Ein Skulpturenpark in Offenbach

In Corona-Zeiten müssen Künstlerinnen und Künstler ganz besonders erfinderisch werden, denn die gewohnten Strukturen brechen ihnen weg. Bis hin zur Straßenmusik wird alles schwierig, von Großereignissen wie Konzerten ganz zu schweigen. Erst in diesen Zeiten merken viele Menschen, was ihnen fehlt, wenn das kulturelle Leben derart lahmt. Restaurants, Kinos – alle sind betroffen. Manche sogar unmittelbar in ihrer Existenz. Da bleibt dann oft nur noch die „Grundsicherung“, sprich: Hartz IV.

Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Aber kreative Köpfe können nicht einfach die Hände in den Schoß legen, denn der Kopf arbeitet weiter. Lutz Jahnke, um ein Beispiel zu nennen, hat in Offenbach seine „Akadamie für interdisziplinäre Prozesse“ (Afip) gegründet, die am Goetheplatz angesiedelt war und der nun nach mehreren Jahren der Mietvertrag gekündigt wurde. Die FR hat darüber berichtet. Stillstand ist für Lutz Jahnke dennoch ausgeschlossen. Die Afip, Jahnke und befreundete und solidarische Künstler:innen haben das Projekt „Skulpturenpark“ in Offenbach gestartet. Künstler:innen stellen öffentlich aus. Wo und wann, das darf man selbst herausfinden, indem man in der Stadt auf Entdeckungsreise geht.

Genau das habe ich gestern getan und dabei gleich mal zwei der Kunstwerke entdeckt. Eines bei mir um die Ecke, das aber gar nicht leicht zu erkennen war. Eigentlich gilt nämlich bei uns in Offenbach so etwas wie das ungeschriebene Faustrecht: Wo Müll rumliegt, darf ungestraft massenhaft weiterer Müll hinzugefügt werden. Diese Ecke aber war davon sonderbarerweise ausgenommen – siehe rechts. Vielleicht wegen der drakonischen Strafandrohung? 4000 Euro? Hier setzt das Stadtbiotop der „sharing economy“ ein Denkmal, so heißt es auf der Afip-Webseite, denn gleich daneben ist ein Regal, in dem man Sachen deponieren kann, die man nicht braucht, oder dem man Sachen entnehmen kann, die man brauchen könnte.

Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Ein weiteres Kunstwerk fand ich an der Fassade des Offenbacher Hauptbahnhofs, das deutlich einfacher zu erkennen war, da offensichtlich ist, dass es gestaltet wurde. Siehe links.

Auf weiteren Spaziergängen, da bin ich sicher, werde ich im Lauf der kommenden Tage weitere Kunstwerke entdecken. Ich werde versuchen, Kontakte zu den Urheber:innen aufzunehmen in der Hoffnung, dass sie mir und uns hier im FR-Blog etwas über íhre Kunst und ihre Motive erzählen. Dabei werden wir sicher auch etwas über die Zustände in der Szene und die Lebensumstände dieser kreativen Menschen erfahren.

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Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Zur Afip vorab noch Folgendes: Es gibt eine (fürchterlich flirrende) Webseite mit einer interaktiven Karte der Standorte der Kunstwerke. Ich gebe zu: Ohne diese Karte hätte ich das oben rechts gezeigte, zurzeit noch namenlose Kunstwerk nicht erkannt. Ich bin zuvor schon mehrmals daran vorbeigegangen. Es war mir allerdings aufgefallen, und ich habe mich gefragt: Was soll das? Nun, ja – das soll was. Nicht erkannt? Darüber darf ich dann mal nachdenken. An die eigene Nase gefasst.

Ich habe dem Projekt übrigens eine eigene Installation hinzugefügt. Dazu fordert Afip direkt auf. Hier rechts ist ein Bild davon zu sehen. Ist auch ganz dicht am Offenbacher Hauptbahnhof, nur links vom Eingang, nicht rechts wie das Bild oben. Ich nenne die Installation „Life is a Cabaret“ und wünsche mir, dass dazu der unvergessliche Song von Liza Minelli abgespielt werden möge (wahlweise gibt es ihn hier via Youtube).

Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Update 12. Dezember 2020. Von einem Nachmittagsspaziergang bringe ich das Bild links mit. Die beiden Rücklehnenüberzüge lassen natürlich sofort an „cancel culture“ denken, im doppelten Sinn, also anspielungsreich. Tatsächlich ist der Kultur-„Betrieb“ derzeit praktisch gecancelt, aber das Kulturschaffen hört deswegen nicht auf.

Die Buchstaben auf den Überzügen sind aus bunten Stoffen ausgeschnitten und aufgenäht. Ich muss an alte Tischdecken oder Bettbezüge denken. Die Skulptur befindet sich im Dreieichpark in der Nähe eines Teiches – oder hätte ich das jetzt nicht verraten sollen?

Weitere Enthüllungen werden folgen. Bleiben Sie dran – und bleiben Sie optimistisch und kreativ, auch in der Krise. Ist nicht ganz einfach, ich weiß.

Fortsetzung folgt.

Naoned!