Das Jahr 1968 ist ein Synonym für eine umstürzlerische Zeit

Frankfurter Rundschau Projekt

Das Jahr 1968 ist ein Synonym für eine umstürzlerische Zeit

Von Uli Aechtner

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„Wenn du schwanger wirst, nehmen wir dich und dein Kind bei uns auf“, meinte meine Mutter. „Aber den Kerl, der dir sowas antut, den wollen wir hier nicht sehen.“ Aufnehmen? Ich war 16 und wohnte noch zu Hause. Und außerdem … „Der Kerl wäre doch dann der Kindsvater“, wandte ich ein. „Wollt ihr mein Kind etwa ohne Vater großwerden lassen?“ „Das geht dann leider nicht anders“, sagte mein Vater ernst. „Gut, dass das alles nicht passieren wird, es gibt ja die Pille“, erwiderte ich genervt. „Die Pille?“ Das war der Moment, in dem meine Mutter zu weinen begann. „Kind, du kommst in die Hölle.“
Wir lebten im katholischen Rheinland mit Konrad Adenauer in einer Stadt. Meine Eltern gingen jeden Sonntag zur Kirche und meinten es gut mit mir. Sie waren 17 bzw. 19 gewesen, als der Krieg ihr Leben bestimmte, da hatten die Nazis Deutschland längst im Griff. Eine unbeschwerte Jugend hatten sie nie gekannt, mit ihren Kriegs-Traumata waren sie ins Wirtschaftswunderland geflohen. Legten sich für ein Eigenheim krumm. Reisten nach Italien. Betäubten sich mit Vico Torrianis goldenem Schuss und süßem Moselwein. Und nun saß da eine rebellische Tochter, die alles hinterfragte und anders machen wollte.
1968 haben meine Freundin und ich keinen Karneval gefeiert. Wir liefen mit Leichenbittermienen herum und erzählten jedem, der sich maskiert hatte, dass Jungs, die nur wenig älter waren als wir, ohne Arme und Beine aus Vietnam zurückkamen. Das Foto, das den Protest gegen den Vietnamkrieg in die breite Bevölkerung trug, entstand erst 1972, als die neunjährige Kim Phúc nackt und verbrannt vor einem Luftangriff der Amerikaner aus dem Dorf Trang Bang floh. In meiner Erinnerung ist das Jahr 1968 aber auch weniger ein konkretes Datum als ein Synonym für eine „umstürzlerische“ Zeit.
Aechtner 1968Ich meine, 1968 Fassbinders „Katzelmacher“ im Kino gesehen zu haben, doch da gab es erst das Bühnenstück, der Film mit Hannah Schygulla kam ein Jahr später heraus. Die jungen Protagonisten führen darin die immer gleichen Gespräche, die Welt scheint wie eingefroren. Dieses Gefühl des Stillstands empfand ich damals auch. Ich wartete auf etwas, das erst noch geschehen sollte, und wusste nicht, was es sein könnte. „Wenn die Spinne Langeweile / Fäden spinnt und ohne Eile / Giftig-grau die Wand hochkriecht / Wenn’s blank und frisch gebadet riecht …“. Ich hatte mit der politischen Einstellung von Franz Josef Degenhard nichts am Hut, aber sein „Deutscher Sonntag“, der 1965 entstanden war, traf meine Gemütslage ganz gut.
Nicht nur das Private war politisch geworden, sondern auch unsere Musik. Auf dem Weißen Album, das 1968 erschien, thematisierte John Lennon mit „Revolution 1“ die Pariser Maiunruhen, Paul McCartney erzählte in „Blackbird“ von einer afroamerikanischen Frau, die in den Staaten der alltäglichen Diskriminierung ausgesetzt war.

Uli Aechtner im Jahr 1968.
Foto: privat

Dass Schwarze und Weiße im gelobten Land Amerika nicht einmal nebeneinander im Bus sitzen durften, beschäftigte mich bereits als Kind, und das Attentat auf Martin Luther King verstörte mich 1968 zutiefst. Nach dem Krieg hatte mein Onkel in Brooklyn eine Bäckerei eröffnet. Als der erste Schwarze ihn Anfang der 1960er Jahre betrat, war das für ihn das Zeichen, dass sein Viertel nun „verloren“ war und er seinen Laden schließen musste. Erst 1964 wurde die Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen in den USA mit dem Civil Rights Act beendet. Der Traum von Martin Luther King war vier Jahre später noch lebensgefährlich. Und er ist es bis heute.
Rudi Dutschke soll nach seinen Eltern gerufen haben, als er 1968 auf offener Straße angeschossen wurde. Vater! Mutter! Das Foto von seinem Rad, das auf der Straße liegt. Etwas abseits seine Schuhe. Ich verstand nicht alles, was der Studentenführer in diesem damals üblichen Soziologenslang mit all seinen „Ismen“ äußerte. Doch die Erwachsenen in meiner Umgebung versuchten gar nicht erst, ihn zu verstehen. Sie mochten ihm nicht einmal zuhören. Geh doch rüber! Oder wenigstens zum Friseur …
Die sozial-liberale Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt begann 1969 mit ihrer neuen Ostpolitik. In der Schule bekamen wir Ärger, weil wir sie in der Schülerzeitschrift feierten. Unseren Artikel musste ich eigenhändig aus den Broschüren herausschneiden. Der Lehrkörper war sich darin einig, dass „die armen Deutschen im Osten“ mit einer möglichen Anerkennung der DDR aufgegeben würden.
Zehn Jahre nach 1968 arbeitete ich als Assistentin bei einem Französischen Fernsehsender. Für dessen Filmprojekt „30 Jahre Bundesrepublik“ durfte ich das Interview mit Willy Brandt vorbereiten, und er machte mit mir und einem seiner Leibwächter einen Spaziergang am Bonner Rheinufer. Wenn Willy Brandt einem zuhörte, hatte man das Gefühl, dass es in diesem Moment nichts Wichtigeres für ihn gab. Als ich ihn auf seine Ostpolitik ansprach, antwortete er fast dankbar: „Ich war ja nicht allein. Ich hatte Egon Bahr.“
Auf Rudi Dutschke wartete ich für die gleiche Dokumentation eine Woche lang in Berlin. Ich wohnte bei den Eltern des kahlköpfigen Drehbuchautors Wolfgang Menge, hörte Geschichten über „Wolfgang, als er noch Haare hatte“, und rief jeden Morgen in Aarhus an. Tagtäglich beteuerte Rudi Dutschke, dass es ihm nicht gut gehe und er noch nicht fliegen könne. Immer noch litt er unter den Nachwirkungen des Attentats. Dann reiste er endlich an, das Interview führten wir gleich im Flughafen, um rasch in die Bundeshauptstadt zurückzukommen. Als unsere Doku fertig war, holte Rudi Dutschke sich sein Honorar in unserem Bonner Büro ab. Er schnorrte eine Zigarette bei unserer Sekretärin und erzählte mir von seinen Begegnungen mit Anti-AKW-Gegnern in Brockdorf. Der revolutionäre Protest war mittlerweile grün geworden.
Rainer Werner Fassbinder besuchten wir am Set für seine Fernsehverfilmung von „Berlin Alexanderplatz“. Ich ging auf ihn zu und fragte, ob wir ihn bei seinen Dreharbeiten filmen dürften. Durch sein Team ging ein Raunen: „Sie hat Rainer angesprochen!“ Ganz offensichtlich hatte ich einen großen Fauxpas begangen. RWF sah mich aus zusammengekniffenen Augen an: „Wehe, euer Kameramann läuft mir ins Bild. Dann bringe ich dich um.“ „Ist gut“, antwortete ich nur. Und wir drehten.
So holte mich mein 1968 ein Jahrzehnt später wieder ein. Und manchmal habe ich das Gefühl, mein Leben rückwärts gelebt zu haben. Das Aufregendste zuerst. Meine Journalistenjahre beim SWF und ZDF brachten mich nie mehr so nah ans Zeitgeschehen heran.

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AechtnerDie Autorin

Uli Aechtner lebt vor den Toren Frankfurts.
Neben dem Journalismus schrieb sie Romane für Rotbuch und S. Fischer.
Im Februar 2019 erscheint ein neuer Band der Krimireihe
um Kommissar Christian Bär im Emons-Verlag.

Bild: privat

 

 

Ein Kommentar

  1. Peter Bläsing sagt:

    Sorry, Frau Aechtner, dass ich Ihren Beitrag missbrauche, um noch nachträglich noch etwas zu meinem 68er-Beitrag vom Juli 2018 loszuwerden.
    Leider habe ich erst jetzt festgestellt, dass es zu meinem Text 12 Kommentare gegeben hat. Im Wesentlichen enthalten sie Meinungen und Stellungnahmen, mit denen ich gerechnet habe und mit denen ich leben kann – mit zwei Ausnahmen.
    Wenn Herr Engelmann meinen Satz „Ich konnte da sowieso nicht mithalten“ für Selbstkritik hält, so ist das ein grobes Missverständnis. Ich konnte bei der Hauptbeschäftigung meiner Genossen, nämlich sich von ihren nazistischen Eltern zu lösen, nicht mithalten, weil meine Eltern Kommunisten und bekennende Antifaschisten waren. Insofern ist der Satz eher ein Hinweis, dass ich schon damals auf dem hohen Ross gesessen habe.
    Frau Ernst behauptet, die Kinderläden seien Grundvoraussetzung für die Teilhabe der Frauen am Erwerbsleben gewesen. Die Kinderläden – wie ich sie kannte – beruhten auf der Betreuung der Kinder ausschließlich durch die Eltern, die sich dabei abwechselten. Als alleinerziehender Vater musste ich jedoch feststellen, dass sich außer mir nur Mütter um die Kinder gekümmert haben. Ihre Teilhabe am Erwerbsleben wird deshalb immer noch sehr eingeschränkt gewesen sein.
    PS: Ihren Beitrag halte ich für eine gelungene Darstellung der Gemütslage einer damals 16-Jährigen, die wir ja eigentlich für unsere Sache begeistern wollten, und sie zeigt, wie weit wir von unserem Ziel entfernt waren.

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