Die Ostermärsche wurden zur Kampagne für Demokratie und Abrüstung

Frankfurter Rundschau Projekt

Die Ostermärsche wurden zur Kampagne für Demokratie und Abrüstung

Von Klaus Vack

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1935 geboren, war ich im Jahr 1968 33 Jahre alt. Ab meinem sechsten Lebensjahr besuchte in die Volksschule in Offenbach. Mein Vater „Pionier“ im Krieg und in Jugoslawien, eingesetzt bei einem Kommando, das „kriegswichtige“ Brücken baute oder zerstörte. Er kam im Sommer 1946 aus englischer Kriegsgefangenschaft , die er in  Villach (Österreich) verbringen musste, nach Hause. Meine Mutter hat mich, meinen älteren Bruder Horst (geboren 1929) und meine jüngere Schwester Ursula (geboren 1938) allein durch den Krieg gebracht.

Das „Nachtleben“ im Luftschutzkeller oder im Bunker hatte mich zu einem ängstlichen und nervösen Kind gemacht. Deshalb gab mich meine Mutter im Februar 1944 in das thüringische Dorf Kaltenwestheim zur Familien eines ihrer vielen Brüder, meinem Onkel Alwin. Dort erlebte ich das Kriegsende.

Es war der Ostersonntag, 1. April 1945. Über hundert deutsche versprengte Soldaten hatten sich in unserem Dorf verschanzt. Ein junger Offizier übernahm das Kommando und befahl, den anrückenden US-Truppen Widerstand entgegenzusetzen. Die Amerikaner waren auf dem Marsch nach Buchenwald. Sie wollten das KZ befreien. Sie wurden jedoch mit Gewehr- und MG-Feuer von den deutschen Soldaten „begrüßt“. Darauf wurde es still in Kaltenwestheim. Die US-Militärs zogen sich zurück. Das war am Ostersonntag in der Früh. Alle waren erleichtert. Der Krieg schien an unserem Dorf vorüber zu gehen.

Doch plötzlich um die Mittagszeit ertönte ohrenbetäubender Krach. Eine Staffel Jagdbomber donnerte über das Dorf. Einmal, zweimal, dreimal … Genau siebenmal. Sie schossen aus Bord-MGs, warfen Brandbomben mit Phosphor. Minuten später brannte das halbe Dorf. Es dauerte Jahre, bis es wieder aufgebaut war.

Meine Mutter holte mich im Juli zurück nach Offenbach. Unser Haus am Lohrweg in der Siedlung Tempelsee war von Bomben verschont geblieben. Doch qualvolle Angstträume blieben über die Jahrzehnte und suchen mich noch heute, mehr als achtzigjährig, gelegentlich heim.

Einige Jahre nach Kriegsende schloss ich mich dem Arbeiterkultur- und Touristenverein „Naturfreunde“ an. Dort war ich fast zwanzig Jahre Kindergruppenleiter in der Ortsgruppe Offenbach, einige Jahre auch Jugendleiter. Im Frühjahr 1958 wurde ich zum Landesjugendleiter für Hessen gewählt. Wir waren damals in der Antiremilitarisierungs-Bewegung, später beim Verband der Kriegsdienstverweigerer und „Kampf dem Atomtod“ engagiert.

Ostern 1959 startete in England der von Bertrand Russell initiierte viertägige 80 Kilometer lange Ostermarsch vom militärischen britischen Atomforschungszentrum Aldermaston nach London (Trafalgar Square). Fasziniert lasen wir darüber einen ausführlichen FR-Bericht.

SPD und DGB hatten gerade begonnen, die Kampagne „Kampf dem Atomtod“, die uns junge Pazifisten angeregt hatte, aufzugeben. Ostern 1960 begannen wir, etwa 500 Demonstranten, den ersten deutschen Ostermarsch, im Norden vom damaligen Atomwaffenstützpunkt Bergen-Hohne sternförmig nach Hamburg, Bremen, Hannover und Braunschweig. Ein Jahr später gab es bereits etwa 20 Märsche, die über jeweils drei Tage und 30 bis 50 Kilometer auf Großstädte führten, nach Hamburg, Bremen, Hannover, Dortmund, Frankfurt, Stuttgart und München. Nach Ostern bildete sich ein „Zentraler Ausschuss“ von Vertretern der regionalen Ausschüsse, pazifistischer Verbände, Arbeiterjugend- und Studentenorganisationen. Ein Kuratorium prominenter Leute wurde gebildet, unter anderem mit Wolfgang Abendroth, Inge Aicher-Scholl, Günther Anders, Ernst Bloch, Heinrich Böll, Benjamin Britten, Ingeborg Drewitz, Martin Niemöller, Luise Rinser, Dorothee Sölle, Gerhard Zwerenz … Es wurde ein geschäftsführender siebenköpfiger Arbeiterausschuss gewählt, darunter der Sprecher (Andreas Buro) und der Geschäftsführer (Klaus Vack).

In den 1960er Jahren stieg die Beteiligung an den Ostermärschen kontinuierlich. Sie entwickelten sich zu einer Kampagne für Demokratie und Abrüstung und stellten nun die eigentliche außerparlamentarische Opposition in der Bundesrepublik dar. Im April 1968 wurde der auch mit mir befreundete SDS-Studentenführer Rudi Dutschke in Berlin von dem jungen Fanatiker Bachmann niedergeschossen. Die Ostermärsche fanden in diesem Jahr nur wenige Tage nach dem Attentat statt. Hunderttausende kamen zu den Demonstrationen von Karfreitag bis Ostermontag. Mehr als die Hälfte von ihnen waren neu mobilisiert, vor allem waren es Schüler und Studenten. Ich, damals 33-jährig, und viele andere der ersten Nachkriegsgeneration waren zu Veteranen geworden.

Und wir lernten mit den Jungen. Unter der Losung „Nicht nach Köpfen, sondern nach Interessen organisieren“ zimmerten wir das „Sozialistische Büro“ und die Zeitung „links“ als unser Sprachrohr. Meine Frau Hanne und ich bildeten für etwa zehn Jahre das Sekretariatsgespann. Höhepunkte dieses Engagements waren unter vielen anderen der Angela-Davis-Schülerkongress, der Pfingstkongress gegen Repression (Berufsverbote), der „Große Ratschlag Rotarbeit“, die Chile- und später Portugalkampagne. Und immer wieder Menschen- und Bürgerrechte, Frieden, Demokratie, Emanzipation und Solidarität (gegenseitige Hilfe).

Das SB war maßgeblich an der „Graswurzelrevolution“ beteiligt. Es vernetzte soziale und berufsbezogene Arbeitsfelder (u.a. Schule, Sozialarbeit, Gesundheit, Landwirtschaft, Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, Kommunalpolitik, Internationales).

Anfang der 1980er Jahre meldete sich als Reaktion auf den Nato-Doppelbeschluss („Nachrüstung“ mit den amerikanischen Mittelstreckenraketen Pershing II)  eine neue Friedensbewegung, die die Angst vor einem atomaren Erstschlag und einem totalen Dritten Weltkrieg unüberhörbar Ausdruck verschaffte. Bei Großdemonstrationen und Menschenketten mobilisierten sich am 10. Oktober 1983 mehr als eine Million Menschen.

Mit gewaltfreien Sitzblockaden wurden in Mutlangen, Heilbronn und Hasselbach die Manöver der neuen, atomar bestückten Mittelstreckenraketen gestört und behindert. Der zivile Ungehorsam als Form gewaltfreien Widerstands hatte die Bundesrepublik, aber auch die DDR erreicht. „Schwerter zu Pflugscharen“ lautete die wichtigste Parole hüben wir drüben.

Wegen sogenannter Nötigung „mit Gewalt“ wurden mehr als 4000 gewaltfreie Friedensblockierer zu teils hohen Geldstrafen, ersatzweise Gefängnis, verurteilt. Ich persönlich erhielt Dutzende Strafbefehle und wurde für 19 „rechtskräftige Nötigungen“ abgestraft. Das machte 19 mal 20 Tagessätze mal 50 D-Mark. Nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 10. Januar 1995 wurden alle Verurteilungen als rechtswidrig eingestuft. So erhielt ich die bezahlten Strafgelder von etwa 20.000 D-Mark zurück. Ich spendete alles an die inzwischen von mir geleitete Hilfsaktion „Ferien vom Krieg“ im ehemaligen Jugoslawien.

Ich sehe es als meinen persönlichen Gewinn, dass ich die schrecklichen Kriegserlebnisse bewältigen konnte, dass mich meine eigenen Erfahrungen immer erneut zu Lernprozessen anregten, dass ich in einer sechzigjährigen Ehe mit meine geliebten Hanne, mit unseren zwei Töchtern Sonja und Aicha und unseren Enkeln Joscha und Leon glücklich sein konnte. Trotz erheblicher gesundheitlicher Probleme meinerseits wähne ich mich heute auch ein bisschen weise.

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Der Autor

Klaus Vack, Ober-Sensbach

Klaus Vack, geboren 1935 in Frankfurt-Höchst, war einer der Gründer des „Sozialistischen Büros“.
Er begründete auch mit anderen die Tradition der Ostermärsche in der Bundesrepublik.
Vack ist am 18. Mai 2019 gestorben.
Den hier veröffentlichten Text hat er im April für die Frankfurter Rundschau geschrieben.

Das Sozialistische Büro (SB) mit Sitz in Offenbach will die sozialistischen Kräfte in der Bundesrepublik vereinheitlichen.
Es wurde 1969 gegründet und feiert 2019 sein 50-jähriges Bestehen.

Am 13. Juli um 13 Uhr wird Klaus Vacks im Rahmen einer Veranstaltung zum 50-jährigen Bestehen des SB gedacht.
Ort: Osthafenforum im Medico-Haus, Lindleystr. 15, Frankfurt

Bild: privat