Die umgelenkte Wut

Warum regen wir uns über Geflüchtete auf, über Menschen, die bei uns Schutz suchen? Sind die wirklich ein Problem? Warum diskutieren wir über das Kopftuch muslimischer Frauen und seine Trägerinnen? Sind die wirklich ein Problem? Haben wir keine anderen Probleme? Gibt es keine anderen Themen, die viel mehr mit uns zu tun hätten und der Frage, wohin wir uns entwickeln wollen? Warum erregen sich die Menschen bei uns über solche Themen, aber niemand demonstriert dagegen, dass die Schere zwischen Arm und Reich bei uns immer weiter aufgeht? Siehe die Gelbwesten in Frankreich. Setzen wir bei den Themen die richtigen Prioritäten?

Wenn ich mir ansehe, zu welchen Themen ich Leserbriefe erhalte, bekomme ich Zweifel. Wenn man unterstellt, dass Menschen sich in Leserbriefen zu jenen Themen äußern, die ihnen am meisten unter den Nägeln brennen, dann spielt die Verteilung des Reichtums im öffentlichen Problembewusstsein derzeit eine untergeordnete Rolle. Dabei ist dies, vor allem global betrachtet, eine entscheidende Frage für die Zukunft der Menschheit: Was können wir uns leisten, ohne unseren Planeten zu überfordern? Wenn zugleich „Vorbilder“ wie Sebastian Vettel und andere Millionen für etwas kassieren, was niemandem nützt und allen schadet? Lassen Sie uns eine Neiddebatte beginnen! Ein Gastbeitrag von Terje Neraal aus Gießen.

Die umgelenkte Wut

Von Terje Neraal

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Der Spieler Lucas Fernández soll von Atletico Madrid zum FC Bayern wechseln für eine Ablösesumme von 80 Millionen Euro. Was wird der 23-jährige französische Kicker laut Fünfjahresvertrag wohl pro Jahr verdienen?  Um ihn zu halten hat Real Madrid überlegt, sein Gehalt von bisher 60.000 auf 120.000 Euro  zu erhöhen – pro Woche!
Oder Sebastian Vettel mit 42,3 Millionen Dollar Einkommen pro Jahr dafür, dass er in Zeiten von Klimawandel-Debatten wie aus der Zeit gefallen die Luft verpestet mit dem ewigen Rundendrehen in einem Abgas speienden Auto?
Und – nebenbei bemerkt – warum wird dieses klimaschädigende Verhalten in der Presse und in der Öffentlichkeit nicht angeprangert?
Bewundert und bejubelt werden diese Verdiensthelden von Fans, von denen viele gerade so über die Runden kommen. Ist das nicht seltsam?
Oder in der Industrie. Warum müssen Industrie-Bosse 30 Millionen Euro pro Jahr verdienen? Und warum geht das überhaupt durch, sogar in Firmen, in denen die Gewerkschaften mit im Vorstand sitzen? Gewerkschaften, die Arbeiter vertreten, die um ihren Mindestlohn kämpfen müssen?
Das Argument gegen Kritik an diesen so offensichtlichen Ungerechtigkeiten: Bloß keine Neid-Debatte!
Ja, wieso denn nicht? Neid entsteht nur da, wo krasse Ungerechtigkeiten herrschen. Und es ist kein Gefühl, für das man sich schämen müsste! Schämen müssen sich diejenigen, die mit ihrer Gier nicht „den Hals voll kriegen“ können. Und obendrein alle Kniffe ausnutzen, um nichts – oder so wenig wie möglich – via Steuern für die Allgemeinheit abgeben zu müssen.
Warum kommt es nicht zu Protesten gegen die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Reich und Arm?
Ob nicht die Erklärung dafür darin besteht, dass diese berechtigte Neid-Wut umgelenkt wird auf diejenigen, die noch weniger haben: Flüchtlinge und Migranten? Der Hass auf Menschen, die vor Krieg und materiellem Elend fliehen und hierher kommen, um ihr Glück bei uns zu suchen, könnte besonders von denjenigen kommen, die mit ihrem eigenen Nach-oben-Kommen unzufrieden sind. Diese berechtigte Wut könnte von „denen da oben“ umgelenkt werden auf „die da noch weiter unten“.
Statt den politischen Kampf aufzunehmen gegen diejenigen, die selbst abkassieren und Löhne drücken, wird der Kampf gegen diejenigen geführt, die noch ärmer dran und wehrloser sind.
Dieser psychische Mechanismus wird Verschiebung genannt.

11 Kommentare

  1. Anna Hartl sagt:

    Das nennt sich Kapitalismus.
    Die Gier, die Sucht nach immer mehr, begleitet von der Angst, man könnte sowohl Status = Geld und Macht verlieren.

    Bekämpft wird dieses kranke Gebilde nicht oder wenig, da es für die, die es nicht haben als „leuchtendes“ Beispiel gilt, dort auch hinzugelangen. Dabei verhält es sich hier wie beim Sechser im Lotto. Wie viele werden wohl diesen Olymp erklimmen?

    Diverse Sportarten sind die Spiele der Neuzeit, da kann man leicht vergessen, dass das Brot immer weniger wird und für kleines Geld unter sich verbiegen hart erarbeitet werden muss.

    Ja, wir nehmen es hin und die Verschiebung findet statt.
    Keine der Altparteien wird daran etwas ändern, denn sie sind Teil des Systems, wie wir auch und die AfD nutzt und heizt diese Verschiebung an ohne zu merken, welchen Schaden sie anrichtet und ohne zu merken, dass sie keine Lösungen haben, denn sie setzen auf ein totes Pferd. Langfristig wird sich zeigen, dass dadurch die Probleme nicht gelöst werden.

    Mit einer „Neiddebatte“ tue ich mich schwer.
    Sollte es nicht eher darum gehen, dass manche Summen, die ja freiwillig gezahlt werden, geradezu obszön sind? Das der Wert der erbrachten Arbeit ein krankes Gefälle hat?

    Ich habe nie verstanden, dass man in den „oberen Etagen“ sowenig die Zusammenhänge sieht.

    Flächendeckender Streik der sog. Dienstleister
    um die Zusammenhänge klar zu machen? Geld kann man nicht essen und es erledigt auch nichts von dem, was für ein Leben notwendig ist von alleine.

  2. hans sagt:

    Eine Neiddebatte ist der völlig falsche Ansatz. Gerade das derzeitige System wird auf Dauer darauf angewiesen sein das auch die Masse der Menschen genug Geld hat. Es wird sonst immer schlechter funktionieren. Ich denke dafür kann man schon Ansätze erkennen. Unternehmen sparen und investieren nicht weil Nachfrage fehlt. ( siehe auch Berichte in der FR von gestern zum 1.Mai) Deshalb sollte die Frage wie Vermögen verteilt sein sollte damit Marktwirtschaft funktionieren kann im Vordergrund stehen nicht der Neid. Es gibt aber eindeutige Gründe warum diese Diskussion nicht gewünscht ist. Es ist nur schade das die Wissenschaft das Thema auch vermeidet. Das wird aber auf Dauer nichts am Problem ändern.

  3. hans sagt:

    Was auch nicht in Ordnung ist, ist das man Einkommen und Vermögen nicht sauber trennt. Einkommen wird im Regelfall ordentlich besteuert. Wenn jemand 30 Millionen verdient wird er auch Millionen an Steuer zahlen. Das wirkliche Problem sind die immer größer werdenden Vermögen. Diese sollten über Vermögenssteuern aber besser mit einer Finanztransaktionsteuer und Erbschaftsteuer erfasst werden. Das funktioniert leider nur sehr schlecht bis gar nicht. Die Diskussion über hohe Einkommen geht sofort am Thema vorbei.

  4. Lorenz Breitinger sagt:

    Frau oder Herrn Neraal’s Argumentation zur Neiddebatte (..über die als unangemessen, ungerecht empfundene Verteilung von Einkommen, Vermögen und Besitz [innerhalb einer Gesellschaft]- Duden) kann ich nur voll inhaltlich zustimmen und bin dankbar für diese Analyse.
    Statt uns den echten „Sozialschmarotzern“ zuzuwenden (wer erinnert sich noch an Hoeneß?)
    und Steuerschlupflöcher für Superreiche und Großkonzerne zu schließen, lassen wir uns immer wieder vor den gleichen Karren spannen: Harz IV -Betrüger, Flüchtlinge vs Harz IV; Flüchtlinge vs Rentner usw. und mittlerweile springt nahezu die Hälfte der (Bildzeitungs)gebildeten Bevölkerung auf diesen Zug auf. Dabei geht es schon lange nur um die Verteilung zwischen Arm und Reich!
    Für diese exorbitanten Einkommensunterschiede gibt es keinerlei Rechtfertigung – weder eine menschliche, und schon gar keine göttliche.
    Dagegen gilt es sich zu wehren – notfalls auch mit einer Neiddebatte!

  5. Jürgen Malyssek sagt:

    Zu Thema Arm und Reich habe ich mich mehrfach geäußert. Zuletzt im Leserforum vom 18. April („Sozialstaat Deutschland“).
    Ich finde diese Entwicklung makaber, angesichts der Blitzableiterthemen, die uns sonst im Magen zu liegen scheinen, obgleich es wirklich wichtigeres zu tun gibt (gäbe).

    Es ist auch nicht so, dass nicht gegen die Kluft zwischen Arm und Reich protestiert wird, auch die Gewerkschaften wachen auf und Initiativen gibt es auch viele. Aber die Macht des Marktes und vielleicht auch die allgemeine Resignation vor diesen Unsummen und den kaum noch zu überschauenden Machtstrukturen der Konzerne, des permanenten Einflusses der Wirtschaft auf die Politik. Das macht auch müde. Auch wenn man weiter widerstehen muss. Wie es die Gelbwesten tun. Und jüngst die „Fridays“.
    Ich bin selbst ein Fußballanhänger und muss einige Spaltungsvorgänge hinkriegen, um diesen Sport noch mit Interesse zu verfolgen. Vieles kotzt mich da an. Hoeneß! Dieser Verdrängungskünstler Hoeneß! Diese Marktgesetze des Profifußball mit diesen bizarren Personalwechseln in den sportlichen Ebenen, diesen Unsummen, die die Stars kosten oder verschlingen. Trotzdem sind die Stadien voll. Wie soll man das alles erklären. Sicher: Brot und Spiele …

    Derweil steigt das Elend in der Gesellschaft, in den Städten, auf den Straßen, in den Haushalten. Bilder, die man vor 20 Jahren so nicht gesehen hat. Dazu verschämte und versteckte Armut, und ich weiß nicht, was sonst noch alles. Es ist auch für mich, der ich fast mein ganzes Berufsleben im Armutssektor gearbeitet habe, immer wieder hart hinzusehen, welches menschliche und soziale Elend sich heute auf unseren Straßen bewegt.
    Ich mache hier mal Schluss. Es ist absurd, wie sich unsere Gesellschaft gerne selbst darstellt und wie sie inzwischen in Wirklichkeit und hinter den großen Bühnen der Macht und des Geldes ausschaut. Und ich übertreibe nicht.

  6. Werner Engelmann sagt:

    „Die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der Herrschenden.“ (Marx)

    Anna Hartl hat sicher Recht zu kommentieren. „Das nennt sich Kapitalismus.“
    Doch es gibt verschiedene Stadien der Entwicklung. Und der gegenwärtige anglo-amerikanische Casino-Kapitalismus ist dadurch gekennzeichnet, dass er alles und jedes zur Ware transformiert, insbesondere auch Menschen und menschliche Beziehungen. Und dass er auch Demokratie zur Plutokratie transformiert, daher permanent falschen Schein zur Verschleierung seines destruktiven Wirkens erzeugen muss.

    Zu verschleiern ist vorwiegend, dass eine Rückkehr zu feudalen Strukturen stattfindet, die im Versuch der Verblödung der Massen nach dem spätrömischen Muster „panem et circenses“ („Brot und Spiele“) seinen Ausdruck findet.
    Jürgen Habermas hat in seiner Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ bereits 1962 auf diesen Prozess der Re-Feudalisierung hingewiesen.

    Die genannten Beispiele der kapitalistischen Pervertierung insbesondere des Spitzensports und der umfassenden Korruption, wie sie sich z.B. in der FIFA gezeigt hat, sind Belege für diese Tendenz. Doch als solche nur Erscheinungsformen, in denen diese pervertierende Tendenz offenbar wird.

    Schlimmer ist wohl die Transformation unserer Gedanken im Profitinteresse, entsprechend dem oben genannten Marx-Zitat.
    Dem dient der vorwiegend von der FDP und Kapitalvertretern schon seit Jahrzehnten gepredigte Spruch von der „Neid-Debatte“: Der die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit zu verhindern sucht, indem er sie mit einem quasi religiösen Verdikt versieht („Neid“ als erster „Todsünde“. Indem er Menschen mit Erzeugen schlechten Gewissens zu beherrschen sucht.
    In den prüden und bigotten USA offenbar ein besonders effektives Verfahren, wie man an der Bewunderung für skrupellose Milliardäre und Demagogen à la Trump erkennen kann.

    Die Probleme von Frau Hartl mit einer „Neiddebatte“ sind demnach mehr als berechtigt. Denn es handelt sich in Wahrheit um eine „Gerechtigkeitsdebatte“, und die ist entsprechend auch so zu benennen.
    Wohin der Hase nämlich läuft, hat ein Christian Lindner in seiner penetrant dämlich-arroganten Art erst jüngst wieder entlarvt, indem er die Abschaffung der im Grundgesetz §§ 14 und 15 verankerte Sozialverpflichtung des Eigentums („Eigentum verpflichtet“) fordert. Und zugleich in einer Talkshow lamentiert, dass er (der Arme!) sich nicht einmal eine Wohnung in der Friedrichstraße, direkt hinter dem Bundestag leisten kann.

    Die Heute-Show hat die einzig richtige Methode gefunden, wie mit solchen Typen umzugehen ist:
    „Wir fordern die Abschaffung der Paragraphen 14 und 15 des Grundgesetzes und Ersatz durch Wohnrecht für Christian Lindner in der Friedrichstraße!“

    Was Brecht von den „großen politischen Verbrechern“ (Hitler und Stalin) gesagt hat, gilt auch für die großen Betrüger wie Trump, Orban und Konsorten und ebenso für die neoliberalen Apologeten: Der „Respekt“ vor ihnen muss „zerstört werden“. Sie „müssen durchaus preisgegeben werden, und vorzüglich der Lächerlichkeit“.
    („Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, Nachwort)

  7. hans sagt:

    Man kann sicher wenn man das will eine Neiddebatte führen. Man wird damit halt nichts erreichen.

  8. Anna Hartl sagt:

    @Werner Engelmann
    Leider sind Ihre Worte schmerzhaft wahr „…dass er alles und jedes zur Ware transformiert, insbesondere auch Menschen und menschliche Beziehungen“.
    Gott, warum lassen wir das bloß zu?
    Vielleicht komm ich jetzt aus der Spur, aber was ist uns wirklich Wert, zu fördern und zu bewahren? Wofür sind wir am Ende eines Tages dankbar? Für das neue Auto, das 50-igste Paar Schuhe, die angesagteste Klamotte? Oder sind es Beziehungen in denen es Wertschätzung, Nähe und Liebe gibt? Wo wir sein können, was wir auch sind, verletzliche, hin und wieder von Ängsten geplagte Wesen. Wo durch Austausch und Akzeptanz verstehen wachsen kann. In dem sich das, was wertvoll ist am Leben, entfalten kann.
    Wo Besitz und das dickste Bankkonto keinen Wert haben.

    Mit der Rückkehr zu feudalen Strukturen haben Sie leider auch Recht Herr Engelmann. Es war nur lange nicht so offensichtlich wie heute.
    Leider werden die an der Spitze dieser Strukturen stehenden dies als ihr gutes Recht erachten und der Rest weiterhin die Hoffnung hegen, dort auch hinzugelangen, ohne je zu hinterfragen, was sie tatsächlich reicher, zufrieden und glücklich macht.
    Vielleicht bin ich aber auch nur gaga und auch nicht zeitgemäß!?

  9. Korbinian Richter sagt:

    „…Warum regen wir uns über Geflüchtete auf, über Menschen, die bei uns Schutz suchen? Sind die wirklich ein Problem? —“
    Bezeichnen Sie bitte nicht Flüchtlinge als Problem.Die Umstände sind ein Drama, und nicht irgendein klitzekleines Poblemchen.
    Ich habe 5 Jahre lang meinen Urlaub im Libanon verbracht.85-90; Bürgerkrieg; ich kann sehr wohl nachvollziehen was es für einen Menschen bedeutet, seine Heimat und Familie zu verlassen um irgendwo im Ausland Möglichkeiten zu finden seine Familie zu unterstützen.

  10. Werner Engelmann sagt:

    @ Anna Hartl, 3. Mai 2019 um 22:13

    @ „Gott, warum lassen wir das bloß zu?“

    Ja, das ist wohl die Gretchenfrage! Die theoretisch schon weitgehend beantwortet ist, für die aber noch keine stringente praktische Lösung erkennbar ist.

    Zur Theorie:

    Kapitalistische Strukturen stellen in fortschreitendem Maß eben nicht nur eine reale, sondern auch eine psychische Macht dar.
    Dies hat bereits Marx mit dem vorangestellten Motto „Die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der Herrschenden“ vor nun schon über 150 Jahren erkannt.
    Gerade diese Erkenntnis wird aber in zunehmendem Maße verschüttet durch den „permanent falschen Schein“ (also Verstärkung der psychischen Macht).
    Möglich ist das dadurch, dass es einerseits zwar richtig ist, dass erst der Kapitalismus den Durchbruch zur Demokratie beförderte. Genauso richtig ist aber, dass er die Demokratie in zunehmendem Maße aushöhlt und untergräbt.
    Im Manchesterkapitalismus war das durch die unmittelbare, brutale Gewalt offensichtlich. Zugleich aber waren die betroffenen Arbeiter völlig hilflos. Überleben wollen hieß, sich der Willkür völlig ausliefern zu müssen.
    Heute sind die Chancen sich zu wehren, theoretisch, zumindest in den westlichen Demokratien, ungleich besser. Die Widersprüche zur Demokratie („Refeudalisierung“, „Plutokratie“) liegen offen auf der Hand.
    Zugleich aber hat sich mit den technologischen Mitteln die psychische Herrschaft verstärkt. Die Mittel der Manipulation und der Bewusstseinssteuerung haben sich unendlich perfektioniert.

    Zu diesen Mitteln gehört auch – davon bin ich überzeugt – die Entfesselung eines blindwütigen Nationalismus, der scheinbar gegen die Herrschaft des Kapitals („das Establishment“) anrennt, dieses in Wirklichkeit aber absichert gegen kritisches Hinterfragen. Ein Donald Trump ist dafür der beste Beweis. Nicht anders AfD-Jünger, die sich permanent, z.B. mit ihren kruden Behauptungen, dass Klima- und Umweltkatastrophe gar nicht „menschengemacht“ seien, als dessen eifrigste Verfechter selbst entlarven.
    Und für dieses „Bündnis“ hat ja auch ein historisches Vorbild: das der deutschen Industrie (dem Großkapital) mit den Nazis in der „Harzburger Front“ (siehe Wikipedia).
    Daraus folgt die Erkenntnis, dass Kapitalismus sich niemals selbst aufgibt (das zu glauben wäre naiv), sondern, wenn es brenzlig wird, seine Herrschaft auch durch Faschismus sichert, ggf. einen Weltenbrand zu entfesseln bereit ist.

    Eine andere Option zeigt die Entwicklung und Nutzung der Digitalisierung zur totalen Überwachung und Steuerung der Menschen in China. Die jedes eigenständige Denken, alle widerstrebenden „Elemente“ von vornherein „ausmerzen“ (wenn es sein muss, mit der Todesstrafe).
    Eine Entwicklung, welches die Aussagen eines Orwell weit in den Schatten stellt.
    Und die totalitären Entwicklungen, z.B. in der Türkei und in osteuropäischen Staaten gehen (wenn auch z.T. mit anderen, etwa „religiösen“ Mitteln) in die gleiche Richtung.

    Zur Praxis:

    Ich habe in meinem Beitrag auch geschrieben, dass Kapitalismus (in zunehmendem Maß) diesen „permanent falschen Schein zur Verschleierung seines destruktiven Wirkens erzeugen MUSS“.
    Hierin liegt seine Schwäche, seine immanente Widersprüchlichkeit: Die Zerstörungskraft (z.B. Naturzerstörung) ist den „Lösungen“, die er teilweise durchaus anstrebt, immer um ein großes Stück voraus. Derart, dass die von ihm geschaffenen Probleme (Schere zwischen arm und reich, permanente Krisen) immer deutlicher zutage treten, gar nicht mehr verschleiert werden können.
    Hierin – und nur hierin – liegen die Chancen der demokratischen Gegenbewegungen. Denn die „revolutionäre“ Lösung, davon bin ich fest überzeugt, schließt sich angesichts des unbegrenzten Vernichtungspotentials, das ein definitives Inferno als wahrscheinlich erscheinen lässt, völlig aus.

    Die 68er, nach ihr die Grünen-Bewegung (etwa Anti-AKW-Bewegung) haben ja einige Möglichkeiten aufgezeigt, über Veränderung des Bewusstseins auch Veränderung politischer Realitäten zu erreichen. Daher auch der Hass, der ihnen immer wieder, vornehmlich aus nationalistischen Kreisen, entgegen schlägt.
    Graswurzelbewegungen oder Konsumkritik wie in den 70er Jahren sind dabei teilweise durchaus hilfreich, aber natürlich unzureichend.
    Sehr viel hoffnungsvoller sind Bewegungen wie „Fridays-for-future“, die zukunftsorientiert sind und zugleich nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz von Jugendlichen erreichen.
    Und ich sehe es als Aufgabe von Menschen mit größerer Erfahrung an, dieser Jugend (statt – siehe Lindner – mit ihrem „Profi“tum anzugeben) mit Intelligenz (der Fähigkeit, falsche Propheten zu entlarven), mit Entschiedenheit und Durchhaltevermögen, und vor allem mit viel Herz beizustehen.
    Denn es ist vor allem ihre Zukunft!

    Doch auch die pessimistische Variante muss hinzugefügt werden:
    Das Zeitfenster, um solche positiven Bewusstseinsprozesse in breitem Umfang, eine Veränderung der Machtverhältnisse zu erreichen, ist angesichts von Klimakatastrophe, totalitärer Bewegungen usw. verdammt klein, und es wird immer kleiner.

    Nebenbei: Wenn ich die Befragungen der Kandidaten für das EU-Parlament (z.B. auf Phoenix – neben ARTE mein Lieblingssender) verfolge, bin ich durchaus beeindruckt von der Klarheit und dem Informationsniveau der Fragen von Erstwählern, welches sich manchem Politikergerede (z.B. von Nicola Beer) weit überlegen zeigt.

  11. Bin erst heute über diese Seite gestolpert. Man muss sich doch einmal die Frage stellen, was heißt hier Kapitalismus . Wenn man ihn näher untersucht, ist es Evolution im Darwinschen Sinn. Man muss besser sein als der andere. Da wird nicht gefragt nach Sinn oder Unsinn, da geht es nur um besser/stärker sein. Und das auf allen denkbaren Gebieten, heute vor allem auf Wirtschaft und Finanzen. Da ist kein Projekt idiotisch genug um es nicht umzusetzen, wenn es nur den Anschein von Erfolg in Macht und Geld ist, wobei Macht und Geld eins ist, siehe Uber, ein Laden der Miese macht, aber dessen Aktien für 8 Milliarden $ gekauft werden, in der Hoffnung , ein Geschäft zu machen. Perverser geht es eigentlich nicht, denn das ganze läuft ab ohne dass die Konsquenzen überhaupt ins Auge gefasst werden. Der Finanzmarkt ist schon so weit, dass nur Experten überhaupt verstehen, worum es geht, mit allen Risiken, die das beinhaltet. Da kann man die paar Fußballer mit ihren Millionen leicht verschmerzen, das fällt unter Brot und Spiele. So funktionieren eben die meisten, ES denkt irgendwo vor sich hin und die Manipulatoren, heute Populisten genannt, ziehen ihre Fäden. Wenn es nicht so traurig wäre , müsste man lachen ob der Stupidität der Vorgänge. Im Lichte dessen ist doch unsere Politikergarde ein Verein treuer Büttel im Dienste des Kapitalismus/Evolution. Fazit: Diese Leute, die Herr Lindner Profis nennt, sind nur Lachnummern, graben aber unser Grab.