In Heidelberg war für alle was dabei

Frankfurter Rundschau Projekt

In Heidelberg war für alle was dabei

Von Gerhard Bayer

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Als 1957 Geborener kann ich kein 68er sein, aber im Rückblick finde ich doch sehr spannend, wie mich 68 geprägt hat.  1968 war weltweit vieles in Bewegung, es war eine aufregende Zeit. Da war Paris und Berlin, Frankfurt und Heidelberg, Warschau und Prag. Der Vietnam-Krieg tobte, Kambodscha und Laos inbegriffen. In Polen und der Tschechoslowakei gab es mächtige Bewegungen für mehr Freiheit und Demokratie ,ohne den Sozialismus grundsätzlich in Frage zu stellen( fürs Erste). Im Westen fand eher eine Kulturrevolution statt, aber erst mal entscheidend war ein „Gegen den Vietnamkrieg “ von Washington ,Berlin bis Tokio und Paris.
Als 11-Jähriger habe ich noch gebetet und geglaubt. Die Welt, wie sie war, konnte doch so nicht bleiben. Wie kann Gott zulassen, dass täglich 30 000 Kinder verhungern usw.. Warum hat sich Jesus ans Kreuz schlagen lassen müssen,für so eine Welt?Fragen über Fragen und keine beruhigende Antwort. Es sind die Menschen, die verantwortlich sind für den Zustand der Welt. Seinerzeit eine bittere Erkenntnis.
Der Satz von Rudi Dutschke „Wir sind nicht die Idioten der Geschichte, wir können eine Welt gestalten“ hat mich dann sehr angesprochen und motiviert, politisch aktiv zu werden. Dafür war dann Mannheim/Heidelberg in den 70er Jahren ein ideales Pflaster.  Es gab von allen reichlich , Trotzkisten, Maoisten, DKP isten, Jusos. Sozialistisches Büro … Für jeden war was dabei.
Durch den gesellschaftlichen Aufbruch nach 1968 hat sich enorm viel verändert, die Gesellschaft ist eine sehr andere geworden. Viele sind in den Genuss der „Früchte der Revolte“ gekommen, denen das heute nicht bewusst ist.  Ein Katholik Seehofer, mit nichtehelichem Kind, Innenminister?  Jens Spahn darf einen Mann heiraten?  Ein schwuler Außenminister? Verhütungsmittel? Kein Thema.
Wenn sich Herr Dobrindt heute so unglaublich aufregt über „die 68er“, dann zeigt das zumindest, dass er wenig Ahnung hat von dem Wandel unserer Gesellschaft in den vergangenen 50 Jahren. Auch er genießt die  „Früchte der Revolte“.  Und das ist gut und nicht schlecht.

Gerhard Bayer, Ludwigshafen

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