Nur mit Schwung sind Reformen für ein selbstbestimmtes Leben zu erreichen

Frankfurter Rundschau Projekt

Nur mit Schwung sind Reformen für ein selbstbestimmtes Leben zu erreichen

Von Liselotte Bieback-Diel

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Mein 68 bezieht sich nicht nur auf das Jahr 1968, sondern es begann mit dem Wintersemester 1966. Und die Nachwirkungen von 68 halten bei mir bis heute an.
Als ich im Herbst 1966 mein Soziologiestudium an der Frankfurter Universität begann, war ich schon politisiert: durch meine Erfahrungen als junge Sozialarbeiterin in den Hinterhöfen von Berlin-Schöneberg, in Hamburg-St. Georg – genannt St. Pauli hinter Plüsch; ein Viertel, dominiert von Ausbeutung und Gewalt. In Frankfurt hatte ich als Sozialarbeiterin in einem Neubaugebiet in Rödelheim gearbeitet, in das Bewohner der in Frankfurt immer noch zahlreichen Obdachlosensiedlungen zogen. Für die meisten dieser Familien bedeutete dieser Umzug wieder „dazuzugehören“. Was mir auffiel: Sie waren stolz auf ihre neue Wohnung und pflegten sie.
Bevor ich in Frankfurt als Familienfürsorgerin (heute Allgemeiner Sozialer Dienst) tätig wurde, hatte ich in London beim Deutschen Sozialausschuß und in einem Heim für obdachlose Familien in Südengland gearbeitet.

Warum begann ich ein Soziologiestudium in Frankfurt? Ich suchte nach theoretischen Erklärungen für das, was ich in meiner Praxis erlebt und erfahren hatte und nach Möglichkeiten von Reformen – an eine Revolution dachte ich allerdings nicht. Eine psychologische Betrachtungsweise erschien mir nicht ausreichend. Verantwortlich für meine Unzufriedenheit mit meinen Kenntnissen war meine Ausbildung an einer Wohlfahrtsschule. Wir hatten Schulunterricht – von montags bis freitags- von 8-13 Uhr und einen festen Stundenplan. Der Unterricht war zwar interessant – wir wurden bspw. in Freuds Psychoanalyse eingeführt -, aber wir waren Schüler/innen und mussten als Vorbereitung für die folgenden Unterrichtstunden den Lehrstoff nacharbeiten und wiederholen, aber wir lernten nicht sich mit wissenschaftlicher Literatur und mit unterschiedlichen Theorien zu bestimmten Problemen auseinander zu setzen.
Im April1968 berichtete der Deutschlandfunk über einen unbefristeten Vorlesungsstreik der Schüler der Bielefelder Ingenieurschule, die sich dagegen wandten, dass sie trotz ihres Erwachsenenalters eine Schule besuchen mussten. Sie forderten eine auf einer wissenschaftlichen Basis beruhende Ausbildung, einem Universitätsstudium nahe, aber anwendungsbezogen auf ihre spätere Berufspraxis. Im Sommer 1968 jedenfalls entstanden aus den Höheren Fach- und Ingenieurschulen die Fachhochschulen, heute Universities of Applied Sciences genannt. Ich war sehr erfreut über diese Entwicklung und konnte mir vorstellen, einmal selber an einer Fachhochschule zu lehren.
Für mein Studium der Soziologie erhielt ich ein Stipendium der Victor-Gollancz-Stiftung. Sie war eine der bedeutendsten Reforminstitutionen der Sozialen Arbeit in den 1960er Jahren in Deutschland. Sie begann, angeregt durch die Studentenbewegung, Reformen in der Sozialarbeit zu initiieren, wissenschaftlich zu begleiten bzw. deren Wirkungen zu untersuchen. Neben der wissenschaftlichen Arbeit bot die Stiftung auch Fortbildungsseminare an, in denen die Teilnehmer/innen befähigt werden sollten, strukturelle Veränderungen in den Sozial-, Jugendämtern und freien Wohlfahrtsverbänden, in denen sie tätig waren, durchzusetzen. Das Ziel ihrer Arbeit sollte sein, die Benachteiligung der Bevölkerungsgruppen, die „Klientel der Sozialen Arbeit“ waren, aufzuheben. Diese Benachteiligung wurde nicht als Folge individuellen Versagens, sondern sozioökonomischer Widersprüche betrachtet. Durch den Kontakt mit der Stiftung blieb ich während des Studiums mit der Sozialen Arbeit und vor allem mit den Bemühungen um ihre Reform verbunden. So diskutierte ich schon Ende der 60er Jahre mit einer Mitarbeiterin der Stiftung über die Entwicklung eines Konzeptes der Inklusion. Auslösend war die Beobachtung, dass vor allem n Arbeiterkinder Sonderschulen besuchten. Wie konnte man die Bildungschancen dieser Kinder verbessern? Für das Verständnis dieser Phänomene waren das Soziologiestudium und in der Seminararbeit der Rückgriff auf die Ergebnisse der Untersuchungen des Bildungsforschungsinstituts in Berlin sehr hilfreich.
Schon zu Beginn meines Studiums 1966 nahm ich das erste Mal in meinem Leben an einer Demonstration teil. Und zwar gegen die Große Koalition, als deren Kanzler Kiesinger gewählt worden war. Es schien mir und vielen meiner Kommilitonen/Kommilitoninnen unfassbar, dass dieser „alte Nazi“ die Bundesrepublik regieren sollte. Die Unzufriedenheit der jungen Generation mit den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen war groß: Tabuisierung und Verdrängung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen, autoritäre, menschenfeindliche Strukturen, starke Benachteiligung der Frauen, unterdrückte Sexualität, Armut und soziale Ungerechtigkeit. Und die Notstandsgesetze!
Dazu kam der Vietnamkrieg. Wir waren empört über die grausame Kriegsführung der amerikanischen Armee. Ich sehe noch heute deutlich das Foto des schreienden, nackten Mädchens vor mir, das vor einem Angriff der amerikanischen Armee mit Napalm floh. Ich habe es nie vergessen und es motivierte mich, gegen diesen Krieg zu demonstrieren. Wir demonstrierten zunächst für ein kommunistisches Vietnam und den Sieg der nordvietnamesischen Armee. Ich kann mich erinnern, dass wir Ho-Ho-Ho-Tschi-Min rufend durch die Bockenheimer Landstraße liefen. Aber nachdem wir uns über die Diktatur in Nordvietnam informiert hatten, haben meine Freunde/innen und ich an diesen Demonstrationen nicht mehr teilgenommen, und wir konnten dann auch nicht mehr verstehen, warum Studierende diesen Diktator unterstützten. Aber ich demonstrierte weiter gegen den Vietnamkrieg! Angst machte mir bei allen Demos die berittene Polizei; ich habe zum Glück nicht erlebt, dass sie in die Demonstrationszüge hineinritt.
Ich nahm nicht nur an Demonstrationen teil, sondern ich „agitierte“ auch Bürger und Bürgerinnen, die ich und andere Studierende auf der Zeil ansprachen, verteilte Flugblätter an die Arbeiter und Angestellten der VDO an der Bockenheimer Warte, obwohl ich skeptisch gegenüber der Annahme mancher Kommilitonen/innen war, dass die Arbeiter und Arbeiterinnen das revolutionäre Subjekt seien. Mir war allerdings wichtig, dass auch Arbeiter und Arbeiterinnen über die Ideen der Studenten informiert wurden. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Annahme der Flugblätter verweigert wurde. Aber Diskussionen kamen nicht- wie ich gehofft hatte – zustande. Ob die Mitarbeiter/innen nach der Arbeit zu erschöpft waren oder schnell nach Hause wollten?
Seit Beginn meines Studiums gehörte ich der Evangelischen Studentengemeinde an. Der damalige Studentenpfarrer war sehr interessiert und aufgeschlossen gegenüber den Ideen der Studierenden und er vermittelte Kontakte zu mehreren Frankfurter Kirchengemeinden, die uns zu Gemeindeabenden einluden, auf denen wir die anwesenden Gemeindemitglieder zu unseren Vorstellungen über gesellschaftliche Veränderungen informierten und anschließend diskutierten.
Fast jeden Samstagabend besuchte ich mit Freunden und Freundinnen die Diskussionsrunden des SDS im Walter-Kolb-Heim am Beethovenplatz. Es wurde heftig, aber recht sachlich über aktuelle politische Themen und natürlich über die Veränderung der Gesellschaft und die erhoffte Revolution diskutiert. Wie generell in der deutschen Gesellschaft dominierten die Männer. Die Studentinnen hörten zu und kochten Kaffee. Aber ich erlebte, dass sie zunehmend selbstbewusster wurden, sich zu Wort meldeten und widersprachen. Auch ich wurde mutiger, beteiligte mich an den Gruppendiskussionen und traute mich, Fragen zu stellen und Kritik zu üben. Sogar bei den linken Studenten wurden Frauen überwiegend nach ihrem Aussehen beurteilt. Ich erlebte, wie ein Student, der Flugblätter verteilte, meine Freundin auf ihre große Warze über dem rechten Auge ansprach und ihr empfahl, sie entfernen zu lassen. Aber diskutieren über sein Flugblatt wollte er nicht!
1969 erschien der erste Sexualkundeatlas in der Bundesrepublik mit einem Vorwort der damaligen Gesundheitsministerin Käthe Strobel (in altdeutscher Schrift). Mit meiner Mutter hatte ich über Sexualität nie gesprochen, aber sie hatte mir als 13jährige ein Heft über dieses Thema gegeben, so war ich etwas informiert. Aber im Sexualkundeatlas wurden auf wissenschaftlicher Basis alle Aspekte der menschlichen Sexualität ausführlich und verständlich dargestellt. Er informiert auch über Probleme bei der Geburt, Empfängnisverhütung (Regelung genannt) und Geschlechtskrankheiten. Ich war sehr dankbar und erfreut, dass es endlich eine Sexualaufklärung in dieser Form gab. Ich kaufte ihn bei Erscheinen sofort und besitze ich heute noch.
Befreiend war auch, dass ich die Pille auf ein Rezept meines Frauenarztes in jeder Apotheke erwerben konnte. Das nahm die ständige Angst, schwanger zu werden, wenn man mit dem Mann, den man liebte oder gern hatte, schlief. Nichteheliche Mutter zu werden – was konnte einer Frau in dieser Zeit Schlimmeres geschehen? Diskriminierung, Ausschluss aus der Familie und der Gesellschaft. Die älteren Frauen in meiner Familie und im Bekanntenkreis übten einen gewaltigen Druck aus, keinen Sexualverkehr vor der Ehe zu haben und eher attraktive Männer zu meiden, es sei denn man wollte heiraten. Die Möglichkeit, die Pille einzunehmen – eine weitere Freiheit!
Nie vergessen werde ich die von Alice Schwarzer initiierte Aktion: Ich habe abgetrieben. Ich hatte gerade eine Studienfreundin in die Schweiz begleitet, wo sie eine Abtreibung durchführen ließ, da sie nicht mehr ein und aus wusste, nachdem ihr Freund sie verlassen hatte. Alices Aktion war so wichtig und notwendig, da auch in Westdeutschland Abtreibungen bei ungewollten Schwangerschaften erlaubt sein mussten.
Zum Sommersemester 1969 zog ich in das neu gebaute Studentenheim in der Henriette-Fürth- Straße in Frankfurt-Schwanheim. Dieser Ortsteil von Frankfurt liegt am Rande der Stadt, gegenüber von Höchst am Main, zwischen dem Stadtwald und dem Fluss, nicht weit vom Flughafen. Wir Studenten waren zu Anfang kaum in den Stadtteil integriert, unsere Freizeit verbrachten wir entweder in der Frankfurter Innenstadt, in der Nähe der Universität oder im Studentenheim, in dem sich bald zwei linke Gruppen bildeten: Eine eher alternative, anarchistische Gruppe im 1. Stockwerk, an deren Diskussionen und Treffen ich immer mal wieder teilnahm, und eine dem orthodoxen Marxismus (der DKP) nahe stehende im 5. Stockwerk. Einer ihrer Mitglieder nannte sich tatsächlich Stalin. Beide Gruppen hatten, wie man sich denken kann, kaum Kontakt miteinander und es fanden auch keine Diskussionen miteinander statt.
Nachdem wir mehr als ein Jahr im Heim gewohnt hatten, luden wir unsere Nachbarn aus der Henriette-Fürth-Straße zu einem Informationsabend ein mit dem Thema: Was wollen die Studenten? Es war ein warmer Sommerabend. Ca. 20 Menschen waren unserer Einladung gefolgt, wenige Jugendliche, mehr Erwachsene, darunter auch einige Senioren. Es wurde lebhaft diskutiert und der Abend verlief freundlich und recht sachlich. Als ich ein Jahre später mit einer Freundin im Taunus wanderte, kam uns ein Mann entgegen, der auch an diesem Abend im Studentenheim anwesend gewesen war und mich ansprach: „Was ich Ihnen damals noch sagen wollte…“- dabei ging es um das Thema der gesellschaftlichen Ungleichheit und er stimmte meinen damaligen Argumenten zu. So war der Abend doch für alle Beteiligten anregend gewesen!
Während meines Studiums blieb ich nicht nur der Sozialarbeit im Allgenmeinen, sondern auch meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen in den Sozialstationen verbunden und nahm Anteil an den geplanten Reformen in der Frankfurter Sozialverwaltung. Die studentischen Ideen von Gleichheit, Abbau von Hierarchien etc. griffen auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einiger städtischer Sozialstationen auf. In einer Einrichtung einigten sich die Kollegen und Kolleginnen darauf, dass jeder von ihnen für einen gewissen Zeitraum die Position der “ Stellvertretenden Oberfürsorgerin“ einnahm. . Dasselbe sollte auch mit der Position der Oberfürsorgerin geschehen, aber das wurde von den Vorgesetzten nicht zugelassen. Allerdings die neu eingeführte Teamarbeit und somit die Möglichkeit,im Team der Mitarbeiter/innen regelmäßig Fälle zu beraten, blieb bestehen. Frankfurter Sozialarbeiter/ innen aus der Stadtverwaltung wie aus den Wohlfahrtsverbänden gründeten in dieser Zeit den Arbeitskreis „Kritische Sozialarbeit“.
Auch1969 war bekanntlich ein Jahr der Reformen. Die Heimkampagne war für mich in diesem Jahr das dominierende Thema. Aber nicht nur für mich allein. In meiner sozialarbeiterischen Praxis war ich immer wieder mit Heimunterbringungen, Heimkindern und deren Schicksal konfrontiert. Jüngere Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen – wie ich – waren sehr skeptisch gegenüber der Arbeit der Kinder– und Jugendheime. Fast alle Heimkinder besuchten damals Sonderschulen, einige von ihnen mussten Anstaltskleidung tragen und wurden zum Betteln geschickt. In den meisten Heimen herrschten ein Klima von Gewalt und autoritären Erziehungsmethoden. Es fehlte an liebevoller Zuwendung und individueller Förderung. Als besonders kritisch empfand ich die Situation in den Säuglingsheimen: Anfang der 60er besuchte ich ein Säuglingsheim in Bremen. Schon beim Betreten des Hauses hörte ich, wie die Säuglinge mit ihren Köpfchen gegen die Wände ihrer Betten schlugen. Ein Zeichen für Hospitalismus! Das zu erleben, erschreckte mich zutiefst!
Schon ab 1965 veröffentlichte Ulrike Meinhof kritische Artikel über die Heimerziehung in der Zeitschrift „konkret“. Leider blieben sie zunächstfolgenlos. Aber schon vor 1968 hatten – neben Ulrike Meinhof – kritische Mitarbeiter/innen und Leitungskräfte eine Reform der Heimerziehung und Auflösung der großen Kinder– und Jugendheime gefordert. Ende Juni 1969 fuhren Frankfurter Lehrlinge, SDS-Studenten/innen und Mitglieder der APO, darunter Gudrun Ensslin und Andreas Baader nach Biedenkopf zum Fürsorgeheim Staffelberg. Nach einer Diskussion mit der Heimleitung, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen flohen etwa 30 Heimjugendliche mit Hilfe der Studenten nach Frankfurt und wurden zunächst von ihnen in ihren Kommunen und Wohnungen aufgenommen. Nachdem die Studenten/innen das Büro des Jugendamtsleiters besetzt hatten, stellte die Stadt Wohnraum zur Verfügung und es wurden vier Wohnkollektive gegründet.
Die Heimkampagne beschränkte sich nicht auf Frankfurt, ein weiteres Zentrum war Westberlin um Ulrike Meinhof und das Heim Eichenhof. Darüber hinaus revoltierten Hunderte von Heimjugendlichen in der ganzen Bundesrepublik – von Aachen bis Berlin, von Glückstadt bis Guxhagen. In unserem Studentenheim wurden die Heinkampagne, die Situation der Heimjugendlichen und die Vorstellungen der Studenten und Studentinnen intensiv diskutiert. Ich nahm oft an diesen Diskussionen teil. Mein Ziel war, ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Da ich aber 1969 gerade mein Vordiplom machte, konnte ich mich leider in der praktischen Arbeit mit den Jugendlichen nicht engagieren. Kritisch sah ich Erwartungen engagierter Studierender, die ehemaligen Heimjugendlichen mit ihren Diskussionen und Betreuung in ihren Wohnungen zu potentiellen Revolutionären zu machen.
Die Heimkampagne löste schließlich große Strukturveränderungen in der Heimerziehung aus. Die Säuglingsheime wurden überwiegend geschlossen. Ich war darüber sehr erleichtert. In einigen Bundesländern – wie in Hessen – wurden Reformwünsche von Mitarbeiter/innen der Heime von den zuständigen Referenten/innen in den Landesbehörden (den Landesjugendämtern) unterstützt, so dass es gelang, die großen Kinder- und Jugendheime in eine Vielzahl von Wohngruppen umzuwandeln. Erzieher und Erzieherinnen lebten mit den Kindern und Jugendlichen in einer Wohnung oder einem Haus in einer normalen Wohnumgebung, nicht isoliert irgendwo auf dem Lande.
1969 wurde nicht nur die Heimerziehung reformiert, sondern eine Vielzahl von Handlungsfeldern der Jugendhilfe und Sozialarbeit. Die Victor-Gollancz-Stiftung entwickelte Modelle in drei Arbeitsfeldern: Kommunale Jugend- und Sozialarbeit, offene Jugendhilfe und Gemeinwesenarbeit, die aus den USA übernommen wurde. Für meine Überlegungen zu Reformen in der Sozialarbeit waren die soziologischen und sozialpädagogischen Seminare und Vorlesungen an der Frankfurter Universität sehr hilfreich. Ich fand auch Erklärungen für eine Vielzahl von gesellschaftlichen Problemen, die die Soziale Arbeit tangierten. Besonders hilfreich war die Methode der „Objektiven Hermeneutik“, die half, Probleme von Klienten, ihren Familien und ihren Lebensumständen besser zu verstehen.
Nach Beendigung meines Studiums arbeitete ich in der Victor-Gollancz-Stiftung im Arbeitsbereich „Intrainstitutionelle Modelle“ an der Neuorganisation der Sozialverwaltung mehrerer Großstädte. Wir strebten an, mit Leitung und Mitarbeiter/innen die Umorganisation der „Eingriffsverwaltung“ in eine „Leistungsverwaltung“ zu erreichen. Ausgangspunkt der Arbeit der Sozialarbeiter/innen sollten bestimmte “ Bedürfnisgruppen“ sein. Sie sollten neben speziellen Hilfen für ihre augenblicklichen Probleme dazu angeregt werden, sich für die Verbesserung ihrer Wohn- und Lebensumstände zu engagieren. Später war ich beteiligt an einer Untersuchung über die Umwandlung eines großen Jugendheims in selbständige Wohngruppen und begleitete Projekte für die Nachbetreuung heimentlassener junger Erwachsener mit dem Ziel, dass sie ein freies, selbst bestimmtes Leben zu führen lernten. Ich entwarf mit Mitarbeiter/innen aus Heimen, Vertretern der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege und Fachverbänden eine Stellungnahme zu diesem Problem, in der eine generelle rechtliche Regelung gefordert wurde. Diese Stellungnahme wurde an die Obersten Landesjugendbehörden weitergeleitet. Mit der Folge, dass im Kinder– und Jugendgesetz ein entsprechender Paragraph eingefügt wurde, aber nur als „Kannleistung“. Leider ist es noch nicht gelungen, die kommunalen Träger davon zu überzeugen, dass aus Heimen und Pflegestellen entlassene Jugendliche oftmals Hilfe bei der Gestaltung eines selbständigen Lebens benötigen und sie darauf einen Rechtsanspruch haben sollten.
1975 stellte das Bundesministerium für Frauen und Jugend die Zahlungen für die Victor-Gollancz-Stiftung ein (sie war ihm wohl zu „links“geworden). Als Konsequenz wurde sie aufgelöst. Es gelang aber, eine Nachfolgeorganisation zu finden: das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS), dessen Träger der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt ist. Das ISS setzte die Projekte und Reformbemühungen der Stiftung fort und wandte sich auch neuen Fragestellungen zu, wie Ausländerarbeit, Alternativen zur geschlossenen Unterbringung und einigen präventiven Erziehungshilfen, die in das neue Jugendhilfegesetz, das 1990 in Kraft trat, aufgenommen wurden.
Nach 18 Jahren anregender und sehr befriedigender Tätigkeit im ISS folgte ich einem Ruf an die Evangelische Fachhochschule in Dresden, wo ich bis 2002 lehrte. Seit meiner Pensionierung bin ich ehrenamtlich tätig, zunächst als Vorsitzende des Vereins „Frauen helfen Frauen“, wo es dem Vorstand gelang, ein Frauenhaus für den Hochtaunuskreis zu eröffnen und anschließend in der Seniorenarbeit des Ortsvereins Oberursel der Arbeiterwohlfahrt. Ende 2014 erschien mein Buch “ Geraubte Kindheit“ in dem ich die Erinnerungen von 37 Kriegskindern aus vier Nationen ( West- deutschland, Frankreich, England und Russland gesammelt habe. Auf der Basis meines Buches hat ein ehemaliger Student von mir eine Ausstellung in Leipzig zu dem Thema „Frieden bewahren“ konzipiert. Sie wurde im Mai eröffnet und soll in den kommenden Monaten in weiteren Städten in Deutschland und im Ausland gezeigt werden.
Im September dieses Jahres wurde mir der Bürgerpreis der Taunus Sparkasse verliehen.

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Die Autorin

Bieback heuteLiselotte Bieback-Diel

Geboren 1940 in Aurich in Ostfriesland.
Ausbildung zur Sozialarbeiterin in Bremen,
gearbeitet in Berlin, Hamburg, London, Südengland und Frankfurt.
Studium der Soziologie dort,
Tätigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim
Institut  für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt,
1993 Ruf als Professorin an die Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden,
2002 emeritiert, seitdem ehrenamtlich tätig.


Bild: privat

 

 

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