Eine Oase in der Innenstadtwüste (1)

Was tun für Insekten? FR-Blogger Bronski baut seinen Garten um und berichtet darüber hier im FR-Blog. Kräuter, heimische Blühpflanzen, Totholz – man braucht nicht viel Platz. Heute Teil 1 der Serie: Unsere Brummersummeroase.

Balken 4Willkommen in Bronskis Homeoffice-Tagebuch, in dem es ab sofort heißt: Ab in den Garten! Ich muss nämlich jetzt irgendwas anpacken, sonst fällt mir die Decke auf den Kopf nach einem Jahr Homeoffice! Reisen geht nicht. Mit meinem nächsten Romanprojekt „Drovettis Tagebuch“ läuft es zurzeit auch nicht so richtig, vielleicht weil ich den Roman an demselben Arbeitsplatz zu schreiben versuche, an dem ich auch für die FR arbeite. Eine klarere Trennung wäre wünschenswert – sei’s drum. Zum Radfahren ist noch nicht so ganz das richtige Wetter, der Wind ist mir zu kalt. Was bleibt dann? Andere würden vielleicht sagen: Ich renoviere jetzt! Oder: Ich räume den Keller auf! Klar, kann man machen. Ich mache was anderes.

Als ich neulich erstmals nach dem Winter durch unseren kleinen Garten hinterm Haus ging, da fiel mir auf, dass da über die Jahre hinweg einiges aus dem Ruder gelaufen ist. So viel Moos – das deutet auf verdichtete Böden hin. So viel Gras und Efeu, vom Nachbargrundstück eingewandert – das kriegt man ohne drastische Maßnahmen nicht mehr in den Griff. Und dann auch noch Brennesseln und Brombeeren – die will ich nicht. Es ist Zeit für eine grundlegende Überarbeitung dieses Gartens, und zwar unter der Überschrift

Unsere Brummersummeroase

Garten gesamt 20210227 2Dieses Stück Grund und Boden sieht zurzeit wirklich alles andere als ansehnlich aus – siehe rechts. (Ich habe darüber neulich schon im Tagebuch geschrieben.) Aber das kann sich schnell ändern. Ich beschreibe mal die Voraussetzungen:

  • Es handelt sich um einen Garten inmitten der Offenbacher Innenstadt, die für die allermeisten Tiere einer Wüste gleichkommt
  • Der Garten ist an zwei Seiten von asphaltierten bzw. bodenversiegelten Innenhöfen umgehen, die überwiegend als private Parkplätze genutzt werden und in denen nichts wächst
  • An einer weiteren Seite trennt ihn unser Haus von der Straße, an der vierten Seite befindet sich ein weiterer Innenhof, vorwiegend mit Rasen, um den sich niemand kümmert, immerhin mit einigen Büschen, etwa Flieder
  • Das hintere Viertel unseres Gartens ist Anbaufläche für Erd-, Him- und Johannisbeeren und für Schnittlauch, Petersilie und Radieschen

Es geht also um die rund 100 Quadratmeter – auf dem Foto von der Forsythie (kahler Strauch links im Mittelgrund) bis zu dem blauen Tisch im Vordergrund. Auf diesem Platz soll eine Oase für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Kleinvögel entstehen – mitten in der ihn umgebenden Innenstadtwüste. Die Bedürfnisse des Menschen sollen hier zurücktreten – abgesehen natürlich davon, dass wir was zu schauen haben wollen, an dem man sich freuen kann. Keine klassische Gartennutzung! Es geht um Dienst an Insekten und Kleinvögeln. Das heißt schon mal: Große, prächtige Blüten werden die Ausnahme sein. Und das auch nur deswegen, weil sie schon da sind. Wie zum Beispiel Tulpen, Clematis, Tellerhortensien.

So einen Garten muss man anders denken – eher wie einen Bauerngarten, aber wilder. Ich versuche mal, aus der Sicht von Hummeln und Schmetterlingen ein paar Regeln zu formulieren.

  • Irgendwo muss immer was blühen, übers Jahr gesehen
  • Das Angebot an nektarspendenden Blühpflanzen muss vielfältig sein, damit nicht nur Schmetterling, Hummel und Biene was finden, sondern auch die kleinste Schwebfliege
  • Auch Insekten brauchen Tränken
  • Es werden Rückzugsräume benötigt, die Insekten zur Eiablage nutzen können und Vögel zum Nisten
  • Außer Blühpflanzen muss es auch Futterpflanzen für die Raupen der Schmetterlinge geben, denn: Wo keine Raupen, da keine Schmetterlinge
  • Und: Das Ganze soll natürlich schön aussehen und den Betrachter:innen Freude machen (dieser Punkt gilt eher der menschlichen Perspektive, wir wollen ja was davon haben)

Es gibt bei alledem aber ein Problem, das leider typisch für dieses Grundstück ist: Da es sich in der Innenstadt befindet, ist es umgeben von mehr oder weniger weit entfernten Häusern, die Licht wegnehmen. Die linke Hälfte auf dem Bild oben kriegt dabei deutlich mehr direkte Sonne ab als die rechte, und ganz rechts herrschen eher Bedingungen wie in einem lichten Wald. Diese Bedingungen muss ich u.a. bei der Auswahl der Pflanzen berücksichtigen, die für unsere Oase mitten in der Wüste infrage kommen.

Ich hab schon mal angefangen mit Sämereien vom Supermarkt. Siehe links, von oben nach unten: Wicke (noch nix zu sehen), Ringelblume (da guckt schon was raus) und Kornblume (vorn, die sind die schnellsten). Pro Topf vier Pflänzchen. Ringel- und Kornblumen werden im Ensemble später im Mittelgrund stehen. Die Wicken sollen den Zaun zum Nachbargrundstück zuwuchern.

Außerdem hab ich schon gut hundert Euro für Einkäufe investiert. Man weiß ja derzeit wegen der Pandemie nicht, ob und wie lange die Gartencenter noch geöffnet sein werden. Also habe ich zugeschlagen und einfach alles eingepackt, was von dem, das auf meiner Liste stand, im Gartencenter greifbar war. Das sind

  • Kräuter wie Majoran und Thymian. Vor allem kleinere Insekten sind ganz wild auf die kleinen, unscheinbaren Blüten dieser Kräuter
  • Verschiedene Frühblüher, die schon bald loslegen werden mit dem Blühen und die daher jetzt ausgepflanzt werden müssen, wie Golderdbeere, Blaukissen, Bergenie und Immergrün
  • Auch Sommerblüher wie Lavendel, Purpurglöckchen, Johanniskraut, Verbene und Ehrenpreis sind schon dabei. Und Erdbeeren.

Leider waren ein paar Pflanzen nicht greifbar. Stichwort Kleinvögel: Für die sind „sparrige“ Büsche ideal, also solche mit engem, gern auch dornigem Astwerk. Nicht umsonst fühlen sich die Sperlinge und Meisen im Feuer- und Sanddorn in unserem Garten recht wohl: Diese Büsche bieten Schutz. Ich hätte daher gern eine Schlehe gepflanzt, außerdem eine Kolkwitzie. Aber an die komme ich schon noch ran. Außerdem wollte ich Clematis (Waldrebe) haben, allerdings eher Wildformen, und die gab es ebenfalls nicht.

Das hier ist der zurzeit wildeste Teil der Oase. Das soll er nicht nur bleiben, sondern er soll sogar noch wilder werden. Blog-Userin maat brachte mich mit einem Blog-Kommentar auf eine Idee. Aber erstmal: Was ist da zu sehen? Oben Feuerdorn, von Efeu durchwirkt – Operationsbasis eines Schwarms von etwa einem Dutzend Sperlingen. Unsere Amseln haben hier 2020 dreimal gebrütet und Junge großgezogen. Vorne rechts ein kleiner Lorbeerbusch, der unbedingt auch klein bleiben soll, unten Mitte eine Japanische Zwergquitte, links angrenzend Himbeeren. In dieses Gewirr hinter dem Lorbeer werden wir in den kommenden Wochen und Monaten Holz, Äste und Stroh zu einem Totholzhaufen aufschichten. Wie groß er wohl werden wird? Er soll als „Insektenhotel“ dienen.

Solche „Insektenhotels“ kann man auch im Gartencenter kaufen, aber mit Natur geht es mindestens genauso gut. Insekten brauchen nicht viel Platz zur Eiablage, aber selbst dieses Wenige ist in Lebensräumen wie einer Innenstadt rar. So ein bisschen aufgeschichtetes Holz ist für sie viel wert. Dieses Holz, das wir sonst zum Wertstoffhof gebracht oder im Ofen verbrannt hätten, tritt in einem solchen Haufen in eine neue Verwertungskette ein. Pilze und Mikroben machen sich darüber her und erschließen es als Nahrungsquelle für sich. Und dabei entsteht im Inneren eines solchen Stoßes von Totholz ein Mikroklima und Mikrohabitat, das sehr lebendig werden und aus unzähligen Insekten, aber auch Spinnen und Asseln bestehen kann. Lauter Getier also, das wiederum andere Tiere, zum Beispiel Vögel, anziehen wird, die hier gern nach einem Happen suchen werden. Dank an maat für den Input! Totholz gehört unbedingt in ein Mikrobiotop wie unsere geplante Brummersummeroase.

Es gab noch weiteren Input, für den ich schon jetzt danke. Liebe Leserinnen und Leser, ich werde Ihre Anregungen in den Artikeln aufgreifen, die hier folgen werden. Dieser Text ist jetzt schon sehr lang, und ich möchte noch etwas Wichtiges loswerden. Denn dieser Garten hat eine Geschichte. Man könnte auch sagen: Er hat Ureinwohner. Und die werde ich natürlich nicht vertreiben. Siehe hier rechts: Es gibt zwei Forsythienbüsche, die jetzt gerade zu blühen beginnen. Es ist in jedem Frühjahr immer wieder eine Freude, wie sie kurz nach den Schneeglöckchen mit ihrem leuchtenden Gelb die Blühsaison einläuten.

Das Oasenprojekt soll also in einen bereits bestehenden Garten integriert werden. Neben den Forsythien gibt es darin Rosen, Rhododendron, Tellerhortensien, Trompetenstrauch, Geißblatt, Palmlilie, Heckeneibisch, Azalee und einen Ranunkelstrauch, der ebenfalls bald loslegen wird. Dazu mehrere Stauden und Schwertlilien. Die sollen bleiben. Der eine oder die andere wird vielleicht versetzt, aber das ist ja kein Wurzelbruch.

Nur die Palmlilie (Yucca filamentosa) bereitet mir Kopfzerbrechen, denn von allen Pflanzen des Gartens passt sie am wenigsten in das Oasenkonzept. Sie blüht zwar schön mit hohen Blütenschäften, an denen Dutzende von weißen, glockenförmigen Blüten stehen, aber diese Blüten sind für Insekten nicht besonders interessant. Außerdem ist die Palmlilie über die Jahre hinweg auch raumgreifend, und wenn man nur ein paar Quadratmeter zur Verfügung hat, denkt man schon mal darüber nach, was man mit diesem Gewächs machen soll, das noch von der Vorbesitzerin gepflanzt wurde.

Haben Sie vielleicht eine Idee?

So, damit genug für heute in Sachen Garten-News. Jetzt wartet noch die Arbeit an einem politischen Text auf mich: Wie gut oder schlecht kommt Deutschland in der Pandemie mit seinem Föderalismus zurecht? Es gab da ein paar ziemlich kritische Leserbriefe. Natürlich sind Sie auch zu diesen Diskussionen hier im FR-Blog herzlich eingeladen.

Und wie immer in Zeiten von Homeoffice-Tagebuch halte ich es hier mit einer meiner Romanfiguren, der bretonischen Detektivin Gisèle Cochevelou, und grüße zum Schluss, wie sie es tun würde:

Naoned!

Ihr Bronski

Teil 2

Rechte an allen Bildern: Lutz „Bronski“ Büge

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Worldometer  +++ SafetyDetectives

Balken 4

6 Kommentare

  1. Achim Kühne sagt:

    Wir haben bei uns im Garten 3 abgesägte Birkenstämme senkrecht stehen. Die vermodern vor sich hin und bieten Holzbienen den idealen „Wohnraum“. Davor steht Muskateller-Salbei mit einem riesigen Angebot an Nektar. Die Bienen lieben es und der Platzbedarf für das gesamte Ensemble ist höchstens ein Quadratmeter. Das Ganze kannbesichtigt werden im Rathausgarten in der Schloßstraße 14 in 55278 Dexheim. (Bei gutem Wetter täglich geöffnet)

  2. Bronski sagt:

    Lieber Herr Kühne,

    vielleicht möchten Sie mir mal ein Foto von Ihrem Totholz schicken, damit ich es bei nächster Gelegenheit veröffentliche. Die Mailadresse steht in der Zeitung.

    Beste Grüße, Bronski

  3. Christina Strube sagt:

    Hallo, lieber Herr Bronski,

    wie schön, dass Sie Ihren Garten naturnah gestalten wollen. Sie werden Ihre Freude daran haben.

    Hier einige Tipps: Blaue Blüten werden besonders gern von Insekten angeflogen. z.B. Salbei, Glockenblumen, Lavendel, Bleiwurz, Ackerrittersporn (blüht bis zum Frost, sät sich selber aus, ich habe Samen übrig.)
    Weitere insektenfreundliche Pflanzen: Schmetterlingsstrauch, Sonnenblumen (evtl vorziehen), Kugeldistel, Sonnenhut, Storchschnabel, Schafgarbe, Herbstastern, Steinkraut.
    Allgemein: Offene Blüten sind besser als gefüllte, Wildformen besser als Zuchtformen. Wildkräuter (Taubnessel, Distel) mal stehen lassen. Garten nicht zu sehr aufräumen. Stein- und Holzhaufen sind für Kleintiere gut. Nistkästen und Vogeltränke nicht vergessen.
    Info-Tipp: Staudengarten im Hauptfriedhof Frankfurt Nähe Eingang Giessener Str.
    Viel Erfolg und mal über den Fortschritt berichten und so Werbung für naturnahe Gärten machen.

  4. Bronski sagt:

    Vielen Dank für Ihre Zuschrift. Ja, ich hatte Teile meines Gartens schon vor drei Jahren bienen- bzw. insektenfreundlich umgestaltet, aber jetzt will ich es etwas grundsätzlicher angehen. In diesem Sinne: Danke für Ihre Vorschläge und Anmerkungen. Den Rittersporn nehme ich gern. Eine sehr dankbare und blühfreudige Pflanze.

  5. Juliane Tsai sagt:

    Hallo Herr Bronski,
    ich empfehle Ihnen das Buch: „Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam“. Christiane Habermalz, Journalistin, erzählt dort sehr unterhaltsam von ihren Versuchen, ihren Balkon in Berlin sowie die nähere Umgebung mit manchmal nicht ganz „ legalen“ Aktion (z.B. nächtliche Pflanzaktionen in öffentlichen Parks) insektenfreundlich umzugestalten.
    Es gibt dazu viel Hintergrundwissen, Interviews mit Experten und viele praktische Tipps. Es macht wirklich Spaß, das Buch zu lesen!

  6. I. Werner sagt:

    Es ist befreiend, hier mal von was Schönem zu lesen und zu sehen. Wir haben seit ein paar Jahren einen Rückzugsort an der Oder mit einem ziemlich großen Garten. In den ersten Jahren haben wir gepflanzt, gesät, ein Gewächshaus gebaut, Tomaten gesetzt. Die jungen Kirschbäume aus der Grabbelkiste sind gut angewachsen und waren bis jetzt resistent gegen eine hier aufgetretene Kirschbaumkrankheit. Sie erfreuen uns durch ihre Blüten und später durch ihre Früchte. Schneller als wir ernten können, sind allerdings die Stare. Warum auch nicht? Gärtnerischen Ehrgeiz haben wir nicht. Wir haben erlebt, dass sich Naturblumen von alleine aussäen und wunderschön sind. Klar, auch Löwenzahn, den die Freunde der gepflegten Gärten hassen. Für die Insekten haben wir auch gesorgt, obwohl ich nicht alle Spezies dieser Gattung mag. Es kann hier sehr mückig werden, Bienen brauchen wir, Wespen laben sich am Fallobst, leider hat sich hier auch eine Kolonie von Hornissen niedergelassen. Schon beim Umbau des Hauses fanden wir in der Decke ein sehr großes, kunstvoll gebautes Hornissennest. Die Königin sucht sich jedes Jahr einen neuen Platz für ihren Bau, aber sie scheint unsere Gegend zu lieben. Ich bin ja ein Stadtmensch und erdulde diese Tiere nur über mein Wissen, dass wir sie brauchen und lese, dass Hornissen nicht aggressiv sind. Ja, leider werden sie nachts auch vom Licht angezogen und wenn unsere Kinder mit ihren Hunden hier sind, die immer mal raus und rein müssen, dann sind schnell auch die Hornissen im Haus und irren nervös um die Lampen. Und ich beobachte ebenso nervös ihre Flugbahn. Ich fürchte, sie werden auch dieses Jahr wieder hier ihr Nest bauen.