Die Polizei schlug wahllos auf alles und jeden ein

Frankfurter Rundschau Projekt

Die Polizei schlug wahllos auf alles und jeden ein

Von Gerd Wagner

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Eine aufregende und selten ereignisreiche Zeit des Wandels. Urlaub per Pkw mit Freunden in Nord- und Mittelitalien sowie Südfrankreich. Entdeckung derr Vorbehalte der älteren Generation speziell in Frankreich. Deren Wunsch, uns zu zwingen, Französisch zu lernen und zu sprechen, indem sie selbst angeblich kein Deutsch oder Englisch verstehen. Ganz anders hingegen die fröhlichen und freundlichen Jugendlichen in beiden Ländern, die immer für Unterhaltung und Trubel sorgten und uns selbstverständlich mit einschlossen! Fahrten nach London nicht nur für Sightseeing, sondern auch Theaterbesuche („Hair“) und um Kleidung für meine Freundin und mich einzukaufen.
Aber auch politisch war alles im Wandel, und das weltweit. Der Muff von tausend Jahren unter den Talaren sollte abgeschafft werden. Wie sollte gerade ich mit meinen Erfahrungen dem nicht zustimmen! Die Demos zuerst in Berlin beim Besuch des Schahs 1967, mit den schockierenden Bildern der prügelnden Anhänger des Schahs und der deutschen Polizei. Und dann gar die Ermordung von Benno Ohnesorg und der Freispruch des Polizisten. Das Attentat auf Rudi Dutschke, die Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy, das Ende des Prager Frühlings und die Gräuel von Biafra. Das konnte mich doch nicht kaltlassen!
So vielem, was die Studenten sagten, stand ich bis dahin skeptisch gegenüber, aber jetzt hatten sie mein Verständnis und meine Sympathie. Auch in Frankfurt gab es Demos und einen charismatischen Anführer, Krahl vom SDS, dem ich auf dem Campus einige Male zuhörte, auch wenn ich selbst noch nicht an Demos teilnahm.
Unabsichtlich kam ich in die Nähe der Demo gegen die Druckerei der Bild-Zeitung im Gallusviertel. Ich sah die Polizei auf ihren Pferden, wie sie wahllos auf alles und jeden einschlug. Es war unglaublich, ich war total schockiert. Mir wurde zunehmend bewusst, dass es außer Realpolitik auch Moral und soziale Verantwortung gab. Ich registrierte und beobachtete die aufkommenden Diskussionen über die Gleichberechtigung der Frauen, die Erziehung der Kinder in den Heimen, sowie über andere Randgruppen und Minderheiten und den leider erfolglosen Versuch, auch die Jugend der Arbeiterklasse für diese Anliegen zu interessieren. Ja, die deutsche Gesellschaft war gespalten wie noch nie. Auf der einen Seite die Studenten und die APO mit ihrem Wunsch nach Veränderung der verkrusteten Gesellschaft, auf der anderen die arbeitende Bevölkerung, die gegen jegliche Veränderung war und meinte, wem es hier nicht gefalle, der solle doch nach drüben!
Bei uns gab’s die Notstandsgesetze, da konnte man die Moral nicht außen vor lassen. Ich musste zum ersten Mal an der Demonstration in Bonn aktiv teilnehmen. Auch das eine lehrreiche Erfahrung. In Bonn verkündete die Polizei tausend Teilnehmer, in den Nachrichten jedoch schrumpfte die Zahl immer weiter zusammen. Einzige mir bekannte Ausnahme war die Frankfurter Rundschau, die ich seitdem abonniert habe. Die Notstandsgesetze wurden natürlich wie geplant beschlossen, als sei nichts gewesen. Es stellte sich damit die Frage, ob ein Wandel oder wenigstens einige Reformen überhaupt möglich waren. Was tun? Marsch durch die Institutionen? Wie lange würde das dauern, und konnte ein Erfolg garantiert werden? Resignieren und aufgeben oder radikale Lösungen wie Kommunismus? Gewalt und RAF? Ja, wir hatten eine gewisse Sympathie für die APO, aber lehnten Gewalt und damit auch die RAF ab.
Das Phänomen der RAF überraschte mich wenig, da ich an den Erfolg des Marsches durch die Institutionen nicht glauben mochte. Doch bei allem Verständnis: Gewalt gegen Personen sowie Sachen lehnte ich ab. Trotzdem war es auch für mich beängstigend, wenn ich im Auto unterwegs war und überall in der Stadt auf bewaffnete Polizisten mit MP traf, als sei ich an der Grenze zum Osten.
Der einzige Höhepunkt war die Aufbruchstimmung bei der Wahl Willy Brandts zum Kanzler. Da spürte ich nochmals wie 68 die Hoffnung und den Glauben an eine bessere Zukunft insbesondere in und für Deutschland. Dies auch insbesondere deswegen, weil diese Aufbruchsstimmung im Gegensatz zu 68 diesmal alle Jugendlichen und auch viele Arbeiter erfasste. So unglaublich es auch erschien, er schaffte es tatsächlich und wurde Kanzler. War dies nicht die Bestätigung dafür, dass Reformen doch möglich waren?

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Der Autor

Gerd Wagner, geboren 1939 in Frankfurt. Lebte von 1951 bis 1960 in den USA, studierte 1961 bis 1968 Jura in Frankfurt. Arbeitete von 1969 bis 1977 bei einer US-Firma in Offenbach. Abteilungsleiter, Mitglied im Betriebsrat, danach zumeist als Innendienstleiter bei anderen Firmen. Verheiratet. Rentner seit 2001.

Bild: privat