Wir müssen uns endlich an der Nase packen

Unauffällig sei er gewesen, heißt es über Tim K. der gestern im schwäbischen Winnenden 15 Menschen und dann (vermutlich) sich selbst erschoss. Acht Schülerinnen, einen Schüler, drei Lehrerinnen, einen Gärtner, einen Kunden eines Autohauses und einen Angestellten. Niemand weiß, was in ihm vorgegangen ist. Er hatte die Schule abgeschlossen, hatte einen Ausbildungsplatz, offenbar ein intaktes Elternhaus. Er ist nie, wie andere Amokläufer, etwa durch martialische Selbstdarstellungen im Internet aufgefallen. Ziemlich schnell wurde allerdings bekannt, dass er Ego-Shooter spielte – Ballerspiele – wie tausende andere Leute auch. Wer da einen kausalen Zusammenhang sieht, macht es sich jedoch vermutlich zu einfach. Sehr einfach ist allerdings die Erkenntnis, dass alle Gesetzesverschärfungen, die nach dem Amoklauf von Erfurt durchgesetzt wurden, den Amoklauf von Winnenden nicht verhindern konnten.

Werner Langfeld aus Karben meint:

„Diese Wahnsinnstat eines 17-Jährigen ist kaum zu begreifen. Es stellt sich dabei immer wieder die Frage nach den Ursachen, die eine solche Tat auslösen. Hier muss noch vieles hinterfragt werden. Leider verfallen schon wieder einige Kreise in Aktionismus und fordern eine weitere Verschärfung des Waffengesetzes, als wäre das ein Heilmittel. Schon jetzt gibt es restriktive Vorschriften über Lagerung und Transport von Waffen, die irreal sind. Leider lassen sich dadurch solche Amokhandlungen nicht verhindern. Im Falle Winnenden muss man sich aber fragen, wie es möglich ist, dass ein Minderjähriger an Schusswaffen im Elternhaus kommen kann.“

Nadia Doukali aus Frankfurt:

„Die Psychologen sagen, dass es das kaputte innere Kind war, die Schulpsychologen sagen, dass die Benotungen weg müssen, die Familienministerin fragt sich tatsächlich, wie sowas passieren konnte, die Astrologen haben ja vor Monaten schon vor dem starken Vollmond gewarnt, die Kirche freut sich über den großen Ansturm und teilt ihre Sprachlosigkeit mit, die letzte Wahlkampfstrategie wird über Bord geworfen und der Politiker hat wieder Grund, sich betroffen zu zeigen und so weiter und so weiter. Das Puzzle hat sich geschlossen, als Tim die Waffe seines Vaters, an der er sehr gut geübt war, nach dem Frühstück in seine Obhut nahm. Die Jugendlichen, die ich kenne, um die es eigentlich geht, sagen wohl das einzig Wahre und geben die wohl einzig wahre Antwort: Gewalt kommt von Gewalt, und wo keine Liebe und Menschlichkeit ist, kann auch keine Liebe und keine Menschlichkeit wachsen. Wir müssen uns alle an der Nase packen und endlich aufwachen. Das dachte ich mir heute morgen auch, als im überfüllten Bus ein Teenie schrie: ‚Können Sie bitte die Tür hier hinten aufmachen?‘ und keiner diesen kleinen Hilferuf an den Busfahrer weitergab.“

Hans Dürrich aus Taubaté (Brasilien):

„Es gibt keine Lösung für diese Art von ‚Unfällen‘, und ich sage bewusst hier ‚Unfall‘ und nicht Verbrechen. Solche junge Leute treffen Sie überall auf der sogenannten ‚ersten‘ Welt an. Da helfen keine neuen Waffenerwerbsrestriktionen, denn dann rennen solche bedauernswerten Menschen halt mit dem Messer auf andere los. Siehe London!
Hier handelt es sich um eine Verrohung der Jugend, die überall auf der Welt geschieht. Sei es wegen Eltern, die überhaupt nicht Kinder haben dürften, sei es wegen Killerspielen, sei es wegen einer irrationalen, vom Markt provozierten Frustration (Werbung, Geltungsbewusstsein – das Ich-muss-haben-oder-nicht-Sein).
Es fängt alles bei der Basis der Erziehung an. Was verdient denn ein Hauptschullehrer? Und zwar derjenige, der am meisten verdienen müsste, eben weil er mit mehr problematischen Kindern zu tun hat als einer, der im Gymnasium lehrt? Da liegt der Hase im Pfeffer! Wenn Vater wegen Karrieredruck nie zu Hause ist, wenn Mutter Telenovelas sieht, statt mit Sohn oder Tochter zu reden – dann stehen sie auf einmal da, diese angeblich Verrückten. Verrückt ist eine Gesellschaft, die glaubt, dass man die allerwichtigste Erziehung von allen, die Grunderziehung der Kinder, vernachlässigen kann.
Wie groß ist der Verteidigungsetat prozentual zum BNP? Wie groß der Erziehungsetat? Da kommen wir schnell auf die Gründe! Hier in Brasilien ( der sog. ‚dritten‘ Welt) hat es bisher noch keinen solchen Fall gegeben, trotz aller Armut. Und warum? Weil hier die Eltern und Lehrer (trotz miserabler Bezahlung) sich meistens um ihre Kinder und Schüler wirklich kümmern. Und hier fehlt es weiß Gott nicht an Waffen, die man an jeder Ecke kaufen kann. Das Problem sind nicht die Waffen! Das Problem ist die Gesellschaft, in der solche bedauernswerte Geschöpfe leben und durchdrehen!“

Axel Marschall aus Berlin:

„Nach dem Amokläufer feuern nun die Medien aus allen Rohren, obwohl trauriges Schweigen angemessen wäre.
Schrecklich ist nicht nur das Ereignis. Auch der unvermeidliche Presserummel, die Talkshows, die Politiker-Statements, die ganze focussierte Medienlandsschaft ist ebenso entsetzlich weil beliebig, vorhersehbar und austauschbar. Die Waffenfreunde werden sich wieder positionieren, so wie deren Gegner. Forderungen nach schärferen Gesetzen und Kontrollen und sozialkritische Vorwürfe an die Gesellschaft lösen einander ab. Bei allem was jetzt geschrieben und gesagt wird, muss man nur Ort, Zeit und Namen der Betroffenen herausschneiden, dann könnte man es beim nächsten Mal wieder verwenden. Die Kanzlerin drückt ihr tiefstes Bedauern aus, ebenso wie unser Bundespräsident und weitere Politiker. Die Wahl der Worte ist bei jedem dieser Ereignisse die gleiche. Und … glauben die denn, dass jemand annimmt, sie würden es nicht schrecklich finden? Das Ereignis verschafft den krisengebeutelten Politikern eine Atempause. Sie stehen für die nächsten Tage nicht so sehr unter Beobachtung. Aber das wird keiner von ihnen schrecklich finden.
Es wäre besser gewesen, Frau Merkel hätte eines der betroffenen Elternpaare besucht, diese wortlos in den Arm genommen und geschwiegen. Das wäre jetzt das Gebot der Stunde gewesen. Schweigen, tieftrauriges Schweigen. Stattdessen ein wildes Mediengetöse bei dem aus allen Rohren gefeuert wird. Wenigstens die Musiksender VIVA und MTV haben ihre Sendungen geändert. Der Gute-Laune-Faktor wurde rausgenommen und ruhige Musik gesendet. Toll, hätte ich denen nicht zugetraut.“

Ingrid Ruppel aus Maintal:

„Winnenden – eine grausame Tat, fürwahr! Wann aber hören unsere Medien auf, solchen Tätern die Aufmerksamkeit zu schenken, auf die es die meisten von ihnen abzielen, nämlich einmal im Mittelpunkt zu stehen? Eine kurze mündliche Mitteilung in den Nachrichten über die Tat und der Hinweis, dass Bundeskanzlerin und Bundespräsident ihr (tief empfundenes) Mitgefühl ausdrücken, reichen völlig!!“

Michael Brückmann aus Fritzlar:

„Tiefe Trauer, Bestürzung und Mitgefühl für alle un- und mittelbar Betrofenen des schrecklichen Attentats. Was mir bei diesen Taten immer wieder rätselhaft bleibt, ist die Frage, wieso im unmittelbaren Umfeld der Täter der scheinbar leichte Zugang zu Schusswaffen besteht. Warum, um alles in der Welt, besitzt im aktuellen Fall der Vater des Täters 14- 15 Schusswaffen, warum erlaubt man sogar den Besitz von grosskalibrigen Waffen ? Für mich ist der Verweis auf die Zugehörigkeit zum örtlichen Schützenverein absolut unzureichend. Derartige Waffen gehören nur in den Besitz von Personen, die berufsbedingt auf das Führen von Waffen angewiesen sind. Nach all den schrecklichen Geschehnissen und der berechtigten Befürchtung, dass noch weitere ähnliche Verbrechen geschehen werden, hoffe ich als Vater von 3 schulpflichtigen Kindern, dass die Verantwortlichen reagieren und allen Lobbyismus zum Trotz zumindest diese Gefahrenquelle minimieren und den privaten Schusswaffenbesitz drastisch und wirksam reformieren.“

Klaus Mücke, Psychotherapeut aus Potsdam:

„Ohne Killerspiele kein Schulamok?! Selbstverständlich kann nicht von einer linearkausalen Relation zwischen dem Konsum von Killerspielen (Massenmordsimulatoren) und einem Amoklauf gesprochen werden. Millionen Jugendliche trainieren schließlich leider tagtäglich den virtuellen Massenmord und laufen in der Realität nicht Amok. Sehr wohl aber geht es um die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit für eine solche Tat durch einen derartigen Medienkonsum. Denn: Menschen lernen in erster Linie und am effektivsten durch Nachahmung, ob sie nun virtuell oder real stattfindet. Es sollte doch zu denken geben, dass Schulamok in der jetzigen Form vor der Einführung von Killerspielen nicht existierte und man muss keine aufwändigen psychologisch-statistischen Untersuchungen durchführen, um folgenden Zusammenhang zu entdecken:
Die Wahrscheinlichkeit für die Durchführung eines Amoklaufs nimmt zu, wenn
a) Killerspiele häufig und exzessiv gespielt werden,
b) es keine ausgleichenden Bedingungen wie intensive soziale Kontakte und eine gute soziale Integration gibt,
c) es zu einer krisenhaften Zuspitzung der Lebenssituation kommt (Liebeskummer, Kränkungen, Missachtungs- und Misserfolgs-Erlebnisse etc.), mit denen massive Schamgefühle einhergehen. (Erst aufgrund gestörter Bedingungen kommt es zu einer zumindest zeitweilig gestörten Persönlichkeitsstruktur. – Aus diesem Grunde ist es eine kurzschlüssige Folgerung, dass Täter immer persönlichkeitsgestört sein müssen.)
d) es viele Amokläufe in der Vergangenheit gegeben hat, die für öffentliches Aufsehen gesorgt haben und Amokläufer zu Vorbildern werden und
e) Waffen leicht erreichbar sind.
Die Konsequenz, um Amokläufe präventiv zu verhindern, kann deswegen nur lauten:
1. Ein generelles Verbot von Produktion, Vertrieb und Beschaffung solcher Computer-Spiele. Mit Killerspielen sollte so umgegangen werden wie mit Kinderpornographie. Beide Phänomene sind als Perversionen gesellschaftlich zu ächten.
2. Ein generelles Verbot des persönlichen Besitzes von Schuss- bzw. Detonationswaffen.
Es ist ein trauriges Zeichen unserer modernen Gesellschaft, dass sich keiner darüber empört, das Millionen von Kinder Stunde um Stunde, Tag für Tag als virtuelle Kindersoldaten trainieren Menschen auf einem Bildschirm abzuknallen. Und es ist ein trauriges Zeichen, dass keiner die Frage aufwirft: „Was ist eigentlich schützenswert an Killerspielen?“ Stattdessen macht man sich Gedanken, Schulen in Hochsicherheitstrakte zu verwandeln.“

Norbert Theobald aus Heidelberg:

„Wissenschaftler warnen, dass mit sogenannten ‚School Shootings‘ künftig häufiger gerechnet werden müsse. Dass exzessive Gewalt in Medien dabei eine Rolle spielen, wird auch nicht mehr bestritten. Besonders mit Videospielen, die auf militärischen Schießsimulatoren beruhen, könnten Jugendliche wie Soldaten zum Töten konditioniert werden. Gewiss, Tausende junger Gamer werden dadurch nicht zu Killern. Aber bei einigen wenigen mit schwachem Selbstbewusstsein, gedrängt in eine Opferrolle, gemobbt und gekränkt durch Mitschüler und Eltern kann ein solches ‚Ego-Shooting‘ zu realer Rachelust werden.
Prof. Christian Pfeiffer, vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen fordert deshalb konsequente Reformen. So muss das typische Missverhältnis, dass Jugendliche mehr Zeit vor ihren PC-Monitoren verbringen als im Schulunterricht, durch Ganztagsschulen nachhaltig verändert werden. Vor allem, für die Kinder aus sozial schwachen Familien, die nachmittags kein attraktives Alternativangebot zum unkontrollierten Medienkonsum haben, wäre medienpädagogische Unterstützung in der Ganztagsschule wichtig.
Solange aber mancher Lehrer nicht weiß, wie er seine e-Mails abrufen kann, ist diese Hilfe an unseren Schulen nicht zu erwarten. Insbesondere die seit langem geforderte Verbesserung der Erziehungskompetenz der Lehrer und die verbesserte Fähigkeiten zu einem variablen Einsatz eines breiten Methodenspektrums im Unterricht lässt bei ‚altkonservativen‘ Pädagogen zu wünschen übrig. In der Konsequenz heißt das, wer zum ‚Gegenschlag‘ ansetzen will, braucht medienpädagogische Kenntnisse und Medienkompetenz um bei Amokschützen erste Signale deuten zu können.“

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43 Kommentare zu “Wir müssen uns endlich an der Nase packen

  1. Individuelle/kollektive Gewalt

    Ereignisse wie der Amoklauf von Winnenden erschüttern, weil sich dabei plötzlich menschliche Abgründe auftun, vor denen wir erschrecken. Wenn wir da genauer hineinschauen, erblicken wir uns selbst. Und um uns nicht in Frage stellen zu müssen, behelfen wir uns mit Erklärungen, die meistens zu kurz greifen, und glauben, dieser individuellen Gewalt eine noch stärkere kollektive Gewalt entgegen setzen zu müssen: schärfere Gesetze, mehr Verbote, mehr Überwachungstechnik, mehr Polizeipräsenz usf.

    Fragen wir nach den tieferen Ursachen von solchen Gewalttaten, dann sollten wir zuerst einmal uns selber befragen. Wenden wir nicht alle, nahezu alle, Gewalt an, um unsere Ziele zu erreichen: Macht, Profit, Karriere, Besitz, Suchtbefriedigung und Spaß? :das, was uns massenmediale Werbung als erstrebenswert suggeriert, weil es der Wirtschaft nützt.

    Sind es Videos und Computerspiele, ist es die virtuelle Gewalt, die junge Männer in Allmachtsfantasien treibt und sie schließlich zu Mördern macht? Oder ist es nicht eher die ganz reale, tägliche, mehr oder minder subtile Gewalt in der Familie, am Arbeitsplatz, in unserer Gesellschaft?
    Sind wir nicht alle, nahezu alle von uns bereit, Gewalt mit Gewalt zu beantworten, wenn wir die Mittel dazu haben, oder sie stellvertretend für uns anwenden zu lassen?
    Wir haben die kollektiven Gewaltstrukturen (Johan Galtung nennt sie „strukturelle Gewalt“ ) derart verinnerlicht, dass wir es begrüßen, wenn „endlich einmal hart durchgegriffen wird“, „Vater Staat seine Muskeln spielen lässt“ und „für Ordnung sorgt“: sich als souverän erweist.
    Souveränität bedeutet höchste herrschaftliche Gewalt (eines Staates) (lt. Wahrig, Fremdwörter-Lexikon) und manifestiert sich durch die Fähigkeit auch zu militärischer Gewalt, also Kriege zu führen. Daran werden Staatsgäste erinnert, wenn sie mit militärischen Ehren empfangen werden und über den blutroten Teppich schreiten. Das ist keine Gehmeditation. Der gezogene Säbel verheißt Schutz für den Gast und ist zugleich eine Warnung.

    Das Ansehen von Regierenden steigt bei ihren Untertanen, sobald sie Gewalt anwenden, und ganz besonders, wenn sie einen vermeintlich „gerechten Krieg“ beginnen (in jüngster Zeit: Thatcher, Busch sen., Clinton, Busch jun.).

    Selbstverständlicherweise steigen dann auch bestimmte Aktienkurse.

    Wir lassen es zu, dass deutsche Soldaten auf den Balkan, in den Vorderen und in den Mittleren Orient geschickt werden und damit den Hegemonialbestrebungen und wirtschaftlichen Interessen einer Supermacht dienen. Diese Supermacht geht zzt. noch mit schlechtestem Beispiel voran, indem sie ihre technische Überlegenheit nutzt, um sich überall in der Welt, wo ihr Neokolonialismus auf Widerstand stößt, gewaltsam durchzusetzen, ohne Rücksicht auf Menschenrechte und Ökologie. Auch die Todesstrafe in den USA und in anderen Ländern ist Teil kollektiver Gewalt, die individuelle Gewalt nicht verhindern kann, und sie verstößt gegen das Lebensrecht aller Menschen.

    Wir, die reichen Industrienationen, beuten rücksichtslos die Natur aus, vor allem in den anderen Kontinenten, und wir halten uns Arbeitssklaven. Die Kehrseite unseres Wohlstandes, des materiellen, ist das Elend in der so genannten Dritten Welt. Eine der Hauptursachen: unsere Habgier.

    Unsere Bedürfnisse sind enorm. Wir wollen mehr, als für alle vorhanden ist. Und so lassen wir täglich vierundzwanzigtausend von uns verhungern. Achtzehntausend davon sind Kinder. Es sind Menschen, wie wir Menschen sind. Wir gehen achtlos über sie hinweg. Das „schlechte Gewissen, welches sich da und dort schüchtern meldet, wird durch Almosen an Bedürftige besänftigt und durch Weniges von dem, was von unseren Überflüssen abfällt.

    Das Abholzen der Urwälder, das Leerfischen der Meere, das Zerstören fruchtbaren Mutterbodens, landwirtschaftliche Monokultur und Massentierhaltung, Ressourcenverschwendung und die giftigen „Lateralschäden“ industrieller Produktion, des Straßen- und des Luftverkehrs: dies alles ist Gewalt, die wir der Natur antun, unserer Mitwelt und damit uns selbst.

    Rund um den Globus Exzesse brutaler Gewalt.
    Es ist ein ungeheures Gewaltpotential auch im kollektiven Unbewussten der Menschheit, die immer mehr dazu neigt, existentielle Probleme gewaltsam lösen zu wollen. Dessen materieller Ausdruck sind die ABC-Waffenarsenale.

    Das ist die Welt, in der unsere Kinder und Kindeskinder aufwachsen, erwachsen werden und dabei glücklich sein sollen. Demütigungen, emotionale Kälte, Achtlosigkeit, Beziehungsarmut, Desorientierung, Perspektivlosigkeit, Verlassenheit: ein ganzes Syndrom, entstanden durch psychische Verletzungen, die nicht heilen können und sich nur noch unter inneren Zwängen kompensieren lassen. Sie leiden darunter und wissen nicht warum, besonders in der Phase, in der sie schon als Erwachsene gelten – unter Erwachsenen, die an sich selber leiden und es nicht wahrhaben wollen.

    Gewiss, das lässt sich verdrängen, z.B. durch Konsum und Spaß. Aber Verdrängtes bleibt unter der Oberfläche des Bewusstseins, und es kommt eines Tages, wie schon in Erfurt, zur Eruption.
    Früher wurde jede Generation mindestens einmal in den Krieg geschickt, wo die jungen Männer „abgehärtet werden sollten. Da konnten sie sich für die in der Kindheit erlittene Gewalt auf „legale Weise rächen, aufgestaute Aggressionen abreagieren und bekamen dafür sogar Orden. Diese jungen Männer wurden dann zumeist brave Untertanen, die den Enkeln von ihren Heldentaten erzählen konnten. Heute lassen sich die nationalistischen und militaristischen Ideologien nicht mehr vermitteln. Der deutsche Idealismus hat abgewirtschaftet, und der alte Wertekatalog ist Makulatur. Der neue Wertekatalog ist der Warenhauskatalog. Aber er enthält nicht das, was besonders junge Menschen brauchen: andere Vorbilder, andere Lebensmuster, andere Beispiele menschlichen Verhaltens, – Verständnis, Güte und selbstlose Liebe.

    Ich glaube, wir müssen unsere Sicht- und unsere Verhaltensweisen radikal ändern. Wir müssen unser Leben ändern. Der Dualismus unserer westlichen Kultur hilft da nicht weiter.

    Claude AnShin Thomas, US-Vietnam-Veteran, seit 1995 engagierter Zen-Mönch und Mitglied der Buddhist Peace Fellowship, sagte bei einem Vortrag über die Grundlagen des Friedens:

    „Krieg ist ein kollektiver Ausdruck individuellen Leidens.“

    Und individuelle Gewalt? Denken wir einmal sehr tief darüber nach!

  2. Entschuldigung ich habe einige Verständnisfragen:

    Klaus Mücke möchte ich fragen, wie er seine Behauptungen fundiert sieht (Die Wahrscheinlichkeit für die Durchführung eines Amoklaufs nimmt zu, wenn
    a) Killerspiele häufig und exzessiv gespielt werden)
    Das soll jetzt keine Kritik an dieser Aussage sein.

    Allerdings stellt sich mir in der Folge dann noch die Frage, warum in den 50iger, 60iger, 70iger Jahren, als Millionen hochtraumatisierter 2. Weltkriegsveteranen die real dutzende von Menschen getötet haben sich in einer stabileren psychischen Verfassung befanden als Menschen die Tötungssimulationen spielen.

    Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag Ego-Shooter nicht, sie sind mir schlicht zu stressig, aber Zusammenhänge dieser Größenordnung zu unterstellen erscheint mir unter dem Gesichtspunkt der Erfahrungen unserer Großväter doch etwas vermessen.

    Vielleicht ist dann doch eher so, dass jeder Amoklauf DIE Sau ist die man genüsslich durchs Dorf treiben kann und dass das jedem Amokläufer klar ist.

    Also: Auf gehts geben wir unsere Aufmerksamkeit!

  3. Schön, das ist wieder so ein Thema, wo jeder mitreden kann. Also auch ich.

    Ich sehe die Ursache in der Reizüberflutung, denen heute vor allem die jungen Menschen ausgesetzt sind. Nicht jeder ist so stark, um damit zurechtzukommen.

    Rauchen auf öffentlichen Plätzen kann verboten werden. Killerspiele nicht ??

    Zu den konkreten Fällen : Waren nicht häufig das Zuhause der Jugendlichen reinste Waffen -und Munitionslager ? Alle Amokläufer konnten auch gut damit umgehen.

    Verhindern lassen sich solche Taten auch in Zukunft nicht. Unsere Gesellschaft wird sich nicht zum guten verändern.

  4. Es wird da wieder viel geredete und geschwätzt!
    Der Grundkommentar ist wohl die richtige Darstellung. Jeder von uns Bürgern sollte sich an der Nase packen – besonders die Psychotherapeuten und deren Brüder und Schwestern. Es war „ein“ junger Mensch der zum Mörder wurde, andere nehmen sich das Leben – ca. 30000 Selbstmorde im Jahr! Da stimmt in unserer Gesellschaft etwas nicht. Z.B. über die vielen Drogentoden regt sich keiner mehr auf.

  5. Wir alle können nur mutmaßen über die Ursachen dieses und aller vorhergehenden Amokläufe, zumal diese jeweils individuell und vielschichtig und ganz bestimmt nicht auf eine einzige reduzierbar sind.

    Eines haben alle Taten gemeinsam: sie wurden mit Schusswaffen ausgeführt. Und irgendwie spielte das Wort „Sportschütze“ eine Rolle. Es liegt mir fern, hier das Hoppy „Schießen“ zu diskreditieren, aber es muss die Frage erlaubt sein, was Handfeuerwachen, nochdazu automatische und halbautomatische, mit Sport zu tun haben. Eine Waffe wie die in Winnenden benutzte ist, wie heute in der FR zhu lesen, beliebt bei Polizei und Militär. Dort mag sie ihren Zweck erfüllen, in Privathand hat so etwas nichts zu suchen, so wie zumindest alle derartigen Handfeuerwaffen. Warum reichen für Sportschützen nicht spezielle, einschüssige Langwaffen aus? Und warum müssen/dürfen solche Waffen zu Hause aufbewahrt werden? Gut, für Jäger muss eine Lösung gefunden werden. Aber auch hier sind Waffen der benutzten Art absolut überflüssig. Ein Jäger benötigt auch keine Pumpgun.

    Hier ist der Gesetzgeber gefordert, auch wenn Herr Schäuble schon mal profilaktisch abwiegelt, bevor er überhaupt gefragt wurde. Aber das kennen wir ja bereits. Wenn die Lobby pfeift, beginnt Herr Schäuble zu tanzen.

  6. @ Napez

    Ich bin kein „Sportschütze“ möchte aber doch versuchen einige der wirren Thesen der Realität näherzubringen.

    Automatische Waffen unterliegen dem KWKG und sind in D nicht für den Zivilgebrauch erhältlich.

    Halbautomatisch lädt ledigich selbsttätig nach.

    In d. R wird die F92 genommen weil sie beschafft worden ist, das hat mit beliebt nix zu tun.

    Einschüssige Waffen sind nicht per se besser für sportliches Schießen geeignet.

    Die Aufbewahrung von Privateigentum obliegt…?

    Zumal ein realistischer Sicherheitsgewinn einer Sammelaufbewahrung nicht nachweisbar ist. Zumal ja noch ein ständiger Strom an illegalen Waffen nach D vorhanden ist zzgl. Kriegswaffen und Sprengmittel.

    Aber die Waffendebatte ist nur Teil einer Pseudoanalyse, weil sich niemand zu einer möglichen Mitverantwortung bekennt.

    Im vorliegenden Fall war die Aufbewahrung rechtswidrig und leichtsinnig. Dabei ist Sicherheit hier gerade leicht zu leisten. Waffe , Magazine und Mun getrennt wegschließen. Dazu Schließfeder und wo es geht Schlagbolzen raus, getrennt aufbewahren. Dann ist alles unbenutzbar.

    Karl

  7. Mein Meinung dazu: Die Lobby der Kinder ist immer noch nicht da; sprich hier in Deutschland haben Kinder keine.
    Alle müssen sofort umdenken und die Familie in den Vordergrund stellen. Wenn Kinder aufwachsen sollen und ein Teil unserer Gesellschaft werden möchten gehören Mütter für mindestens 10 Jahre als Erzieherin nach Hause, bei vollem Lohnausgleich. Erziehung und Fürsorge ist eine manager ähnliche Tätigkeit und der Manager kommt nicht für „Lau“. Wer fängt denn die erst kleinen und dann größer werdenen Sorgen der Kinder auf?
    Wer lacht, tröstet oder lobt sie denn gleich nach dem Erlebten im Kindergarten oder Schule?
    Mit jedem Gefühl werden sie alleine gelassen.
    Und ich versuche mir vorzustellen wie ist ist, wenn Kinder so 10 – 15 Jahre „Lebenserfahrung – Gefühl“ mit sich selbst ausmachen müssen. – Nur des Geldes wegen. –
    Solange beide Elternteile für das Haushaltsgeld arbeiten müssen, ist das nahezu unmöglich.

  8. Kommentar 7

    Na da muss ich aber ganz deutlich widersprechen! Als Mutter zwei inzwischen jugendlicher Töchter habe ich über all die Jahre die Beobachtung gemacht, dass sich gerade Vollzeit-Mütter eher zu viel einmischen und zur Überbehütung neigen. Darüberhinaus heizen sie oft den Ehrgeiz ihrer Sprösslinge dermaßen an und leisten damit dem rücksichtslosen Konkurrenzkampf Vorschub. Das eigene Kind ist der oder die Größte…. Überspitzt gesagt haben wir doch eine Generation von Prinzen und Prinzessinen herangezogen, die daran verzweifeln, wenn sie merken dass sie doch nicht immer und überall „obenauf“ sind. „Mehr Mutter“ führt also sicher nicht automatisch zu weniger gesellschaftlichen Problemen. Meiner Meinung nach müsste endlich ein Klima kultiviert werden, in dem sich nicht mehr alles um einen selbst dreht, sondern in dem das Interesse und der Respekt für „den anderen“ gefördert wird und unterschiedliche Stärken und Schwächen anerkannt werden.

  9. @ Karl

    Ob einschüssige Wafen für den „Schießsport“ besser geeignet sind als halbautomatische ist mir völlig egal. Auf jeden Fall sind sie wesentlich schlechter für Amokläufe zu gebrauchen. Und das ist das Entscheidende. Eine 9mm Beretta ist kein Sportgerät und darf es auch nicht sein. Mit Waffen, die es nicht gibt, kann auch kein Unwesen getrieben werden. Weder Efurt noch Winnenden hätten solche Ausmaße erreicht. Das muss für eine Gesetzesänderung schon ausreichen.

    Das es für Amokläufe wie den aktuellen eine Vielzahl von Gründen und Auslösern gibt, sei hier unbestritten. Die Gerätschaften, die dazu nun mal erforderlich sind, gehören unter strikte staatliche Kontrolle. Zum Glück gibt es hierzulande kein „Sprengsportvereine“ deren Mitglieder TNT und Plastiksprengstoff daheim lagern.

    So, jetzt dürfen gerne weiter Haare gespalten werden.

  10. @ Napez

    Mit der Einzellader-Idee schlagen Sie einen immerhin realisierbaren Ansatz vor. Wie groß der tatsächliche Sicherheitsgewinn ist bleibt leider Spekulation.

    Was die Waffen „die es nicht gibt“ angeht, das ist spätestens seit dem Mauerfall leider nur noch Wunschdenken. Rationale Schätzungen gehen von 20 Mio +X illegalen SW aus.

    „Sprengsportverein“, klingt gut; zugegeben. Tatsächlich könnte man vermuten es gäbe diese Sorte Verein. Angesichts der monatlich sichergestellten Sprengstoff- und Selbstlaboratmengen kann ein anderer Eindruck entstehen.
    Übrigens hatte einer der letzten dt. Amok-Täter nur einschüssige Waffen, dafür aber auch einige USBV mitgeführt. Glücklicherweise zündeten letztere mehrheitlich nicht!

    Letztlich ist eine geforderte „strikte staatliche Kontrolle“ (klappt nicht mal bei der BW!) nicht mehr realisierbar.

    Gruß Karl

  11. Mehrere Kommentare betonen – wie auch der in der gestrigen FR befragte Psycholge – den starken Reiz, den exzessive Berichterstattung in allen Medien auf Nachahmer ausübt. Sehr schade, dass sich auch die FR mit gestern 9 Seiten und heute 8 Seiten (jeweils incl. Titel- und Meinungsseite) daran beteiligt. Auch das gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Fernsehen spielt hier eine unrühmliche Rolle! Einen besonders unappetitlichen Höhepunkt stellt die Mail des Herder-Verlags dar, in dem heute ein noch zu veröffentlichendes Buch zu den Ursachen von Winnenenden und Amokläufen allgemein beworben wird.
    Heuchelei und Profitgier auf dem Rücken der Trauernden allüberall!!

  12. Ein Schulpsychologe ist ungefähr für 12000 Schüler zuständig.

    Er hätte also im Jahr ca 11 Minuten, um die Gesunden kennenzulernen und zu beurteilen.
    Prävention? Ausgeschlossen! Auffinden von Problemfällen? Ausgeschlossen!

    Was an den Schulpsychologen herangetragen wird, ist dem Zufall und der laienhaften Beurteilung anheimgegeben.

    Die Rate für psychische Störungen liegt ungefähr bei 31 %.
    Der Schulpsychologe hat dann, wenn er auf die Prävention gänzlich verzichtet, pro Jahr 35 Minuten für einem Problemfall zur Verfügung.
    Das heißt, daß er, wenn er den belasteten Schüler ,nach den Vorgesprächen mit Eltern und Lehrern (ca 20 Minuten) überhaupt findet, er ein einziges 15 Minuten-Gespräch zur Verfügung hat, sich in Schüler einzufühlen, Vertrauen zu erwerben, eine Diagnose zu erstellen, Sofortmaßnahmen zu ergreifen und weitere therapeutische Maßnahmen einzuleiten.

    sic!

    Ich fordere 15 000 FR-Leser auf, mir ihre aktuelle Lebensituation mit allen Ursachen und Wirkungen aus der Kindheit innert 10 Minuten pro Person zu schildern, ich erstelle dann in je 5 Minuten eine Expertise für den weiteren Lebensweg.

  13. 12 000 war die Zahl der Klienten!
    15 000 Leser kann ich nur deshalb auffordern, weil ich als Psychologe so außergewöhnlich talentiert bin.

    Ich verwechsle nur manchmal Zahlen, Namen und Personen.

    Na ja, die oberste Grenze für das menschliche Personengedächtnis liegt bei etwa 100, bei mir etwa bei 300, wenn ich nicht gerade am Burn-out erkrankt bin…

  14. Kleiner Selbsttest mit Phantasiedaten

    Start: 00:59:00

    Ich bin im Jahre 1992 geboren, 17 Jahre alt und männlich. Meine Eltern sind Angestellt, die Mutter arbeitet bei der Kraknekasse, sie muß Anfragen zu psychiatrischen Behandlngen bearbeiten.

    Mein Vater ist Ingenieur, er leitet den Bau von Fußgängerbrücken über stark befahrene Strassen.

    Im Kindergarten war ich der älteste der Gruppe, ich mußte immer auf die kleinen Kinder aufpassen. Manchmal habe ich mein Frühstück vergessen und mußte mir was leihen.

    In der Grundschule bin ich sehr gut gewesen, in Sprachen besser als in Mathe und Bio aber die Lehrer waren immer so fordernd und ungerecht.

    In den Pausen habe ich die Hausaufgaben der anderen Kinder gemacht, da hab ichviel gelernt, aber die anderen nicht.

    Ich bin dann ins Gymansium, alles gut, aber die Ungerechtigkeit hat mich geärgert und man konnte nur mit Frau Müller reden.

    Sport war grauslich, Bewegung haben sie gesagt, aber wir mußten nur immer warten. Weitsprung fand ich blöd. Nur immer Sand in den Schuhen und zu schlecht.

    Aber ich habe Bio gern gemacht und konnte auch in Franze gut mithalten, ich fahre gern anch Frankreich, da gibt es viel Essen mit freundlichen Leuten.

    Maria hat mich immer übersehen, aber ich hatte sie gern, aber ich habe ihr immer was geschenkt, habe sie bewundert, das war in der 8. Klasse.

    _______________

    Danke, Zeit ist um!

    01:0:55

  15. @W.Schmidt
    „Jeder von uns Bürgern sollte sich an der Nase packen – besonders die Psychotherapeuten und deren Brüder und Schwestern.“

    Die „letzten Helfer“, nämlich die Psychotherapeuten, nunmehr in die Verantwortung zu ziehen ist ungerecht. Sie erfahren zuallerletzt von einer krisenhaften Entwicklung und haben kaum Zeit, die Situation zu begreifen, geschweige denn zu entschärfen.

    Darüber hinaus wird ihren Empfehlungen zur Prävention, zur Gesunderhaltung der Menschen und zur Früherkennung von krisenhaften Entwicklungen keinerlei Gehör geschenkt.

    Sie müssen den Verantwortlichen jeden Tag erneut erklären, daß ein Brunnen gefährlich tief ist und ein Kind das nicht begreifen kann.

    Selbst dann, wenn eines hereingefallen ist, verstehen die Verantwortlichen es nicht.

    Wenn es Kinder und Politiker nicht begreifen, wie soll man einen Erkrankten dann einordnen?

  16. „Freiheit“ und „Recht“ auf Nervenkitzel

    Wo man nichts zu sagen hat, da soll man besser schweigen. Gewiss, da ist Axel Marschall Recht zu geben, ist stille Trauer, eine angemessenere Reaktion auf so schreckliche Ereignisse als Rundum-Medienpräsenz. Sie stellen die Opfer in den Mittelpunkt statt den Täter und die Tat. Und das ist mehr als nötig in einer Gesellschaft, die „coolness“ – sprich: Gefühllosigkeit – als Ideal verbreitet und Mitgefühl als Schwäche abtut.
    Man kann auch, wie Herr Stahlbaum (Nr.1) zurecht zu Nachdenken auffordern, denn „irgendwie“ hängt ja alles mit allem zusammen. Sicher ist vieles, was er sagt, bedenkenswert und besser als blinder Aktionismus. Doch was folgt daraus? Ist zu erwarten, dass es dadurch einen Toten weniger gibt?
    Nachdenken befreit nicht davon, das Mögliche zu tun, um wenigstens einige Faktoren der gewiss komplexen Zusammenhänge zu verändern.
    Herr Mücke verweist m.E. auf richtige Zusammenhänge, wenn er Killerspiele mit Kinderpornographie auf eine Stufe stellt. Wird letztere inzwischen – zurecht – gnadenlos verfolgt, so meldeten sich bei erstem bisher gewöhnlich Scharen von Computerclubs und Psychologen, die den unmittelbaren kausalen Zusammenhang mit Gewalttaten bezweifeln. Als ob es irgend etwas gäbe, was monokausal zu erklären wäre. Und als ob es nicht ausreichen würde, wenn der ungezügelte virtuelle Gewaltgenuss als ein wesentlicher Faktor festgestellt wird.
    Woher die Bereitschaft, unseren Kids den Nervenkitzel, und sei er noch so pervers, nicht zu vermiesen, die „Freiheit“ und das „Recht“ auf möglichst viel virtuelles Blut zu verteidigen? Welcher Begriff von „Freiheit“ steht dahinter. Und welches Menschenbild?
    Ist das qualitativ etwas anderes als die „Argumente“ der Waffennarren (und der Lobby!) in den USA, die mit Zähnen und Klauen das „Grundrecht“ des Waffenbesitzes als Inbegriff des „amercan way of live“ verteidigen? –
    Wer sich auf eine solche Ebene begibt, der nimmt dann schon – zumindest billigend – eine entsprechende Zahl von Opfern als „Kollateralschaden“ und Preis für seine „Freiheit“ in Kauf.
    Werner Engelmann, Luxemburg

  17. @bronski

    Genau betrachtet, geht der Titel des Themas „Wir müsssen uns endlich an der Nase packen“ schon zu weit.

    Grundsätzliche, radikale und endgültige Lösungen anzustreben, rechtfertigt psychologisch einen Amoklauf.

    Ich will niemandem was unterstellen, am wenigsten Dir, Bronski, ich will es nur auf die richtige Schiene bringen:

    „Wir müssen uns endlich die Hände reichen“ wäre ein besserer Titel für das Thema.

  18. nur ein paar fragen an uns alle.
    wer verdient an: alkohol, nikotin, videospielen, waffen, gewalt- und horrorfilmen, spielkasinos usw.?
    wer stellt den ganzen kram her, verkauft ihn, bietet an? wann werden diese frau- und herrschaften, die mit solchen dingen und dienstleistungen geld scheffeln auf ihren geisteszustand, ihr ethisches handeln untersucht?
    wie hoch ist das steueraufkommen aus o. g., das wir als staat, gesellschaft fraglos einnehmen?
    warum sind es fast immer männliche, jugendliche täter die
    als „produkt“ aus dem gespinst gewaltfantasie-software und tatsächlich verfügbaren waffen hervorgehen oder sich von uns allen unbemerkt und unspektakulär auf andere weise mit o. g. produkten selbst zugrunde richten?

  19. @ BVG

    „Hände reichen“ ist auch nicht schlecht. Das mit der „eigenen Nase“ trifft es allerdings durchaus!

    Die Frage mus erlaubt sin warum seit ca. 15 Jahren solche Vorfälle gehäuft auftreten. Seit dem MAuerfall ist die Zahl der illegalen Waffen hier beträchtlich angestiegen, auch Hdgr werden in erheblichen Mengen sichergestellt. Die Zahl der durch Jugendliche gebauten USBV steigt langsam aber stetig an (s. PKS).

    Natürlich gab es das alles auch vor 15 Jahren, nur auf viel niedrigerem Nieveau! Alle gesetzlichen Restriktionen seither waren praktisch wirkungslos.

    Andererseits bleibt unnachvollziehbar warum einige Individuen umbedingten Willen entwickeln eine Amok-Tat umzusetzen und viele andere nie dazu kommen obwohl sie, oft noch gefährlichere Möglichkeiten als eine SW, besitzen?

    @ 17

    Männliche Jugendliche lernen in der Regel zwei Dinge nicht:

    1. Realistische Einschätzung ihrer Umwelt

    2. Selbstbewußtsein aufzubauen um Nein sagen zu können, insbesondere gegen Gruppendruck! und „das macht Mann so“ – Haltungen.

    Obwohl ich Bedenken habe die Entstehung von Amok-Lagen monokausal erklären zu wollen.

    Mit Schusswaffen hatte ich nie „Probleme“, weil mir entsprechende Vorbilder sehr früh die Unumkehrbarkeit fahrlässiger Anwendung nahegebracht haben. Ethische Handeln setzt entsprechendes Bewußtsein voraus, bei einer oberflächlichenm Schmalspursozialisation männlicher Jugendlicher ist das eher nicht gegeben.

    Karl

  20. Bereits bestehende scharfe Waffengesetztgebung hin oder her – was macht ein Privatmann mit einer Beretta 9mm und 250 Schuß in seinem Nachtschrank?

  21. Erstaunlich, was für Leute sich im Sog diese Tragödie zu Wort melden. Es gibt sogar Lobbyisten für Killerspiele, die jetzt um ihren Umsatz fürchten und jede Gefahr leugnen,die von solchen Spielen ausgeht.Und der Verband der deutschen Sportschützen verteidigt die Aufbewahrung von Waffen und Munition in Privathaushalten, obwohl erwiesen ist, das in vergleichbaren Fällen jugendliche Amokläufer sich stets aus dem elterlichen Waffenlager bedient und aufmunitioniert haben. Darum wäre die einzig sinnvolle Folgerung, das Deponieren und Sichern solcher Utensilien auf die Verantwortung der Vereine und deren staatliche Kontrolle zu beschränken. Natürlich kostet das Geld, das von den Sportschützen allerdings auch selbst aufzubringen wäre. Sonst können sie diesen Sport nicht ausüben. Das sollte klar und unmissverständlich gesagt werden.

    In vielen Gesprächskreisen wird derzeit diskutiert, wie man Jugendliche ihren virtuellen Welten entreißen könnte. In der Talkschau von Maybrit Illner zu diesem Thema ragte eine Idee besonders hervor. Der Direktor einer Schule im Problembezirk Berlin-Neuköln verwies auf das Engagement seiner Lehrer im Rahmen einer Ganztagsschule, wo Schüler neben Unterricht auch gezielt betreut werden, gemeinsam Sport treiben können, Musikförderung erhalten und soziales Zusammenleben praktisch erfahren. Vieles entspringt der Eigeninitiative und Einsatzbereitschaft der Lehrer. Der Staat trägt kaum dazu bei. Er gibt immer mehr Verantwortung ab und verlagert sie auf eine ständig wachsende Zahl von Privatschulen, die sich nur wohlhabende Eltern leisten können. Dabei zeigt das Beispiel in Neuköln, dass es auch anders geht. Statt dessen nimmt die geistige Verarmung und das Auseinanderdriften der Gesellschaft immer weiter zu. Nach den USA hält Deutschland leicht den zweiten Platz in der Amoklaufstatistik, während seine soziale, sportliche und witschaftliche Leistungsfähigkeit weiter schrumpft. Politik und Gesellschaft haben bisher keine Antworten und die Kraft gefunden, den Trend konsequent umzukehren. Wie lange Zeit haben wir noch?

  22. @ 19. Das wüßte ich auch gern. Der Einsatz von mehr als ca. 30 Schuß zur Selbstverteidigung ist eher selten notwendig, dabei kommt ein Auffüllen von leergeschossenen Magazinen sowieso nicht in Frage.

    Zumal ich nicht erkennen kann was einer, dann wohl verschlafenen, Person die SW in Griffweite nutzt. Zum „Verteidigungs)- Schießen muß man alle Sinne beieinander haben, ein normaler Sportschütze darf in D soetwas nichtmal üben! Und ohne dauernde zweckgerichtete Übung ist ein Erfolg nicht zu erwarten!

    @ 20.

    Bei der BW durfte/musste ich eine entsprechende Spezialausbildung absolvieren; übrigens mit teilweise mehr als 500 Schuß pro Woche.

    Über „Killerspiele“ am PC kann ich nur lachen (und spiele sowas auch nicht). Wenns so einfach wäre frag ich mich warum meine Ausbildung so intensiv war. Es wurde nicht mal ein Schießkino benutzt. Wir wurden dabei sogar, wenn auch grob, medizinisch/psychologisch betreut.
    Weder das „Abdrücken“ am PC noch das Sportliche Schießen haben etwas mit kampfmäßigen Schießen zu tun, teilweise erfordern diese sogar völlig gegensätzliche Techniken.

    Übrigens hat der Täter im vorliegenden Fall einen recht schlechten Trefferschnitt erzielt. Eigentlich kommt der Trainierte mit 2-3 Schuß aus einer Kurzwaffe aus. Aber auch das ist Theorie, da sehr munitionsabhängig; Polizei schießt daher bis Wirkung eintritt!

    Die staatliche Kontrolle ist nicht viel besser als die Private, es kommt genug Zeug weg.

    Allerdings kann ich auch den Umgang der Eltern mit dem Sportgerät nicht nachvollziehen. Dabei ist wirksames Wegschließen (Teilzerlegt) so einfach.

    Zum Schluß noch eine Frage:

    Was machen wir eigentlich wenn trotz der Umsetzung der hier vorgeschlagenen Änderungen wieder sowas eintritt?

    Karl

  23. Was ist eigentlich bei den vielen sich widersprechenden Meldungen über Ursachen als unbestritten übrig geblieben?

    1. Er lag bei ihm eine unbehandelte psychische Erkrankung vor.

    2. Er hatte ungehindert Zugang zu Waffen und Munition.

    Als andere ist umstritten.

  24. @ 21

    Es bringt nicht weiter, Vergleiche und Bedenken anzustellen, bevor nicht alle denkbaren Verbesserungen ausgeschöpft worden sind. Sicher gibt es noch andere und effektivere Maßnahmen als die vorgeschlagenen. Dennoch können sich Rückschläge immer wiederholen. Wir wissen heute auch nicht, ob ein Konjunkturpaket tatsächlich erfolgreich sein wird. Aber wir sollten nicht leichtfertig über die Gefahren hinwegsehen, die im Internet auf jugendliche Nutzer warten, die täglich stundenlang virtuell in Randzonen kommunizieren und sich im realen Leben nicht mehr zurechtfinden.
    Amokläufe sind nicht nur eine Evolution der Gewalt, sondern Wiederholungen eines visuellen Musters, das in immer kürzeren Abständen Nachahmer findet, wie die Bilder und Umstände solcher Katastrophen beweisen. Also ist entschiedenes Handeln angesagt, um gesellschaftliche Fehlentwicklungen rückzuführen. Darum geht es doch letzendlich.

  25. @ 23

    „alle denkbaren Verbesserungen ausgeschöpft worden sind“ Verbesserungen mit einem überprüfbaren Sicherheitsgewinn würden mir schon reichen.

    “ Aber wir sollten nicht leichtfertig über die Gefahren hinwegsehen, die im Internet auf jugendliche Nutzer warten,“

    ?, was meinen Sie genau? Wer aus der vitruellen Welt wahllos „Inhalte“ adaptiert, dem ist schon so nur durch den Facharzt zu helfen.

  26. „ist entschiedenes Handeln angesagt, um gesellschaftliche Fehlentwicklungen rückzuführen“

    Schön formuliert und doch nichts gesagt. Wie soll den entschlossenes Handeln aussehen, wie beim „brutalstmöglichen Aufklärer“ oder wird wieder nur an Symtomen behandelt?

    Gewalt und Waffen werden wir nicht aus der Welt bekommen, obwohl das sinnvoll sein mag. Unser gegenseitiger Umgang ist ja wohl schon von Wahrnehmungsstörungen durchsetzt; ob die Kritik aus Posting 22 da nicht doch berechtigt ist?

    Karl

  27. @ 25

    Vielen Dank für den Gedankenaustausch. Aber ich glaube nicht, dass auf diesen Seiten Gelegenheit ist, einzelne Gedanken auszudiskutieren. Jetzt steht vor allem die Politik in der Pflicht, Änderungen herbeizuführen und Forderungen aus der Gesellschaft aufzunehmen. Dadurch wird sich auch in Zukunft keine Gewaltfreiheit erreichen lassen, aber Auswüchse könnten zumindest abgemildert werden. Allerdings fürchte ich, dass es an kompetenten Politikern mangelt, die Fehlentwicklungen erkennen und begradigen wollen. Mit „brutalstmöglicher Aufklärung“ allein ist das sicher nicht zu schaffen, da gebe ich Ihnen recht.

  28. @Robert M. #19

    Die treffendste Frage in der ganzen Diskussion.

    Antwort: Weil er sich nicht mehr als Privatmann empfindet, sondern als stellvertretendes Objekt und willkürliches Ziel von Gewalt, also als Opfer,
    und
    als stellvertretendes Subjekt und willkürlichen Urheber von Gewalt empfindet, also als Täter.

    Die Verallgemeinerung dieser Empfindung führt zu deren Veröffentlichung.

    Vorher, während und nachher.

  29. .. und ich wünsche , daß dies Erschrecken ob der Tat, dies Bedauern über das eigene Vorbild, diese grausige Reflexion der Not des Sohnes und der eigenen Fahrlässigkeit, der Bericht über den vermeidbaren Zufall und über das Leid der Opfer, über die eigene Angst vor Schuld und Strafe zu einem Brief an die Öffentlichkeit führen wird, in dem die Vernichtung der Waffen des Vaters geschildert, bebildert und begründet wird, weil nur eine Ablehnung der Waffen den Tod des eigenen Sohnes hätte verhindern können.

  30. In jeder Minute werden Menschen erschossen auf dieser Welt.
    Erst wenn es näher kommt finden wir tausend Argumente gegen Waffen.
    Fordern genau die auf etwas zu ändern ,die diese Geschäfte erst ermöglichen und wollen nun deren Ohnmacht nicht begreifen,weil sie selbst so tief im Dreck stecken ,dass sie selbst nicht mehr raus kommen (Weltweit)
    Was wird hier realistisch eigendlich erwartet?
    Es ist wir es ist.
    Täglich sterben auch in der BRD viele Menschen an Kreps und keiner redet darüber.
    Erst wenn z.B Frau Merkel an Kreps sterben würde wir es zum Thema.
    Mütter ,nur ihr könnt Waffen und Krieg verhindern und das Leben eurer Kinder Retten,wenn ihr Euch alle verbündet!!

  31. Das Argument, schärfere Waffengesetze seien sinnlos, da es ohnehin schon viele illegale Waffen gibt (was leider stimmt, allein in D angeblich 30 Mio.), ist so stichhaltig wie zu fordern, sämtlich Verkehrsregeln aufzuheben, da sie ohnehin ständig ignoriert werden.

    Ich bleibe dabei: halbautomatische Schusswaffen, insbesondere Kurzwaffen, sind keine Sportgeräte, der Zugang muss dem staatlichen Gewaltmonopol vorbehalten bleiben. Sowohl Erfurt als auch Winnenden wären dann nicht so passiert. Wenn der Staat jetzt nicht entschlossen reagiert, handelt er grob fahrlässig. Wenn die USA das schon nicht begreifen, sollten wir es wenigstens tun.

  32. @ Napez

    Die Würdigung des bestehenden WaffG ist etwas kompliziert, auch in Erfurt hat leider die zuständige Behörde geltendes Recht nicht umgesetzt. Solange Menschen tätig sind kann auch die „Staatseite“ bzw die nachgeordnete Verwaltung versagen.

    Solche Zahlen hört man in Fachkreisen immer wieder, auch die Sicherstellungen deuten in diese Richtung, allerdings auch mit zunehemnd mehr Kriegswaffen und eben Sprengmitteln die dann mehr oderw eniger unverantwortlich privat gelagert werden.

    Was den Straßenverkehr angeht, sicher ist nicht alles was hinkt ein Vergleich. Es sei nun auch, da Sie das Beispiel bringen, gestatten zu fragen warum wir beim Verkehr soviel mehr Opfer als „unvermeidlich“ ansehen?

    Spekulative Einschätzungen zu Tatabläufen ist immer eine schwierige Angelegenheit, zumal über die Eintrittswahrscheinlichkeit von einzelnen Optionen keine objektive Einordung möglich ist.

    Es kann auch ganz anders kommen:
    http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/nachrichten/hessen/1691628_Pfungstadt-Zehnjaehriger-bringt-scharfe-Handgranate-mit-nach-Hause.html

    Immerhin hat er die HdGr nicht in die Schule mitgenommen, gerade solch angerostetes Material ist extrem gefährlich..nur Aufschrei gibt´s keinen.

    Auch das staatliche Gewaltmonopol, ein sehr bergüßenswertes Konstrukt, besteht mehr de jure. De facto wird dieses Monopol schon jetzt, in vielen Fällen, ohne Not aufgeweicht. Beim Personal im BOS-Bereich wird gespart bis zum geht nicht mehr…

    Karl

  33. @ Karl

    Lassen wir doch jetzt mal das haarspalterische Auseinandernehmen jedes Kommentars. Ich erspare mir deshalb eine Antwort auf die „Handgranate“. Ich bitte dann ganz einfach mal um eine Erklärung, wieso eine halbautomatische Kurzwaffe als Sportgerät benutzt werden „muss“. Mir geht es darum, den legalen Besitz solcher Waffen soweit einzuschränken, dass sie ausschließlich von den Institutionen des staatliche Gewaltmonopols beschafft werden können. Dass das nicht konsequent umgesetzt werden kann, ist mir klar. Aber es wäre ein Anfang. Und was bitte spricht dagegen? In Winnenden würden jetzt mindestens 15 Menschen noch leben, eine ganze Region wäre nicht traumatisiert.

  34. Nun muss ich doch/auch was zu dieser Debatte sagen:
    Waffenbesitz im heimischen Bereich finde ich zum Kotzen. Und vernachlässigte Kids (zugunsten des Kontostandes) sowieso.
    Aber ich meine auch, dass einer, der sich in Wahnvorstellungen verstrickt hat, möglicherweise psychotisch (d.h. mit Krankheitswert) und nicht „nur“ neurotisch ist, dass sich einer, der an Allmachtsfantasien leidet, sich so oder so „krankhaft besessen“ in den Besitz eines Mediums bringen würde, dass ihm die (abnorme) Verwirklichung (s)eines Wahns ermöglichen würde.
    Wir müssen alle(!) über solche Vorkommnisse nachdenken, sprechen, diskutieren sowie über hilfreiche, verhindernde Lösungen nachdenken – ganz klar! Aber gleichwohl können wir solche entsetzlichen Ausraster grundsätzlich wohl nicht verhindern.

  35. Tagesschau.de versucht die Frage: “Was treibt einen Schüler dazu, brutal zu morden?” zu beantworten.

    Ich bin da mehr Fan von Occam’s Razor und behaupte mal: Es ist der Ausdruck von “Ich habe euch alle so satt!” von jemandem dem die Worte fehlen, einem Umfeld, das nicht zuhören will und dem unteren Ende der schulinternen Hackordnung.

    Und natürlich eine Frage der “Macht”. Das Stanford-Prison-Experiment zeigt Eindrucksvoll, das Macht, wenn man über sie verfügen kann, auch genutzt wird, meistens zu egoistischen Zwecken, was die meisten Diktaturen dieser Erde auch belegen. Zudem illustriert fast jeder Krimi oder Spielfilm sehr eindrucksvoll, daß die mündungsseitige Person außerordentlich gehorsam und unterwürfig wird, einen nicht mehr auslacht oder erniedrigt.

    Mich würde interessieren, wie oft die Täter vorher Opfer waren.

  36. @ Napez

    Das Beispiel habe ich als „Harmlosigkeit“ angeführt, weil ich ständig mit solchen bzw erheblich gefährlicheren Problemen befasst bin. Meine Einschätzung vor einem Hintergrund der sich nicht nur auf SW kapriziert sieht daher etwas anders aus. Die idealisierte Betrachung des Gewaltmonpols bleibt ein Traum der sich nicht umsetzen läßt. In den von Ihnen geforderten Einschränkungen sehe ich daher keinen Sicherheitsgewinn.

    @ Otti

    Sie mögen das sehen wie Sie wollen. Privater SW-Besitz ist für mich per se kein Problem. Und ehrlich, die Zahl der Toten spricht eine deutliche Sprache. Diese nehme ich, wie alle anderen „Kollateralschäden“ dieser Gesellschaft erstmal so hin. Bisher wurde ich in D nur dreimal von Menschen angegriffen. 1. Mit einem Kfz,von einem Bogenschützen und einem Jugendlichen mit einer Gaswaffe.

    Ob alle die Breitenschießsport betreiben „normal“ sind ist eine andere Frage. Sicherlich genauso „normal“ wie der nicht unproblematisch Durchschnitt der Bevölkerung.

    Karl

  37. Bei allem Verständnis für die berechtigte Wichtigkeit der Frage „Waren die Täter vorher Opfer“: Waren wir nicht alle irgendwie und irgendwann Opfer von irgendwas?
    Natürlich gibt’s da himmelweite Unterschiede in der Art und Intensität einer/der Ausbeutung bzw. in der Tatergehung und -ausübung, sowie es auch die unterschiedlichsten Auswirkungen und Folgeerscheinungen im Lebenslauf einstiger „Opfer“ gibt, die ja – folgt man der These – wiederum von Tätern, die selbst mal Opfer gewesen sein müssen, als Zielscheiben benutzt wurden.
    Hier beisst sich die Katze also mit Kontinuität und über Generationen in den Schwanz.
    Es sei denn, jener Teufelskreis wird unterbrochen! Und das genau gilt es zu erkennen und zu tun! Möglichkeiten zur Aufarbeitung bzw. zur Unterbrechung des Teufelskreises gibt es hierzulande viele – aber es fehlt halt oftmals die (Selbst-) Erkenntnis oder eine Vertrauensperson, die hilft, jenen Stein ins Rollen zu bringen und den Schritt aus dem (vertrauten) Teufelskreis zu wagen.
    Wie (selbst-) reflektiert ist schon ein 17-jähriger Junge? Hier hätte mit Sicherheit ein Bedarf an Hilfe bestanden, aber erkannt hat selbigen offensichtlich keiner. Oder der Junge war „in der Tat“ psychotisch erkrankt. Aber auch das hätte erkannt und „HILFreich“ behandelt werden müssen.
    Die Aussage, dass Opfer oftmals zu Tätern werden, stimmt leider. Gleichwohl ist eine solche Erklärung und Erkenntnis in meinen Augen keine Entschuldigung für solch grauenhaften Taten oder Übergriffe jedweder Art auf andere (wehrlose) Menschen. Wer aus dem Dilemma eines Teufelskreises nicht eigenständig ausbrechen kann oder will, den muss man dabei – wie auch immer – unterstützen.

  38. @ otti

    Vermutlich setzten Sie an einem sinnvollen Punkt an. Zumal ja offenbar langsam erkennbar wird das einige Täter ihre Beziehungen zur realen Umwelt minimiert selbst haben. Selbstmordattentäter werden ja durch Dritte dorthin gebracht, nahc sorgfältiger Vorauslese geeigneter Persönlichkeiten.

    Was die Reflexionsfähigkeit eines 17 jahrigen angeht kann ich nur für mich sprechen, zumal das schon einige Jahre her ist. Da war mit schon die Endgültigkeit eines SWG durch verscheidene Personen vermittelt worden. Auch eine rationale, nicht überhöhende Haltung ist damals schon bei mir angekommen. Was an den Vermittlern gelegn haben mag.
    Genauso habe ich verinnerlich niemals auf Mensch oder Tier zu zuschießen und entsprechendes Gerät unzugänglich zu verwahren, so das auch wirklich nichts damit anzufangen ist. Dagegen hatten Gleichaltrige, meist die Fraktion der bemüht angepassten, entweder sinnfrei Angst oder betrachteten vorbildbedingt Waffen als „Männlichkeitsunterstützung“. Zwei reichlich seltsame Extremata die sich erstaunlich oft auf Seiten der Ablehner und Befürworter finden. Eine reflektierende Durchdringung des Sachverhalts gab es einfach nicht, nur bescheuertes Übernehmen von Tradition. Das war dann auch nicht diskutierbar…

    Karl

  39. WINNENDEN: OFFENE FRAGEN
    von Prof. Dr. Bernhard Blanke (19.03.2009)

    Seit dem Amoklauf hängt vor allem ein Wort in der Luft: Warum? Es gibt einfach viel zu viele offenen Fragen, wie zum Beispiel: Welche Gerüchte nun wahr sind und welch Gerüchte bleiben? Jedoch wird die Frage nach dem Warum nie sicher beantwortet werden können.
    Sandra Scepanek (18)
    Gottfried-Daimler-Gymnasium Bad Cannstatt
    Stuttgarter Nachrichten, 19.03.09

    Die Tat ist schrecklich, aber ist sie – wie viele Trauerreden wiederholen – unbegreiflich? Da es sich um eine menschliche, d.h. willentlich geplante und begangene Tat handelt, ist „Unbegreiflichkeit“ keine angemessene Kategorie, sonst würde es sich bei dem Ereignis um eine Willkür der Natur, einen von überirdischen Mächten gestalteten Schicksalsschlag handeln, oder dem Täter wird wegen Krankheit die Fähigkeit zum eigenen Willen abgesprochen. Aber alle Beobachter fragen danach, ob das Ereignis hätte verhindert werden können, und alle Experten suchen deshalb nach Verkettungen von verschiedenen Ursachen. Da viele dieser Beobachtungen in der öffentlichen Kommunikation kursieren, kann man wiederum die Methode der „Beobachtung des Beobachtens“ (Luhmann) anwenden, um Blindstellen aufzudecken. Denn wenn man versucht, die Tat zu begreifen, darf kein Faktor fehlen
    Wenig überraschend an der öffentlichen Diskussion ist, dass sie einerseits weitgehend mit vorgefertigten Verallgemeinerungen arbeitet, wobei Experten bereits Lösungen präsentieren, bevor sie das Problem genau definiert haben. Andererseits berichten die Medien über immer mehr einzelne Details, die noch zusammenhangslos nebeneinander stehen und dem Betrachter nahelegen, nach einer eigenen Erklärung zu suchen. Diese Kluft lässt weiten Raum für Spekulationen, z.B. in Familien, deren Kinder noch zur Schule gehen, aber auch für zum Teil haarsträubende politische ad hoc Vorschläge.
    Ein ganz wesentlicher Aspekt der Debatte ist die angestrebte psychische Entlastung angesichts des Horrors, der einen bei diesem Ereignis überfällt. Entlastung bietet am einfachsten die Suche nach Schuldigen, weil sie das mühsame Nachdenken über verallgemeinerbare Erklärungen, die beschreitbare Wege zur Reduzierung von Risiken öffnen
    könnten, unnötig macht und Problemlösungen so schrecklich vereinfacht: entweder lagen die Risiken bei den Ballerspielen oder den Waffen in privater Hand oder der familiären Situation oder dem Psychiater – schließlich dem Versagen oder der Krankheit des Täters. Auf diesen Ausweg scheint derzeit vieles hinzudeuten (wobei die Krankheit auch schon wieder als Sucht der Computerspieler verallgemeinert wird) – auch um Verantwortung auf mangelnde Fürsorge des väterlichen Waffenbesitzers zu verlagern.
    Ein Faktor wird aber in der öffentlichen Diskussion weitestgehend ausgeblendet: die schulische Situation. Dabei ist aus Forschungsarbeiten über jugendliche Amokläufer bekannt, dass sie ihre Schule als Tatort auswählen, weil sie dort tiefe Kränkungen erfahren haben (Robertz). Ins Auge fällt dagegen die Feststellung eines Politikers, dass die Schule ein Hort der Ruhe und Geborgenheit sei, der durch den Täter gewissermaßen entweiht wurde. Diese Worte tabuisieren den Tatort, und entsprechend dürfen die Schüler derzeit nicht mehr in ihre Schule zurückkehren – bis sie gereinigt ist? Die Schule soll sogar geschlossen werden. In der kirchlichen Tradition wird ein solcher Ort wieder neu geweiht, das könnte in Winnenden folgen.
    Aber ist diese Tabuisierung geeignet, das Ereignis handlungsweisend zu erklären? Ist es richtig, die Schüler fernzuhalten? Oder wäre es nicht sinnvoll, es sei denn die kriminaltechnischen Untersuchungen ließen es nicht zu, die Schüler zu ermuntern, sich „ihren“ Ort zurück zu erobern, dort Schularbeit fortzusetzen und zur – so pietätlos das klingen mag – Routine überzugehen, und nicht selbst im Ersatzunterricht aus der Bahn geworfen zu werden? Kann dieses Fernhalten nicht die Traumatisierung der Überlebenden verfestigen? Denn was den Menschen seelisch aufrecht erhält, ist ein hohes Maß an Routine, und nur der Bürokrat versteht darunter etwas Seelenloses. Sollen wir uns jeden Tag die Sinnfrage neu stellen oder unsere Tagesplanung ständig ändern und immer neu entscheiden?
    Vielleicht hat gerade das den Amokläufer zu seiner Tat gebracht. Vielleicht hat er in seiner Schule eben für sich nicht das Maß an Routine gefunden, wohl auch nicht im väterlichen Betrieb, das ihn stabilisiert hätte – jedenfalls so, dass ihn die Computerspiele nicht die Grenze zwischen virtueller Phantasie und harter Wirklichkeit hätten überschreiten lassen – wenn sie es denn waren. Es erscheint weiterführender, die Schule als Ort einer humanen Alltagsroutine zu begreifen, sicherlich auch als Arbeitsstätte, in der der Mensch während der Adoleszenz produktiv tätig sein kann, vor allem in der Gemeinschaft mit anderen. Das hat mit der wieder neu postulierten Disziplinlehre wenig zu tun. Disziplin ist ein formalistisches Wort, anwendbar auf fast alle Situationen; schließlich hat auch der Täter von Winnenden äußerst diszipliniert gehandelt, in der Manier des Sportschützen.
    Worum es also ginge, wäre über das Schulklima zu diskutieren, allgemein und im besonderen Fall. Allerdings dürfte dann auch die Diskussion über die Lehrerschaft nicht tabuisiert werden, und auch nicht über die Elternschaft. Die schulische Situation im Sinne der pädagogischen Situation ist eine Triade, ein Dreiecksverhältnis. Diese Triade bedarf einer gewissen balancierten Routine, die bewusst eingeübt und immer wieder einem Stresstest unterworfen werden muss, an dem alle drei Parteien aktiv beteiligt sind. Üblicherweise findet dies in den unteren Klassenverbänden statt, weil bei den jüngeren Schülern noch eher ein spontanes Vertrauen herrscht, und Eltern und Lehrer – oft in Konflikten – sich auch um Erziehungsfragen kümmern.
    Dies lässt mit jeder höheren Stufe nach, weil dann die Annahme einer Normalentwicklung zum Erwachsensein der Schüler unterstellt wird, die vor allem die Eltern schrittweise aus der Schule drängt und die pädagogische Situation in eine Dyade zwischen Schüler und Lehrer überführt. Dies ist eine hochproblematische Situation: zum einen, weil sich die Schüler in der verlängerten Zeit der Pubertät befinden und schließlich viele Oberstufenlehrer sich selbst pädagogisch ausgereift fühlen, nicht mehr lernen wollen oder sich auf das Ende der Karriere zubewegen. Auch reifen jetzt die Geschlechterunterschiede aus und die sozialen Differenzen treten hervor, womit die Spannungen zunehmen. Die Dyade nimmt dann häufig den Charakter einer resignativen Machtbeziehung an, in der es um Rechthaben oder eben um Disziplin geht. Das Vertrauen verflüchtigt sich. Spiegelbildlich ist häufig auch die familiäre Situation davon geprägt, weil die Eltern Risiken zu erkennen glauben, welche die Selbständigkeit mit sich bringen kann, und ängstlich darauf reagieren.
    Zum andern gewinnt die Individualisierung der Leistung zum Schulabschluss hin einen immer größeren Stellenwert. Das Schulklima verändert sich von einem (möglichen) produktiven Gemeinschaftsgeist zu einem Wettbewerbsumfeld. Und hieran ist die Schulpolitik massiv beteiligt. Einerseits schafft sie durch permanente (häufig parteipolitisch motivierte und inkonsistente) „Reformen“ ein Klima der Unruhe, bei den Lehrern oft Verzweiflung. Andererseits hetzt sie unter dem Einfluss von falsch verstandenem Managementdenken neuerdings die Schule als Institution in einen Anerkennungs- und Ressourcenwettbewerb, bei dem unter anderem der Notendurchschnitt zu einer Benchmark wird. Da gerät die auch im höheren Jugendalter nötige Pädagogik unter die Räder.
    Häufig pflegen die Verantwortlichen in dieser Phase – auch öffentlich vorgetragen und kontrafaktisch – immer noch Vorstellungen von Gemeinschaft, während die alltäglichen Praktiken im wichtigen Fachunterricht schon längst von der Konkurrenz dominiert werden. Hier beginnt dann die Tabuisierung der schulischen Situation. Und deshalb können auch viele Probleme auf beiden Seiten nicht mehr besprochen werden. Im Gegenteil werden sie verdrängt. Und alle Beteiligten pflegen die paradoxe Kommunikation und bilden eine sogenannte doppelte Identität aus. Das ist einerseits normal, weil die Trennung von Privatsphäre und öffentlichem Raum, die Selektion von Freundschaften oder besonderen Beziehungen und Arbeit zum Reifeprozess (auf beiden Seiten) gehören.
    Andererseits kann dies dadurch im Einzelfall, bei dem andere Unterstützungsreserven – nach wie vor die Familie, aber auch zunehmend Wahlmilieus, z.B. in der Schule freiwillige Aktivitäten (wie Sport und musische Betätigung) – nicht (mehr) existieren, zu Isolation und Versagen führen. Andere Schüler werden in dieser Situation erst richtig zu Leistungsträgern, ihre Persönlichkeitsentwicklung „glückt“ ganz im modernen Sinne eines konkurrenzhaften Individualismus, dem auch Freundschaften zum Opfer fallen. Solche Leistungen werden in der Schule belohnt und führen zumeist auch zur persönlichen Anerkennung durch die Lehrerschaft und zu schulischen Belobigungen. Wohl den Schülern, denen die Wege neuer Wahlmilieus (auch außerhalb der Schule) oder der individuellen Karriere gelingen.
    Wehe denen, die es nicht schaffen. Meistens bescheiden sich Schüler ohnehin mit einem gewissen Zynismus in der Erkenntnis, dass sie jetzt fürs Leben in der Konkurrenzgesellschaft lernen, was ihnen dann auch vom Verhalten vieler Lehrern bestätigt wird; und lernen insoweit mit Enttäuschung und Wut umzugehen. Bei anderen werden daraus Depressionen oder abweichendes Verhalten, auch Gewaltneigung. Im besten Fall werden diese durch die Familien oder einen zuständigen Experten aufgefangen. So weit scheint sich die schulische Situation wie im richtigen Leben zu sortieren. Aber was könnte daran nicht normal sein? Und welche Situationen im Alltag könnten zu Ausbrüchen von Anomalität führen?
    Gibt eine vorurteilslose Analyse der Tat in Winnenden in diesem Fall einen weiteren Hinweis? Wenn der Täter, der Absicht der Amokläufer widersprechend, unbekannt wäre, würden wir kriminalistisch versuchen, von der Tat auf ihn zu schließen. Die verallgemeinernde Diskussion über Gewalt als solche und typische Familienkonstellationen oder über psychische Krankheiten übergeht jedoch sowohl die Spezifität des Tatortes als auch der Tat selbst. In diesem Diskurs erscheint sie schlicht als „extrem“ (Pfeiffer), womit die versuchten Erklärungen wieder zurückgenommen werden. Der Amokläufer hätte an jedem beliebigen Ort, an dem sich eine größere Anzahl von Menschen dicht gedrängt und ohne Fluchtmöglichkeit aufhält, zuschlagen können (Bus, Supermarkt, Sporthalle, Restaurant…). Er wählte aber „seine“ Schule und die Opfer aus: er erschoss dort hauptsächlich Frauen (zufällig anwesende?) Und schockierend ist, dass er sie quasi „exekutiert“ hat, wie das besonders bei Mafia-Killern üblich ist. Diese Besonderheiten werfen Fragen auf, die nicht der gedanklichen Zensur zum Opfer fallen dürfen, will die Tat begriffen werden (Lenzen).
    Es geht dann auch nicht darum, sie polemisch als „Massaker mit dem Motiv Frauenhass“ (A. Schwarzer) zu charakterisieren. In dem hier konturierten Kontext sollte die Tat als „Beziehungstat“ in der schulischen Situation interpretiert werden. Was verband Tim K. „hier“ mit Schülerinnen und Lehrerinnen? Könnte es sein, dass er spezifische Kränkungen erfahren hat, die er nicht überwinden konnte? Haben Lehrerinnen ihn übersehen und sich besonders mit der Förderung von Schülerinnen beschäftigt, waren sie dabei unfair? Haben Schülerinnen diese Situation in einer diskriminierenden Weise und auch zu ihrem eigenen Vorteil bei schulischen Leistungen ausgenutzt? Haben die anderen Schüler und Lehrer das übersehen, als unabänderlich hingenommen oder eigene Cliquen gebildet? War er dann der einzige, der dagegen innerlich schon immer revoltiert hat, dessen „Ehre“ dauerhaft verletzt wurde und der in der familiären Situation keinen Rückhalt fand, weil er einem erfolgreichen und übermächtigen Vater gegenüber stand, dem er sich nur im Waffengebrauch gleich stellen konnte? Spielte – klassisch psychoanalytisch gesprochen –ein ödipaler Konflikt eine Rolle, womit auch die Mutter ins Spiel käme?
    Wollte man diese Fragen mit schon gestellten zusammen denken und eine allgemeine Schlussfolgerung daraus ziehen, müsste die Problemformulierung lauten:
    Bei Ehrverletzungen (die nach Durkheim im Zentrum solcher Taten stehen) dreht sich alles um zugrundeliegende Gerechtigkeitsvorstellungen. Diese sind vielschichtig: Verteilungs-gerechtigkeit (z.B. bei persönlicher Zuwendung oder den Schulnoten), Verfahrensgerechtigkeit (Transparenz, Beschwerdemöglichkeiten), Leistungsgerechtigkeit (Belohnung oder negative Sanktionen) oder Gleichheit (Anerkennung, Wertschätzung). Wenn immer wieder die Schulgemeinschaft propagiert wird, werden diese Dimensionen in einem unbestimmten „Leitbild“ verwischt. Läge es nicht näher, von einer Balance unterschiedlicher Erwartungen auszugehen (Sartori) und diese Balance mit dem durchaus pragmatischen Begriff der Fairness zu bezeichnen? Dieses Konzept wäre wohl der neuen Wettbewerbssituation in der „modernen“ Schule angemessen.
    Es könnte hilfreich sein, um die paradoxe Kommunikation in der schulischen Situation der späten Pubertät zu überwinden und den rigiden Leistungsdruck durch verständigen und solidarischen Umgang mit Arbeitsanforderungen und unterschiedlichem Leistungsvermögen zu ersetzen. Wenn schon der Leistungswettbewerb auf dem Weg zum Schulabschluss dominant wird, dann müssten die Schulen sich damit intensiver auseinandersetzen und in den höheren Klassen den FAIREN WETTBEWERB zum Leitbildes erheben, wenn sie schon die Schüler auf das Berufsleben vorbereiten wollen. Sie müssten alle Schüler tatsächlich gleich behandeln, fair nach Leistung beurteilen und nicht alten Vorstellungen von schulischer Gemeinschaft, Förderung von Benachteiligten und Antidiskriminierungspolitik nachhängen, die durch ihren unbestreitbaren Erfolg in den letzten Jahrzehnten, nach allem was wir wissen, obsolet geworden sind.

    Bei uns wurde vor einiger Zeit ein sogenanntes Leitbild entwickelt, das die Schule zu einem Ort machen soll, an den man gerne geht. Freundlichkeit, Respekt und Toleranz – alles Dinge, die nicht jeder jedem gegenüber beachtet. Eine Schule nach dem dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist Utopie. Mehr Rücksicht würde aber selten schaden.
    Sandra Kuberski (18)
    Hans-Grüninger-Gymnasium
    Margröningen
    Stuttgarter Nachrichten 19.03.2009

    Prof. Dr. Bernhard Blanke
    Leibniz Universität Hannover
    Institut für Politische Wissenschaft

  40. Sehr geehrter Herr Blanke,

    tatsächlich ist es allzu ärgerlich das schon vor Abschluss des EV und einer unklaren Sachlage schon vermeintliche lÖsungen angeboten werden. Völlig berechtigt ist es auch nach dem warum zu fragen, primär danach warum dieses Diskussion den Blick auf den TO bzw das eigentliche Ziel/die Ziele des Täters und dessen Opfer so bewußt ausklammert. Eine Art von Selbstzensur mag dabei durchaus erkennbar sein.
    Dann ist auch konsequent zu fragen:

    Was treibt zu so ignorantem Verhalten?
    Mfg

    Karl

  41. Trotz aller möglicher Erfolge von „Antidiskriminierungspolitik“ werden sicher auch weiter durch Gruppenprozesse in der Klasse einzelne Schüler „gedisst“, ständig entwertet und klein gemacht, als Sündenbock der Klasse. Lehrer sehen es nicht oder wollen es nicht sehen, machen zum Teil sogar mit ohne es zu merken. Solche Kinder können gerade in der Pubertät in eine Spirale aus Minderwertigkeitgefühlen und Größenphantasien gestoßen werden, finden sie nicht zu Hause oder in der Schule Ansprechpartner, auch einen Arzt/Therapeuten. Der eine oder andere könnte irgendwann in einer krisenhaften Zuspitzung seine Gewaltphantasien in die Realität umsetzen.
    Auch bei Tim K. könnte es ähnlich gewesen sein.

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