Auf dem Weg der vielen kleinen Schritte

Frankfurter Rundschau Projekt

Auf dem Weg der vielen kleinen Schritte

Von Hanne Strack

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Das Jahr 1968 steht für mich nicht herausgehoben aus vielen anderen als das besondere Jahr meines revolutionären Aufbegehrens. Es ist vielmehr der Beginn einer Bewusstseinsbildung, einer Geschichte der Weiterentwicklung bis ins heutige 2018 und hoffentlich darüber hinaus.

In dieser Geschichte gehöre ich zum Fußvolk, zum Pulk der Statisten, ein Puzzleteil in den Massen-Demo-Bewegungen, die 1968 ihren Ursprung nahmen. Ich befand mich in diesem Jahr im 20. meines Lebens, hatte mit dem Studium an der Gießener Uni begonnen. Und war – total dunstlos. In Wetzlar das Mädchengymnasium absolviert und nach 2 Kurzschuljahren nicht gerade gesegnet mit umfassendem politischen Wissen und geschichtlicher Bildung. Da half mir auch das große Latinum nicht über die Lücken hinweg, die sich auftaten beim Eintritt in eine studentische Welt. Hatte brav funktionieren gelernt, und dass wir bei der Abifeier in Weiß und Bunt statt Schwarz erschienen, war im Jahr 1967 schon ein rebellischer  Höhepunkt in der Schullandschaft einer geordneten Welt und wurde als Widerstand gegen geheiligte Traditionen gewertet.  Von den fortschrittlichen unserer Lehrerschaft vielleicht auch mit leichtem Stolz begrüßt.

002Der Vietnamkrieg war weit weg und die Sozialen Medien gab`s noch nicht, die uns mit Wissen über die Katastrophen dieser Welt im  Einzelnen hätten versorgen können. Meine erste Demo, ich sehe mich noch mit meiner Freundin Mary in Gießen, richtete sich gegen die Notstandsgesetze. Wir skandierten eifrigst mit beim „Solidarisieren – Mitmarschieren“, ohne uns wirklich darüber im Klaren zu sein, was  es damit im Einzelnen auf sich hatte.

Hanne Strack (rechts) im Jahr 1968
mit ihrer Freundin Mary.
Bild: privat

Das änderte sich im Laufe der folgenden Jahre. 1968 war der Beginn eines Lebens, in dem ich anfing, mich gegen Gewalt, Krieg und die Ungerechtigkeiten dieser Welt zu wehren. Nicht auf laute, aggressive Art, sondern auf dem Weg der „kleinen Schritte“. Auch wenn diese oft so erfolglos, scheinbar sinnlos und frustrierend erschienen. Trotzdem geschah nichts Spektakuläres von meiner Seite, wobei das Höchste der Gefühle eine Festnahme und ein Nachmittag im Gefängnis nach Sitzblockade und Wasserwerfereinsatz in Frankfurt Hausen bei einer Anti-Pershing-Demo war. Uijuijui !!

Über die RAF-Taten war ich entsetzt und von „klammheimlicher Freude“ weit entfernt. Zumal mein damaliger Freund und bis heute Lebzeit-Lieblingsmensch Polizist war . Durch ihn behielt ich immer auch die „andere Seite“ im Blick und die Menschen, die auf dieser Seite zu finden waren. Er gehörte damals zu den Polizisten, die mit den Studenten auf der Straße diskutierten, die den einen Tag im Einsatz der Staatsgewalt fungierten und den nächsten z.B. an der Startbahn 18 West gegen diesen  menschenverachtenden Flughafenausbau mitdemonstrierten. Er stand zwischen allen Stühlen, von seinen Kollegen als Revoluzzer gesehen, bei unseren Studentenfreunden dagegen der Vorzeigepolizist. Deshalb war für mich sein Einsatz für Frieden immer besonders hoch zu bewerten.

Es folgten Jahrzehnte der Teilnahme an den verschiedensten Demonstrationen, von der Antiatomkraftzeit  über Irak –und Afghanistankriege bis TTIP, Blasen an den Füßen inbegriffen.

Mein erster Leserbrief  am 30.8.2011 ging an die FR, die mich auf diesem beschriebenen Weg seit 50 Jahren , eben seit 1968, begleitet, und lautete „Pazifismus ist nicht peinlich“.

Ich entdeckte in dieser Zeit mit Hilfe von Sprache einen weiteren Weg des Protests zu finden. Mittlerweile bin ich fast 70 – und halte immer noch nicht den Mund. Gerade ist ein Buch von mir herausgekommen,“ lyrik – leiselaut “, in dem auch politische Texte erscheinen, in denen ich versuche , den Fokus auf die Missstände und Unglaublichkeiten dieser Welt  mit dem Mittel der Lyrik zu lenken. Enden möchte ich mit einem Text aus diesem Buch, der meine Intention vielleicht am Besten verdeutlicht:

 

katwarn*

sag keiner
wir hätten`s nicht gewusst
wie aus Sprüchen Taten werden
jede Wirtshausprügelei ist die Blaupause

sag keiner
wir hätten`s nicht gesehen
vernetzt mit der ganzen Welt
die Fernsehbilder ständig vor Augen

sagt alle mal
sind wir noch zu retten
in unserer eigenen Wort-und Tatenlosigkeit

katwarn

*Katastrophenwarn-App

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Strack PorträtCoverDie Autorin

Hanne Strack, geboren 1948 in Wetzlar, lebt seit 1971 in Rüsselsheim. Sie ist verheiratet,  hat eine Tochter und  war viele Jahre im Schuldienst tätig.

Das Gedicht „Katwarn*“ stammt aus dem Band „Lyrik leiselaut“, Books on deman 2018, 140 Seiten, 8,90 Euro.

Bild: privat

 

 

3 Kommentare

  1. Ralf Rath sagt:

    Insofern schon Karl Marx darauf abstellt, dass menschliche Arbeitskraft eine Naturkraft ist (MEW 19: 15) und als solche somit sämtlichen Versuchen von vornherein entzogen ist, ihre Verausgabung vorherzubestimmen, bleibt der Einzelne dadurch von Geburt an bis weit über den eigenen Tod hinaus davon frei, nur mit der Erlaubnis Dritter zu leben und zu arbeiten. Anstatt also Unsummen öffentlicher, aber auch privater Gelder dafür auszureichen, ihm seine gesellschaftlich ohnehin nicht determinierbare Wirklichkeit vorzugeben, gebietet bereits die sittliche Vernunft als erinnerte Natur (Spaemann) schleunigst davon Abstand zu nehmen, wenn nicht horrend finanzielle Mittel im schieren Unverstand gleichsam verbrannt werden sollen. Es sind daher in der Tat zuvörderst „kleine Schritte“ des „Fußvolks“ vonnöten, wie Frau Strack schreibt, welche dem gegenwärtig immer aggressiver um sich greifenden Irrsinn notwendig ein Ende bereiten; oder um es mit Heinrich Heine und der von ihm so bezeichneten „Marseiller Hymne“ zu sagen: „Ein Wörtlein kann ihn fällen“.

  2. Ralf Rath sagt:

    Fortsetzung meines gestern hier im Thread geposteten Kommentars: Für das „Wörtlein“, das über die Generationen hinweg noch heute gesellschaftspolitisch von zentraler Bedeutung ist, bedarf es indes geistig außerordentlicher Arbeitsleistungen, um es jeweils formulieren zu können. Es ist gleichsam der letzte Strohhalm, an den sich noch zu klammern lohnt. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu kritisiert allerdings seit längerem, dass „leeres Gerede“ (ders., 2013: 7) unter der Bevölkerung weitaus höher im Kurs steht und im Zuge dessen die dafür erforderlichen Anstrengungen unmöglich werden; wobei die auf diese Weise einmal in Gang gesetzte Abwärtsspirale zunehmend nach unten beschleunigt. Selbst die gediegenste Sprache, die eleganteste Formulierung und das verständlichste Argument bleiben angesichts der mit Macht in Szene gesetzten Rückwärtsbewegung ohnmächtig, solange die weit überwiegende Mehrheit schierem Wortgeklingel den Vorrang einräumt. Es nimmt dann nicht wunder, wenn hiesig ansässige Wissenschaftler kaum noch in Reichweite der Anwartschaft vor allem des Nobelpreises kommen. Insofern also die Qualität der sozialen Beziehungen enorm leidet und Erstklassigkeit auf gleich welchen Gebieten der Erkenntnisgewinnung kaum ermöglicht ist, findet dennoch kein Bruch mit dem offenkundig äußerst kontraproduktiven Gebaren immens vieler Zeitgenossen statt. Die vielleicht Handvoll Forscher, die gegenwärtig imstande sind, ein „Wörtlein“ im globalen Diskurs zu platzieren, sehen allen anderslautenden Beteuerungen zuwider faktisch ihrer Preisgabe entgegen. Das heißt: Den Begabtesten und Talentiertesten ist das Schicksal von Todgeweihten beschieden, sobald sie von ihren Befähigungen Gebrauch machen. Dass Frau Strack in diesem Kontext die Kraft aufbringt, Gedichte zu schreiben, zeugt von einem Mut, der keine Gefahren für Leib und Leben scheut.

  3. Werner Engelmann sagt:

    Ein schönes Gedicht, Frau Strack, das ausgezeichnet auf die heutige Situation passt.
    Nur die „Fernsehbilder“ wären durch „Fake news“ oder asoziale „soziale Medien“ zu ersetzen. Und statt von „Wort- und Tatenlosigkeit“ müsste man wohl eher von „Wutbürgern“ sprechen.
    Besonders bedenklich das Eingemauert-Sein in nationalistischen Mauern und die eingeübte Empathielosigkeit – damals wie heute.

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