Ich klatschte an den falschen Stellen zur Wahlkampfrede des Bundeskanzlers

Frankfurter Rundschau Projekt

Ich klatschte an den falschen Stellen zur Wahlkampfrede des Bundeskanzlers

Von Karl-Heinz Niedermeyer

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„Ich sage nur: China,China, China“. Gerade in der Erinnerung an dieses vom damaligen GroKo-Kanzler Kiesinger als Leitmotiv im Bundestagswahlkampf 1969 eingesetzte Diktum fühle ich mich eher als alter 69er, vielleicht auch noch eher als 67er denn als 68er, obwohl ich 1968 als Hochschulreferent im gemäßigt linken AstA der Uni Mainz saß und mich intensiv an der Studien- und Hochschulreform abarbeitete.
Im Sommer 69 begann ich, über den Tellerrand der stark linksradikal angehauchten Evangelischen Studentengemeinde und des SHB (des ebenfalls einem marxistisch geprägten linken Radikalismus verpflichteten Sozialdemokratischen Hochschulbundes) hinauszudenken und einen Eintritt in die „Partei“, die von dem neuen Hoffnungsträger Willy Brandt geführte SPD (eine andere politische Gruppierung kam nicht in Frage) in Erwägung zu ziehen.
So saß ich an einem heißen Sommertag 1969 in der Mainzer Rheingold-Halle und ließ die raunenden Warnrufe des amtierenden Bundeskanzlers zur drohenden gelben Gefahr aus China über mich ergehen, die der Mehrheit in der proppenvollen und emotional stark aufgeheizten Versammlung offenbar echte Gänsehaut-Schauer über den Rücken jagten. Ich selbst, Student der Geschichte und Germanistik und wie gesagt zugleich Studentenpolitiker, hatte mich mit dem Briefwechsel des österreichischen Sozialistenführers Viktor Adler mit Bebel und Kautsky bewaffnet, um möglicherweise passende Zitate für störende Zwischenrufe zu finden.
Aber ich fand eine bessere Methode des politischen Widerstands gegen den Redner und seine überwiegend begeisterten Zuhörer/Innen: ich klatschte an den falschen Stellen, wo ehrfürchtiges Schweigen geboten war und störte die Stimmung mit unangemessenen Bravo-Rufen, tauchte aber sofort wieder in der allgemeinen Geräuschkulisse unter, bevor Greiftrupps der Jungen Union den Störenfried orten und vielleicht aus dem Saal befördern konnten.
1968 war gleichwohl auch wichtig für mich. Als Hochschulreferent verfasste ich Anfang 1968 einen auf einer akribischen Umfrage bei allen studentischen Vertretungen (Fachschaften) in den einzelnen Fakultäten und Instituten beruhenden vernichtenden Bericht über den Stand der Studienreform an der Uni Mainz, aus dem auch ein wenig eine „Nach-mir-die-Sintflut“-Stimmung spricht, weil der linke AstA, dem ich angehörte, soeben seine Mehrheit im Studentenparlament verloren hatte und vor der Ablösung durch ein Bündnis von RCDS und anderen konservativen Gruppierungen stand.

Ich zitiere aus der Zusammenfassung des Berichts: „Das Grundübel in allen Fachrichtungen ist also akuter Personalmangel, vor allem an wissenschaftlichen Nachwuchskräften. Dieser Missstand ist vor allem bedingt durch fehlende Mittel für zusätzliche Planstellen, aber auch durch das veraltete Habilitationsverfahren, das auch bei ausreichenden Mitteln nicht in der Lage wäre, genügend wissenschaftliche Nachwuchskräfte hervorzubringen.

Niedermeyer 1968Die Mängel in den Arbeitsbedingungen sowie in den Instituts- und Bibliotheksverhältnissen sind im wesentlichen ebenfalls auf fehlende Mittel, aber auch auf die Unfähigkeit der derzeitigen akademischen Verwaltung, Sachprobleme in rationeller Weise zu lösen, zurückzuführen.
Im Senat und in den Fakultäten herrscht das Prestige- und Honoratiorendenken. Einschneidende Maßnahmen werden aus Rücksicht auf einzelne Ordinarien vermieden. Es wird kein Beschluss gefasst, der irgendeinem Mitglied der akademischen Gremien weh tun könnte.

Mainz als Standort der Studentenbewegung stand stand natürlich etwas im Schatten der größeren Zentren Berlin, Frankfurt und auch Hamburg. Von den Hamburgern wollten wir Mainzer Aktivisten (Frauen und ihre Probleme gehörten ja bis zu dem berühmten Tomatenwurf gegen Jürgen Krahl zu den weniger zu beachtenden „Nebenwidersprüchen“ der Geschichte) uns etwas abgucken: In Anknüpfung an die Bloßstellung der akademischen Honoratioren in Hamburg mit dem Transparent „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren“ fassten linker AStA und die linke Parlamentsmehrheit den Plan, bei der nächsten akademischen Antrittsvorlesung eine neu berufenen Professors nach dem Einmarsch der Talarträger die Mitglieder des AStA und der anderen studentischen Gremien in karnevalesken Phantasiekostümen durch das zweite Portal des Audimax einmarschieren zu lassen. Leider wurde der Plan nicht verwirklicht. Die Aktion war doch zu aufwendig und dann durch die verlorenen Wahl gegenstandslos. Schade, mit dieser Aktion wäre ich vielleicht noch in die „Geschischte“ eingegangen, wie es Helmut Kohl formuliert hätte, mit dem wir als linke Studentenvertretungen übriges einen durchaus konstruktiven Dialog zustande bringen konnten und der als CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag von Rheinland-Pfalz auch wichtige Impulse in der Hochschulreform gesetzt hat.

Prägender als 1968 war für mich allerdings das Jahr 1967, mit der auch auf Mainz ausstrahlenden Berliner Anti-Schah-Demonstration vom 2. Juni, bei der der Stasi-Spitzel Karl-Heinz Kurras Benno Ohnesorg erschoss. Auch in Mainz war der Verband Iranischer Studenten sehr aktiv und der Bestseller von Bahman Nirumand „Persien – Modell eines Entwicklungslands“ prägte unser Bild von den Nord-Süd-Beziehungen und einem negativen Einfluss der USA auf das Weltgeschehen. Im Gefolge der Radikalisierung der Studentenbewegung nach dem 2. Juni machten sich auch rechte Gruppierungen, wie der NHB (Nationaldemokratischer Hochschulbund, ein Ableger der NPD) an der Uni Mainz stärker bemerkbar.
Eines Abends fanden wir vor dem Haupteingang der Uni verkohlte Packen der Uni-Zeitschrift Nobis, des Sprachrohrs der damals noch linken Mehrheit in der Studentenvertretung. Ich rief sofort den Rektor der Uni an, den konservativen katholischen Theologen Adam und fragte ihn, was er von diesem Vorgang halte. Er verurteilte das Geschehene, sagte aber zugleich, dass erst einmal aufgeklärt werden müsste, was geschehen sei und wer dafür verantwortlich sei. Ich verfasste für den AStA eine Flugblatt, in der ich den berühmten Satz von Heinrich Heine zitierte: „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen.“

Protest gegen menschenfeindliche Machtpolitik und soziale Ungerechtigkeit gehören auch heute noch wesentlich zu meinem Leben. Seit 1984 bin ich in der Berliner SPD in der internationalen und Entwicklungspolitik unterwegs, seit 2001 als Sprecher des Fachausschusses für Internationale Politik, Frieden und Entwicklung der SPD Berlin. Das zweite Foto zeigt mich mit SPD-Fahne bei einer Demonstration für den Ausstieg aus der Atomkraft vor dem Kanzleramt im März 2011.

Kein Wunder, der Protest wurde mir quasi schon die Wiege gelegt. Ich wurde im Juli 1945, kurz nach Kriegsende in Ortenburg, einer protestantischen Enklave seit dem 16. Jahrhundert mitten im katholischen Niederbayern geboren.

 


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Niedermeyer 2011Der Autor

Karl-Heinz
Niedermeyer, geboren 1945 in Ortenburg/Niederbayern. 1965 Abitur in Passau, bis 1970 Studium  der Germanistik und Geschichte an der Uni Mainz, 1967 bis 1969 Mitglied   des Studentenparlaments und 1967 bis 1968 des AStA der Uni Mainz. 1971 bis   2010 Lehrer an verschiedenen Schulzweigen, zuletzt am Oberstufenzentrum  Bautechnik in Berlin-Spandau. Seit 2001  Sprecher des Fachausschusses für Internationale Politik, Frieden und  Entwicklung der SPD Berlin.

Bild: privat