Scheinwelten für Glücksspieler

Hoppla, was ist denn jetzt los? Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, soll nach dem Staat gerufen haben? O-Ton: „Ich glaube nicht mehr an die Selbstheilungskraft der Märkte.“ Er stellte das später richtig; danach will er diese Worte auf den US-amerikanischen Immobilienmarkt bezogen wissen. Er begrüßt das amerikanische Konjunkturprogramm, das einen Umfang von 170 Milliarden US-Dollar hat. Doch die Debatte um Staatseingriffe ist damit entfacht. Der Neoliberalismus am Ende seines Lateins? Ist Ackermann zur Besinnung gekommen, wie Anna Sleegers im FR-Leitartikel meint?

FR-Leser Professor Helmut Kurek aus Oberursel meint:

„Häme ist bei der Lektüre Ihres Artikels leider verfehlt, wie stark auch immer es reizen mag, Spott über Herrn Ackermann zu gießen. Wer hätte seine Belehrungen nicht vergessen, die Kapitalrendite der Deutschen Bank sei im internationalen Vergleich viel zu gering, das Kundengeschäft eigentlich von nachrangiger Bedeutung, während das Investment Banking die Krönung des Geldgeschäfts sei. 26 % Kapitalrendite sei die ultimative Vorgabe, der einige tausend Arbeitsplätze geopfert wurden. Man könnte sich damit trösten, dies sei der bekannte Schnee (der bekannte Schmäh) von gestern, bedrohte die zügellose Spekulation, der Handel mit Phantasieprodukten, die Weitergabe von Krediten hinter dem Rücken ahnungsloser Bankkunden nicht einen weit größeren Teil der Bevölkerung als nur die Aktionäre.
Die ‚Selbstheilungskräfte‘ der Finanzmärkte scheinen zu erlahmen, man könnte aber auch sagen, sie offenbaren sich als das, was sie substantiell schon immer waren: eine Chimäre, die in der Krise nur am Tropf der Steuerzahler überleben kann, um dann, wenn öffentliches Geld anstatt in öffentliche Aufgaben als weiteres Spielgeld auf die Konten der Banken geflossen ist, dem Glücksrad einen neuen Impuls zu geben. Professor Sinn vom ifo-Institut würde sicher eine kunstvoll gewundene Argumentationskette entwickeln, wonach es gerade jetzt notwendig sei, mit öffentlichen Mitteln einzugreifen, was aber die freie Marktwirtschaft zu nichts verpflichten dürfe, da sie im Grunde als Perpetuum mobile geboren sein und per se nicht sozial sein könne etc. etc.
Vermutlich, und darin zeigt sich das eigentlich Skandalöse, wird die Stützung durch Steuermittel notwendig werden, um noch größeren Schaden abzuwenden. Die Parteien am linken Rand können sich entspannt zurücklehnen und wohlwollend registrieren, wie andere den Stoff ihres Erfolgs mit Schuss und Kette weben.“

Wolfgang Moderau, ebenfalls Oberursel:

„Frau Sleegers meint, dass wir in Deutschland vor den Krisenfolgen relativ geschützt seien, ‚weil wir Sparkassen haben, die im internationalen Finanzkasino nicht mitspielen dürfen‘. Das stimmt, ist aber leider nur die halbe Wahrheit. Denn die Sparkassen haben Landesbanken, für deren Verluste sie einstehen müssen. Und dass manche Landesbanken mangels anderer Aufgaben nur zu gerne im internationalen Bereich das Geld verzocken, das lesen wir täglich.“

Auch Michael Weilandt aus Velbert reibt sich die Augen:

„Der Staat soll es richten? Haben wir richtig gehört, Herr Ackermann? All die Parolen wie: ‚Wir brauchen weniger Staat! Deregulierung muss sein! Die Steuerlast für die Unternehmen ist zu hoch!‘ sind Schnee von gestern. Jetzt, wo diesen Spielern – und die erwähnten Banken gehören dazu – der Boden unter den Füßen entgleitet, darf Vater Staat wieder ran. Im Zweifel natürlich auch mit den Steuermilliarden, die man eigentlich nicht zahlen will und oft genug auch nicht zahlt.
Es geht jetzt nicht darum, das Vertrauen in die Finanzmärkte wieder herzustellen, sondern darum, sie als das zu entlarven, was sie wirklich sind. Scheinwelten, die mit der Realwirtschaft, in der wirkliche Menschen Güter herstellen und Dienstleistungen erbringen, nichts zu tun haben. Scheinwelten für Glücksspieler, die sich in einem kurzen Rausch die Taschen vollstopfen, ohne die Konsequenzen tragen zu wollen. Freuen wir uns doch, dass die Hedgefonds ihr Unwesen nicht mehr treiben können. Der Turbokapitalismus frisst seine bösesten Kinder zuerst. Die Aufgabe der Staaten ist nicht, dafür zu sorgen, dass die Zocker weitermachen können, sondern dort Ordnung zu schaffen.“

13 Kommentare

  1. RJ sagt:

    Ich glaube, Anna Sleegers hat Josef Ackermann missverstanden. Ich käme nicht auf den Gedanken, dass Ackermann, wenn er mehr Staat fordert, mehr Regulierung meint. Ackermann geht es vermutlich einzig um mehr Geld, das er vom Staat fordert.

    Dass Ackermann eine Kehrtwende gemacht habe („Radikaler kann ein Kurswechsel kaum sein.“ AS), erschließt sich mir nicht. Dazu müsste Ackermann erst einmal seine Rezepte auf den Tisch legen. Gibt es diesbezüglich etwas Konkretes von Ackermann, das mir bisher entgangen ist?

    Damit will ich allerdings nicht behaupten, dass in der Krise nicht auch bloße Geldzahlungen an die Banken richtig sind, um den Markt zu stützen.

  2. BvG sagt:

    Mir scheint, daß hier irgendwelche moralischen Konzepte oder Kurstreue von Ackermann erwartet werden.

    Die braucht er nicht. Sein Job ist, das Schiff Deutsche Bank schwimmend zu halten.
    Ob Wasser oder Wein unterm Kiel ist, ist völlig egal.
    Mit Volldampf durch die Arktis, und gegen Eisberge hilft die Klimaerwärmung.
    „Nach mir die Sintflut“.
    Beängstigend, wie gut das Wortspiel passt.

  3. AMS sagt:

    Ich glaube, damit meint er lediglich finanzielle Hilfe des Staates, um Leck geschlagene Banken wieder flott zu bekommen. In guten Zeiten hat eben jener Ackermann nicht genug betonen können, daß der Staat sich im Finanzwesen besser heraushält. Genau das sollte der Staat tun. Wenn die hochbezahlten Pfeifen in Nadelstreifen den Karren an die Wand gefahren haben, dann laßt die Bank eben hochgehen. Tante Emma’s Laden um die Ecke hält auch keiner am Leben.

  4. Herr Ackermann wollte den Staat nicht im Boot haben, solange es ihm und seinen Kollegen gut zu gehen schien. Angesichts seines exorbitanten und ganz offenbar völlig überzogenen, weil nicht verdienten, Gehalt, wäre es nur logisch konsequent ihn mit seinem Privatvermögen haften zu lassen.

    Gleiches Recht für alle. Was fällt diesem (asozialen) Typen eigentlich ein?!

  5. Barney Gerölleimer sagt:

    @ All

    Da kann ich nur Bert Brecht zitieren: Was ist ein Banküberfalle gegen das Betreiben einer Bank.

  6. Walthor sagt:

    Mehr Staat ? Ja klar.
    Mein Vorschlag: Greifen Terroristen in irgendeiner Form den Staat an, werden Gesetze geschaffen, die dies verhindern sollen, die den Erhalt des Staates sichern etc.

    Nun, weshalb werden keine Gesetze geschaffen, wenn Dollar- und Euroterroristen versuchen, alle Staaten der Erde an den wirtschaftlichen Ruin zu bringen ? Da gehört ganz schnell ein Gesetz zur Eindämmung dieser Aktivitäten und zur Rückzahlung von Spekulationsgeldern, gerne auch erzwingenderweise (Haft), her.

    Zurück also zur Parole “Macht kaputt, was euch kaputt macht !“ Wenn IHR die Wirtschaft hier zerstört und Millionen Arme und Arbeitslose schafft und Staatskrisen auslösen wollt, dann müssen WIR euch das leider untersagen und euch auflösen und die Mittel wegnehmen! Na , Politiker, wie isses ? Habt ihr den Mut dazu ?

  7. bakunix sagt:

    Walthor,

    Deine Vorschläge sind genial. Aber welche Partei setzt diese um? Im Bundestag haben wir keine, die sich bereiterklärte, derartige Gesetzesvorlagen einzubringen. Das Gegenteil ist der Fall, wie man sogar in der Financial Times Deutschland nachlesen kann: „Die Rettung der IKB Deutsche Industriebank war sicherlich nicht notwendig. Der von Finanzminister Peer Steinbrück heraufbeschworene angebliche Schaden für den Ruf unseres Finanzplatzes ist völliger Unsinn. Wer interessiert sich schon für diese obskure Bank, gerade im Ausland? Einerseits schimpfen führende Sozialdemokraten über ‚Heuschrecken’, andererseits zögern sie dann keine Sekunde, Milliardenbeträge für Zocker lockerzumachen.“

    Die Dollar- und Euro-Terroristen, wie Du sie bezeichnest, haben ihren Bin Laden wohl als Chef im Bundesministerium für Finanzen sitzen. Nur braucht dieser keine Geheimvideos aufzunehmen, denn ARD und ZDF sind stets bereit, dessen Verkündigungen unters Volk zu bringen.

  8. Evilman sagt:

    Herr Ackermann ruft nach mehr staatlicher Kontrolle? Höre ich da richtig?
    Nein. Sind wir doch mal ehrlich viele Banken haben sich Werte zugelegt, die sie a) nicht verstanden haben, b) nicht einschätzen konnten und c)sich in den letzten Jahren einen kleinen ,aber wie ich finde feinen Bilanztrick zu nutze gemacht.
    Sie haben die Bilanzierung einfach nach US-Vorbild auf Marktpreisbewertung umgestellt. Oh ha! Ich kaufe etwas zu 100, das hat, weil viele dem Schweinezyklus folgen, dann irgendwann einen Börsenwert von 200-schwuppdiwupps habe ich 100 Gewinn.In der Bilanz! Nicht auf dem Konto. Und schon steigen die Gewinne und damit auch die Gehälter des Vorstands!
    jetzt, da bei vielen dieser tollen strukturierten Fianzprodukte kein marktpreis mehr feststellbar ist, müssten die Banken diese Papiere eigentlich zu Null bewerten! Und schwuppsdiwups habe ich einen verlust von 200! Und die Gehälter der Vorstände steigen! Weil es ja ein so schweres Umfeld geworden ist!
    Also komm lieber Staat ,sei mal nicht so!

  9. Jörg sagt:

    Quikt nicht lange rum !! 80 Mill.Menschen sollen am 1.Mai um 9,oo Uhr Ihr Geld gleichzeitig von der Bank holen und schluß ist mit diesen Banditen.
    Alle Penaz an einem Tag abgeholt = Neuanfang und beste Behandlung seitens der Banken für alle.

  10. Anna Sleegers sagt:

    @RJ – Ackermann will jetzt bloß Geld vom Staat? Ganz so einfach ist die Welt dann auch wieder nicht. Die Deutsche Bank fährt dicke Gewinne ein und ist insofern weit davon entfernt, staatliche Hilfe zu benötigen. Man könnte also erwarten, dass sich der Chef dieses Instituts zurücklehnt und zuschaut, wie die Wettbewerber umkippen. Und deshalb finde ich es hochspannend und ganz schön unheimlich, dass er statt dessen nach mehr Staat ruft.

  11. Anna Sleegers sagt:

    @Walthor&Bakunix – Ich glaube nicht, dass man Banken mit Terrororganisationen gleichsetzen muss, um staatliche Regulierung einzufordern. Terrorbekämpfung ist ja wohl nicht die einzige Aufgabe des Staats.

    @Jörg – Mal abgesehen davon, dass die meisten Banken am 1. Mai zuhaben dürften (Tag der Arbeit) ist das eine ziemlich bescheidene Idee. Was passiert, wenn die Kunden die Banken stürmen um ihr Geld abzuholen, hat man in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gesehen. Die Folge war nicht etwa beste Behandlung der Banken für alle, sondern Massenarbeitslosigkeit, Diktatur und Terror.

    @Evilman – Stimmt, die Bewertung nach Marktpreisen ist momentan ein gewaltiges Problem. Aber das war keine spontane Idee der Banken. Um die europäischen Bilanzierungsregeln zu vereinheitlichen, haben Finanzminister, Aufsichtsbehörden und Juristen in einem jahrzehntelangen Prozess diesen Standard für die IFRS-Regeln gefunden. Traurigerweise lässt er sich nicht so einfach ändern. In den USA sieht man diese Dinge etwas pragmatischer…

  12. Jörg sagt:

    Anna ich muß Dir recht geben ,1.Mai war kein guter Vorschlag,aber ein Neuanfang wäre möglich.
    War e Symbolisch gemeint im Sinne von etws mehr Einigkeit.

  13. Kabur Kabari sagt:

    Das Empire wankt. Die Klimax der finanzspekulativen Theorie des sich durch Spekulation selbst reproduzierenden Kapitals hat sich längst ereignet. Der Zusammenbruch ist nur eine Frage von Zeit und destruktiven Zufällen.

    Ironischerweise ist der heute real-existierende Finanzfeudalismus seiner selbst eben so überdrüssig, wie das dereinst beim europäischen Erbadel in Frankreich der Fall war.

    Unbrauchbar; zu nichts nutze, außer sich selbst zu gefallen; faktisch in jeder Hinsicht nutzlos.

    Seien wir also gespannt, wie sich der neue Thermidor im 21. Jahrhundert gestalten wird.
    Hoffen wir, dass wir und die vielen anderen Unbedarften, dem künftigen Blutrausch nicht zum Opfer fallen.