Gründung eines Kinderladens in Frankfurt im Jahr 1969

Frankfurter Rundschau Projekt

Gründung eines Kinderladens in Frankfurt im Jahr 1969

Von Cornelia v. Freyhold

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Ich wurde im vierten Kriegsjahr 1942 in Göttingen geboren . Meine berufstätige Mutter zog als Kriegerwitwe mit meinem älteren Bruder und mir Anfang der 50-er Jahre nach Frankfurt, als die Stadt noch in Trümmern lag. Die spießigen Jahre meiner Jugendzeit und mein erstes Aufbegehren gegen die starren Regeln der Erwachsenen prägten die Jahre der Pubertät. Nach dem Abitur machte ich eine Ausbildung zur Diplom-Bibliothekarin an der Deutschen Bibliothek in Frankfurt. Ich heiratete Anfang der 60-er Jahre, weil ein Kind unterwegs war.
Mein Mann und ich bezogen eine Wohnung im Westend, in der Schumannstraße. Hier besuchte meine ältere Tochter, 1964 geboren, einen Privatkindergarten, der freundlich, aber mit rigiden Regeln für die Kinder geführt wurde. Im Jahr 1967 wurde meine zweite Tochter geboren.

Freyhold 1968 großZu dieser Zeit begannen die ersten Studentendemonstrationen an der Universität und im Westend, die wir hautnah mitbekamen.Die Häuserkämpfe von Studenten mit der Polizei fanden praktisch in unserer Nähe statt. Zu der Zeit war ich nicht berufstätig , da ich , geprägt durch die harten Jahre in der Nachkriegszeit , meinen Kindern eine Kindheit in der Familie bieten wollte mit einer Mutter, die nicht arbeiten gehen musste.

Cornelia von Freyhold
im Jahr 1968.
Foto: privat.

Dennoch begannen mich die Ideen der Studentenbewegung, das Aufbegehren gegen jegliche Autoritäten, ihr Protest gegen den Vietnamkrieg ,immer mehr zu interessieren. Vor allem, wenn es um das Thema: Frauen und Kindererziehung ging. Als die ersten Veröffentlichungen und Berichte über sogenannte
„Kinderläden“, die in Berlin gegründet wurden , um den Frauen mehr Freiheiten zu geben, sich in die politische Arbeit an der Universität einzubringen,in den Zeitungen und im Fernsehen auftauchten , war für mich und meinen Mann klar: Wir wollten mit anderen Menschen, die ebenso gegen Autoritäten aufbegehrten und ihre Kinder liberal und frei erziehen wollten, in Frankfurt einen Kinderladen gründen.

Durch meine Schwägerin, die am Institut für Sozialforschung in Frankfurt bei Theodor W. Adorno studierte, erfuhr ich, welche fatalen Auswirkungen eine autoritäre Erziehung auf Kinder und spätere Erwachsene haben kann. Voller Interesse las ich die Studien von Horkheimer und Adorno über den autoritären Charakter und diskutierte mit meiner Schwägerin darüber. Von ihr erfuhr ich auch, dass in Frankfurt bereits im Jahr 1969 ein Kinderladen von der Tochter von Alexander und Margarethe Mitscherlich in der Eschersheimer Landstraße gegründet worden war.Da in diesem Kinderladen kein Platz mehr für meine zweite Tochter frei war, schlossen mein Mann und ich uns einer Elterngruppe an, die an der Frankfurter Universität am Aufbau einer antiautoritären Kindergruppe beteiligt war.

Nach einigen Monaten fanden wir Ende 1969 eine Parterrewohnung in einem alten Haus in der Niedenau im Frankfurter Westend und begannen intensiv mit dem Aufbau unseres Kinderladens unter dem Namen:„Rote Eule.“Zunächst wollten wir uns als Eltern eine theoretische Grundlage für eine andere Erziehung erarbeiten. In nächtelangen Diskussionen setzten wir uns mit den Schriften von Anna Freud zur Psychoanalyse des Kindes, sowie von Schmidt/Klein/Ferenczi und anderen wie Melanie Klein zur antiautoritären Erziehung auseinander. Auch das Buch von A.Neil über Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung wurde von uns gelesen und heftig diskutiert . Der Film von Gerhard Bott über  antiautoritären Kinderladen in Berlin, der im Fernsehen für Aufruhr sorgte, gab Anlass für weiteren Gesprächsstoff. Weitere Themen waren Selbstregulierung und Konfliktlösung der Kinder untereinander, unsere Rolle als Eltern, Erziehungsvorstellungen, Geschlechtsspezifisches Verhalten , Verhalten gegenüber Autoritäten, Aggressionen etc.

Nebenher lief der Kinderladen an, nachdem wir sogenannte „Bezugspersonen“ gefunden hatten, die aus dem pädagogischen Umfeld kamen und mit ihrer Arbeit in herkömmlichen Kindergärten nicht mehr zufrieden waren.Auch sie mussten sich verpflichten ,an den wöchentlichen Diskussionen teilzunehmen. Neben den theoretischen Studien mussten auch die Dinge des täglichen Lebens der Kindergruppe in der „Roten Eule“ ständig immer wieder neu im Plenum besprochen werden. Dinge wie: „Wer ist wann als zusätzliche Betreungsperson im Kinderladen mit anwesend, wer beobachtet die Kinder und ihre Reaktionen und schreibt darüber Protokoll ,wer kocht wann das Mittagessen, wer putzt wann im Kinderladen , wer regelt die Auflagen mit den Behörden, so dass wir eine finanzielle Unterstützung von der Stadt Frankfurt erhalten könnten .“ Nächtelang diskutierten wir jede Woche die anstehenden Themen sowie die Bewältigung der täglichen Arbeit im Kinderladen. Auch die monatlichen Beiträge wurden heftig diskutiert und dann nach dem Gehalt der Eltern gestaffelt .Bei manchen Elternpaaren, die gut verdienten, waren sie entsprechend hoch.

N.ach einem sehr schwierigen und arbeitsintensiven ersten Jahr lief die Arbeit im Kinderladen zusehends besser. Wir Eltern waren zu einer festen Gruppe zusammen gewachsen, die auch am Wochenende gemeinsam mit den Kindern Ausflüge und Unternehmungen machte. Hierbei standen dann abends nicht so sehr die Kinder im Vordergrund , sondern die Beziehungen der einzelnen Paare.

Durch die intensiven , auch wissenschaftlichen Diskussionen , im Kinderladen begann es in den meisten Beziehungen zu kriseln. Die ersten Trennungen fanden statt. Viele Mütter hatten durch den Kinderladen , der bis in den Nachmittag geöffnet war,mehr Freizeit für sich, begannen wieder zu arbeiten oder nahmen ein Studium auf.Die betroffenen männlichen Partner kamen mit dieser neuen Situation nur schwer zurecht, waren sie es doch bisher gewohnt gewesen, zu Hause eine Frau, die sich um alles kümmerte, was den Haushalt betraf, vorzufinden. Jetzt waren auch die Männer gefordert von uns Frauen, nicht nur,um sich an der Kindererziehung zu beteiligen, sondern auch, um im Haushalt mitzuhelfen. Das gelang allerdings nur teilweise.
Motiviert durch die vielen Erfahrungen, die ich in der Kinderladenarbeit gesammelt hatte, begann ich1971 ein Studium für eine Lehrerausbildung im Grundschulbereich.Ich wollte als Lehrerin mit Kindern arbeiten und mithelfen, die Grundschule zu erneuern und mit neuen Ideen zu bereichern. Meine erste Examensarbeit habe ich über „Das Problem der Autorität und seine pädagogischen Auswirkungen in der traditionellen und der nicht-autoritären Erziehung“ geschrieben und dafür einen Professor der Pädagogik an der Universität in Frankfurt interessieren können, der die Arbeit wissenschaftlich und mit großem Interesse begleitet hat.

Meine zweite Tochter besuchte zwei Jahre lang den Kinderladen , wollte dann aber das letzte halbe Jahr vor der Schule nicht mehr dorthin gehen., da es ihr dort zu laut und zu wild war. Mit einigen Kindern und Eltern haben wir aber bis heute noch Kontakt.

Nach beendetem Studium und einer Anstellung an einer Grundschule in Frankfurt -Bornheim trennte ich mich 1982 von meinem Mann und begann nach der Referendarzeit meine Arbeit als Lehrerin, zunächst in Frankfurt und später dann in Frankreich an der Internationalen Schule in Lyon im Rahmen eines Lehreraustausches. Dort blieb ich sechs Jahre lang, bis ich nach meiner Rückkehr an eine Schule im Main-Kinzig Kreis versetzt wurde. Für mich sind die Jahre der Kinderladenarbeit sehr prägend gewesen und haben mein Leben sehr verändert.Meine eigenen Kinder habe ich liberal und nicht- autoritär erzogen. Durch die vielen Gespräche im Kinderladen über Kindererziehung und Paarbeziehungen habe ich Einblicke in viele Lebensläufe erhalten und ein Einfühlungsvermögen entwickelt, das mir in meiner Arbeit als Lehrerin sehr zugute kam. Meine Klassen habe ich allerdings nicht antiautoritär geführt, denn ich habe mich im Lauf der Jahre von der „laissez-faire“Erziehung wieder abgewandt hin zu einem toleranten und liberalen, aber anleitenden Erziehungsstil. Diesen habe ich bis zu meiner Pensionierung in meinen Klassen erfolgreich praktiziert.

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Freyhold PorrtätDie Autorin

Cornelia v. Freyhold, geboren 1942 in Göttingen. 1961 Abitur. 1969/70 Gründung des Kinderladens. 1971-75 Studium Lehramt an Grundschulen. Bis 1987 Lehrerin an einer Grundschule in Frankfurt-Bornheim. Dann bis 1993 Leiterin der deutschen Sektion / Primarstufe an der Internationalen Schule in Lyon. 1993 bis 2005 Lehrerin. Zwei Töchter.

Bild: privat