Zivilcourage ist leider rar gesät

Stell Dir vor, Du wirst bei dem Versuch, im Hotel einzuchecken, an der Rezeption abgewiesen, weil an einer Kette um Deinen Hals ein Kreuz baumelt. Geht nicht, oder? Alle Welt trägt solche Kreuze um den Hals, obwohl (oder weil?) das Kreuz ein Symbol ist und ein Bekenntnis bedeutet. Dem jüdischen Künstler Gil Ofarim ist etwas Vergleichbares passiert, weil an einer Kette um seinen Hals der Davidstern hing. Ein Angestellter des Hotel „The Westin Leipzig“ soll Ofarim nach dessen Darstellung aufgefordert haben, die Kette abzunehmen. Es gibt nun einen Rechtsstreit, die Darstellungen gehen auseinander. Was genau passiert ist, werden wir vielleicht nie ganz sicher erfahren. Es geht um Antisemitimus. Das Hotel hat daraufhin für die Dauer der Ermittlungen zwei Mitarbeiter beurlaubt, sagte eine Sprecherin der Marriott-Gruppe. Weitere Kritik zog das Hotel auf sich, weil eine vermutlich gutgemeinte Protestaktion gegen Antisemitismus nach hinten losging: Man hielt dort ein Banner mit dem Logo des Hotels hoch, umrahmt von israelischen Flaggen sowie Halbmonden und Sternen. Der Antisemitismusbeuftrage der Bundesregierung, Felix Klein (CDU), kritiesierte diese Aktion: Sie zeuge von einem großen Nachholbedarf vieler, was Wissen über Jüdischsein und den Staat Israel. Gil Ofarim sei Jude, deutscher Staatsbürger und in München geboren.

Es sollte in einem Land wie Deutschland keine Rolle spielen, welcher Religion man angehört. Und zwar nicht nur dann sollte das keine Rolle spielen, wenn man in einem Hotel einzuchecken versucht. Ebensowenig sollten dabei Dein Geschlecht, Deine Hautfarbe, Deine sexuelle Orientierung und noch einiges Weitere keine Rolle spielen. Auch nicht Deine Staatsbürgerschaft oder Dein Geburtsort. Das hat Hotels schlicht nicht zu interessieren. Sie bieten Zimmer für Übernachtungen an. Das ist ihr Geschäft. Anders sieht es aus, wenn Du offenkundig verfassungsfeindliche Symbole um den Hals trägst. Ich hätte größtes Verständnis dafür, wenn jemand des Hotels verwiesen würde, der z.B. „88“ am Hals hat. Ob als Kette oder sichtbare Tätowierung – egal. 88, das nur der Vollständigkeit halber, steht für einen anscheinend unausrottbaren Nazigruß. Im Alphabet ist H der achte Buchstabe.

Der Davidstern ist natürlich ein politisches Symbol, und es steht jedermensch frei, Gil Ofarim dafür zu kritisieren, dass er dieses Symbol trägt. Nur: Er darf das! Man kann ihn dann vielleicht darauf ansprechen, warum er dieses Symbol trägt, und dann wird er vielleicht eine Geschichte dazu erzählen. Oder auch nicht. Er muss das nicht. Es ist seine Freiheit, dieses Symbol zu tragen. Er ist niemandem dafür Rechenschaft schuldig. Das Symbol Davidstern hat zweifellos seine eigene Geschichte, und die ist keineswegs unkompliziert. Symbole zu hinterfragen, ist immer spannend. Aber das Hinterfragen stand nach allem, was bisher über den Hergang der Angelegenheit in Leipzig bekannt ist, nicht im Vordergrund. Dann bleibt wohl nur eine Deutungsmöglichkeit: Antisemitismus.

fr-debatteFast täglich gibt es antisemitische Übergriffe

Natürlich ist der antisemitische Vorgang in einem Leipziger Hotel noch nicht endgültig geklärt, aber die Tatsache, dass er realistisch scheint in Deutschland des Jahres 2021 zeigt schon, dass heute wieder Jüdinnen und Juden zum einen erfahren, dass sie und ihre Religion nicht respektiert werden, und zum anderen, dass jüdische Menschen in der Bundesrepublik auch Angst um ihre körperliche Unversehrtheit haben müssen.
Es passiert immer wieder, dass sie beleidigt, bedroht, verletzt werden, ja auch um ihr Leben fürchten müssen. Übergriffe gegen Jüdinnen und Juden gehören inzwischen wieder zu den tagtäglich vorkommenden Ereignissen. Und diejenigen, die Zivilcourage zeigen und sich antisemitischen Reden und Taten entgegenstellen, sind leider rar gesät. Angesichts der häufigen antisemitischen Übergriffe hierzulande und auch in anderen sogenannten zivilisierten Staaten müssten eigentlich ein Aufschrei des Entsetzens und demokratische Mobilisierung durch unsere Gesellschaft erfolgen. Doch man geht nach so aufrüttelnden Ereignissen wie jetzt in Leipzig mit dem Musiker Gil Ofarim schnell wieder zur Tagesordnung über.
Die bittere Realität ist, dass der Antisemitismus niemals weg war, aber derzeit wieder Hochkonjunktur in unserer Republik hat. Es ist höchste Zeit, dass wir von den verbalen Absichtserklärungen und Bekundungen zu einer intensiven Anti-Antisemitismuskampagne kommen. Die Zeit ist schon lange überfällig, dass die Integration jener Deutschen in unserer Gesellschaft erfolgt, die Probleme mit Menschenrechten und damit mit dem Geist unseres Grundgesetzes haben. Dieses Integrationsproblem mit Rechten besteht praktisch seit Bestehen der Bundesrepublik. Es sind jene, die mit Geist und Buchstaben unserer Verfassung nichts anzufangen wissen und die sich mit ihren Worten und Taten außerhalb unserer Gesellschaft stellen. Zivilcourage, politische Bildung und die Fundamente der Menschenrechte müssen daher in den Einrichtung der Bildung und Weiterbildung der demokratischen Parteien, der Gewerkschaften und der Kirchen prioritär behandelt werden.

Manfred Kirsch, Neuwied

fr-debatteEin Polizeisprecher sollte der Sprache mächtig sein

Olaf Hoppe, der Sprecher der Leipziger Polizei, erklärt in der Leipziger Volkszeitung, der des Antisemetismus beschuldigte Mitarbeiter des Hotels habe Anzeige wegen Verleumdung gegen Gil Ofarim gestellt und schildere den Vorfall „deutlich abweichend von den Auslassungen des Musikers.“ Ich frage mich, warum Herr Hoppe ausgerechnet diese Formulierung gewählt hat. Ob die Leipziger Volkszeitung die „Auslassungen“ von Herrn Hoppe kommentiert und der Frage nachgegangen ist, was ihn zu einer solchen Formulierung motiviert hat? Läßt Herr Ofarim nach Meinung des Polizeisprechers etwas aus, also in dem Sinn, dass er etwas verschweigt?
Oder meint er, der Musiker lasse etwas aus im Sinne von Raushauen?
Sicher ist, der Sprecher einer Polizeibehörde sollte über einen gewissen Sprachschatz verfügen, den er auch anwenden kann. Zu vermuten ist, dass er diese Formulierung bewußt gewählt hat. Schließlich steht sie in der Zeitung. Ob er sie im Affekt gewählt hat, wissen wir nicht. Sicher hätte er eine Formulierung finden können, welche den Sachverhalt so neutral wie möglich wiedergibt. Warum hat er dies vermieden? Man wird ja mal fragen dürfen, auch wenn man nicht am Stammtisch sitzt.

Robert Maxeiner, Frankfurt

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