Auch antiautoritär ging es nicht ohne Leitfiguren

Frankfurter Rundschau Projekt

Auch antiautoritär ging es nicht ohne Leitfiguren

Von Axel Redmer

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Ambivalent blieb 1968 das Verhältnis der meisten Schüler an unserem Idar-Obersteiner Gymnasium in der rheinland-pfälzischen Provinz zu den prominenten Vertretern der Studentenbewegung. Spaß bereitete uns Fritz Teufel, der sich nicht ohne Erfolg als politischer Nachfahre der filmischen Marx-Brothers gerierte und auf bisweilen verblüffende Weise überkommene Rituale entlarvte. Sein legendärer Satz, vor Gericht aufstehen zu wollen, „wenn’s der Wahrheitsfindung dient“, ließ uns entschlossener als zuvor sinnlose Verhaltensformen hinterfragen. Allzu ernst nahmen wir indes weder Fritz Teufel noch Rudi Dutschke oder andere Wortführer des SDS. Zwar imponierte deren selbstbewusstes Auftreten und deren Kreativität, aber zugleich vermissten die auf der Suche nach Orientierung befindlichen Schüler in den Aktionen der Studentenführer verwertbare Anleitungen für ihren eigenen Alltag. Wo es half, den einen oder anderen Lehrer zu provozieren, bezogen wir uns jedoch – vergleichsweise brav – bei Schülerbällen oder in den großen Pausen auf die Berliner Medienstars.

Zielscheibe eines SDS-artigen Ulks wurde ein deutschnationaler Oberstudienrat, der außerstande war, sich einigermaßen differenziert mit den Positionen der Studentenbewegung auseinanderzusetzen. In seiner Hilflosigkeit neigte er zu biertischhafter Beschimpfung der SDS-Protagonisten und nannte Rudi Dutschke verächtlich „Würstchen“. Bei der Englischlektüre von George Orwells „Animal Farm“ hatte ich festgestellt, dass das darin enthaltene Lied „Beasts of England“ nicht nur – wie Orwell schrieb – nach den Melodien von „Clementine“ und „La Cucaracha“ gesungen werden konnte, sondern ebenso zur Vertonung der Nationalhymne passte. Prompt begrüßte unsere Klasse daraufhin den Lehrer im Treppenhaus mit dem getragenen Chorgesang „Beasts of England“ nach Joseph Haydn, was den so Empfangenen polternd an der nationalen Zuverlässigkeit des gymnasialen Nachwuchses zweifeln ließ.

Provozieren ließ sich auch mit dem in leuchtend rotem Plastikeinband erschienenen Minibuch „Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung“. Zum Entsetzen seines Vaters, dem Leiter eines Forstamts, hatte ein 14-jähriger Mitschüler Anfang 1968 für seine ganze Klasse in China Mao-Bibeln bestellt. Da sich der Verfassungsschutz für die heikle Ware aus dem Reich der Mitte interessierte, nahm der Vater des Schülers die Bücher bis auf ein „Belegexemplar“, das er dem Sohn überließ, unter Verschluss. Noch jahrelang schickte der chinesische Verlag die „Peking Rundschau“ und andere propagandistische Druckerzeugnisse an die Adresse der Familie im Hunsrück. Das aber schien die Verfassungsschützer nicht mehr zu irritieren. Jedenfalls wurde der Vater des Mitschülers später zum Landesfortmeister ernannt.

So antiautoritär wir uns auch gaben, orientierten wir uns gleichwohl an Leitfiguren. Viele von uns fühlten sich zu Revolutionsführern der Dritten Welt besonders hingezogen, ohne selbst für revolutionäre Veränderungen im eigenen Land einzutreten. Vielmehr waren wir größtenteils reformistisch eingestellt und engagierten uns bei Jusos oder Jungdemokraten. Trotzdem gefiel uns Che Guevara auf T-Shirts. Wer für sein Jugendzimmer ein Poster des ermordeten Revolutionshelden erstehen wollte, musste bis nach Frankfurt fahren. Dort bot der Filialist Montanus, der in den späten 1970er-Jahren kurzzeitig eine Verkaufsstelle in Idar-Oberstein unterhielt, alle Devotionalien rund um die Revolte an. Aber da hatten die meisten von uns wegen ihres Studiums längst die Provinz verlassen.

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Redmer heuteDer Autor

Axel Redmer, geboren 1951 in Steinbach bei Gießen, Schulzeit in Idar-Oberstein, 1968 bis 1970 Redakteur einer Schülerzeitung. Studium der Rechtswissenschaften in Mainz, Rechtsanwalt in Idar-Oberstein, 1991 bis 2003 Mitglied des rheinland-pfälzischen Landtags in Mainz, 2003 bis 2011 Landrat des Kreises Birkenfeld. Lebt als Autor in Idar-Oberstein. Zuletzt erschienen: Im Schatten der Revolte. Die 68er-Zeit und ihre Vorgeschichte in der Provinz.

Bild: Judith  Schulz