Ich hatte eigentlich nur Uschi Obermeier im Blick

Frankfurter Rundschau Projekt

 Ich hatte eigentlich nur Uschi Obermeier im Blick

Von Matthias Aupperle

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Im September 1968 wurde ich vierzehn Jahre alt. 1968 war das Jahr, in dem ich anfing, mich für Politik zu interessieren. Schon morgens, beim Frühstück, stritt ich mich deshalb mit meinem Bruder um die Zeitung. Ich wuchs in einem schwäbischen, linksliberalen, evangelischen Bildungsbürgerhaushalt auf, in dem es keinen Fernseher und nur ein lausiges Radio gab. Dafür gab es Zeitungen, morgens den Böblinger Boten. Meine Eltern, beide im Schuldienst, diskutierten viel über Politik. Sie mochten den „Kiesinger“, der zu der Zeit Bundeskanzler war, überhaupt nicht. Wieso, weiß ich nicht mehr. Ich vermute, er war ihnen sprachlich zu barock. Mein Vater äffte ihn gelegentlich nach.

Ein einschneidendes Erlebnis war der Einmarsch des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei. Der Vorgang schockierte mich. „Die Russen“ oder „der Russ“, wie man im Schwäbischen damals sagte, waren für mich immer bedrohlich und gefährlich. Seit der Kubakrise war das in meinem Bewusstsein. Und diese empfundene Bedrohung wurde jetzt bestätigt. Ich war empört darüber, wie man mit Alexander Dubcek umging. Ich wollte ganz genau wissen, wie man ihn entmachtete und las dazu alles, was ich in die Finger bekommen konnte. Verstanden habe ich es zu der Zeit nicht.

Und dann waren da noch die Studenten in Berlin. Das Gefühl, das ich damals hatte, würde man heute so beschreiben: „Das waren mega-coole Typen“. Wie die reden und diskutieren konnten beeindruckte mich enorm. Und Weiber hatten die (so sagte man das)! Dabei hatte ich eigentlich nur Uschi Obermeier im Blick. So sollte mal meine Freundin aussehen. Das nahm ich mir fest vor. Ich und einige meiner Klassenkameraden wollten in der Schule mit den Lehrern auch so diskutieren; wie die Studenten in Berlin; was uns nicht gelang. Unser Geschichtslehrer brüllte uns mit den Worten nieder: „Dann geht doch rüber“ (gemeint war die DDR – Ostzone oder Zone genannt)! Lediglich der Religionslehrer, ein evangelischer Pfarrer, ließ sich auf uns ein. Mit ihm diskutierten wir. Leider gingen die Diskussionen in eine andere Richtung. Er wollte uns davon überzeugen, dass eine freie und voreheliche Sexualität nicht gut für uns wäre. Deshalb kann ich mich wahrscheinlich heute daran erinnern.

Jedenfalls wollte ich so werden, wie die Studenten. Das prägte meine weitere Entwicklung: Ich kaufte mir später von meinem knappen Geld regelmäßig den „Der Spiegel“ oder die „Konkret“ oder die „Pardon“. Links sein war gut, der Sozialismus eine erstrebenswerte Wirtschafts- und Gesellschaftsform. Ich legte mir eine Pfeife zu, Ernst Bloch hatte ja auch eine, und trug Rollkragenpullover. Selbstverständlich verweigerte ich den Wehrdienst und war sehr stolz, bereits im ersten Verfahren anerkannt zu werden.

Als ich dann endlich 1976 in Tübingen anfing zu studieren, musste ich feststellen, dass zwar die Tische in der Mensa mit politischen Traktaten zugedeckt waren, die politische Party und die großen Demonstrationen aber waren vorbei. Ich war zu spät.

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Der Autor

AupperleMatthias Aupperle, Jahrgang 1954, studierte Volkswirtschaftslehre. Danach arbeitete er 34 Jahre lang bei verschiedenen Banken. Er genießt seinen frühen Ruhestand, reist viel und lebt auf dem Land. Er hat zwei erwachsene Töchter, zwei erwachsene Ziehsöhne und eine Enkelin. Seine Frau sieht nicht nur besser aus als Uschi Obermeier…

Bild: privat.