hat. Ab in die Jauchegrube!“

Selbstverständlich darf man die Aktionen der Aktivisten kritisieren. Worum es hier geht:

  • um die Wortwahl, hinter der eine Gedankenwelt steckt, in der es möglich ist, von „Menschenmüll“ zu reden;
  • um die Tatsache, dass jemand dies nicht nur denkt, sondern aufschreibt,
  • und dass er es in einem Akt der Veröffentlichung der FR schickt, also nicht nur einem „Freundeskreis“.

Der Autor dieser Mail ist kein Einzelfall. Die Verrohung hat Ausmaße angenommen, die einen Thomas Mann den sittlichen Notstand ausrufen lassen würde. Offenkundig sinken bei vielen Menschen die Hemmschwellen. Das, was aus politischer Korrektheit angeblich nie gesagt werden durfte, scheint sich lauthals Bahn zu brechen. Sind das nur irgendwelche emotional verkümmerten Gewaltorgiasten, die sich da in abgeschotteten Stuben einer fragwürdigen Methode der Selbstbefriedigung befleißigen? Oder geht von diesen Menschen echte Gefahr aus? Warum sind sie derart aggressiv, mitleidslos, unempathisch und verroht? Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Ich habe bisher keine Antwort gefunden.

Auch das Interview von FR-Redakteurin Sabine Hamacher mit der Gewalt- und Konfliktforscherin Professorin Koloma Beck, derzeit an der Universität der Bundeswehr München tätig, befriedigt mich nicht. Sie sagt, ein solcher Anstieg eines wie auch immer gearteten Aggressivitäts-Pegels lasse sich empirisch nicht belegen – eine durchaus nachvollziehbare Aussage, weil man Vergleichswerte aus früheren Zeiten bräuchte. Es könne sein, sagt Koloma Beck, dass sich vielmehr unsere „Wahrnehmung solcher Phänomene und die Kommunikation darüber verändert“ habe. Mit anderen Worten: Wir sind sensibler geworden. Für mich persönlich kann ich allerdings sagen, dass ich schon immer sensibel auf Gewalt reagiert habe. Und zweitens: Um sensibler zu werden, muss man wohl solchen Phänomenen begegnen. Die Zunahme der Empfindlichkeit auf Gewalt, wenn dies denn zuträfe, kommt ja nicht von ungefähr. Sie ist nur dadurch erklärbar, dass sie gefördert wird. Etwa durch solche Hassmails, aber auch durch Politiker wie Alexander Gauland, der schon mal einen Menschen „in Anatolien entsorgen“ wollte.

Bevor ich nun aber in eine dieser Debatten abgleite, die nach dem Muster funktionieren: Was war zuerst da – die Henne oder das Ei?, nehme ich noch einmal das Buch „Faschismus“ der früheren US-Außenministerin Madeleine Albright zur Hand. Sie zitiert zu Beginn des sechsten Kapitels aus dem Tagebuch ihrer Großmutter, die bis kurz vor ihrem Abtransport optimistisch war: „Wenn wir begreifen, dass wir alle gleich sind vor Gott, wird es besser werden.“ Da ich nicht religiös bin, ersetze ich für mich die Passage: „gleich vor Gott“ durch „gleich als Menschen“. Albright fährt fort, aus den Worten ihrer Großmutter werde deutlich, dass ein „ganz gewöhnlicher Mensch selbst unter außergewöhnlicher Bedrängnis Mitgefühl auch mit völlig fremden Menschen empfinden kann“. (Was der Autor der oben zitierten Mail mir in anderen Mails über Flüchtlinge und im Mittelmeer Ertrunkene geschrieben hat, kann man sich vielleicht denken.) Albright weiter über ihre Großmutter:

„Diese edelmütige Gesinnung – die Sorge um die anderen und die Überzeugung, dass wir alle gleich geschaffen sind – ist das wirksamste Gegenmittel gegen die egozentrische moralische Stumpfheit, die dem Faschismus seinen Erfolg sichert.“

Ich habe keine Antwort auf die Frage, ob wir, unsere Lebenswelt, unsere Gesellschaft aggressiver werden oder geworden sind. Ich fürchte jedoch, dass die egozentrische moralische Stumpfheit inzwischen weit verbreitet ist. Mails wie die oben zitierte belegen, dass wir auf jedem Fall dem Faschismus wieder näher gekommen sind. Es ist wieder möglich, solche Dinge zu sagen:

„Menschenmüll“

Update: Der Leserbrief „Aggressiv teilnahmslos“ wurde dieser Diskussionseröffnung am 9. Oktober hinzugefügt, siehe unten.

Balken 4Hier noch zwei Leserbriefe, die in diesen Zusammenhang passen:

Aus dem Hinterhalt des Internets

Zu: „Empörung über Urteil zu Hass-Posts“, FR-Politik vom 20. September

Renate Künast muss es sich in der Quasi-Öffentlichkeit von Facebook gefallen lassen, als „Sondermüll“ bezeichnet zu werden. Und auch „Wurde diese Dame vielleicht als Kind ein wenig viel gef… und hat dabei etwas von ihrem Verstand eingebüßt“ darf man über sie sagen – das Recht auf freie Meinungsäußerung halt. Das wurde so vom Landgericht Berlin festgestellt. So weit, so schlecht. Meine Frage an das Hohe Gericht: Gilt das Urteil nur für Zurufe aus dem Hinterhalt des Internets? Oder dürfte ich Frau Künast nun auch, sagen wir mal, in der Schlange im Supermarkt ein „Stück Scheiße“ nennen, nachdem ich ihr zuvor ungefragt ein Gespräch aufgedrückt habe? Rausschmeißen dürfte mich der Supermarktbesitzer dann doch nicht, oder? Es ist ja meine Meinungsfreiheit innerhalb einer sachbezogenen Diskussion und eine öffentliche Person wie Renate Künast muss sich das nun mal anhören. Und was mich richtig neugierig macht: Wenn z.B. „Drecksfotze“ sich, so die Berliner Richter, haarscharf an der Grenze des von Renate Künast noch Hinnehmbaren bewegt, welche Ausdrücke gehen dann nicht mehr? Vielleicht sammelt man mal Vorschläge an den Berliner Schulen – mir persönlich fehlt die Fantasie.
Das mit der unantastbaren Würde des Menschen und so weiter scheint in der Rechtsprechung wohl doch nicht so einfach zu sein. Aber es gibt auch simplere Zusammenhänge vor Gericht: Wenn Frau Künast sich nicht erhoben hätte, als die Richterinnen und Richter eintraten, hätte sie wegen dieses unhöflichen und respektlosen Verhaltens ein Ordnungsgeld riskiert.

Achim Körner, Frankfurt

Aggressiv teilnahmslos

Es ist schwierig geworden im Alltag Contenance zu bewahren. Klar ist, die Einhaltung von bestimmten Spielregeln, die allerdings mehr als brüchig geworden sind (Höflichkeitsformen, Verkehrsregeln u.a.). Das, was die Soziologin Teresa Kolomo Beck dazu zu sagen hat, klingt mir an einigen Stellen sehr beschwichtigend und nach allen Seiten offen gehalten.  Man muss nicht die neueste Studie darüber gelesen haben, um die gesellschaftlichen Erscheinungen zum Thema griffiger zu benennen. Schließlich ist der Alltag mehr als ein Oberflächenphänomen.
Wir haben insgesamt gesehen eine Entwicklung zu beobachten, die von großer Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Überforderung des Einzelnen gekennzeichnet ist. Wut und hohe Aggression bestimmen nicht alle Orte des Geschehens, dennoch auffallend viele. Damit einhergehend verschwinden auch deutlich wichtige Grundformen des öffentlichen Verhaltens, neben der Höflichkeit sind das unter anderem Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme. Meine Alltagsbeobachtungen ergeben einen deutlichen Anstieg von Unruhe, Ungeduld, Aggressivität, Wut, Ratlosigkeit und Angst, bis zu Kampfbereitschaft!
Die Bücher und Gesellschaftsanalysen eines Alain Ehrenberg („Das Unbehagen in der Gesellschaft“) oder Till Bastian („Die seelenlose Gesellschaft“) kommen nicht von ungefähr. Die moderne Konsum- und Erlebnisgesellschaft wirkt tiefgreifend in unser Seelenleben hinein: durch eine sich ständig beschleunigende Mobilität, die Überflutung mit Informationen und zunehmenden Druck, sich zwischen vielen Optionen entscheiden zu müssen, sagt Bastian.
Die Gesellschaft ist eine ständig lärmende und sich überall laut äußernde geworden. Überbordende Emotionalität, etwa auf den Fußballplätzen oder den modernen Jahrmärkten. Verstärkt werden diese Zustände durch die chronische, fast neurotische Veröffentlichung des Privaten, wo sich nichts mehr bedeckt halten will und nichts geschützt bleibt. Sieht man mal von den noch extra zu behandelnden Bösartigkeiten der Menschen ab (der Mensch ist nicht gut, er kann es sein), so ist ein anderes Phänomen als Gegensatz auffallend, nämlich diese merkwürdige Apathie, die auf etwas wie Überdruss, Entfremdung, Schutzbedürftigkeit hindeutet. Es hat etwas Verstörendes, diese Mischung von Aggressivität und Teilnahmslosigkeit.
Teresa Beck sagt, die modernen Gesellschaften der Gegenwart seien sensibler geworden für Verhaltensweisen, die als aggressiv wahrgenommen werden. Das Verhältnis  von Gesellschaften zu Aggression und Gewalt habe sich ganz grundsätzlich verändert. Diese These bleibt vage und ich kann ihr so nicht zustimmen.
Um schließlich auf Aggression und Gewalt zu kommen,  ist mir als Beispiel ein bekanntes Phänomen bedeutend: Die öffentliche Gewalt gegen wohnungslose Menschen und die Verachtung sozial Benachteiligter. Hier bedarf es keiner sensibler gewordenen Gesellschaft, diese Tatsachen herauszustellen. Wenn bei den Gewalttaten (häufig rechtsextrem und rassistisch motiviert), auch aus der Mitte der Gesellschaft kommend, bei den (etwa jugendlichen) Tätern eine große Gefühlskälte, Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit, verbunden mit einem erdrückenden Zustand der Langeweile, festgestellt werden kann.
Zum Schluss vielleicht noch etwas Erfreuliches: Die gesellschaftliche Wachsamkeit und Sensibilität vieler jungen Menschen in dieser Zeit (etwa Fridays for Future) der öffentlichen Dauerkonflikte und seelischen Unruhezuständen!

Jürgen Malyssek, Wiesbaden

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11 Kommentare zu “Werden wir aggressiver?

  1. Insofern es keine aufsteigende Selbstbewegung kraft der Negativität gibt, lassen sich dadurch die einst von Albert Einstein geforderten höheren Ebenen des Denkens nicht erreichen, die allein ein Überleben der Menschheit ermöglichen. Angesichts dessen fragt man sich in der Tat: Was soll das? Zielführend ist das Gebaren mancher Zeitgenossen jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Es verliert sich geradewegs im Nichts. Die zu allen Zeiten stets nur sehr eng begrenzt verfügbaren Ressourcen werden für blanke Sinnlosigkeiten zuhauf vergeudet. Vielleicht ist es deshalb Ausdruck eines falschen Wohlstandsbegriffs und es wird schlicht nicht bemerkt, wie überaus widerspruchsvoll und eitel solch ein Dasein ist.

  2. Ich blicke ja nun schon auf ein ziemlich langes Leben zurück. Viele Kraftausdrücke waren in meiner Erziehung ein Tabu aber mir dennoch bekannt. Viele dieser Kraftausdrücke kamen aus der Fäkalsprache, sie waren schon auf der Toilette meiner Dorfschule an die Wand geschmiert. Und viele dieser mir als Kind verbotenen Wörter sind schon lange in unsere Umgangssprache eingegangen und haben deshalb keinen Steigerungswert mehr, wenn man seine Verachtung auf eine Person ausdrücken will. Es gibt, so scheint es mir, eine Inflation der Kraftausdrücke und wenn man jemanden so richtig beschimpfen will, dann muss man nachlegen und noch viel grober werden. Nein, schön finde ich das nicht. Aber die Frage steht ja hier im Raum, ob wir immer aggressiver werden. Ja, in Bezug auf die Verbalattacken ganz sicher, die im Netz hemmungslos verbreitet werden. Aber aus meinen Erfahrungen werden hier nur frauenfeindliche Klosprüche der dümmlichsten Art durchs Netz veröffentlicht, die es schon immer gab.

  3. Manchmal sind die Opfer aggressiver Ausbrüche vorher selbst gedankenlos und ignorieren ihre Umwelt, so als gäbe es nur sie alleine auf der Welt. Wenn diese ihr dann gebenenfalls erst vorsichtig, dann ziemlich ruppig klarmacht, dass es so nicht geht, sind sie vollkommen überrascht. Mancher Mensch geht dann in seiner Opferrolle so sehr auf, dass er nicht mehr in der Lage ist, auch eigene Fehler zu erkennen, die zu der Situation beigetragen haben.
    Mir wurde von einer älteren Dame in der Bahn einmal gesagt, ich solle mich behandeln lassen wegen meiner Aggressivität. Der Regionalexpress war ziemlich voll, und die Dame belegte mit ihrem Handköfferchen einen Sitzplatz in der Vierergruppe mit Tisch. Ich wollte mich dort hinsetzen, um am Tisch Zeitung zu lesen. Ich bot ihr an, den Koffer nach oben in die entsprechende Ablage zu befördern. Andere Fahrgäste würden ihr später sicher helfen, den Koffer zum Aussteigen wieder herunterzuholen, wenn er zu schwer für sie sei. Sie lehnte ab, der Koffer solle neben ihr stehen bleiben, sie bevorzuge das so. Ich fragte, ob sie zwei Fahrkarten habe. Sie verneinte, woraufhin ich erwiderte, dass sie dann keinen Anspruch habe, in einem vollen Zug zwei Sitzplätze zu vereinnahmen. Sie bestand darauf, dass ihr Koffer neben ihr bleibe, woraufhin ich den Koffer nahm (er war offensichtlich leer, man hätte ihn auch mit einem Finger anheben können) und nach oben in die Ablage beförderte. Ich teilte der Dame mit, dass ich mich nun neben sie setzen würde. Damit war sie nicht einverstanden, stand auf und versuchte, ihren Koffer wieder herunterzuholen sowie gleichzeitig mir den Zugang zum Sitzplatz zu blockieren. Ich konnte mich an ihr vorbeischieben und hinsetzen. Daraufhin nahm sie ihren Koffer und zog von dannen. Vorher jedoch fragte sie, was mir wohl im Leben widerfahren sei, das ich so aggressiv geworden sei. Ich erwiderte, dass ich zwölf Jahre im ICE gependelt sei und dabei gelernt hätte, wie man mit unverschämten Fahrgästen umgehe, die mit ihren Koffern die Sitze blockierten. Ihre Antwort im Weggehen aus sicherer Entfernung war die eingangs erwähnte Empfehlung einer psychiatrischen Behandlung.
    Die Dame empfand mein Verhalten offensichtlich als Aggressivität und wird dies sicher unter Verwendung dieses Begriffs so weitererzählen. Ich dagegen war der Ansicht, ihr lediglich mit Bestimmtheit die Grenzen ihrer Möglichkeiten, die Rechte ihrer Mitmenschen zu ignorieren, aufgezeigt zu haben, nachdem sie aus eigenem Antrieb nicht zur Rücksichtnahme bereit war.

  4. @ Jan Dunzweiler

    Ihre Schilderung ist klar und absolut nachvollziehbar. Sie liegen, was bestimmte Alltagserfahrungen betreffen, mit Ihrer Wahrnehmung, mit Ihrem Beispiel ziemlich richtig.
    Es gibt Menschen und durchaus recht viele ältere Damen und Herren, die „gedankenlos und ihre Umwelt ignorierend“, sich tatsächlich so verhalten, als seien sie alleine auf der Welt.

    Wenn es denn nur ein Problem junger Menschen wäre, wären die Klischees des Verhaltens im öffentlichen Leben schnell abgearbeitet.
    Aber so ist es nicht.
    Sie haben, Jan Dunzweiler, sich direkt und korrekt verhalten und erleben dann, wie leichtfertig und dreist Aggressivität ausgelegt wird, nur weil es Menschen gibt, die scheinbar eine gute Kinderstube hatten oder dies für sich in Anspruch nehmen, in ihrer eigenen Welt nicht gestört werden wollen. Besitzergreifend, starrsinnig und grenzenlos. Öffentlich!
    Mal abgesehen davon, dass wir schon einen deutlichen Anstieg von Aggressivität und Kampfesbereitschaft im Alltag haben, so wäre es jedenfalls etwas zu einfach, es „den jungen Leuten“ anzuheften. Der Anteil älterer „Herrschaften“ ist dahingehend beträchtlich.
    Ob Bus, Bahn oder Bus-, Bahnsteig, ich erlebe mehr Höflichkeit und Regeleinhaltung bei jüngeren Generationen.
    Auf die Ausgangsfrage „Werden wir immer aggressiver?“ zurückkommend, kann es nicht nur um sog. „Hate- Slam“ oder „Hate-Speach“ gehen, sondern v.a. auch um das Verhalten im öffentlichen (nicht virtuellen) Leben.

  5. Die Online-Zeitung „Tichys Einblick“ veröffentlichte vor wenigen Jahren einen Gastbeitrag von Jürgen Fritz unter dem Titel „Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten“. Zwar entschuldigte sich am 7. Januar 2017 die dortige Redaktion dafür. Aber die üble Behauptung, dass „grün-linke Gutmenschen … nicht körperlich, sondern geistig-psychisch krank“ seien, verbreitete sich schnell. Bereits im Jahr 1922 kritisierte der Philosoph und Arzt Karl Jaspers die „spießbürgerliche Art, den Begriff ‚krank‘ zur Herabsetzung zu benutzen“, weil das blind für die Wirklichkeit macht. Insofern weist sich die Dame, von der Jan Dunzweiler hier im Thread berichtet, in aller Öffentlichkeit selbst als völlig inkompetent aus, wenn sie ihm ihrerseits deswegen eine psychiatrische Behandlung empfiehlt.

  6. Mir ist die Fragestellung zu unspezifisch und zu wenig auf die Suche von Ursachen hin orientiert. Wobei mich besonders das diffuse „wir“ stört.

    Um es an einem Beispiel zu erläutern:
    Ich habe einmal in einer 10. Gymnasialklasse unterrichtet, stark von Mädchen dominiert, bei der viele Mädchen, aber auch Lehrer, über Aggressivität der Jungen klagten.
    Der Klassenlehrer und ich waren der Meinung, dass diese Einschätzung zu oberflächlich sei und die Gesamtsituation der Klasse ins Auge gefasst werden müsse.
    Wir organisierten, zusammen mit Eltern, ein Antigewalt-Training mit Rollenspielen in kleineren Gruppen, wobei jeder eine Gewaltsituation aus drei verschiedenen Perspektiven erleben und danach sein Empfinden beschreiben sollte: Als Aggressor, als Opfer und als unbeteiligter Beobachter.
    Unsere Vermutung bestätigte sich: In der völlig veränderten Situation arbeiteten die Jungen besonders gut mit.
    Ergebnis:
    Die Aggressivität entstand aus der Klassensituation (Dominanz der Mädchen), in der die Jungen (1) sich unterlegen fühlten, indem sie ihrem Selbstbild nicht entsprechen konnten, und (2) unfähig waren, aus ihrem eingeschliffenen Rollenmuster (aus ihrer Haut) auszubrechen und eine andere Perspektive einzunehmen.
    Ursachen von Aggressivität sind also meist in Rollenunsicherheit und Gefühl der Überforderung einerseits, in stark eingeschränkter Wahrnehmungsfähigkeit und fehlender Flexibilität andererseits zu suchen.

    Dieses psychologische Muster lässt sich in vielfacher Weise auch im politischen Bereich anwenden. Insbesondere lassen sich solche Verhaltensweisen im rechtsradikalen Dunstkreis diagnostizieren (Untertanentyp).
    Als Symptome dafür sind zu nennen:
    (1) Hass- und Gewaltausbrüche gegen Minderheiten und (scheinbar) Unterlegene,
    (2) Hineinsteigern in eine Märtyrer-/Opferrolle gegenüber einem angenommenen „Establishment“ und Anlehnung an eine als „stark“ angenommene Masse,
    (3) Einkapselung in die eigene Filterblase, die bis zum Realitätsverlust gehen kann.
    In der gegenwärtigen Klimadebatte sind diese Symptome bei Klimawandel-Leugnern besonders deutlich zu erkennen.

    Selbstverständlich gibt es global wirkende Ursachen, die diese Dispositionen auslösen bzw. verstärken. Zu nennen sind vor allem Globalisierung als Auslöser der Verunsicherung der eigenen Identität (vgl. „die Identitären“) und die Anonymität des Internet, welche Verantwortungslosigkeit fördert.

    Ein derartiges Erklärungsmodell erscheint mir notwendig, um valide Handlungsmodelle gegenüber Aggressivität zu entwickeln.
    Generell lässt sich das vielleicht so zusammenfassen, dass keiner der 3 unter „Symptome“ genannten Verhaltensweisen akzeptiert werden darf. Etwa durch falsches Entgegenkommen die Ursachen noch zu verstärken, indem die Selbstbeschreibung als „Opfer“ für bare Münze genommen wird.
    Vielmehr ist – sofern die Chance der Veränderung überhaupt besteht – (etwa im Sinn des einleitenden Beispiels) eine grundlegende Veränderung der Situation (z.B. durch konsequentes Nachfragen und Einforderung konkreter Auseinandersetzung mit Sachverhalten) anzustreben.

  7. Anstand und Respekt? Fremdworte.
    Ich will alles und ich will es jetzt. Queen 1989. 2019. Das ist kein Rocksong mehr, das ist jetzt Realität. Ich will alles und ich will es jetzt. Ich will. Und wehe, die anderen wollen nicht, wie ich will. Dann werde ich es Ihnen schon zeigen. Anstand. Respekt. Das sind Fremdworte. Altmodische Wendungen in dem billig bilingualen Kauderwelsch dieser Tage. Und wer die Worte nicht kennt, weiß auch nicht, was sie bedeuten. Und, auch das muss man ja sagen, wer die Regeln des Anstandes und des Respekts beherzigt, steht schnell als Loser da. Skrupellos und eindimensional siegorientiert – so ist man dieser Tage. Das eigene Ich ist wichtiger als z.B. ein Meisterwerk von da Vinci. Man sieht die Mona Lisa, aber im Mittelpunkt ein ICH. Ein Selfie. Hier vertauschen sich die Werte. Ich bin der Mittelpunkt der Welt. Ich will alles und ich will es jetzt. Mit Macht. Und natürlich auch aggressiv. Auf der Autobahn bestehen freie Bürger auf freier Fahrt. Auf den Radwegen nehmen sich durch In-Ear-Phone Taubgewordene das Recht gehörlos zu radeln. Klingele, wer da wolle. Und wenn man darauf hinweist, muss man sich gegebenenfalls auch noch Schimpftiraden anhören. Aber das ist doch alles gewollt und hausgemacht. In einer Gesellschaft, die den Starken, Mächtigen, Reichen und Lauten huldigt, geht es nicht ohne Ellenbogen und auch nicht ohne Geschrei. Performance muss halt sein. Fazit: Ja, die Welt ist aggressiver geworden. Halt – ich glaube, aggressiv war sie schon immer. Was sich geändert hat ist, dass in fast allen Schichten die Hemmungen gefallen sind, aggressiv zu sein. Und es gibt ja auch Medien, soziale gar, die dies gefahrlos möglich machen. Man kann – als Anonymus versteckt – endlich sagen, was man meint, sagen zu müssen. Tabus sind gefallen. Und Konsequenzen muss man ja nicht fürchten – auch verbalen Unrat schützt die Meinungsfreiheit. Da ist dann der Schritt zur körperlichen Aggressivität nicht mehr allzu weit. Es wird Zeit, sich zu besinnen.

  8. @ Bertram Münzer

    Lieber Herr Münzer,
    ich stimme Ihnen bei der Beschreibung des Phänomens ja uneingeschränkt zu.

    Dennoch bleibt dabei das unwohle Gefühl, dass eine solche Beschreibung lediglich Ausdruck eigener Hilflosigkeit ist.
    Notwendig ist hier aber eine Analyse, insbesondere der Bedingungen, die eine solche verheerende Entwicklung begünstigen oder erst ermöglichen.
    In meinem Beitrag vom 28.9. habe ich einige psychologische Faktoren diesbezüglich genannt.

    Zu ergänzen wäre dies durch eine politische Analyse, welche eben nicht bei dem verallgemeinernden – und verschleiernden – „wir“ bleibt.
    Die auch nicht nur den allgemeinen gesellschaftlichen Kontext benennt (Globalisierung und Gefühl der Ohnmacht, Auflösung von identitätsstiftenden Einheiten wie „Nation“, Digitalisierung und totale Anonymisierung durch Online-Medien, Filterblasen, Hysterisierung der Massen und Verantwortungslosigkeit usw.).
    Die vielmehr darüber hinaus die im Vordergrund agierenden Gestalten und die Interessengruppen und Lobbyisten benennt, die im Hintergrund die Fäden ziehen – etwa bez. Klimawandelleugner und dahinter stehende Interessen. Die also vor allem Drahtzieher und Profiteure von Scheindebatten, von Steigerung der Aggressivität und Lenkung auf Außenseiter und Fremde benennen.
    Und welche die Folgen der – vielfach wohl gezielten – Zerstörung demokratischer Lebenszusammenhänge klipp und klar benennen.

    Von einem Blog, in dem reflektierte Menschen sich gegenseitig austauschen, erwarte ich mir eigentlich mehr Hinweise in dieser Richtung.

  9. Karl Marx zitiert im ersten Band seiner Kritik der politischen Ökonomie einen Funktionär der englischen Gewerkschaftsbewegung namens Thomas Joseph Dunning der in der „Quarterly Review“ das Kapital einst wie folgt charakterisierte: „Das Kapital hat einen horror vor Abwesenheit von Profit und sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird es sie beide encouragieren“ (MEW 23: 788, Fn. 250). Insofern kann die heutige Aggressivität unter der Bevölkerung auch ein Ausdruck des Kapitalverhältnisses sein. Mit psychologischen Erklärungsansätzen, wie sie hier im Thread von Werner Engelmann vorgeschlagen wurden, müsste man deshalb vorsichtig sein. Die Moderne einer Gesellschaft als einem Funktionszusammenhang lässt sich eher mit Blick auf deren Mechanismen verstehen und weniger, indem die Psyche des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt wird. Aber das ist eine andere Diskussion, die sich darum dreht, ob der Mensch nach Leibniz eine in sich abgeschlossene Monade oder ein soziales Wesen ist, das bis sein Innerstes hinein von dem geformt ist, was gemeinhin als Gesellschaft gilt.

  10. Korrektur: Das Zitat von Dunning entstammt nicht der Zeitschrift „Quarterly Review“, sondern wurde eigenständig unter Dunning, T. J.: Trades‘ Unions and strikes: their philosophy and intention, London, 1860 veröffentlicht. Ich bitte den Fehler, der mir gestern in meinem Post um 16:48h unterlief, zu entschuldigen. Zwar wunderte ich mich schon, dass ein Gewerkschafter für eine Torie-Zeitschrift schreibt. Erst eine Recherche im dortigen Archiv ergab jedoch heute Morgen, dass Dunning nicht zu den Autoren des Blattes zählte. Für die Übersetzung des Zitats ins Deutsche zeichnet vermutlich Karl Marx selbst verantwortlich.

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