Frontaler Angriff auf die herrschende Theologie

Frankfurter Rundschau Projekt

Frontaler Angriff auf die herrschende Theologie

Von Friedrich Gehring

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Mein 1968 zog sich von 1967 bis 1972 hin. Es begann, als ich aus Protest gegen die Erschießung von Benno Ohnesorg erstmals zu einer Demo auf die Straße ging. Es wurde mir schlagartig klar, dass ich in einem anderen Staat lebte als ich bisher gedacht hatte. In diesen Tagen predigte ich bei der Abendandacht im Tübinger Ev. Stift über 2. Mose 19, 3-6. Als ich vorgelesen hatte: „Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern getan habe“, entstand ein für mich unerklärlicher Tumult, nach dessen Abflauen ich als braver frommer Theologiestudent zum Thema Dankbarkeit predigte. Hinterher erfuhr ich: Während meiner Predigtvorbereitung im stillen Kämmerlein hatten alle anderen im Radio von der Zerstörung der ägyptischen Luftwaffe durch Israel an diesem ersten Tag des Sechstagekriegs gehört. Bei dem Satz aus dem Predigttext schien es, ich würde eine Kriegspredigt halten wollen. Ich nahm als Lektion mit: Wenn du Predigten schreibst, musst du nicht nur die Bibel lesen, sondern auch die Zeitung.

Gehring 1971Als Karl-Heinz Kurras freigesprochen wurde, schrieb ich meinen ersten Leserbrief. Zunehmend traten politische Aspekte in meinen theologischen Horizont, 1968 noch gebremst durch die Examensbüffelei.

Im folgenden Jahr wurde mit meinem Dienstantritt politisches Predigen konkreter. Ich erregte Anstoß, weil ich gegen die Verurteilung Homosexueller oder auch Prostituierter eintrat. Ein wichtiger Denkanstoß wurde Franz Josef Degenhardts Lied vom „Gott der Pille“. Darin wirft er dem Papst vor, durch das göttliche Verbot der Geburtenkontrolle die Rede von Gott zu missbrauchen, um durch ein Überangebot an jungen Arbeitskräften Löhne zu drücken. Ich wurde aufmerksam gegenüber Verwertungszusammenhängen der Rede von Gott, die meine bisherige Frömmigkeit ausgeblendet hatte.

Virulent wurde diese erhöhte Aufmerksamkeit, als ich im Mai 1971 zur Prüfungspredigt im zweiten Dienstexamen den Turmbau zu Babel (1. Mose 11) auslegen sollte. Die traditionelle Theologie macht dort die Menschen zum Problem, mir wurde dagegen klar, dass der dort beschriebene despotische Gott mit seinem „teile und herrsche“ das genaue Gegenteil des barmherzigen Vaters Jesu war und dennoch das herrschende Gottesbild meiner Kirche darstellte. Ich empfahl der Gemeinde, diesem Gott abzusagen und zum Gott Jesu zurückzukehren. Diesen frontalen Angriff auf die herrschende Theologie und den Aufruf zu einem Neuanfang unterstrich ich durch einen orangeroten Talar, den ich mir zu diesem Anlass hatte schneidern lassen.

Da ich die heftig bekämpfte Konzeption des „Therapeutischen Religionsunterrichts“ vertrat, wurde ich an eine „Sonderschule für Verhaltensgestörte“ versetzt in der Hoffnung, ich würde ins Lehramt für Sonderschulen wechseln. Aber auch dort erschien ich zu aufmüpfig. Ich bewarb mich auf eine Pfarrstelle in meiner Heimatstadt Geislingen an der Steige, der Oberkirchenrat wollte mich aber der Gemeinde nicht zur Wahl benennen. Meine Freunde aus dem Jugendwerk erzwangen eine Gemeindeversammlung unter der Fragestellung, warum die Bewerbung nicht zugelassen werde. Auch ältere Gemeindeglieder erinnerten an zufriedenstellende Predigten, die ich in Geislingen gehalten hatte. Der Dekan plauderte im kleinen Kreis versehentlich den oberkirchenrätlichen Geheimbeschluss aus, mich zwar das Examen bestehen zu lassen, aber Pfarrstellenbewerbungen zu blockieren. Die Lokalpresse titelte: „Schützenhilfe für Vikar Gehring. Evangelische Jugend wehrt sich gegen Entscheidung des Oberkirchenrats“ und berichtete über die kritischen Fragen an den Oberkirchenrat.

Man versetzte mich in eine Stadt mit SPD-nahen Pfarrern. Diese regten sich intern über eine fromme Zeltmission auf, nahmen aber keine öffentliche Stellung. Ich ging zum Entsetzen der Kollegen zu diesen „Pathologen“ (so der Dekan) hin und widersprach der dortigen Gerichtspredigt. Die Kollegen saßen daraufhin in meiner Abwesenheit über mich zu Gericht. Der Dekan meldete dem Oberkirchenrat, ich bräuchte eine psychotherapeutische Behandlung. Ich wurde vom Dienst suspendiert. Später sagte mir der älteste der Kollegen: „Wissen sie, woran ich bemerkt habe, dass bei ihnen etwas nicht stimmt? Als sie dem Dekan widersprochen haben“. Meine Geislinger Freunde forderten mich auf, am Geislinger Nationalfeiertag, dem Kinderfest, bei einem Gottesdienst im Freien über das Problem der Drogensucht zu predigen. Die Predigt wurde in der Lokalpresse gelobt als eine „ausgezeichnete Predigt“, die „bei jung und alt ankam“.

In der nun freien Zeit vervielfältigte ich meine dort gehaltenen Predigten und verteilte diese auf einer Konferenz der württembergischen Vikare unter der gleichaltrigen Kollegenschaft mit der Frage, ob so ein Verrückter predige. Etwa 30 Gleichaltrige unterschrieben, wenn ich nicht bis 15.1.1973 voll rehabilitiert wäre, würden sie sich psychotherapeutisch untersuchen lassen und sich vorbehalten, sich als dienstunfähig zu betrachten. Am 1.2.1973 war ich wieder im Dienst. Später erfuhr ich: Der Oberkirchenrat hatte eine Normenkontrollklage befürchtet zur Klärung der Frage, ob er die Meinungsfreiheit von Predigern einschränken darf. Angesichts meines Rufs zurück zu Jesus hätte die Kirchenleitung da sehr schlecht ausgesehen. Eine inhaltliche Kontroverse über meine Turmbauauslegung fand erst 2017 statt, als ein Kollege einen Kommentar dazu verfasste, auf den ich erwidern konnte.

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Der Autor

Friedrich Gehring, geboren 1944 in Geislingen/Steige.
Studium der Theologie, ab 1969 im kirchlichen Dienst
der Evangelischen Landeskirche in Württemberg,
1974-1977 in Hessen,
1978-1988 Gemeindepfarrer in Spiegelberg,
bis 2009 Pfarrer für Religionsunterricht in Backnang.

Ein Kommentar

  1. Ralf Rath sagt:

    (…)

    Kommentar gelöscht, da er eine Reaktion auf eine andere Debatte ist, und hierhin verschoben.

    Gruß, Bronski