Warten auf den Tag, an dem Frieden die Welt regiert

Frankfurter Rundschau Projekt

Warten auf den Tag, an dem Frieden die Welt regiert

Von Roland Brückner

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Ich wuchs in einer katholischen Familie auf, Vater Polizist und Kirchenvorstand, Mutter Erzieherin mit der Ambition, ihre Kinder auf das Niveau der (gleichaltrigen) Kinder des Dorfarztes zu heben. Messdiener, katholische Jugend, Jugendleiter, Realschule und Lehre als Chemielaborant in der nahen Hoechst AG. Bundeswehr! Dort begann für mich das Nachdenken und das Lesen anderer Literatur als Karl May. 1967. Die Studentenrevolten hatten angefangen und ich spürte eine starke Affinität zu den Werten und Zielen dieser Bewegung. Stattdessen nahm ich in der Bückeburger Jägerkaserne an Wehrübungen zur ‚Abwehr kommunistischer Aufrührer, die das Kasernengelände stürmen wollen“, teil.

Roland Brückner 1968 2Dann August 1968, Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei. Mehrwöchige Ausgangssperren, dauernd nächtliche, frühmorgendliche Wehrübungen mit Einschanzen Richtung Osten, weil „Truppen des Warschauer Paktes um XY Uhr die Grenzen der BRD überschritten“ hatten. Mein Cousin gleichen Namens diente zu dieser Zeit in der Volksarmee der DDR, also auf der „anderen“ Seite.

Roland Brückner
im Jahr 1968.
Foto: privat.

Das Maß war voll! Beantragung der Anerkennung als Wehrdienstverweigerer wurde eingereicht. Nach dreimonatiger Toilettenreinigung wurde ich anerkannt und beschloss, mich auf die Seite der Ideen der „68er zu schlagen. Der zweite Bildungsweg auf einer Ganztagsschule in Frankfurt schien mir eine gute Ausgangsbasis zu sein.

Der Vietnamkrieg war in vollem Gange, und es wurde fast täglich demonstriert. Mehrfach nahmen mein Vater und ich an den gleichen Demonstrationen teil, er als „Objektschutz“, ich als Demonstrant, beseelt von dem „Nie-wieder-Krieg!“-Gedanken. Danach die Schuldzuweisungen, wer denn nun angefangen habe mit dem Prügeln, dem Steinewerfen.

Im Soziologiezweig der Schule wurde inzwischen diskutiert- stundenlang. KPD/ML, Trotzkisten, DKPler, KPDler, Maoisten, jeder gegen jeden, wobei niemand auch nur einen Schritt von seiner vorgegebenen Meinung abwich und deswegen nie ein Konsens, eine gemeinsame Basis gefunden wurde. Das war ernüchternd.

1972 packte ich meinen Rucksack und zog in die Welt. Als ich 1976 aus Australien zurück kam, geriet ich in den RAF-Verfolgungswahn. Es war Sommer. Ich jobbte nachts und schlief tagsüber in meinem VW-Bus. Es gab kaum einen Tag, an dem ich nicht in Gewehr-/Pistolenläufe verängstigter Polizisten schauen musste. Wer will denn in so einem Land leben? Angewidert packte ich 1978 meinen VW-Bus und zog gegen Südafrika. Dort kam ich bis zum Sambesi. Diesen konnte ich nicht überqueren, da Rhodesien in Simbabwe umgewandelt wurde und die einzige Fährverbindung von Sambia nach Botswana regelmäßig beschossen und, wie es hieß, versenkt wurde. Ausweichen ins sozialistisch beeinflusste Angola oder Mozambique war nicht möglich. Der eiserne Vorhang reichte bis ins südliche Afrika.

Später erfuhr ich, dass mein Cousin Roland, der schon 1968 auf der ‚anderen“ Seite gestanden hatte, zu dieser Zeit als „Berater“ in Angola tätig war, also wieder auf der „anderen“ Seite.

Ich flog ohne Illusionen zurück nach Deutschland, begann eine Schreinerlehre, arbeitete in diesem Beruf bis zu meiner Rente und warte immer noch auf den Tag, an dem Frieden die Welt regiert.


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Roland Brückner heute 2Der Autor

Roland Brücker, Jahrgang 1948, geb. in Hattersheim, hat als Chemielaborant, Tischler und Auslieferungsfahrer gearbeitet. Rentner.

Bild: privat

 

 

Ein Kommentar

  1. Anna Hartl sagt:

    Hallo Herr Brücker,
    als ich Ihr Foto aus jungen Jahren sah, hatte ich ein breites Grinsen im Gesicht.
    Die wenigsten die in dieser Zeit jung und aktiv waren, dürften Eltern gehabt haben, die ähnlich dachten und auch so aussahen.
    Mir geht gerade der krasse Unterschied nicht nur im Denken, sondern auch im Aussehen durch den Sinn.
    Die älteren auf ein „adrettes“, ordentliches Erscheinungsbild bedacht und ihre Kinder knallen ihnen das Gegenteil um die „Augen“. Sie haben sich für ihre Kinder geschämt.
    Schmerz! Unübersehbar taten sich in dieser Zeit in den Familien riesige Gräben auf.
    Und heute?

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