Jahre der Emanzipation mit Bodenhaftung

Frankfurter Rundschau Projekt

Jahre der Emanzipation mit Bodenhaftung

Von Paul Pfeffer

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Ich bin Jahrgang 1948, in Sobernheim an der Nahe geboren, wo ich eine typische 50er-Jahre-Jugend in der Provinz verbrachte. Ich gehöre, wenn man „die 68er“ zwischen den Jahrgängen 1938 und 1948 ansiedelt, zu den jungen Altachtundsechzigern. Abitur machte ich im Juni 1967 nach zwei Kurzschuljahren.
Ich war der erste in der Familie, der Abitur machte und studierte. Entsprechend neugierig und ehrgeizig, aber auch unbeleckt war ich. Die Universität war für mich keine Routineangelegenheit, die man absolvierte, weil der Papa und der Großpapa schon da waren, sondern ein intellektuelles Abenteuer. Als ich im Sommersemester 1969 an der Frankfurter Universität einstieg, beherrschte ich sehr schnell die akademischen Sprachspiele und beteiligte mich intensiv am fachlichen und politischen Diskurs. Ich las wie ein Wilder und war einer der Wenigen, die das „Kapital“ von Marx ganz gelesen hatten. Ich saß bei Fetscher, Brackert, Altenhofer, Habermas und Adorno in den Seminaren. Keine Theorie erschien mir zu schwierig, um nicht durchdacht und kritisch bewertet zu werden. Ich hatte die Naivität und das grenzenlose Zutrauen des akademischen Neulings.

Von Anfang an war ich von der Studentenbewegung infiziert und fasziniert. Ich ging nicht ins provinzielle Mainz zum Studieren, sondern nach Frankfurt. Ich wollte mitten hinein in die heiße Phase der Revolte. Mein Studienziel war das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in den Fächern Deutsch und Gemeinschaftskunde. Ich belegte Vorlesungen und Seminare in Germanistik und Politikwissenschaft, in Pädagogik, Soziologie, Psychologie, Philosophie, aber auch in Wirtschaftswissenschaften. Auch die Psychoanalyse fand ich ausgesprochen spannend. Ich profitierte davon, dass die Studienordnungen in Auflösung begriffen waren, so konnte ich mir mein Pensum und meine Veranstaltungen nach meinem eigenen Gusto zusammenstellen.

Pfeffer 1969Bald war ich am Deutschen Seminar ein bunter Hund. Ich trat zwar keiner der politischen Gruppierungen bei, engagierte mich aber im „Studentenrat Germanistik“, ging in die Gremien, die damals drittelparitätisch besetzt waren (Professoren, Assistenten, Studenten) und lernte wieder einmal dazu, diesmal Strategie und Taktik der Gremienarbeit. Es war eine unglaublich intensive Zeit. Ich saugte alles auf wie ein Schwamm, war von morgens bis abends unterwegs. Im Rückblick zählen diese Jahre für mich doppelt und dreifach. Sie haben mein Fühlen und Denken maßgeblich geprägt.

Paul Pfeffer im Jahr 1969.
Bild: privat

Auch in anderer Hinsicht gab es viel zu lernen. Die Frauenbewegung fegte durch die Uni, die Frauen emanzipierten sich oder versuchten es zumindest. Meine Frau, die ebenfalls in Frankfurt studierte, ging in den SDS-Weiberrat, lernte andere frauenbewegte Frauen kennen und machte sich über ihre Rolle als Frau Gedanken. Das ging natürlich nicht spurlos an unserer Beziehung vorüber. Wenn Frauen sich Gedanken über ihre Rolle machen, müssen die Männer, die mit ihnen zusammen leben, sich zwangsläufig ebenfalls Gedanken über ihre Rolle machen. Ich machte mir Gedanken und gründete mit anderen Betroffenen eine Männergruppe, wo wir stundenlang über das Geschlechterverhältnis im Allgemeinen und das Verhältnis zu unseren Frauen im Besonderen diskutierten.

Ich beobachtete an der Universität mit Erstaunen, wie die Söhne und Töchter von Lehrern, Ärzten und Rechtsanwälten sich politisch radikalisierten und gegen ihre Väter und Mütter Revolution machten. Mehr war es bei Licht betrachtet nicht, und zu mehr reichte es auch nicht. Ich brauchte mich nicht von meinen Eltern abzugrenzen, zumindest nicht politisch oder ideologisch. Und im Unterschied zu vielen meiner damaligen Kommilitonen war ich nie der Ansicht, dass es in der Bundesrepublik der 60er und 70er Jahre eine revolutionäre Situation gab. Mit einem idealisierten Bild der Arbeiterschaft hatte ich nichts zu schaffen, auch nicht mit einer Kaderpartei. Ich war kein Anhänger der damaligen DDR wie die DKPisten oder Spartakisten, ich war kein Maoist und auch kein Stalinist wie viele KBW-Leute. Auch war mir der autoritäre und totalitäre Geist der K-Gruppen fremd und zuwider, ebenso wie die Kriegs-Ideologie der RAF. Ich politisierte mich, aber mit Bodenhaftung. Ich glaube, meine proletarisch-kleinbürgerliche Herkunft hat mich vor den politischen Verstiegenheiten und Absurditäten der damaligen Polit-Szene bewahrt. Die Sponti-Fraktion war mir noch am sympathischsten. Aber im Grunde genommen hielt ich mich von allen Gruppierungen fern. Ich war ein Einzelgänger und zählte mich zu den wenigen frei schwebenden Linken am Deutschen Seminar. Dass man links war, gehörte damals zu den Selbstverständlichkeiten.

Was wir wirklich erreicht haben, war die Durchlüftung der Köpfe, die Abflachung der Hierarchien und die Veränderung der Verkehrsformen. Die deutsche Gesellschaft wurde von der Universität her ein Stück weit entmufft und entstaubt. Dass das möglich war, hat mich als Student selbstbewusst gemacht. Ich habe es bei meinen Heimfahrten nach Sobernheim erlebt als neuen Blick auf alte Verhältnisse.

Später als Lehrer an der Schule half mir dieser neue Blick, nicht so leicht einzuknicken, wenn sich Widerstand gegen Veränderungen regte, die ich für notwendig hielt. Ich war ziemlich forsch und fühlte mich als Beamter neuen Typs, der nicht mehr obrigkeitshörig, hierarchiegläubig und unpolitisch war, sondern in der täglichen Praxis den eigenen Verstand benutzte, auch wenn er damit aneckte.   

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Der Autor

Pfeffer heutePaul Pfeffer, Jahrgang 1948,
studierte von 1969 bis 1973 Germanistik und Politikwissenschaft in Frankfurt,
wobei er sich politisch engagierte, aber immer auch eine eigensinnige Distanz hielt.
Danach arbeitete er fast vierzig Jahre als Lehrer am Gymnasium
sowie in der Lehrerausbildung. Er hat zwei erwachsene Söhne,
die seltsamerweise beide Diplomingenieure geworden sind.

Bild: privat