Bildung für die unteren sozialen Schichten

Frankfurter Rundschau Projekt

Bildung für die unteren sozialen Schichten

Von Birgit Krüger

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1968 war ich dreizehn Jahre alt, Arbeiterkind. Ich ging zur Realschule und hatte nur beste Noten,  Schule machte mir sehr viel Spaß und ich sog alles wissbegierig auf, eine Streberin. Alle aus dem Jahrgang, die 1971 Mittlere Reife machten, bekamen eine Lehrstelle.
Es waren echt gute Zeiten, auch für meine Eltern. Mein Vater, ursprünglich aus dem heutigen Polen,  kam 1948 nur mit einem PoW (Prisoner of War) Rucksack mit dem Zug in seinem künftigen Wohnort an. Er hatte keinen Beruf gelernt und hat sich später durch Fleiß und viel Arbeit gemeinsam mit meiner Mutter ein eigenes Häuschen und jedes Jahr einen neuen Opel Kadett leisten können.
Meine  Mutter hatte eine abgeschlossene Lehre, für die damalige Zeit in einfachen Verhältnissen eine große Ausnahme. Ihr ist es hauptsächlich zu verdanken, dass ich auch nach der Realschule weiter auf das Gymnasium gehen durfte, da eine Frau ihr eigenes Geld verdienen sollte. Beide Eltern waren immer politisch interessiert und alles wurde zu Hause lauthals diskutiert.
Im Gymnasium waren noch vier weitere Mädchen aus Arbeiterfamilien, das nannte man damals so, weil es so exotisch war. Wir hatten immer die besten Noten.
Bildung für die unteren sozialen Schichten zu ermöglichen, war ein politisches Thema. Ich bekam immer Bafög, mußte jedoch in allen Ferien auch selbst Geld verdienen, das war die Bedingung.
Ab 1968 wurden die Grundlagen für meine Zukunft gelegt. Der Wunsch, möglichst viel zu lernen, vor allem einen Beruf zu lernen und sich aus den kleinen Verhältnissen zu  befreien, war enorm.
Am besten waren unsere Lehrer. Sie gaben uns die Basis für lebenslanges kritisches Denken und politisches Interesse. Wir lasen „Summerhill“, „Biedermann und die Brandstifter“ oder „Die Unfähigkeit zu trauern“ – alles unvergessen bis heute.
Meine Herkunft und meine Schulbildung haben mich bis heute geprägt. Gute Zeiten aus meiner Sicht – auch bildungspolitisch (leider alles vergessen, wie weit man schon mal war..).


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Krüger PorträtDie Autorin

Birgit Krüger, geb 1955, hat in den 70er Sonder- und Heilpädagogik
studiert und war immer in diesem Beruf tätig,
seit 20 Jahren in Leitungsfunktionen,
zurzeit Förderschulrektorin an der Schule am Goldberg in Heusenstamm.
Sie hat zwei Söhne im Alter von 42 und 39 Jahren, beide verheiratet, zwei Enkel.

Bild: privat

 

 

Ein Kommentar

  1. Ralf Rath sagt:

    Erstklassige Arbeit abzuliefern, zählt schon seit längerem nicht mehr. Leeres Gerede steht unter der Bevölkerung weitaus höher im Kurs. In Zeiten des Internets eilt es inzwischen von einem Boom zum nächsten. Wenn insofern Jahr um Jahr Mittelmäßigkeit nach Mittelmäßigkeit über einen hinaussteigt, könnte es keine härtere Gewissensprüfung geben, als lebenslang zu lernen, kritisch zu denken und sich ständig weiterzubilden. Mithin ist der Preis dafür so immens hoch, dass im Zuge der notwendigen Erkenntnisgewinnung sogar die Gesundheit unwiederbringlich verlustig geht. Weshalb sich unser Gemeinwesen solch einen kaum mehr sagbaren Irrsinn leistet, ist daher in der Tat eine offene Frage, die nach wie vor einer Antwort harrt. Dass Frau Birgit Krüger angesichts widrigster Bedingungen sich bisher davon nicht beirren ließ, spricht für ihren aufrechten Gang und die Stärke ihrer sozialen Herkunft.