„Du wirst als eine der Ersten an die Wand gestellt und kaltgemacht!“

Frankfurter Rundschau Projekt

„Du wirst als eine der Ersten an die Wand gestellt und kaltgemacht!“

Von Barbara Linnenbrügger

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Ich bin keine 68erin! Aber ich bin eine von den Jugendlichen, die im Fahrwasser der 68er, 17-jährig, „politisiert“ wurden. Ich war damals in der Ausbildung zur Kindergärtnerin auf einer Bildungsanstalt für Frauenberufe in Bielefeld, meiner Heimatstadt. Wir Schülerinnen lehnten uns gegen einen überkommenen, wie ich viele Jahrzehnte später erfuhr, von Naziideologie geprägten Psychologieunterricht auf, probten erstmalig den Aufstand gegen Lehrerinnen und Schulleitung. Wir wollten A.S. Neill lesen und über Sommerhill und antiautoritäre Erziehung diskutieren. Das wurde entrüstet unterbunden. So schrieb ich mein erstes Flugblatt. Da uns Treffen im Rahmen der Schule untersagt wurden, „landeten“ wir mitten in der APO-Szene in der „Linken Baracke“ meiner Heimatstadt. Dort wurden wir von verschiedenen politischen Gruppen „agitiert“, durften unsere Flugblätter drucken, an marxistischen Schulungen teilnehmen und uns an allen politischen Aktionen beteiligen. Das war immer spannend und aufregend. Auch wenn mein poltischer Hintergrund eher bescheiden war, spürte ich doch, dass hier etwas ganz wichtiges für mich geschah – ich war wie elektrisiert.

Im schulischen Alltag ereilte mich noch eine andere, für diese Zeit sehr typische und mich prägende Erfahrung: Wir waren eine reine Mädchenschule, ca. 1000 Schülerinnen. Ich war Schulsprecherin. Dann wurden im Berufsschulbereich in einer Frisörklasse drei Jungen aufgenommen … und schwupps, bei den nächsten Wahlen, war ich nur noch stellvertretende Schulsprecherin! Einer der drei Jungs war „an mir vorbeigezogen“. Ich konnte es kaum fassen, aber so doof konnten Mädchen sein!

Linnenbrügger - 1970Ein besonderes Thema war für mich die Gewaltbereitschaft der linken Szene. Damit hatte ich massive Probleme. Vor lauter Angst verletzt zu werden oder im Knast zu landen, traute ich mich anfangs auf keine Demo. Die erschreckenden Fernseh- und Zeitungsberichte trugen das Ihrige dazu bei. Ich verstand weder die gewalttätigen Proteste der Demonstranten, aber ebensowenig leuchteten mir die massiven Aktionen staatlicher Institutionen ein: Warum reagierten sie so auf unsere doch vollkommen gerechten und einleuchteten Forderungen? Da war ich wohl in beide Richtungen ziemlich naiv und unerfahren.

Barbara Linnenbrügger
im Jahr 1970.
Bild: privat

Mit meiner älteren Schwester trudelte ich Anfang der 60er Jahre durch die rebellische Rock and Roll-Zeit, suchte in der Beatles-Mania Orientierung und emotionalen Anker. Die evangelische Jugendbewegung und Schülermitverwaltung haben mich Mitte der 60er Jahre geprägt. Nach einem heftigen Disput mit dem Presbyterium meiner evangelischen Heimatgemeinde über Kindererziehung bin ich ein Jahr nach der Konfirmation aus der Kirche ausgetreten.

1970 begann ich ein Studium der Sozialarbeit an einer Fachschule (Detmold), die neben Berlin und Frankfurt/M eine der aktivsten politischen Zentren war. Hier zog es mich in den Sog der K-Gruppen-Bewegung (K = kommunistisch), die sich unmittelbar aus der 68er-Zeit ergab. Auf der Grundlage einer nicht sehr differenzierten, ablehnenden politischen Haltung der BRD gegenüber und den verknöcherten Strukturen, die mir im Alltag begegneten, war ich begeistert und fasziniert von der Möglichkeit, an der Umsetzung einer „großen politischen Idee“ als studentische „Vorhut des Proletariats“, am Aufbau der „Diktatur des Proletariats“ mitzuwirken. Inhaltlich ging es mir vor allem darum, Benachteiligten zu mehr Geltung zu verhelfen und Ungerechtigkeiten entgegenzutreten. Dabei nahm ich eine eng und streng strukturierte Organisation in Kauf und die Verherrlichung von Tyrannen wie Stalin und Mao Tse Tung. Schon sehr bald traten bei mir ernste Zweifel an der Parteipolitik auf, aber die moralischen Ansprüche und die gute Gemeinschaft mit einigen Genossinnen hielten mich in ihrem Bann. Als ich dann im Frühjahr 1973 die parteiinterne Kritik einer kleinen Gruppe KSB/MLer (Studentenorganisation der KPD/ML) mitbekam, schloss ich mich ihnen sofort an und wurde umgehend mit ihnen zusammen aus der Organisation ausgeschlossen. Von ehemaligen Genossen musste ich mir massive Drohungen anhören: „Nach der Revolution bist du eine der Ersten, die an die Wand gestellt und kalt gemacht werden!“

Diese Geschichte ist ein Stück, ein Teil von mir, die ich zeitlebens in den Tiefen meiner Seele vergrub, der ich mich in gewisser Weise schämte und die mir auch sehr unverständlich war. Erst jetzt, über 40 Jahre später, nachdem ich mich über die freundschaftliche Begegnung mit einer vom Naziregime verfolgten Jüdin mit diesem dunkelsten Teil der deutschen Geschichte erneut beschäftigt habe und auch meine eigene Familiengeschichte neu beleuchtete, sind mir Zusammenhänge und Beweggründe deutlicher geworden. Maßgebend war die Einsicht, dass meine Eltern offensichtlich Nazis waren. Sie haben zu Lebzeiten nie darüber gesprochen. Diese Erkenntnis schockte mich anfangs zutiefst. Sie brachte aber gleichzeitig auch Licht in meine vernebelten Schatten-Welten, in Verhaltensweisen und Befindlichkeiten, mit denen ich mich zeitlebens unwohl fühlte, die mich plagten. Es muss für meine Eltern eine tiefgreifende Traumatisierung gewesen sein, nach 1945 zu erfahren, welcher Tyrannei, welchem Elend und welchen Grausamkeiten, welchen Lügen und Schönfärbereien sie aufgesessen sind. Das haben sie offensichtlich nie verarbeitet und mir Entsprechendes mit auf den Lebensweg gegeben.

Wie konnte das alles geschehen? Wie konnte es meinen Eltern mit Adolf Hitler, wie konnte mir ähnliches mit den K-Gruppen passieren? Sie sind beide schon lange gestorben und ich habe keine Chance mehr, sie zu fragen, aber es ist eine innere Gewissheit, dass es so gewesen sein muss, weil sich in mir, seit ich diesen Gedanken: „Meine Eltern waren Nazis!“ erstmalig dachte, so viel erklärt und damit gelöst hat.

Eine Zeit lang war ich so erschrocken darüber, dass ich den Gedanken kaum denken, geschweige denn, mit anderen darüber sprechen konnte. Seitdem hat sich viel getan. Meine Eltern, die ihre Einstellungen und Taten im Nazifaschismus wohl ihr Leben lang nach 1945 bereut und bedauert haben, fanden aber nie einen Weg ihrem Erschrecken über sich selbst, ihrer Ohnmacht, ihrem Bedauern und ihrer Trauer und Scham Ausdruck zu verleihen. Diese Eltern haben mir dieses Thema, diese Gefühle, diese Trauer, diese Scham unausgesprochen mit auf den Lebensweg gegeben. Ich habe erst jetzt diesen Zusammenhang verstanden und kann andere Wege gehen, meinem eigenen Entsetzen, meiner Scham und Trauer Ausdruck zu verleihen über meinen eigenen Weg, der sich in teilweiser Wiederholung des Weges meiner Eltern gestaltete. Meinen eigenen, selbst zu verantwortenden Taten in der K-Gruppe muss ich mich stellen. Ich kann heute davon ausgehen, dass die Geschichte des Nationalsozialismus auch ein „Stück von mir“ ist. Ohne Schuldzuweisung, aber erschrocken und fassungslos stehe ich den möglichen Gemeinsamkeiten der 33er und der 68er/70er Generation gegenüber. Ich habe jetzt aber Erklärungen, kann es verstehen und muss es akzeptieren, wenn auch nicht gutheißen. Wenn auch mein ganzes bisheriges Leben und Wirken von einer grundlegenden Patriarchats- und Kapitalismuskritik geprägt war und ist, kann ich nur sagen, dass wir in den 1970er-Jahren zum Glück keine Chance hatten unsere politischen Vorstellungen zu realisieren. Damit bin ich, sind wir „glücklich gescheitert“!

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Linnenbrügger heuteDie Autorin

Barbara Linnenbrügger, geb. 1951 in Bielefeld. Erzieherin, Sozialarbeiterin,
Feministin, Ritualkünstlerin, Theaterpädagogin und Autorin.
Mitgründerin der Frauengeschichtswerkstatt Odenwald.
Mehrere Choreografien und Theaterstücke,
letztere mit dem Frauentheater „Die Hagestolzen“.
Kuratorin mehrerer Ausstellungen.
Buchveröffentlichungen über Frauenleben, auch als Herausgeberin.
Webseite: www.frauengeschichtswerkstatt-odenwald.org

Bild: Jorinde Michel

 

 

2 Kommentare

  1. Werner Engelmann sagt:

    Zunächst einmal, Frau Linnenbrügger, meinen Respekt für Ihre ehrliche Auseinandersetzung, die auch unangenehme Selbstkritik nicht ausspart!

    Dennoch muss ich auf eine recht fragwürdige Gleichsetzung verweisen:
    „Ohne Schuldzuweisung, aber erschrocken und fassungslos stehe ich den möglichen Gemeinsamkeiten der 33er und der 68er/70er Generation gegenüber.“

    So richtig es ist, auf Schuldzuweisungen zu verzichten, sich nicht moralisch über die Elterngeneration zu erheben, so fragwürdig erscheint aber die erkennbare Neigung zu einer oberflächlichen, höchst problematischen Gleichsetzung von 33 und 68, wie sie ein Götz Aly verbreitet. Immerhin relativieren Sie dies mit dem Attribut „möglichen“.

    Es sei daran erinnert, dass der Erfolg der Nazis insbesondere bei einem in seiner Existenz bedrohten Kleinbürgertum auf der Erfahrung tiefer Demütigung einerseits (Versailler Diktat), auf elementaren Existenzängsten andererseits beruhte. Angst macht blind. Das erklärt zum großen Teil die Blindheit Ihrer Eltern.
    Dies vermischt sich nun, nach den Erfahrungen des Zusammenbruchs, mit tiefem Schuldbewusstsein, das schon deshalb nicht eingestanden werden konnte, weil es den letzten Rest an Überlebenswillen geraubt hätte. Insofern war die massive Verdrängung, gegen die wir Sturm liefen, eine notwendige Bedingung des Überlebens.

    Von all dem kann bei der 68er Generation keine Rede sein. Ganz im Gegenteil. Es gab wohl kaum eine Generation vor und nach ihr, die mit solchem Optimismus in die Zukunft blickte. Die „Faszination“, von der Sie sprechen, ist dafür deutlicher Beleg.
    Der Radikalismus, der Teile (nicht alle) in zunehmendem Maße prägte, hat ganz andere Ursachen. Er ist der intellektuellen Abgehobenheit geschuldet, der zunehmenden Entfremdung von der Lebensrealität einfacher Menschen, die im Arbeitsprozess stehen und sich in diesem auch weitgehend verbrauchen. Eine Abgehobenheit, die zu „moralisch“ unterfütterter Selbstüberhebung bis hin zu neuerlichen totalitären Tendenzen führte, wie sie im genannten Zitat zum Ausdruck kommen.

    Eine Selbstüberhebung, die keineswegs Spezifikum der 68er ist.
    Man kann sie heute insbesondere in der Rigorosität wiederfinden, mit der Intellektuelle, die sich als „konsequent“ und „links“ verstehen, über berechtigte Kritik weit hinausgehend, mit inquisitorischem Impetus gegen „Opportunismus“ zu Felde ziehen und sich zum Richter über andere aufschwingen. Tendenzen, die vor allem innerhalb und gegenüber der SPD schon Lust an Selbstzerstörung erkennen lassen.

    Der Unterschied zu der Radikalität einer Generation, die erst Opfer war und dann zu Tätern wurde, liegt wohl in verschiedenen sozialen Voraussetzungen einerseits, in unterschiedlicher psychologischer Disposition andererseits.
    Unterschiede, die zumindest erhoffen lassen, dass diese Generation, anders als die der 33er (mittlerweile schon der Großeltern) doch auch zu Selbstkritik in der Lage ist (wie ja auch die Allermeisten der 68er).
    Anzeichen dazu gibt es ja. Insbesondere in der Abwehr neuerlicher nationalistischer Tendenzen. Und darauf sollte wohl auch unser Hauptaugenmerk liegen.
    Oberflächliche Gleichsetzungen nach einem sehr vereinfachenden Rechts-Links-Schema schwächen solche Abwehr ganz erheblich. Sie dienen nur der Rechtfertigung eines wieder belebten Nationalismus und sind daher kontraproduktiv.

  2. Barbara Linnenbrügger sagt:

    Ich habe etwas Zeit gebraucht, um auf den Kommentar von Herrn Engelmann einzugehen, aber jetzt:

    In meiner Betrachtungsweise der möglichen Parallelen zwischen den Menschen, die die Zeit des Nationalsozialismus mitgestaltet haben und denen, die in den 68/70ern aktiv waren, gehe ich auf den Zusammenhang generationenübergreifender Weitergabe von Traumata aus der Zeit des Nationalsozialismus an die Folgegenerationen ein. Meine Erfahrung ist, dass sich die seelischen Prozesse, die Traumata ausmachen, nicht unbedingt an historischen Fakten orientieren, sondern an Erlebnissen und Erfahrungen, die individeull sehr unterschiedlich greifen und Verschiedenes in Menschen bewegen. Sie werden oft verschlüsselt, beschwiegen oder geleugnet, also eher in verquerer Form, an Folgegenerationen weitergegeben.

    So war es für mich eine zwar beschämende und erschreckende Erkenntnis, dass ich augenscheinlich mit meiner Verehrung von Mao und Stalin ähnlichen Tyrannen wie Hitler einer war aufgesessen bin. Ein anderes Beispiel ist meine Toleranz und Unterstützung einer diktatorischen Organisationsstruktur in einer sogenannten K-Gruppe, die sogar weit in den Privatenbereich hineinreichte.

    Ich habe einige Zeit gebraucht diese Tatsache überhaupt denken und dann später sogar auch auszusprechen zu können. Dadurch habe ich aber eine Ahnung davon bekommen, wie es meinen Eltern nach 45 mit ihrem Leben in der Zeit des Nationalsozialismus ergangen sein muss. Und hier geht es nicht um Kriegs- oder Flucht- und Vertreibungstraumata, sondern darum, dass sie offensichtlich „ihr Herz“, ihre Lebensperspektive an Adolf Hitler gehängt hatten.

    Meine Lebenserfahrung ist es, dass man manchmal Dinge -zwar auf eine andere Art und Weise- aber vom Kern her wiederholen muss, um sie zu verstehen und damit die Chance zu bekommen sie grundlegend zu verändern. Die Erkenntnis, dass meine Eltern offensichtlich Nazis waren, hat für mich einen nie geahnten Befreiungsprozess eingeläutet und ich wage heute zu behaupten, mich von meinem Trauma erlöst.

    So gesehen geht es mir in meinem Bericht über „Mein 68“ nicht vorrangig um historische Fakten, sondern um das, was Menschen (mich) umtreibt, was hemmt und was dann auch krank macht, körperlich wie seelisch. Meine Lebenserfahrung ist, dass sich Aspekte, die mich in meinem innersten Kern beschäftigen und prägen, Wege suchen, sich im alltäglichen Leben immer wieder in den Forderung zu schieben, dass sie nach Klärung und Auflösung drängen. So ist es auch mit dem, was meine Eltern aus ihrer Geschichte mir mit auf meinen Lebensweg gegeben haben.

    Noch einige Anmerkungen zu verschiedenen Aspekten Ihres Kommentars.
    Zur Einschätzung „eine Generation, die mit (solchem) Optimusmus in die Zukunft blickte“:
    Ich hoffe sehr, dass Sie sich vorstellen können, dass es unter den 68er/70ern auch andere Befindlichkeiten gab. Ich kann jedenfalls für mich sagen, dass ich in dieser Zeit nicht mit viel Optimismus in die Zukunft blickte. Ich erinnere mich an pure Verzweifelung gegenüber der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung in der westlichen Welt, auch was meine ganz persönliche Lebensperspektive anging. Ich war höchst verzweifelt darüber, dass in meinem Elternhaus und der näheren Erwachsenenumgebung meine dringlichen Fragen an mein Überleben nicht gesehen wurden, ich fühlte mich tief gedemütigt und hatte elementare Existenzängste.
    Die „Faszination“, die Sie ansprechen, stand bei mir mitnichten im Zusammenhang mit Optimismus, sondern mit einem kleinen Lichtblick auf Perspektive, der sich dann ja aber wieder sehr schnell zerschlug. Erst die frauenbewegte, feministische Betrachtung dieser Welt brachte Klärung und Zuversicht in mein Leben.
    Auch ihre Einschätzung zum Hintergrund des „Radikalismus“ kann ich so nicht teilen …