Eine Hausdurchsuchung war der Höhepunkt meiner Konfrontation mit der Obrigkeit

Frankfurter Rundschau Projekt

Eine Hausdurchsuchung war der Höhepunkt meiner Konfrontation mit der Obrigkeit

Von Bashir Molly

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Mein „68“ heißt für mich „2. Juni 67“: In der Alten Oper in West-Berlin wollte der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke einen Empfang zu Ehren des Schahs Reza Pahlavi von Persien ausrichten. Es sammelten sich ca. 500 Demonstranten, um gegen den Schah zu demonstrieren: Im damaligen Persien, dem heutigen Iran mit der Hauptstadt Teheran, war der Schah ein diktatorischer Herrscher, der sein Volk übel unterdrückte. In Persien sollten im Jahr ca. 1950 die Ölvorkommen des Landes verstaatlicht werden. Um das zu verhindern, installierte der US-Geheimdienst Herrn Reza Pahlavi als ihren Lakaien, um die Erdölquellen in Persien zu kontrollieren. Die Islamisten im heutigen Teheran sind also auch hier an der Macht, weil die USA politisch den Boden dafür vorbereitet hatten.

Ich stehe mit den anderen Demonstranten auf dem breiten Bürgersteig gegenüber der Alten Oper. Ich habe Angst. Von beiden Seiten kommt Bereitschaftspolizei auf uns zu. Der Bürgersteig wird zum Fahrdamm durch polizeiliche Trenngitter abgegrenzt. Und statt eines Gebäudes auf der restlichen – vierten – Seite ist hier eine Großbaustelle. Plötzlich fliegen Gummiringe von der Baustelle aus durch die Luft in Richtung einer großen Gruppe bezahlter Perser, so genannter Jubelperser, die mit Omnibussen angekarrt worden waren. Ich kenne die Gummiringe genau: Ich hatte sie als Werkstudent für die Firma Erwin Combe mit einem 20-Tonner-Lkw (einen Magirus-Deutz, die Marke gibt’s nicht mehr) vor drei Tagen dahin gebracht.

„Meinen“ Magirus-LKW , mit dem ich Baustoffe zu Baustellen zu fahren hatte, hatte ich mit Plakaten beklebt, auf denen zu lesen war :„Teufel ins Rathaus“. Ich unterstütze damit Fritz Teufel, den Politik-Heroen + Clown, der sich bei den seinerzeitigen Ausschreibungen für die Bürgermeisterwahlen als Kandidat für das Amt des regierenden Bürgermeisters von West-Berlin beworben hatte.

Die Polizei drängt uns Demonstranten immer enger zusammen. Ich bekomme Angst. Irgendwie gelingt es mir, in die benachbarte Krumme-Straße auszuweichen. In dieser Straße gibt es auch ein historisches Jugendstilschwimmbad, da habe ich schwimmen gelernt. Es ist der Kiez meiner West-Berliner Kindheit. Ich kenn mich hier aus. Überall wird geschrien, geprügelt, gerannt. Plötzlich heißt es: Ein Polizist ist von Demonstranten erschlagen worden … . in mir kommt Panik auf: Ich rechne mit der blinden Wut der Polizisten, die sich entlädt, wenn ihnen ein Demonstrant in die Hände fällt. Später weiß ich: Ich stand nur 20 Meter von dem Ort entfernt, an dem Benno Ohnesorg erschossen worden war. Er war vom Polizeikommissar Kurras als Opfer ausgesucht worden, weil sein rotes Hemd seinem Mörder als augenfälliges Kennzeichen für sein zufälliges Mordopfer diente. Die Parole vom toten Polizisten war von der Einsatzleitung der Polizei frei erfunden worden und diente zum Anheizen und Verschärfen der Situation.

Bashir Molly 19681965 bis 1971 hatte ich Volkswirtschaft an der FU Berlin, der Freien Universität, studiert. Das Studium war ein Riesenspagat zwischen linken Studieninhalten und linker Politik, dem Nachweis von gemäß Diplom-Prüfungsordnung vorgeschriebenen Veranstaltungen und dem vollständigen Finanzieren meines Studiums. In einem Einkaufszentrum direkt am S-Bahnhof Berlin Lichterfelde Ost, dem heutigen LIO-Center, war ich Hausmeister für eine Ladenzeile mit 19 Einzelhandels-Geschäften. Meine Dienst-Wohnung war eine Laube mit Garten . Mein Job: Heizen = sehr viele Tonnen Kohle in 3 Heizkessel schippen, Säubern, kleine Reparaturen ausführen, Schnee fegen, Grünfläche pflegen. Mit dem Fahrrad brauchte ich 30 Minuten von meiner Laube zur Uni. Zusätzliches unregelmäßiges Geld verdienen, zunächst als Lkw-Fahrer bei plötzlichen Engpässen von Baufirmen, bei denen ein Fahrer ausgefallen waren, später als Taxifahrer: Fünf Jahre lang „tigerte“ ich jeden Freitag auf der Suche nach Fahrgästen durch das damalige West-Berlin.

Meine schönste Erinnerung an die Taxi-Zeit: Mein Freundin, eine Kommilitonin, putzte an diesen Freitagen bei einem emeritierten FU-Professors, dem die Infos seiner studentischen Putzfrau aus den linken Uni-Gremien oft wichtiger waren, als eine saubere Wohnung. Nach dem Putz-Termin holte ich sie dort mit der Taxe ab. Meine Freundin setzte sich in die Taxe und blieb dort, während ich die einsteigenden Fahrgäste über sie aufklärte, um sie dann zu ihren Zielen zu fahren. So hatten wir Zeit, während der Taxi-Fahrten in Ruhe über die Tagesaktualitäten auszutauschen. Die Reaktion der Fahrgäste: bis zu 30 % Trinkgeld – normal waren maximal 10%.

Irgendwann an einem der Freitage stieg ein Fahrgast ein, den ich erkannte: Es war der Berliner Bausenator Neugebauer, einer der liberalen Vertreter im reaktionären Berliner Senat. Als ich merkte, wer er war, stellte ich als Anerkennung seiner vernünftigen politischen Position die Taxiuhr aus und fuhr ihn gratis zu seinem Ziel. Das Dankeschön an mich kam indirekt, als er in einem Zeitungsinterview stolz diese Geschichte erzählte.

Als Taxifahrer machte ich mit Touristen Stadtrundfahrten auf vorgegebenen Routen. Bei interessierten Berlinbesuchern machte ich das Angebot, ihnen dabei auch ausgewählte Gebäude der Freien Universität inklusive Erklärungen der Aktionen der Studenten zu zeigen: Beliebt waren die Hörsäle, bei denen die Deckenkonstruktionen mit Farbe bekleckert waren.
Die Farbreste waren gescheiterte Versuche, mit Farbe gefüllte Eier als Wurfgeschosse gegen reaktionäre Professoren einzusetzen.. Ein Professor erschien wegen dieser Farbeier-Gefahr eines Tages im Arbeitsoverall seines Tankwartes, weil er seine feinen Anzüge schonen wollte. Das brachte ihm dann ein Bild auf der ersten Seite der Bild-Zeitung ein. Bei US-Touristen war es beliebt, eine Gedenktafel zu Photographien, auf der sich der Berliner Senat bei der US-Amerikanischen Henry-Ford-Stiftung für die Finanzierung der Hörsaal-Gebäude bedankte. Die Umgebung der Gedenktafel war über und über mit Parolen gegen den Vietnam-Krieg bemalt. Eine Kostprobe: LBJ – how many kids have you killed to day. LBL war die Abkürzung für Lindon B. Johnson, den damaligen US-Präsidenten.

Dabei habe ich nie mein Studium der bürgerlichen und marxistischen Wirtschaftswissenschaften aus dem Auge verloren. In dieser Zeit wurde von Studenten die KU = Kritische Universität als Gegenstück zur FU = der Freien Universität gegründet. Hier engagierte ich mich im Bereich der Gesundheitsökonomie – einem bis dahin weitgehend nicht beachteten Gebiet der Wirtschafftswissenschaften. Einige der Themen waren Profitinteressen als Steuerungsinstrument im Medizinsektor, Rollenwechsel bei dem Personal der Krankenhäuser von der religiös gebundenen Krankenschwester usw. zum modernen heutigen PflegerInnen-Beruf, internationale Vergleiche von Gesundheitsstandarts in westlichen Industrienationen, sinnvolle Architektur von Krankenhausneubauten usw. In meiner Erinnerung ist diese Aufzählung der Themenschwerpunkte für mich wichtig: Wir – die kritischen Studenten der FU – waren in dem ganzen Chaos auch eine innovative Kraft, deren Denkanstöße noch bis heute – also 55 Jahre später – im Gesundheitsministerium zum Teil eifrig diskutiert werden.

In den Messehallen am Funkturm gab es jedes Jahr die juryfreie Kunstausstellung: 3 Werke konnten maximal eingereicht werden, eins musste genommen werden. Eine Jurierung fand statt, indem die Objekte gemäß ihrer subjektiv empfundenen Qualität in eine Reihenfolge gebracht wurden: In der ersten Halle ganz links das Beste, in der letzten Halle ganz rechts der Horror. Hier wurde einmal ein Kunstwerk mit dem Titel: „Was würde der damalige Innensenator Wohlrabe (Übelkrähe genannt) am liebsten mit den Studenten machen“: Auf Knopfdruck kam die Antwort: Maschinengewehr-Feuer , dies spiegelt die Stimmung der Berliner Bevölkerung gegenüber den linken Studenten wieder. Das Attentat auf Rudi Dutschke war letztlich nur die logische Konsequenz der Hetzkampagnen der Springer-Presse. Damals tauchten überall Aufkleber mit der Parole „Springer-Presse – halt die Fresse“ auf.

„Meine“ Mieter, die ich als Hausmeister und Heizer von drei je 2m hohen großen Koks-Heizöfen betreute, bekamen meine Demo-Vorbereitungen mit, wenn ich ab und zu im Sommer auf der Wiese hinter der Ladenzeile Plakate für Demos malte. Es gab nie deshalb Probleme – wir schätzten uns. Und in Uni-Prüfungszeiten schippten im Winter einige Geschäftsinhaber schon mal selber den Schnee vor ihrem Geschäft weg, um mich zu unterstützen. Nach 2 Jahren ließ der vermögende Hausbesitzer eine automatische Heizanlage einbauen und statt meinen Lohn zu kürzen erhöhte er mir gleichzeitig meinen Lohn auf Bafög-Niveau – dem damaligen Grundstipendium für Studenten. Auch noch nach 50 Jahren kommen mir die Tränen, wenn ich daran denke: ein großes Danke.

Im Jahr 1967 wurde heftig demonstriert: Ich verteilte Flugblätter mit dem Text: „Gesucht wird H. Lübke, zuletzt gesehen in Begleitung von Reza Pahlavi. Ich wurde dabei verhaftet und in eine Gefängnis-Zelle gesperrt. Dann kam es zu einer Hausdurchsuchung meiner Hausmeister-Laube. Das war mein Höhepunkt der politischen Konfrontation mit der Obrigkeit.*

Mein Vater war in der Nazi-Kriegszeit 1940/45 als Wissenschaftler in Peenemünde für die Optimierung des Kraftstoffs für die V2-Rakten zuständig, die ihre Bombenlast nach London schafften. Er hatte 1968 die tolle Idee, den Verfassungsschutz schriftlich zu informieren, dass sein Sohn wohl kommunistischer Agent sei.

Nach dem Studium wurde ich in Frankfurt am Main Handelslehrer. Ich war u.a. in der Erwachsenbildung tätig. An dem Morgen, als eine Schulamtskommission meinen Unterricht besuchen wollte, um zu entscheiden, ob ich der Ehre (und dem Lohn) gerecht werde, Ober-Studienrat zu werden, erschien zeitgleich in einer Linken Frankfurter Zeitung (der AZ) eine umfangreiche Besprechung meines Unterrichts: Die Mitglieder der Prüfungskommission saßen hinten in der Klasse und hatten alle je eine Kopie des Aufsatzes, den ein KBW (= Kommunistischer Bund Westdeutschland) -Schüler über mich verfasst hatte, vor sich liegen. Statt auf meinen Unterricht aufzupassen und zu beurteilen, amüsierte sich die Prüfungskommission über den Inhalt des Berichtes. Nach der Stunde erfuhr ich, was der Inhalt der Zeilen war: Ich wäre ein ängstlicher Kapitalistenknecht mit sozialdemokratischen Flatterhosen, was wohl in etwa stimmte. Ich wurde Oberstudienrat.

* Anm. Bronski: In einer früheren Version dieses Texte brachte Bashir Molly die Proteste von 1967
an dieser Stelle mit der Wiederwahl von Bundespräsident Heinrich Lübke in Verbindung.
Lübke wurde  jedoch bereits 1964 wiedergewählt. Die  Passage wurde geändert.
Erinnerungen können manchmal irren.

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Bashir Molly heuteDer Autor

Bashir Molly, geb.  1941 in Berlin. Studium der Wirtschaftswissenschaften an der FU Berlin, Dilpom 1971. Wurde in Frankfurt Oberstudienrat, Vater, Großvater und Pensionär. Als Künstler aktiv, u.a. als Metallbildhaure. Webseite: www.bashir-molly.de.

Bild: privat

 

 

Ein Kommentar

  1. Ralf Rath sagt:

    Mitten in der schwersten Krise, welche die Region mit der damals zweithöchsten Industriedichte der Republik bisher gesehen hat, begann mein zweitjüngstes Geschwister im Jahr 1981 eine gewerbliche Ausbildung zum Maschinenschlosser bei Magirus in Ulm. Offen ist dabei immer noch, wie ein Gesundheitswesen beschaffen sein muss, das solch extrem tiefreichende Verwerfungen auffangen kann, deren Ausläufer bis in die Gegenwart hinein und voraussichtlich weit darüber hinaus spürbar sind. Dass gesundheitsökonomisch so manches im Argen liegt, lässt sich bereits an der erheblich verkürzten Lebenserwartung meines Bruders ablesen. Wenige Tage vor seinem 44. Geburtstag segnete er völlig erschöpft vom täglichen Kampf ums Überleben das Zeitliche. Insofern besitzen die Denkanstöße der kritischen Studenten an der FU Berlin in der Tat nach wie vor Relevanz. Weshalb es im Gesundheitsministerium so elend lange dauert, um handhabbare Lösungen zu erarbeiten, damit die insbesondere im Zuge wirtschaftlicher Einbrüche eintretende Not von den Menschen sehr viel leichter zu bewältigen ist, müsste der Deutsche Bundestag allerdings noch debattieren; falls den Abgeordneten daran liegt, keiner „Quatschbude“ anzugehören, wie im 19. Jahrhundert das Parlament von seinen Gegnern verunglimpft wurde.

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