Ein Aufbruch nach langen Jahren der Lähmung

Frankfurter Rundschau Projekt

Ein Aufbruch nach langen Jahren der Lähmung

Von Peter Boettel

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Ich war zu dieser Zeit noch Schüler der 12./13. Klasse, damals hieß es noch Unter- bzw. Oberprima. Obwohl in der Provinz lebend, war ich politisch interessiert. In der Schule war ich Vorsitzender einer politischen Arbeitsgemeinschaft und organisierte Diskussionsveranstaltungen mit Politikern, Besichtigungsfahrten (z.B. zuBetriebsbesichtigungen, aber auch zum Bundestag nach Bonn).

Boettel 1968Obwohl es im katholischen Internat nicht gerne gesehen wurde, las ich regelmäßig den Spiegel und informierte mich den Möglichkeiten entsprechend in den damals noch kritischen Magazinen wie Panorama, Report und Monitor, Löwenthals ZDF-Magazin war mir auch damals bereits suspekt.

Natürlich berührte mich das Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968 sowie die darauf folgenden Aktionen gegenüber der Springerpresse und der Verhaftung von Peter Brandt. Ich hatte später das Glück, Rudi Dutschke im Frühjahr 1976 kennen zu lernen, als er durch Vermittlung von Ottmar Schreiner zu einer Diskussion nach Saarbrücken an die Uni kam. Sein Ausspruch „In der DDR ist alles real, nur nicht der Sozialismus“ blieb mir präsent.

Peter Boettel zu jener Zeit.
Bild: privat.

In einer späteren Fernsehsendung ungefähr Mitte der siebziger Jahre, in der sich ehemalige Kontrahenten begegnet sind, waren Rudi Dutschke und der frühere Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz eingeladen. Rudi Dutschke kommentierte das Zusammentreffen mit Heinrich Albertz folgendermaßen: „Damals war er für mich ein Politikaster, heute ist er ein christlicher Sozialist.“ Hierzu ist anzumerken, dass Heinrich Albertz nach seinem Rücktritt vom Amt des Regierenden Bürgermeisters wieder als Pastor tätig wurde, sich wie viele ehemalige Politiker, besonders der SPD (außer Schröder, Müntefering oder Dohnanyi), nach ihrem Ausscheiden mehr nach links orientierte, z.B. gegen den Nato-Doppelbeschluss, und sich als Geisel für einen Gefangenenaustausch der RAF zur Verfügung stellte.

In der Nähe von Trier wohnend und dort geboren, war es natürlich ein Muss, zum Geburtstagsjubiläum von Karl Marx zu fahren. In späteren Jahren war ich natürlich noch mehrmals im Karl Marx-Haus, einmal während eines Besuchs von Breschnew in Bonn, als dieser einen seiner stellvertretenden Ministerpräsidenten mit einem Blumengebinde nach Trier schickte. Noch habe ich Fotos von diesem Besuch. Selbstverständlich habe ich die Ausstellungen anlässlich seines 200. Geburtstages im Mai d.J. in Trier besucht.

Die Sonderberichte in der FR zum Erscheinen des „Kapital“ habe ich aufgehoben. Mit seinem Werk habe ich mich sodann in rechtsphilosophischen Seminaren beschäftigt. Ich sehe seine Analyse des kapitalistischen Systems mehr denn je bestätigt.

Betroffen machte mich dann auch die Nachricht vom Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in Prag. Ich erinnere mich, dass meine Mutter und mein Bruder mich morgens im Schlafzimmer aufsuchten – es war ja in den Sommerferien. So konnte ich mich den ganzen Tag über die Geschehnisse informieren.
Anlässlich eines Klassenausflugs nach Hamburg im Herbst 1968 gab es dann jede Menge Buhrufe, als wir am Springer-Haus vorbeifuhren.
Der Mai 68 in Frankreich war natürlich ein bewegendes Ereignis, wobei für mich beeindruckend war, dass in Frankreich die Arbeiter und Gewerkschaften im Gegensatz zu Deutschland – hier wurde fast ausschließlich über die Studenten als Langhaarige und Faulenzer geschimpft – sich mit den Studenten solidarisierten.

In Erinnerung bleibt, dass auch der damalige Präsident Charles de Gaulle während dieser Zeit einige Tage verschwunden war – er war in Baden-Baden – und man vermutet hatte, er habe sich mit General Massu getroffen und würde Militär eingreifen lassen. Ein Jahr später trat er zurück, und Pompidou wurde sein Nachfolger.

Medial von besonderem Interesse war die Kommune 1 in Berlin mit Fritz Teufel, Rainer Langhans, Uschi Obermaier u.a., wo das Stichwort der „freien Liebe“ galt. Ein besonderer Spruch war: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Fritz Teufel musste sich vor Gericht verantworten; als er beim Eintreten der Richter zum Aufstehen aufgefordert wurde, kommentierte er: „Wenn es der Wahrheitsfindung dient.“ Als er aus der Haft entlassen wurde, trug er einen Adventskranz auf dem Kopf.

Als ich 1969 selbst an die Uni kam, waren die Aktionen schon am Abflauen, zudem ging es in Saabrücken relativ gemächlich zu. Mir bleibt die 68er Zeit insofern für mich in positiver Erinnerung, weil es eine Zeit des Aufbruchs nach langen Jahren politischer Lähmung, Angepasstheit und dem Drang nach einem Wechsel der politischen Verhältnisse war. Leider ist im Laufe der Folgejahre vieles zurückgeschraubt worden. Derzeit wäre ein neues 1968 so nötig wie damals!

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BoettelDer Autor

Peter Boettel, geb. 1948 in Trier.
Jura-Studium in Saarbrücken.
Politisches Engagement in Juso-Hochschulgruppe
und später in der SPD.
Betriebsrat bei der Flughafen Stuttgart GmbH.
Autor des Buches „Ist Europa gescheitert?“

Bild: privat

 

 

4 Kommentare

  1. Ralf Rath sagt:

    Der von Herrn Boettel verwendete Begriff des „Aufbruchs“ sollte einer gesellschaftlichen Erneuerung vorbehalten bleiben, die unumkehrbar ist. So lehne ich es noch heute ab, von einem „Aufbruch in der Automobilfabrik“ zu sprechen, wenn manche etwa bei der Volkswagen AG keine Gelegenheit auslassen, die damit einhergehende Transformation nach Kräften zu sabotieren. Insofern auf industrieller Arbeit der Wohlstand des hiesigen Gemeinwesens fußt, sägen offenbar nicht wenige Belegschaftsangehörige auch von anderen Konzernen äußerst hingebungsvoll an dem Ast, auf dem sie sitzen, ohne jemals fliegen zu können. Ob dieses Phänomen bereits im Frühjahr 1968 zu kritisieren war, vermag ich nicht zu sagen. Es scheint jedenfalls nicht ausgeschlossen zu sein, dass auch damals die Einfalt schon fröhlich Urständ feierte. Die überlieferte Heiterkeit und Ausgelassenheit der „68er“ hätte dann ein ziemliches G’schmäckle.

  2. Jürgen Malyssek sagt:

    Rudi Dutschkes Kommentar zu Heinrich Albertz finde ich sehr gelungen. Außerdem glaube ich, dass mit dem dann letztlich tödlich endenden Attentat auf Dutschke, gerade für das Thema ’68 eine intellektuelle Figur und ein kraftvoller Faktor – bis heute – verloren gegangen ist.

    Gerade suche ich das Buch von Heinrich Albertz „Am Ende des Weges“, das er in den 1980er Jahren im „Altersheim“ geschrieben hat. Ich finde es nicht …

  3. Peter Boettel sagt:

    @ Jürgen Malyssek:

    Leider habe ich das Buch von Heinrich Albertz nicht, sondet würde ich es Ihnen zukommen lassen.

    Zu der in meinem Beitrag erwähnten Veranstaltung mit Rudi Dutschke kann ich hier noch kurz berichten, dass ich ihn damals am Saarbrücker Flughafen abgeholt habe, und er mich wie einen alten Bekannten begrüßt hat.

    Dann bat er mich, ihn zu einem Zahnarzt zu bringen, woraufhin ich ihn zu einem Zahnarzt brachte, von dem ich wusste, dass er SPD-Mitglied war. Anschließend berichtete Rudi mir, dass er diesen Zahnarzt von einer früheren Demo sogar kannte.

    Die vom AStA organisierte Veranstaltung stand unter dem Titel „Sozialismus in Osteuropa“, fand im überfüllten Audimax über mehrere Stunden statt, wobei die Frage im Vordergrund stand, ob überhaupt bzw. inwieweit in den Ländern Osteuropas einschließlich der DDR überhaupt ein Sozialismus existierte. Mit dabei auf dem Podium war der Tscheche Milan Horacek, der nach den Ereignissen 1968 nach Deutschland emigrierte, später Gründungsmitglied bei den Grünen war und für diese zeitweise im Bundestag und im Europaparlament saß.

    Es folgten natürlich am Abend in einer Kneipe sowie am anderen Morgen beim Frühstück in einer WG noch interessante Gespräche.

  4. Jürgen Malyssek sagt:

    Danke, Herr Boettel, für das angedachte Angebot!
    Ich denke, ich werde das Buch noch finden.

    Die Begegnungsgeschichte mit Rudi Dutschke rund um die damalige Veranstaltung, die ist doch eine feine Erinnerung!