Der Funke sprang auf die Provinz über

Frankfurter Rundschau Projekt

Der Funke sprang auf die Provinz über

Von Christa Hengsbach

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„Hinter Klostermauern woll`n wir nicht versauern!“ So skandieren wir, Schülerinnen des Mädchengymnasiums der Armen Schulschwestern von unserer lieben Frau, v.u.l.F.,  anlässlich der ersten Demonstration im Sauerland. Angeleitet durch die Gruppe: „Kritischer Katholizismus“ und älteren Freunden, die bereits Studenten sind.

„Wir sind die linken Frommen!“ So auf dem Katholikentag 1968 in Essen, wo wir mit einigen Aktionen und Arbeitsgruppen der katholischen Basisbewegung „Kritischer Katholizismus“ Diskussionen führen zum Paragraph 218, dem Zölibat, die Rolle der Frauen in der katholischen Kirche und die Theologie der Befreiung.

Ein Aufbruch in der Kirche, engagierte junge Christen sind beseelt von der Möglichkeit, Kirche von unten zu verändern!

Überhaupt: Endlich ein Aufbruch bei uns im Sauerland! Der Aufbruch findet überall statt. Der Funken von den Ereignissen in Berlin, Frankfurt, München, Tübingen springt über in die Provinz. Wir, aktive Schülerinnen der Klosterschule und Schüler des Nachbargymnasiums, organisieren Arbeitsgruppen zu unterschiedlichsten Themen. Wilhelm Reich, Sigmund Freud – die Psychoanalyse. Die notwendige Literatur erhalten wir von studentischen Genossen aus Münster. Wir verkaufen die Raubdrucke unter dem Tisch auf Schulfesten. Dazu die Beatniks-Literatur: „Gammler, Zen und hohe Berge“, Jaques Kerouac und J.D.Salinger:“Der Fänger im Roggen“. Aufbruchsliteratur, die uns katholisch geprägte Mädchen und Jungen begeistert.

Den (mittlerweile) Genossen aus Münster ist das zu unpolitisch: An den Universitäten beginnt man bereits mit Kapital-Schulungen. Die blauen Bände von Karl Marx werden uns mitgebracht. Wir gründen, auch fasziniert von den Vorbildern der berühmten Kommunen in Berlin und München, eine „Nachmittagskommune“. Zwei Mädchen , zwei Jungen verbringen dort jeden Nachmittag. Andere Aktive kommen zu Besuch. Der katholische Pfarrer hat einen Raum zur Verfügung gestellt. Wir bereiten Arbeitsgruppen vor, entwickeln Texte, exzerpieren Raubdrucke und lesen uns aus dem Buch „Das Kapital“ (Band 3) vor. Dazu hören wir Musik von Pink Floyd, Amon Düül, Grateful Dead. Eine tolle Zeit! Und immer wieder besuchen uns die Genossen aus Münster, diskutieren, leiten an, informieren. Wir sind stolz, nicht abgehängt zu sein, sondern geradezu, wie durch eine Nabelschnur verbunden mit den wichtigen Ereignissen an den Universitäten. Zaghaft besuchen wir unsere ersten Demonstrationen in Münster und kehren gestärkt, agitiert und bereit zu weiterer Auseinandersetzung zurück in unsere Kleinstadt. Wir trampen zu einer Demo in Frankfurt und lernen den Club Voltaire kennen.

Später einmal sagte mir ein Freund: „Wir waren doch nur der Müll der Geschichte!“ Schließlich waren wir 1968 erst 16 Jahre alt. Ja, es war entscheidend, welches Alter man hatte und welche  Rolle man in dieser einmaligen historischen Situation spielte. Erst recht die Persönlichkeiten, Kader, Funktionäre, Leitfiguren, Gurus, fast immer männlich, was man ja auch an den Publikationen zu „1968“ sieht…Aber das ist ein anderes Thema.

Wenn ich mir von heute diese Zeit betrachte: 1968, diese Melange aus Flower-Power , genialer Musik und politischem Aufbruch, aber noch viel mehr die Zeit danach, haben meinen Lebensweg geprägt. Es waren nicht die abstrusen kommunistischen Gruppen mit ihren patriarchalen Strukturen; es waren die 70-er Jahre: die Weiberräte, die Aktivitäten zum § 2018, die Anti-AKW-Bewegung, die beginnende grüne Bewegung, die Demokratisierung und der sich entwickelnde größere Anteil von Frauen in verschiedenen gesellschaftlichen Positionen…und vieles mehr…Und darauf können wir stolz sein!


+++ Das Projekt „Mein 1968“ – Der Aufruf +++ Schreibtipps +++ Ein Beispiel +++ Kontakt +++

Hengsbach PorträtDie Autorin

Christa Hengsbach, geboren 1951, in Neheim-Hüsten.
Nach dem Abitur studierte sie Deutsch, Musik
und Darstellendes Spiel und war 35 Jahre lang
Lehrerin an einer Frankfurter Gesamtschule.
Sie ist Trainerin für Biografiearbeit
und Leiterin der Interkulturellen Werkstatt,
hat zwei erwachsene Kinder und lebt
mit ihrem Mann in Frankfurt.

Bild: privat

 

 

Ein Kommentar

  1. Peter Boettel sagt:

    „Hinter Klostermauern woll`n wir nicht versauern!“ So ähnlich ging es mir in einem bischöflichen Konvikt, das ebenfalls in der Provinz lag. Dennoch sind die Parolen und vor allem die Wünsche der 68 er Bewegung dorthin vorgedrungen.
    Ergänzend zu den Ausführungen von Christa Hengsbach ist noch die Enzyklika von Papst Paul VI. aus dem Jahre 1968 zu erwähnen, in der er sich gegen die Empfängsverhütung aussprach, was ihm den Namen Pillen-Paul einrachte.

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