Blogtalk: "Schafft Deutschland sich ab?"

Die Offenbacher Sozialdezernentin Birgit Simon (Die Grünen) talkt im FR-Blog

Parallelgesellschaften, Integrationsverweigerer, Schüler, die kein Deutsch sprechen, Migranten, die es sich in der sozialen Hängematte bequem gemacht haben, Jugendliche, die unbescholtene Bürger überfallen – geht es nach Thilo Sarrazin, müsste Offenbach mit diesen und weiteren Integrations-Problemen untergehen. Schließlich hat mehr als die Hälfte der Offenbacher einen Migrationshintergrund. Der Ausländerbeirat schätzt den Anteil der Muslime an der Stadtbevölkerung auf 15 Prozent. Doch Offenbach produziert kaum solche Schlagzeilen. Läuft in der fünftgrößten Kommune Hessens, der Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil Deutschlands, wirklich alles glatt in Wohnvierteln, Schulen und auf den Straßen?

Darüber wollen wir mit Bürgermeisterin Birgit Simon (Die Grünen) sprechen, die seit 2006 das Sozialdezernat leitet und damit für die städtische Integrationspolitik zuständig ist. Wir, das sind Wiebke Rannenberg von der Offenbach-Redaktion der FR und Blogmaster und FR-Leseranwalt Bronski. Und zwar wollen wir weniger über die Bundespolitik sprechen als vielmehr über das, was in Offenbach möglicherweise gerade anders läuft als im Bund. Wir danken Birgit Simon im Voraus für Ihre Bereitschaft zu diesem Blogtalk und freuen uns auf ein interessantes Gespräch.

Ein paar Worte zum Verfahren:

  1. Mitreden und Fragen stellen kann grundsätzlich jede/-r.  Nutzen Sie dazu die Kommentarfunktion am Fuß dieser Seite: Namen und Mail in die vorgesehenen Felder eintragen, in das große Feld Ihre Frage, dann auf „Kommentar abschicken“ klicken – und schon wird Ihr Beitrag veröffentlicht. Anmeldung oder Registrierung sind nicht erforderlich. Bitte benutzen Sie möglichst Klarnamen. Wenn das, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich sein sollte, identifizieren Sie sich bitte per Mail an Bronski und stimmen Sie zu, dass ich Frau Simon mitteile, mit wem sie redet. Ich denke, das gebietet die Höflichkeit.
  2. Lassen Sie uns aber zu Beginn erstmal ein paar Fragen zur Einstimmung stellen, ehe Sie loslegen.
  3. Falls der Andrang groß wird, werden wir Beiträge vorübergehend in die Moderationsschleife schicken. Sie sind dann unveröffentlicht, aber nicht gelöscht. In Ihrer Übersicht erscheinen sie mit dem Vermerk: Muss vom Moderator noch freigeschaltet werden. Diese Fragen werden bei sich bietender Gelegenheit später eingefügt. Denn so sehr wir uns auf eine lebhafte Diskussion freuen, wollen wir Frau Simon doch die Gelegenheit geben, alle Fragen in Ruhe zu beantworten.
  4. Bitte beachten Sie unbedingt die Blog-Regeln!

Parallel zum Blogtalk gibt es die Möglichkeit, über das Thema und Frau Simons Antworten im Thread „Blogtalk zum Thema Integration“ zu diskutieren.

91 Kommentare

  1. Bronski sagt:

    Guten Morgen, Frau Simon, willkommen zum Blogtalk!

    Gleich die erste Frage: Sprechen Sie Türkisch?

  2. Birgit Simon sagt:

    Guten Morgen Bronski,

    leider nein. Selbst das Zusammenleben mit türkischen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern während meiner Studentenzeit hat nicht dazu geführt, dass ich die Sprache gelernt habe.

  3. Bronski sagt:

    Würden Sie den deutschstämmigen Offenbachern empfehlen, schon mal türkisch zu lernen? Wenn man die Diskussion um die Sarrazin-Thesen verfolgt, könnte man ja den Eindruck gewinnen, dass die türkischstämmigen Offenbacher – und nicht nur die – dank ihrer Fruchtbarkeit bald die Bevölkerungsmehrheit stellen. Da müsste man sich wohl rechtzeitig anpassen und auch schon mal zum Fastenbrechen am Ende des Ramadan gehen, das in Offenbach groß gefeiert wird …

  4. Birgit Simon sagt:

    Nein. Ganz im Gegenteil: wir fördern und fordern intensiv das Erlernen der deutschen Sprache, sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter. Wenn wir hierfür von Bund und Land ausreichende Finanzmittel erhalten würden, um die bestehenden Angebote flächendeckend und kostenfrei anbieten zu können, wären wir übrigens schon deutlich weiter!
    Der Eindruck, dass türkischstämmige Einwohnerinnen und Einwohner bald die Bevölkerungsmehrheit in Offenbach stellen könnten, ist übrigens völlig falsch und genau so absurd, wie manche These von Herrn Sarrazin: in Offenbach leben unter den 119.000 Einwohnerinnen und Einwohnern 7.100 Menschen türkischer Herkunft.
    Beim Fastenbrechen handelt es sich in erster Linie um eine Einladung zu einem Fest mit gutem Essen. Dass man dabei auch noch etwas über eine andere Religion erfährt, finde ich prima!

  5. Bronski sagt:

    Die Kritik an der Landespolitik ist registriert; lassen Sie uns später noch mal darauf zurückkommen.

    Frau Simon, wir bewegen uns mit diesem Blogtalk ja in der Blogosphäre. Daher wollen wir, bevor wir zu den Details Ihrer Integrationspolitik kommen, erst einmal sechs Stereotypen klären, die in Web-Debatten immer wieder auftauchen und die wir auf Offenbach beziehen. Was denken Sie über folgende Aussagen:

    1. Koran und Islam sind Integrationshindernisse. Der Islam wolle keine Integration, sagen viele Deutsche, sondern strebe eine langsame Machtübernahme an. Gern wird die Koransure 9,5 zitiert, die dazu aufruft, Ungläubige zu massakrieren.

    Bezogen auf Offenbach: Wie sicher sind Offenbachs Straßen?

  6. Birgit Simon sagt:

    Nein, Koran und Islam an sich sind keine Integrationshindernisse. Die große Mehrheit der Muslime scheut nicht die Integration und distanziert sich von radikalen Tendenzen.

    Aber unter der Überschrift des Islam existiert auch Extremismus – dieser muss wie jede Form des politischen oder religiösen Extremismus unter strenge Beobachtung gestellt und bekämpft werden.

    Auf Offenbachs Straßen ist es sehr sicher – werfen Sie doch mal einen Blick in die Polizeistatistik…

  7. Wiebke Rannenberg sagt:

    Guten Tag, Frau Simon,
    ich schalte mich jetzt auch mit ein. Und mache mit den Stereotypen weiter.

    2. Zwangsheiraten und Gewalt in den Familien gelten oft als „typisch muslimische“ Probleme. Auch Offenbach hat ein Frauenhaus, das die Stadt zwar nicht betreibt, aber unterstützt. Suchen dort überdurchschnittlich viele Muslimas Schutz?

  8. Bronski sagt:

    Nur kurz zwischendurch: Lassen Sie sich nicht davon irritieren, wenn hier Kommentare auftauchen und wieder verschwinden. Ich schicke diese Kommentare erstmal in die Moderation, um sie später erneut zu bringen.

  9. Birgit Simon sagt:

    Guten Tag Frau Rannenberg,

    Zwangsheiraten sowie körperliche und psychische Gewalt in den Familien, insbesondere gegen Frauen und Kinder, sind Ausdruck männlicher Dominanz und patriarchalischer Herrschaftsstrukturen. Für sie ist in unserer Gesellschaft kein Platz. Dort, wo sie manifest werden, unterstützen wir Frauen durch Beratungsangebote und Schutz in unserem Frauenhaus.

    Seitens des Frauenhauses wird keine Statistik über Religionszugehörigkeiten geführt – weder in Bezug auf die Schutz suchenden Frauen noch hinsichtlich der Täter.

  10. Bronski sagt:

    3. Die Muslime wollen es sich hier in Deutschland lediglich in der „sozialen Hängematte“ bequem machen. Nach dem letzten statistischen Vierteljahresbericht bekommen rund 12000 Offenbacher Arbeitslosengeld II und rund 6000 erhalten Sozialgeld. Ist das die „soziale Hängematte“?

  11. Birgit Simon sagt:

    Die genannten Zahlen beziehen sich auf Bezieher von Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II, auch „Hartz 4“ genannt. Von den 12.000 Beziehern von Arbeitslosengeld II sind rd. 50 Prozent Nichtdeutsche. Die Leistungen des SGB II decken aber eine breite Palette von Notlagen ab.
    So sind rund ein Viertel der Hilfebezieher erwerbstätig, haben aber ein zu geringes Einkommen und brauchen aufstockende Leistungen, um für sich und ihre Familien den Bedarf zu decken.
    Ausländer sind im System des SGB II wie in der Arbeitslosigkeit überproportional vertreten. Das hat damit zu tun, dass viele in Fertigungsberufen tätig waren und diese Arbeitsplätze weggefallen sind.
    Es hat aber auch damit zu tun, dass viele keine oder nur eine niederige berufliche Qualifikation haben. Bei vielen fehlen ausreichende Sprachkenntnisse. Deshalb ist Bildung eine der zentralen Herausforderungen bei der Bekämpfung von Armut.
    Die MainArbeit fördert und fordert alle Leistungsbezieher intensiv. Für jeden werden möglichst passgenaue Maßnahmen angeboten. Vom Sprachkurs über Praktika und Arbeitsgelegenheiten bis hin zu Umschulungen. Das funktioniert in den letzten Jahren sehr gut. Die Integrationsraten der MainArbeit sind überdurchschnittlich. Die Fallzahlen konnten deutlich abgebaut werden.
    Das SGB II ist zumindest in Offenbach für niemanden eine Hängematte.
    Wer die Mitwirkung verweigert, wer Maßnahmen nicht antritt oder Stellenangebote ablehnt muss mit Sanktionen und Leistungskürzungen rechnen.

  12. Wiebke Rannenberg sagt:

    Viertes Vorurteil: Muslime wollen erst gar kein Deutsch lernen, sich also auch nicht integrieren. Wie viele Offenbacher Migranten sprechen kein Deutsch?

  13. Birgit Simon sagt:

    Eine exakte Statistik wird zu diesem Thema nicht geführt. das würde in der Praxis auch schwierig werden. Wir haben in Offenbach pro Jahr etwa 3.000 Zuwanderer aus dem Ausland. Darunter im Schnitt 75 Prozent aus EU-Staaten; 25 Prozent aus Drittstaaten.

    Ein großer Teil dieser Menschen hat keine oder nur geringe Sprachkenntnisse.
    Es wird für diese Zuwanderer aber vieles getan. Allein die Volkshochschule der Stadt hat im letzten Jahr 2.600 Immigranten in Integrationskursen gefördert. Dazu kommen noch die Kurse anderer Träger.
    Insgesamt kann man von mindestens 3.500 Teilnehmern im Jahr ausgehen.
    Der Bedarf ist jedoch noch höher. Ich weiß von vielen Immigranten, dass sie gerne an einem Kurs teilnehmen würden, aber die Mittel des Bundes reichen nicht aus, um alle Integrationswilligen zu fördern. Wenn der Bund mehr Mittel zur Verfügung stellen würde, könnten sicher 5.500 Personen pro Jahr an Integrationskursen teilnehmen. Die Lösung des
    Problems liegt dafür zu großen Teilen in Berlin.

  14. Bronski sagt:

    Fünftens – was sagen Sie zu folgendem Dialog, wiedergegeben vom Offenbacher Bürger Peter Weinberger:

    Bruder: „Halt Dich fern von ihm!“
    Mädchen: „Warum denn?“
    Bruder: „Der ist Deutscher!“
    Mädchen: „Er ist doch halber Chinese.“
    Bruder: „Der hat aber einen deutschen Pass.“
    Mädchen: „Wir haben doch auch deutsche Pässe.“
    Bruder: „Trotzdem, der ist anders als wir. Halt Dich fern von ihm!“

    Der „halbe Chinese“, um den es geht, ist Peter Weinbergers Sohn.

  15. Birgit Simon sagt:

    Gemeinsame Staatsbürgerschaft führt nicht automatisch zur Überwindung kultureller Schranken.

  16. Wiebke Rannenberg sagt:

    Das heißt? Kann eine Kommune etwas tun, um solche Einstellungen zu ändern? Und sehen Sie grundsätzlich eher die Deutschstämmigen oder eher die Migranten in der Bringschuld im Bemühen um Integration?

  17. Paul Müller sagt:

    Sarazins Buch ist vom ganzen Ansatz her falsch. Ich vermisse, dass die Sozialdezernentin, das auch mal deutlich sagt und deutlich sagt, dass es falsch von ihm war, das Volk aufzuhetzen. Ich vermisse Ihr Bekenntnis zur multikulturellen Gesellschaft und dass Sie mal deutlich sagen, dass es im Wesentlichen ein Soziales Problem ist. Da müssen wir eingreifen. Statt Sozialkürzungen der Bundesregierung den Schwächeren wieder mehr Geld zu geben, Sozialwohnungen zu bauen.

  18. fox sagt:

    Hallo Frau Simon,
    wenn ich darf, würde auch ich an dem Punkt, den Wiebke Rannenberg anspricht, anschließen.

    Ein Bekannter türkischer Herkunft hat mir letztes Jahr erzählt, dass er seinen ganzen türkischen Freundeskreis verloren hat, als er eine Partnerschaft mit einer deutschen Frau einging. Er erzählte, dass dies in weiten Teilen der türk. Community in Berlin nicht gern gesehen wird. Arrangierte bzw. Zwangsehen seien in dieser Gemeinschaft stark verbreitet. In einer rbb-Sendung vor einigen Tagen wurden junge Türken zu diesem Thema befragt, das Ergebnis war das gleiche. Aus religiösen Gründen, so hieß es, würden sie „Mischehen“ ablehnen. Man darf annehmen, dass vielmehr patriarchalische Strukturen bewahrt werden sollen.

    Zwei weitere, erschreckende Aspekte möchte ich in diesem Zusammenhang aufgreifen. In einem Artikel des Tagesspiegel wurde vor einiger Zeit berichtet, dass in Berlin die Selbstmordrate unter Frauen türkischer und arabischer Herkunft wesentlich höher ist, als unter deutschen (ich glaube mind. doppelt so hoch, kann nochmal nachschauen). Und ein weiterer rbb- Bericht hatte durch Befragungen festgestellt, dass Ehrenmorde unter muslimisch-männlichen Jugendlichen eine sehr(!) hohe Akzeptanz haben.

    Hieraus ergeben sich folgende Fragen:
    Tun wir ausreichend genug, um kulturelle Schranken zu überwinden und die Grundwerte unserer Gesellschaft zu vermitteln? Und wo geschieht das? Welche Einflußmöglichkeiten haben hier kommunale Verwaltungen? Schließlich: wie gut wissen wir überhaupt über die Verhältnisse in bestimmten Einwanderercommunities bescheid?

  19. Jutta Rydzewski sagt:

    Hallo, Frau Simon,

    in Ihrer Antwort @4 auf Bronski, führen Sie u.a. aus: “… ist übrigens völlig falsch und genau so absurd, wie manche These von Herrn Sarrazin:” …

    Meine Nachfrage erfolgt nur sozusagen der guten, deutschen Ordnung halber.;-) Gehe ich richtig in der Annahme, da Sie ja von MANCHEN völlig falschen und absurden Thesen des Herrn Sarrazin sprechen, dass Sie auch mit Thesen Sarrazins übereinstimmen? Wenn ja, mit welchen? Allerdings möchte ich Sie bitten, dabei nicht den Gesamtkontext der Sarrazin-Thesen aus dem Blick zu verlieren. In diesem Zusammenhang möchte ich mir noch eine Frage erlauben. Ist Ihnen bekannt, dass die Thesen Sarrazins, schon lange vor dem Erscheinen seines Buches, von Gideon Botsch (Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam), als eindeutig rassistisch, elitär und herabwürdigend eingestuft wurden? Können Sie mir ggf. zustimmen, dass ein Mann wie Sarrazin, schon im Hinblick auf dieses Gutachten, schlicht und ergreifend nicht recht hat, auch nicht ein bisschen? Tut mir leid, wenn ich mit meinen Fragen gar nicht auf “Ihre” Stadt eingegangen bin, obwohl im weitesten Sinne das Eine doch auch mit dem Anderen zusammenhängt.

    mfg
    Jutta Rydzewski

  20. Abraham sagt:

    Frau Simon, Sie haben von den Deutschkursen berichtet, die von der Stadt angeboten werden, und die aus finanziellen Gründen den Bedarf nicht decken können. Organisieren auch z.B. die moslemischen Gemeinden (oder andere Religionsgemeinschaften) und die türkischen (oder anderen) Kulturvereine in Offenbach auf ehrenamtlicher Basis Deutschunterricht für ihre „Landsleute“ oder Hausaufgabenbetreuung?

  21. Birgit Simon sagt:

    @ fox
    Sie fragen:

    „Tun wir ausreichend genug, um kulturelle Schranken zu überwinden und die Grundwerte unserer Gesellschaft zu vermitteln? Und wo geschieht das? Welche Einflußmöglichkeiten haben hier kommunale Verwaltungen? Schließlich: wie gut wissen wir überhaupt über die Verhältnisse in bestimmten Einwanderercommunities bescheid?“

    Ich frage:
    Wer definiert „genug“? Genug kann nie genügen singt Konstantin Wecker; vielleicht trifft das auch bei diesem Thema zu?
    Aber zur Sache: In Offenbach tun wir jedenfalls im Moment sehr viel; vor allem beschreiten wir neue Wege in der Kommunikation mit den Vertreterinnen und Vertretern ausländischer Gemeinden. Dafür habe ich ein Kompetenzteam Integration ins Leben gerufen, dessen Arbeit ich Ihnen gerne kurz vorstellen möchte.
    Das Kompetenzteam Integration besteht seit Ende 2007. Damals hat sich auf meine Initiative diese neue gewichtige Runde etabliert. Auf gemeinsame Einladung von mir als Bürgermeisterin und Integrationsdezernentin sowie des Ausländerbeiratsvorsitzende Abdelkader Rafoud treffen seitdem regelmäßig die gewählten Vorsitzenden der ausländischen Vereine zusammen. In dieser Konstellation wird Integration auf allen Ebenen zur Chefinnen- und Chefsache. Die Bilanz ist positiv!

    Gemeinsam mit den gewählten Vertreterinnen und Vertretern der Migrantenorganisationen, dem Ausländerbeiratsvorsitzenden und der Integrationsdezernentin kommt eine Art multikulturelle Offenbacher Führungskräfterunde zusammen, in der offen angesprochen werden kann, was bewegt. Doch wichtig ist vor allem, dass in der Runde praktische Lösungen erarbeitet werden, wie die besprochenen Punkte in den verschiedenen Gemeinschaften thematisiert werden können – und auf welche Wegen die Gemeindemitglieder schließlich durch eigene Initiative Integrationsfortschritte machen oder in schwierigen Alltagsfragen Unterstützung erhalten können.

    Denn das Kompetenzteam führt zu den wesentlichen Themenfeldern nicht nur eine kritische Bestandsaufnahmen durch, sondern die Mitglieder erarbeiten vor allem sehr konkrete Vorschläge zur selbstständigen Umsetzung in den eigenen Reihen.
    Der Arbeitsschwerpunkt liegt auf konkreten Verbesserungen in all jenen Fragen, die den Alltag in Deutschland betreffen – vom Zusammenleben in Offenbach bis hin zu Behördenkontakten, Fördermöglichkeiten und vielem mehr. So haben die Expertinnen und Experten des Kompetenzteams bereits zahlreiche geeignete Projekte angestoßen.

    Etwa haben „Bildungslotsen“ unter der Federführung des Vereins CGIL-Bildungswerk zum Themenfeld Ausbildung, Bewerbung auf Ausbildungsplätze und Berufseinstieg in den Räumen ausländischer Vereine Informationsveranstaltungen durchgeführt, in denen die wichtigsten Schritte auf dem Weg zum Ausbildungsplatz erläutert wurden. Zum Thema Gesundheit hat sich auf Initiative des Kompetenzteams eine Arbeitsgruppe mit Frauen aus unterschiedlichen Migrantenvereinen formiert, die zusammen mit dem Offenbacher Gesundheitsamt Fragestellungen der Vorsorgeuntersuchung bei Kindern bearbeiten wollen.

    Ein weiteres Arbeitsresultat der Integrationsexpertinnen und –experten ist eine gemeinsam entwickelte Broschüre, die auf die häufigsten und wichtigsten Fragen rund um das Thema Arbeitslosengeld II und die Arbeit der MainArbeit die richtigen Antworten gibt. Neben einer deutschen Version der Infobroschüre wurde das zusammengetragene Wissen auch in die Sprachen Italienisch, Türkisch, Griechisch und Arabisch und Urdu übersetzt.

    In Kürze werden die im Kompetenzteam versammelten Gemeindevorsitzenden für Ihre Mitglieder auch Elterninformationen in Sachen Drogenprävention anbieten. Dies wurde gemeinsam vereinbart, nachdem mit Gästen der Arbeitsgruppe Wildhof überlegt wurde, auf welchem geeigneten Weg Informationen über dieses sensible Thema über die Kulturschranken hinweg zu den Migrantinnen und Migranten in Offenbach transportiert werden können.

    Dass die Zusammenarbeit bisher so zahlreiche und wirkungsvolle Früchte getragen hat, liegt vor allem daran, dass die Vereinsvertreterinnen und –vertreter häufig am besten wissen, welche Kommunikationsform in den eigenen Reihen zu guten Ergebnissen führen.

    Und die enge Einbindung der Migrantinnen und Migranten mit herausgehobenen Positionen in den einzelnen Vereinen ist eine wichtige Grundvoraussetzung für das Funktionieren dieses Integrationsansatzes: Erfolge kann das Gremium nur deshalb erreichen, weil durch sie in den Vereinen auch die Motivation geschaffen wird, die gemeinsamen Arbeitsergebnisse in den einzelnen Gemeinden aktiv und engagiert in eigener Federführung weiter zu bearbeiten.
    Hierfür ist schon manches Arbeitsergebnis des Kompetenzteams in das Freitagsgebetes des Imams eingeflossen.

  22. Birgit Simon sagt:

    @ Abraham

    Sie fragen „Organisieren auch z.B. die moslemischen Gemeinden (oder andere Religionsgemeinschaften) und die türkischen (oder anderen) Kulturvereine in Offenbach auf ehrenamtlicher Basis Deutschunterricht für ihre “Landsleute” oder Hausaufgabenbetreuung?“
    Dazu meine Antwort:

    In Offenbach existieren zahlreiche selbstorganisierte kleine Gruppen, in denen sich Migrantinnen und Migranten auf eigene Initiative zum Deutsch lernen oder für Hausaufgabenhilfe zusammengeschlossen haben.
    Nicht selten jedoch fehlt es den vorhandenen Angeboten an einfachen Mitteln und bescheidener Ausstattung, damit diese Angebote nachhaltige Erfolge erlangen oder über längeren Zeitraum Bestand haben – an Unterrichtsmaterialien etwa oder der Möglichkeit, eine zeitgleiche Kinderbetreuung anbieten zu können.
    Um in solchen Fällen als Stadt schnell und unbürokratisch weiter helfen zu können wurde vom Magistrat auf meine Initiative eine Richtlinie beschlossen. Sie trägt den Titel „Richtlinie für die Finanzierung von Integrationsprojekten Dritter“. Mit dieser Richtlinie haben wir bewusst einen Weg gewählt, der Vertreterinnen und Vertreter der Migrantenvereine in die Organisation und Ausrichtung der Angebote einbindet und sie damit in Mitverantwortung für die Weiterentwicklung des Maßnahmeangebots nimmt.

  23. Bronski sagt:

    Frau Simon, in Ihren Postings # 21 und 22 tauchen Worte auf wie „Kommunikation“, „gemeinsam“, „Hilfe“ usw., auch „in Verantwortung nehmen“, und Ihren Worten zufolge nehmen Ihre Ansprechpartner Ihr Angebot an. Sie versuchen also, mit den Leuten zu reden. Haben Sie auch die Erfahrung gemacht, dass andere Gruppen der zugewanderten Bevölkerung nicht mit Ihnen reden wollen?

    Des weiteren: Sie sprechen von der Kommunikation zwischen den Institutionen der Stadt Offenbach und denen der in Offenbach lebenden Ausländer und Migranten. Von den deutschstämmigen Einwohnern der Stadt war bisher nicht die Rede. Ohne sie geht Integration jedoch nicht. Wie holen Sie die deutschen Offenbacher ins Boot?

  24. Birgit Simon sagt:

    @ Jutta Rydzewski + Paul Müller zum Thema Sarrazin:

    Vielleicht schätze ich die Bedeutung von Herrn Sarrazin für die Integrationsarbeit in Offenbach nicht so hoch ein wie Sie. Denn die Menschen hier wissen nach vielen Jahren, wo ich stehe. Daran ändert sich auch durch und wegen Herrn Sarrazin nichts.

    Ich habe das Buch auch nicht gelesen, deshalb kann ich auch nur manche Thesen ablehnen, nämlich diejenigen, die öffentlich vorgetragen wurden.

    Wer ernsthaft Integration betreibt, für den steht das friedliche Zusammenleben an allererster Stelle. Und dazu gehört, Provokationen Schuldzuweisungen, Vorhaltungen und Demütigungen zu unterlassen.

  25. Bronski sagt:

    Guten Morgen, Frau Simon,

    ich hoffe, Sie sind frisch und munter?

    In Ihrem Kommentar #21 haben Sie bereits einiges über Ihre konkrete Politik erzählt. Wiebke Rannenberg und ich hätten weitere Fragen. Wir möchten also konkret zur kommunalen Integrationspolitik Offenbachs kommen. Die Antworten auf unsere Fragen in Kommentar 16 und 23 können Sie vielleicht später noch geben. Das ist ja einer der Vorteile von Blogtalks, dass man sich auch die Zeit nehmen kann, sich gründlich Antworten zu überlegen.

    Frau Simon, Integrationspolitik kostet Geld. Der Sozialetat der Stadt Offenbach umfasst 150 Millionen Euro, das ist die Hälfte des Jahresetats. Offenbach ist mit 550 Millionen Euro überschuldet, obwohl die Stadt weder Schwimmbad noch Messehalle betreibt. Es gibt ein strukturelles Defizit. Wie machen Sie unter solchen Voraussetzungen überhaupt Integrationspolitik?

    Oder konkreter formuliert: Wie viel Geld können Sie für Integration ausgeben, bezogen auf die in #21 genannten Maßnahmen?

  26. Mormor sagt:

    Danke für diese Aussagen, liebe Frau Simon! Ich denke auch, es geht nur so: ganz klein, ganz unten, ganz früh damit beginnen. Urteile dürfen nicht zu Vorurteilen werden, sondern durch Wissen/Bildung wieder zu Urteilen werden, die nicht nur kognitiv unterfüttert sind , sondern auch durch allsinnige Erfahrungen, Nähe, emotionalen Streit und wieder Annäherung…
    Kindergarten und Schule sind für mich solche Orte.

    Die Trennung der beiden Behördenbereiche Soziales und Bildung erschweren hier vieles. Und gute Zusammenarbeit wird bei der Ressourcenverteilung schwierig!!!

    Frage: Gibt es verbindliche Erzieher- und Lehrerfortbildungen bzw. Anteile in deren Ausbildung, die in Richtung “Interkulturell kompetente Schule“ gehen?

    Es gibt einen gesetzlich abgesicherten Schatz, der noch nicht richtig gehoben bzw. poliert wurde. Es ist die Schülervertretung oder SV (So wird dieser „demokratische Trainingsraum“ bei uns im Norden genannt, in dem Dorf mit Straßenbahn und Uni! Siehe „mormor“ in frblog.de/simon2) Über Beteiligungsprozesse (Keine Alibiveranstaltungen!) werden kinder- und jugendnahe Themen behandelt, Änderungen herbeigeführt. Das bedeutet: die Jugendlichen benötigen die nötige methodische Handlungskompetenz (regelmäßige Seminare) und die Lehrer müssen zuhören und annehmen lernen: Wahrnehmen, Rückmelden, Anerkennen! Wie sieht es mit SV-Arbeit in Offenbach aus? Entsprechend „Jugend forscht“, bei dem es um naturwissenschaftliche Kompetenz geht, sehe ich hier bei entsprechender Wahrnehmung und Unterstützung die Chance für politisch, demokratische Kompetenz.

  27. ChristosV sagt:

    „Wie holen Sie die deutschen Offenbacher ins Boot?“ fragte jemand hier, und mich würde eine Antwort auf diese Frage auch interessieren.

    Warum ist beispielsweise so häufig von Maßnahmen die Rede, welche irgendwelche Klischee-Ausländer betreffen? Wäre es nicht an der Zeit, sich nicht diesen Leuten zu widmen, sondern denen, die die deutsche Gesellschaft exakt in diese Schublade schmeißt?

  28. fox sagt:

    Hallo zusammen,

    ich würde gern schon mal meine weiteren Fragen einwerfen, ohne aber den Diskussionsfaden von Bronski unterbrechen zu wollen. Heute Nachmittag hab ich leider keine Zeit mehr.

    Vielen Dank Frau Simon für die ausführliche Beschreibung Ihrer Integrationsarbeit. Ich denke auch, dass die von Ihnen vorgestellten Kompetenzteams einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten können. Vor allem schaffen sie bei den Einwanderergruppen Vertrauen und einen guten Einstieg in eine neue Lebenswelt.

    Die von Ihnen eingeführten Kommunikationsstrukturen gibt es in anderen Städten teilweise in ähnlicher Form auch, können dort aber nicht den erwünschten Erfolg verzeichnen. Dies liegt vielleicht dann u.a. an den spezifischen Verhältnissen, insbesondere an der vorangeschrittennen Manifestierung von Parallelgesellschaften und den anderen Größenverhältnissen. Der Berliner Innensenator Körting stellte vor einiger Zeit fest, dass je größer bestimmte Migrantengruppen sind, desto geringer die Integrationsbereitschaft bei diesen Einwanderern ist. Hilfestellungen und Angebote zu praktischen Fragen werden gerne in Anspruch genommen. Parallele, patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen und tradierte Wertesysteme werden aber durch Führungskräfterunden kaum beeinflusst. Wie schafft man es, dass nach gewonnenem Vertrauen sich Einwanderer auch kulturell neu orientieren? Ich meine damit keine Assimilation, sondern die Akzeptanz neuer Grundwerte.

    In dem anderen FRBlogtalk zum Thema Integration hat eine Frau berichtet, dass sie mit ihrer Familie nach der Einschulung ihrer Tochter aus Offenbach weggezogen ist. Als Grund gab sie an, dass es massive Probleme in der Klasse, insbesondere religiöse Ausgrenzung gegeben hat. Dieses Verhalten ist in Problemvierteln großer Städte sehr häufig vorzufinden. Die linksalternative „Zitty“ widmete vor zwei Wochen ihr Titelthema diesem Problem: Flucht vor Multikulti. Deutsche Familien ziehen aus Bezirken mit hohem türk. bzw. arab. Einwandereranteil weg, weil ihre Kinder in den örtlichen Schulen diskriminiert werden und die Leistungsverhältnisse verheerend sind. Wie schätzen Sie die Situation in Offenbach ein? Ist das von der Userin beschriebene Problem eher eine Ausnahme, oder gibt es Tendenzen, dass solche Reaktionen zunehmen?

    Eine ganz andere Frage: Gibt es unter den Kommunen einen ausreichenden Erfahrungsaustausch zum Thema Integration und wenn ja, auf welchen Ebenen findet er statt (Städtetag etc.)?

  29. Bronski sagt:

    Ich möchte mich zwischendurch dafür entschuldigen, dass hier eine große Lücke entstanden ist. Seit Frau Simons letzter Antwort sind fast sechs Stunden vergangen. Ich habe natürlich Kontakt zu ihr gesucht und bitte um etwas Geduld.

    Der Blogtalk wird bis Freitag verlängert. Frau Simon hat auch an diesen beiden Verlängerungstagen Termine, so dass manche Antworten möglicherweise etwas dauern werden. Sie möchte aber keine Frage unbeantwortet lassen. Das gilt auch für die Fragen, die ich in die Moderationsschleife geschickt habe und die ich hier nachschieben werde.

  30. Maryam sagt:

    Frau Simon,
    1- wie sieht mit „Interkultureller Kompetenz in der Verwaltung“ aus?
    Interkulturelle Kompetenz ist die Fähigkeit, dauerhaft mit Angehörigen andere Kulturen erfolgreich und kultursensibel interagieren zu können:

    a)Wissen über die Situation von MigrantInnen
    b)Fachliche Kenntnisse
    c)Persönlich interkulturelle Erfahrung
    d)Fremdsprachenkenntnisse
    e)Akzeptanz
    f)Empathi, Flexibilität
    g)Offenheit
    h)Reflexion der eigenen Kultur
    i)Sensibilität für andere Kulturen
    j)Soziale Kompetenzen
    k)Unvoreingenommenheit

    Eine wichtige Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Interkulturellen Kompetenz in der Verwaltung sind Fortbildungsangebote, die die interkulturelle Kompetenz der Mitarbeiter fördern. Hier gibt es der grundlegende Ebenen, in denen die Fortbildungsmaßnahmen durchgeführt werden können: Wissen, Handlungskompetenz und Reflexion

    Wie weit ist in Offenbacher Verwaltung fortbildungen diesbezüglich gegeben oder wird geben?

    2- In der aktuellen Integrationsdebatte haben die Grünen im Bundestag eine feste Migrantenquote für den öffentlichen Dienst gefordert. Die Zahl der Mitarbeiter aus Zuwandererfamilien solle so innerhalb von fünf Jahren verzehnfacht werden.
    Wie wollen Sie in Offenbach realisieren?

  31. Birgit Simon sagt:

    Guten Tag Bronski,

    ich bitte, die lange Pause zu entschuldigen; ich war den ganzen Tag in Sitzungen, die doch mehr Zeit in Anspruch genommen haben, als gedacht. Heute Abend um 18 Uhr im Stadtverordnetensitzungssaal geht es dann weiter: mit der Eröffnung der 13. Interkulturellen Wochen in Offenbach. Eine öffentliche Veranstaltung, zu der Interessierte herzlich eingeladen sind.

    Die Interkulturellen Wochen sind übrigens ein gutes Beispiel im Zusammenhang mit Ihrer Frage – denn nicht alles, was die Integration in unserer Stadt nachhaltig fördert, muss Geld kosten. Die Währung der Interkulturellen Wochen sind das Engagement, die Zeit und die Ideen, welche die vielen Aktiven innerhalb des Koordinationsteam und die zahlreichen weiteren beteiligten Akteure investieren.
    Trotzdem ist die Finanzausstattung der Kommunen natürlich ein wichtiges Thema – in allen Zukunftsfragen, hinsichtlich Integration, Bildung … und vielem mehr. Die von Ihnen geschilderte Situation stellt übrigens keine Offenbach-Spezifik dar. Nicht umsonst melden sich zurzeit fast im Wochenrhythmus die kommunalen Spitzenverbände zu Wort und warnen vor dem Finanzkollaps der Kommunen.

    Man muss sich mal vorstellen, dass weniger als drei Prozent unserer Sozialausgaben freiwillige Leistungen sind, über die wir als Stadt überhaupt eigenständig entscheiden können. Es ist klar, wie eingeschränkt der Handlungsspielraum unter diesen Voraussetzungen ist. Trotzdem setzen wir – im Rahmen der Möglichkeiten – wichtige Akzente in der Integrationspolitik. Konkret zu Ihrer Frage: für die in #21 genannten konkreten Fördermaßnahmen stellt die Stadt Offenbach jährlich 15.000 Euro bereit.

    In der Summe wird durch die Kommune jedoch ein erheblich höherer Betrag für die Integration in unserer Stadt umgesetzt. Dieser setzt sich nur zum Teil aus Eigenmitteln zusammen. Zu einem großen Teil handelt es sich hierbei auch um Fördermittel, die wir mit unserer Projektarbeit akquirieren – beim Land, dem Bund oder der Europäischen Union.

    Gerne nenne ich ein paar Beispiele für unser Engagement in Sachen Integration:
    *Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund im Kindergarten lassen wir uns 980.000 Euro im Jahr kosten, davon 490.000 Euro EKO-Mittel, 120.000 Euro kommunale Mittel, 370.000 Euro Landesmittel.
    *„Stärken vor Ort“ (Projekt vom Jugendamt): hier fließen von 2009 bis 2011 jährlich 100.000 Euro Bundes- und Europamittel; die Kommune stellt die Personalressourcen für die Organisation.
    * „Modellregion Integration“; ab 2009 bis 2013. Landesförderung 200.000 Euro/Jahr.
    *Niedrigschwellige Sprachkurse für Mütter über vhs ab 2010: 210.000 Euro/Jahr
    *Integrationskurse für Neuzuwanderer (VHS) Fördervolumen 350.000 Euro/Jahr.
    *“JUMINA I, II und III“ – das heißt: „Junge Migranten in Ausbildung“ und ist ein Projekt von Staatlichem Schulamt, Arbeitsagentur und dem Amt für Integration. Fördervolumen 399.000 Euro/Jahr davon 255.000 Euro durch Arbeitsagentur und 144.000 Euro durch das Staatliche Schulamt Stadt und Kreis Offenbach.
    *“MiMi-Hessen 2009: Brücken in den Arbeitsmarkt“ (GOAB GmbH und Amt für Integration). Hier werden Migrantinnen und Migranten als interkulturelle Gesundheitslotsen gewonnen und geschult, die dann ihre Landsleute in der jeweiligen Muttersprache über das deutsche Gesundheitssystem und zu Themen der Gesundheitsförderung und Prävention informieren. Das Projekt richtet sich Menschen mit den Muttersprachen Arabisch, Bosnisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Kroatisch, Persisch, Russisch, Serbisch, Spanisch und Türkisch. Jährliches Fördervolumen: 55.000 Euro, davon 14.400 Euro über Bundesministerium Arbeit und Soziales und 40.600 Euro Landesmittel.
    * Stadtteilbüros im Lauterborn, Nordend und Südliche Innenstadt: ca 300.000 pro Jahr

    …. Und das ist noch keine abschließende Aufzählung; es fehlen die Förderung des Boxclubs Nordend, ein neues Projekt der GOAB, mit dem junge Migranten für einen Job in der Altenpflege fit gemacht werden (Fördervolumen 550.000 Euro in drei Jahren) , die zahlreichen interkulturellen Angebote in der Jugendförderung (etwa Let’s talk about ….) und einiges andere mehr….

  32. Wiebke Rannenberg sagt:

    Nun haben Sie die Frage von Bronski ausführlich beantwortet. Inzwischen waren ja auch einige andere aufgelaufen. Können Sie noch etwas dazu sagen, wie Sie alle Offenbacher, auch die ohne Migrationshintergrund, ins Integrationsboot holen? Die Offenbacher CDU hat kürzlich ein Positionspapier zur Integration veröffentlicht und spricht dort davon, dass es deutschstämmige Offenbacher gebe, die befürchteten, dass ihre Leistungen nicht mehr anerkannt würden. Entspricht das auch Ihren Erfahrungen?

  33. Birgit Simon sagt:

    @ fox
    Ja, diese Tendenz gibt es; die Schulpolitik ist ein wichtiges Problemfeld. Sie kann nicht Schritt halten mit den Anforderungen, die Klassen mit hohem Migrationsanteil haben.
    Das, was wir als Kommune seit vier Jahren einbringen in der Errichtung von Ganztagsklassen, in denen Grundschullehrerin und zwei Erzieherinnen pro Klasse eng kooperieren, ist ein Anfang, der übrigens von vielen Eltern geschätzt wird.
    Aber hier besteht schon seit langer Zeit hoher Handlungsbedarf im Schulsystem selbst.
    Der Erfolg unserer Ganztagsklassen als Offenbacher Modell ist der engen und guten Zusammenarbeit von Jugendamt und Schulen der Akteure in Offenbach geschuldet.
    Zur zweiten Frage: Gibt es Austausch mit anderen Kommunen? Ja, etwa in den Sozialausschüssen des Hessischen und des Deutschen Städtetages, denen ich angehöre, sitzen Sozialdezernentinnen und –dezernenten regelmäßig auch zu Fragen der Integration zusammen. Außerdem bin ich als einzige Kommunalpolitikerin Mitglied der Enquete-Kommission des Hessischen Landtages zum Thema Integration, und bringe meine Erfahrungen zur Lebensrealität und zu den konkreten Integrationsanforderungen in Kommunen in die Diskussion ein.

  34. Birgit Simon sagt:

    @ Mormor
    Dazu zwei Dinge
    1)
    Schule und Lehrerfortbildung sind Ländersache; das erschwert die Zusammenarbeit sehr. Wir haben als Kommune extra Personal in unserem Jugendamt, um die Schnittstelle Jugendhilfe-Schule zusammenzubringen. Manche Projekte stoßen auf Gegenliebe; manche nicht.

    2)
    In Offenbach gibt es seit 10 Jahren ein Kinder- und Jugendparlament, das über alle Schulformen hinweg gewählt wird. Gerade gestern hatten wir die jährliche Kinder- und Jugendkonferenz, zu der das Kinder- und Jugendparlament und ich gemeinsam eingeladen haben. Ein wichtiges Thema der Teilnehmerinnen und Teilnehmer: die Benennung von Kinder- und Jugendbeauftragten in der Verwaltung.

  35. Birgit Simon sagt:

    @ Bronski, # 23
    Sie fragen, ob es auch Menschen gibt, die den Dialog ablehnen – und wie die Deutschen ins Boot geholt werden.

    Natürlich gibt es immer einzelne, die an einem bestimmten Integrationsangebot kein Interesse haben. Dabei handelt es sich aber nicht um die neuerdings viel zitierten „Integrationsverweigerer“. Manchmal besteht auch schlicht kein Bedarf am konkreten städtischen Angebot – nicht jedes Projekt passt schließlich zu jeder Bedarfslage.
    Es gibt sicher auch immer noch Menschen, die wir bisher noch nicht erreichen; die wir aber erreichen wollen und müssen.
    Nun zur Offenbacher Bevölkerung:
    Die Offenbacherinnen und Offenbacher sind eine wesentliche Stütze des Integrationsprozesses. Ohne ihre Eigenaktivität und ehrenamtliche Projekte geht es nicht. Aber auch nicht ohne die Zustimmung für diesen Prozess, unser Zusammenleben zu organisieren – auch wenn es schwierig wird oder manchmal zu langsam geht.
    Nicht jeder nimmt die angebotene Hand – die Ursachen dafür können unterschiedlich sein. Aber gerade dort, wie wir fürchten, es gibt kein Interesse an unserer Gesellschaft, müssen wir dranbleiben.

  36. Wiebke Rannenberg sagt:

    Kommen wir nochmal zu denen, die Interesse an der Gesellschaft haben. „Islamunterricht sollte ein Grundrecht sein“, hat der Offenbacher Imam Fuat Gökcebay gesagt. Vor mehr als einem Jahr hat der Offenbacher Ausländerbeirat, in dem die unterschiedlichen muslimischen Richtungen vertreten sind, einen überkonfessionellen Islamunterricht zu fordern. Was tun Sie und Ihre Magistratskollegen, um diese Pläne zu unterstützen?

  37. Bronski sagt:

    @ all

    Frau Simon wird heute nicht mehr antworten, da sie zur Eröffnung der interkulturellen Wochen muss, wie Sie oben ja auch geschrieben hat. Trotzdem können Sie hier weiterhin Ihre Fragen loswerden. Damit nehmen Sie mir teilweise Arbeit ab, denn manche Fragen wie z.B. die von Maryam #30 wollte ich ebenfalls noch stellen. Macht aber nichts, dass diese Frage nach der interkulturellen Kompetenz jetzt schon kam. Frau Simon wird dann sicher morgen darauf antworten.

  38. BvG sagt:

    Frau Simon,

    würden Sie sagen, daß es die Integration erleichtert, wenn es viele unterschiedliche, etwa gleichgroße Gruppen gibt, oder ist Integration leichter zu erreichen, wenn es eine große “heimische” Gruppe gibt, in die sich kleinere “nicht-heimische” Gruppen integrieren wollen?

  39. Peter Weinberger sagt:

    @24 Birgit Simon

    Wenn manche Einwanderer jahrelang versäumt haben, sich die deutsche Sprache anzueignen, dann ist das kritikwürdig. Oder wie ist Ihre aktuelle Position zur „Zwangsgermanisierung“?

    Wer ernsthaft Integration betreibt, muss auch die wesentlichen Integrationshemmnisse benennen. Das geht nicht ohne “Schuldzuweisungen” und “Vorhaltungen”. Sie benutzen hier leider sehr negative Begriffe. Auch wenn sich dabei die allzu oft empfindlichen Muslime provoziert oder gedemütigt fühlen haben diese selbstverständlich immer friedlich zu bleiben, wie alle anderen an der Diskussion Beteiligten auch. Wer sich in diesem Zusammenhang vor der Überreaktion gewaltbereiter Muslime fürchtet und deshalb Selbstzensur betreibt leidet tatsächlich unter Islamophobie.

    Der Diskurs über Integration muss offen und ehrlich geführt werden, dies war in der Vergangenheit nicht so, und hat dadurch erst zu den Problemen geführt, die wir heute haben. Erfreulicherweise hat Sarrazins Buch in den vergangen Wochen hier etwas positives in Gang gebracht. Hoffentlich können wir in 10 Jahren genauso entspannt über Mohammed und den Islam sprechen, lästern, oder spotten wie wir es beim Christentum längst gewohnt sind. Die Produzenten von Monty Python’s Life of Brian, Herbert Achternbusch oder Titanic-Redakteure leben völlig unbehelligt, trotz ihrer teils herzerfrischend ätzenden (und womöglich für einige verletzenden) Kritik am Christentum. So wünsche ich es mir auch für Kurt Westergaart, Molly Norris oder Salman Rushdie. Das ist Grundvoraussetzung für ein friedliches Zusammenleben, und nicht Leisetreterei.

    Warum eigentlich haben auch Sie als eine im Bereich Intergration aktive Politikerin dieses politische Buch zum Thema nicht gelesen?

    Etwa weil es zu kontrovers ist? Oder wollen Sie “Herrn Sarrazin nicht reich machen” (ich habe da schon die absurdesten Ausreden gehört)?

  40. Birgit Simon sagt:

    @ Maryam am 22. September 2010 um 14:45

    Die genannte Öffnung der Verwaltung ist ein wichtiger Baustein zur Integration – und meines Erachtens überfällig. Deshalb begrüße ich die entsprechenden Initiativen, die derzeit vielerorts auf ein entsprechendes Umdenken hinwirken.
    Das Thema Interkulturellen Öffnung der Stadtverwaltung und Ihrer Gesellschaften als ein wichtiges Ziel der Stadt ist auch in Offenbach von Bedeutung; ein politischer Beschluss hierzu liegt vor – als Bekenntnis der Offenbacher Stadtpolitik im Oktober letzten Jahres zur „Kulturellen Vielfalt am Arbeitsplatz in der Stadtverwaltung Offenbach einschließlich der städtischen Gesellschaften“ (so der Titel).
    Mit diesem Beschluss wurde der Magistrat beauftragt…

    a) bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie
    jugendlicher Auszubildender interkulturelle Kompetenzen gezielt und
    verstärkt zu berücksichtigen und zu fordern;

    b) zielgenau auf die Bedürfnisse von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
    sowie jugendlicher Auszubildender mit Migrationshintergrund
    ausgerichtete Unterstützungs-, Fort- und Weiterbildungsangebote
    bereitzustellen;

    c) darauf hinzuwirken, dass in den städtischen Gesellschaften in gleicher
    Weise verfahren wird.

    Mit diesem Beschluss erhält der Bereich Interkulturelle Kompetenz in der Verwaltung, der in Offenbach schon immer ein Thema war, einen weiteren Schub.
    Konkret wird der Beschluss dazu führen, dass zukünftig bereits bei der Festlegung der Anforderungsprofile von zu besetzenden Stellen zu prüfen ist, ob auf dem jeweiligen Arbeitsplatz interkulturelle Kompetenzen zu fordern sind.
    Besonders betroffen hiervon sind Organisationseinheiten mit Publikumsverkehr (z.B. Bürgerbüro, Ausländeramt, Sozialamt, Jugendamt, Wohnungs-, Versicherungs- und Standesamt) – also auch die Schnittstellen, welche die kommunalen Dienstleistungen im Bereich sozialer Dienste abdecken.

    Damit ist gewährleistet, dass sich dieses Anforderungsprofil in der Stellenausschreibung abbildet und bei der späteren inhaltlichen Gestaltung des Auswahlverfahrens sowie im Rahmen der geforderten Bestenauslese berücksichtigt werden muss.
    Außerdem wird das Merkmal interkulturelle Kompetenz mehr als bisher Gegenstand zukünftiger Führungskräfteentwicklungsprogramme werden. Im vorstehenden Sinne werden auch die Eignungstests für die Auswahl von Auszubildenden überprüft und ggf. angepasst.
    Dies alles ist ein wichtiger Beitrag zur interkulturellen Öffnung der Stadtverwaltung Offenbach und folgt dem Ziel der Bewältigung und Gestaltung von Zuwanderung. Die Zusammensetzung der kulturellen Vielfalt der Offenbacher Stadtbevölkerung soll sich auch in der Stadtverwaltung und ihrer Gesellschaften abbilden.

    Interessant sind in diesem Zusammenhang auch unsere aktuellen Zahlen, denen zufolge wir im Bereich der Ausbildung die geforderte Quote bereits erreicht haben: So sind von den 11 Ausbildungsstellen nach dem Berufsbildungsgesetz, die seit dem seit dem Jahr 2003 eingerichtet worden sind, derzeit 5 Stellen von Auszubildenden mit Migrationshintergrund besetzt, was einer Quote entspricht, die über der Quote der Offenbacher Bevölkerung mit Migrationshintergrund liegt.

  41. Birgit Simon sagt:

    @ Wiebke Rannenberg am 22. September 2010 um 17:09:

    Frau Rannenberg, Sie sprechen das Thema Islamunterricht an und fragen, wie der Offenbacher Magistrat Pläne zur Einführung des Islamunterrichts unterstützt.

    Ich gehe davon aus, dass Ihnen die oben bereits diskutierte Zuständigkeit für inhaltliche Fragen der Schulbildung inkl. Lehrplänen, Lerninhalten etc bekannt ist, und dass es Sie deshalb nicht überrascht, dass über einen Islamunterricht von den Kultusministerien der Länder entschieden wird, und nicht von den Kommunen.

    Ich vertrete die Auffassung, dass es für Schülerinnen und Schüler muslimischen Glaubens schulische Angebote analog dem katholischen oder evangelischen Religionsunterricht geben sollte. Selbst in der Hessischen Landesregierung ist dieses Thema ja inzwischen angekommen und wird verfolgt.

    Das „ob“ ist deshalb nicht mehr die zentrale Frage. Nun geht es um das „wie“, also die konkrete Umsetzung. Ich plädiere wie die Grünen im hessischen Landtag dafür, in einem ersten Schritt ein Fach „Islamkunde“ einzurichten – so lange, bis die offenen Fragen zur Umsetzung und Gestaltung eines Islamunterrichts geklärt sind.

  42. Bronski sagt:

    Guten Morgen, Frau Simon, und Dank für Ihre Antworten sowie für Ihre Bereitschaft, noch zwei Tage an unseren Blogtalk dranzuhängen.

    Jetzt stehen erst mal noch Antworten auf die Kommentare #38 und 39 aus. Anschließend komme ich mit unserer nächsten Frage.

    Zum heutigen Fahrplan: Ich werde jetzt in die Redaktion fahren und gegen 11:30 Uhr wieder online sein. Bis 16:00 Uhr kann ich weitere Fragen einbringen, danach wäre meinerseits für heute Schluss mit Beiträgen. Das passt ganz gut damit zusammen, dass Sie um 17 Uhr in die Stadtverordnetenversammlung müssen, nicht wahr?

  43. Birgit Simon sagt:

    @ 38, BvG am 22. September 2010 um 18:08:

    Diese Frage muss ich meinerseits mit einem Fragezeichen versehen – denn Integration ist doch – nach meinem Verständnis – die Ausbildung einer Gemeinschaft, indem bisher nicht vertretene Gruppen in einen gemeinsamen gesellschaftlichen Entwicklungsprozess einbezogen werden. (Oder, um es mit wikipedia zu sagen: die „Ausbildung einer Wertgemeinsamkeit mit einem Einbezug von Gruppierungen, die zunächst oder neuerdings andere Werthaltungen vertreten“).

    Insofern besteht die Anforderungen der Integration doch gerade darin, dass es eine so genannte Mehrheitsgesellschaft gibt, mit bestehendem, eigenen Wertesystem und entsprechenden kulturellen Traditionen und kleineren Gruppen mit anderen Systemen.
    Treffen hingegen mehrere gleichgroße Gruppen aufeinander, ist die Ausgangslage doch eine ganz andere – und der klassische Begriff der Integration greift hier nach meinem Verständnis deshalb nicht.

    Aber ich möchte nicht zu philosophisch, sondern konkret werden: die Größe von einzelnen Gruppen ist nach meiner Überzeugung generell kein geeignetes Kriterium für Integrationspolitik. Es geht doch letztendlich immer um das Erkennen von konkreten Integrationserfordernissen und –hemmnissen und um das Bereitstellen entsprechender Strukturen – und vor allem um Beweglichkeit, Toleranz und Motivation in allen vorhandenen Gesellschaftlichen Gruppen. Denn Integration ist eine Gemeinschaftsaufgabe der ganzen Gesellschaft.

  44. Wiebke Rannenberg sagt:

    Frau Simon, zur Migrantenquote und zum Islamunterricht möchte ich zwei Aspekte nochmal wiederholen und erneut fragen: Sind Sie, so wie die Bundesgrünen, dafür, in den Kommunalverwaltungen eine Migrantenquote einzuführeh? Derzeit haben in Offenbach 31 von 1000 Beschäftigten einen ausländischen Pass, das sind drei Prozent.
    Beim Islamunterricht ist schon klar, dass Sie ihn nicht einführen können. Die Frage war ja, wie sie das Ansinnen der Offenbacher Muslime unterstützen und bei der Landesregierung dafür werben.

  45. Birgit Simon sagt:

    @ # Peter Weinberger am 22. September 2010 um 18:37

    Sprachkenntniss ist der Dreh- und Angelpunkt gelingender Integrationsmaßnahmen. Integration braucht Kommunikation – wie soll das gelingen, wenn wir den anderen nicht verstehen und uns selbst nicht verständlich machen können.

    Ja, ich würde soweit gehen zu behaupten, dass, wer das Erlernen der Deutschen Sprache aktiv verweigert, sich auch der Integration verweigert.

    Und gleich noch einmal stimme ich Ihnen zu: nur der offene und ehrliche Dialog bringt uns weiter. Wir haben in Offenbach jedenfalls keine rosa Integrationsbrille auf, sonst könnten wir auch gar nicht mit unseren Integrationsmaßnahmen immer wieder an zentralen Erfordernissen anknüpfen – aktuell durch unsere gezielte Ansprache von Frauen und ihren Familien.

    Denn: Wer vorhandene Problemlagen verschweigt, arbeitet letztendlich nur denjenigen gesellschaftlichen Kräften in die Hände, die radikale Lösungen suchen, welche mit einem liberalen, toleranten und weltoffenen Weltbild nicht im Einklang sind.

    An der Diskussion um das von Ihnen genannte Sarrazin-Buch wird das deutlich: die Weltverbesserer und Stammtische haben sich zuerst zu Wort gemeldet, um uns die Welt zu erklären und sich gegenseitig zu beschimpfen. Davon halte ich wenig. Als Integrationsdezernentin habe ich ein weiter gehendes und pragmatisches Verständnis von den Erfordernissen an gelingende und nachhaltige Integrationspolitik.

  46. Peter Weinberger sagt:

    @45 Birgit Simon

    Prima, da sind wir uns ja soweit einig. Nur meine Frage, warum Sie das Buch nicht gelesen haben, ist noch offen.

  47. Bronski sagt:

    Ich erlaube mir, Peter Weinbergers Frage etwas anders zu fassen:

    Frau Simon, sind Sie der Meinung, dass man Sarrazins Buch gelesen haben muss, um Integrationspolitik vor Ort zu machen?

    Für den Fall, dass Sie vor 17 Uhr noch dazu kommen, eine weitere Frage zu beantworten:

    Ganz zu Anfang unseres Talks hatten Sie bereits angemerkt, dass Bund und Land Ihre Politik nicht ausreichend unterstützen würden. Die Stadt Offenbach unterstützt darum eine Grundrechtsklage des Hessischen Städtetages gegen das Land Hessen im Zusammenhang mit den Landesvorgaben für Kinderbetreuung. Wie groß ist der Mehrbedarf?

  48. ChristosV sagt:

    Leider wurden meine bisherigen Aussagen nicht kommentiert. Hingegen wurde viel über Integrationsprojekte für Randgruppen gesprochen worden, die selbst unter den Ausländern eine Ausnahme sein dürften.

    Ich persönlich halte von Projekten nicht viel, meine Eltern hatten auch keine Kurse und Projekte belegt, sondern wurden durch das Arbeitsleben „integriert“. Deren deutsche Kollegen mussten dafür die fast vergessenen Englisch- und Französischkenntnisse herauskramen. Nicht aus blieben mitunter komische Missverständnisse, die später als Anekdoten in die Bürogeschichte eingingen.

    Vierzig Jahre später hat die Stadt Offenbach einen Ausländeranteil von über 30%, und bei fast 1000 kommunal beschäftigten Personen sind kurioserweise nicht mal 30 davon Ausländer, die womöglich nur in Tätigkeiten sind die eine Affinität zur Integration fordern.

    Integration bedeutet der Wille der Mehrheit Minderheiten in den Club der Gesellschaft aufzunehmen, nicht Kurse anzubieten. Die Frage die mich interessiert, auf welche Art und Weise die Mehrheit in die Pflicht genommen wird, beispielsweise eine ethnische Einstellungspolitik auf dem Arbeitsmarkt zu ändern.

  49. Bronski sagt:

    ChristosV meint Kommentar #27

    Wobei ich nicht verstehe, Christos, was Sie mit „Klischee-Ausländer“ meinen

  50. ChristosV sagt:

    PS. Und wie das Beispiel meiner Eltern zeigt, nicht die Sprachkenntnisse sind die Vorraussetzung einer gelungenen Intergration sondern die Bereitschaft Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Jährlich verlassen 50.000 türkischstämmige Akademiker Deutschland, mit Abitur und Hochschulabschluss.

    Die Grundvoraussetzung ist nicht die Sprache Frau Simon, es ist der Nachname, vielleicht auch die Farbe der Haut.
    Genug der Kurse, mobilisieren Sie endlich die Bevölkerungsmehrheit ihre Grundwerte auch mal in die Taten umzusetzten, statt für Steuergelder Kurse.

  51. ChristosV sagt:

    Bronski, bitte halten Sie sich nicht mit einem Wort auf. Mit „Klische-Ausländer“ meine ich die Ausländer von denen stets die Rede ist. Die Majorität der Türken in Deutschland verfügt, entgegen den Klischees beispielsweise über sehr gute Deutschkenntnisse, und braucht keine Sprachkurse.

  52. Peter Weinberger sagt:

    @47 Bronski

    Ich verstehe überhaupt nicht, warum Sie den Sinn meiner Frage verfälschen und in eine Suggestivfrage uminterpretieren. Als Moderator sollten Sie (zumindest nach meinem Verständnis) neutral bleiben. Dies ist Ihnen leider auch schon beim Integrationsblog nicht gelungen.

    Natürlich kann man zur Not auch ohne Kenntnis des Buches Integrationspolitik vor Ort machen. Diese Aussage ist banal, dazu Bedarf es keiner Antwort von Frau Simon.

    Von verantwortungsbewussten Politikern sollte man aber erwarten können, dass sie sich (gemäß Schwerpunkt des eigenen Politikfeldes) entsprechend kundig machen. Dazu gehört beim Thema Integration meiner Ansicht nach das zurzeit überall diskutierte Buch von Sarrazin. Stammtischniveau hat in diesem Zusammenhang nicht das Werk selbst, sondern die Art und Weise, wie viele Politiker und Medien darauf reagiert haben.

  53. Bronski sagt:

    @ Peter Weinberger

    Sie werden mir nicht vorschreiben, in welcher Weise ich hier zu wirken habe. Möglicherweise verstehen Sie diese Funktion gar nicht? Ich bin hier Moderator und Hausherr, und Sie werden das Gastrecht, das Sie hier genießen, bitte nicht weiter mit Füßen treten. Das haben Sie mit Ihren kruden Thesen schon lange genug getan, ohne jemals auf meine Gegenargumente eingegangen zu sein.

    Ihre Frage steht weiter im Fragekatalog, und es steht Frau Simon frei, sie zu beantworten. Mich interessiert diese Antwort nicht eine Sekunde lang, weil ich denke, dass Frau Simon die Situation vor Ort kennt und dass Ihr die lange bekannten Fakten, die Sarrazin aufzählt und als neu verkauft, natürlich bekannt sind. Die Frage, warum sie das Buch nicht gelesen hat, ist daher völlig uninteressant. Und jetzt Schluss damit!

    @ Frau Simon

    Lassen Sie sich von dieser Auseinandersetzung nicht stören. Unser Interesse gilt einzig und allein der Integrationspolitik in Offenbach. Sie können daher auch die erste meiner Fragen in #47 einfach übergehen.

  54. Birgit Simon sagt:

    @ 44; Frau Rannenberg

    Frau Rannenberg,

    sie Fragen, ob ich für eine Migrantenquote bin.

    Ehrlich gesagt, halte ich den oben von mir beschriebenen Beschluss für die Offenbacher Verwaltung für den besseren Weg. Die Offenbacher Grünen hatten die Initiative zu diesem Antrag und er wurde innerhalb der Partei lange und intensiv diskutiert – auch hinsichtlich der Frage, ob eine Quote nicht das bessere Mittel sei.

    Doch hier hätte die Kommune bei einem Alleingang mit bereits bestehenden gesetzlichen Verpflichtungen ein gewisses Problem, denn es existieren bereits übergeordnete Vorgaben zu der Frage, wer wann einzustellen ist – das betrifft vor allem die Regelungen zur gesetzlichen Gleichstellung von Mann und Frau oder die – auch bei uns gegebene – bevorzugte Einstellung von Menschen mit Behinderungen. Denn auch für die Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt ist die Kommune in der Pflicht.

    Ich gebe in diesem Zusammenhang auch zu bedenken, dass die pauschale Quote nicht auf alle Gebiete passt. Die Frauenbeauftrage unserer Feuerwehr stellt im Zweifelsfall bei gleicher Eignung lieber Sabine ein als Ali, denn hier sind Frauen hoffnungslos unterrepräsentiert.

    Im Altenheim würde ich für den Pflegebereich – gerade vor dem Hintergrund, dass viele alte männliche Migranten in Zukunft verstärkt zu den Bewohnern zählen werden – bei gleicher Eignung Osman anstatt Petra bevorzugen.

  55. Birgit Simon sagt:

    @ 46 + 47 …. Sarrazin usw…. / Klage Mindestverordnung

    Nein, Ich bin nicht der Meinung, dass man das Buch gelesen haben muss. Interessant ist auch, dass bisher keiner der Fachleute, mit denen wir jahrelang im Diskurs über Integration stehen, zu einer Diskussion über das Buch eingeladen hat. Weder die Fachwelt noch die unterschiedlichen, mit dem Thema Integration befassten Gruppen der Offenbacher Stadtgesellschaft, die sich diesbezüglich ebenfalls nicht geäußert haben, hat dieses Bedürfnis offenbar bisher verspürt.

    Zu nächsten Frage: Bei der Klage gegen die so genannte Mindestverordnung (die unter anderem den Personalschlüssel in unseren Kindertagesstätten vorschreibt) reden wir von einer Dimension von rund 1,3 Millionen Euro, die uns nach unserem Verständnis zustehen; denn wir haben die Forderung schon vor Inkrafttreten erfüllt und verstehen nicht, warum wir deshalb leer ausgehen sollten. (Details hier: http://www.offenbach.de/offenbach/themen/rathaus/politik/magistrat/dezernat-ii-buergermeister/article/buergermeisterin-birgit-simon-besteht-auf-landesmittel-fuer-mehrkosten-in-der-kinderbetreuung-stadt-unterstuetzt-klage.html)
    Formal geht es also um Erzieherinnenstellen – aber sie haben Recht: auch die Integration ist betroffen, denn unsere Kitas sind die ersten Bildungseinrichtungen und die ersten Orte, an denen wir gezielt auf institutioneller Ebene Familien mit kleinen Kindern erreichen können.

  56. Birgit Simon sagt:

    @ ChristosV #48ff

    Das ist sehr schön für Ihre Eltern und im Nachgang sicherlich auch für Sie, dass deren Integration so reibungslos wie von Ihnen beschrieben geklappt hat. Auch ich kenne viele positive Integrationsbeispiele – mit Personen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen.

    Aber was sagt uns das? Offensichtlich gibt es keinen Automatismus für Integration, sondern die Verläufe sind unterschiedlich, mal einfach, mal sehr schwierig. Diesen Prozess wo nötig zu unterstützen, das ist für mich Integrationspolitik. Oder welche allgemeine Schlussfolgerung für die ganze Gesellschaft wollen Sie aus der persönlichen Lebensgeschichte Ihrer Eltern ziehen?

    Zum von Ihnen angesprochenen Thema Ausländeranteil in der Verwaltung. In der Diskussion sind wir schon viel weiter, denn inzwischen haben alle erkannt, dass in den Aspekten der Integration nicht der Pass ausschlaggebend ist, sondern wir reden vom so genannten Migrationshintergrund, der dann gegeben ist, wenn mindestens ein Elternteil in einem fremden Land geboren wurde. Dieser ist deutlich schwerer zu erfassen als die Staatsangehörigkeit; schließlich geht es den Arbeitgeber streng genommen nichts an, wo die Eltern der Beschäftigten geboren sind. Dennoch kann ich sagen: Unter den Kolleginnen und Kollegen im Rathaus begegnen mir täglich zahlreiche Menschen mit so genanntem Migrationshintergrund – vom Bürgerbüro bis zum Kindergarten.

    Noch kurz zur Einstellungspolitik und der Frage, was die Mehrheit tun kann: ich verweise ich auf meine obige Antwort zum Thema Interkulturelle Öffnung der Verwaltung. Dort habe ich einen Beschluss zitiert, den die demokratisch gewählte Mehrheit der Offenbacher Stadtverordneten gefasst hat.

  57. BvG sagt:

    @Simon #43,
    bin leider den ganzen Tag unterwegs gewesen.
    Vielen Dank für die Beantwortung von #38.
    Meine sehr theoretischen Fragen beziehen sich in der Praxis auf die erwähnten Eigenschaften „Beweglichkeit, Toleranz und Motivation“.

    1. Ein Hintergrund meiner Frage ist die Vermutung, daß gleichgroße Gruppen sich im wesentlichen durch ihre kulturellen Eigenschaften unterscheiden, jedoch dieselben Probleme in der gegenseitigen Annäherung überwinden müssen.
    Dabei ist für mich die Frage interessant, ob ein Gleichgewicht eher zu stärkerer Konkurrenz und Abkapselung führt oder eher zur Erkenntnis gleicher Probleme und Ziele und gegenseitigem Verständnis. (Beweglichkeit, Toleranz und Motivation)

    2. Der zweite Hintergrund ist die Vermutung, daß eine größere (heimische) Gruppe
    vielleicht das stärkere Beharrungsvermögen besitzt und deshalb weniger integrativ handelt und deshalb kleinere Gruppen eher zu Anpassung zwingt oder ablehnt, auch weil sie ein größeres Gewicht hat und deshalb Wege vorzeichnen kann.
    Sie kann aber auch, aus der Position der Sicherheit heraus, großzügiger und flexibler auf andere Menschen reagieren, zum Beispiel deshalb, weil die Einzelnen mehr Rückhalt erfahren, Konflikten besser begegnen können o.ä. (Beweglichkeit, Toleranz)
    Näher betrachten muss man vielleicht die Motivation.

    Vielleicht können andere noch ein bisschen zu meinen Fragen beitragen.

  58. Bronski sagt:

    Ich erlaube mir, BvGs vorangegangene Frage etwas anders zu fassen:

    Führen gleich große Gruppen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen Ihrer Meinung nach in den Integrationsbemühungen zu mehr Konkurrenz untereinander, also zu gegenseitiger Abgrenzung, oder zu mehr Orientierung Richtung Problemlösung? Oder entwickelt eine größere Gruppe von schon länger hier Beheimateten Integrationsdruck auf kleinere Gruppen, von denen sie will, dass sie sich anpassen? Und warum?

    (Ist aber wirklich sehr theoretisch, BvG! 😉 )

    Ich hab eine etwas konkretere Frage. Frau Simon, Sie sagten in #55:

    „Interessant ist auch, dass bisher keiner der Fachleute, mit denen wir jahrelang im Diskurs über Integration stehen, zu einer Diskussion über das Buch eingeladen hat.“

    Dieser Diskurs über Integration scheint von der Öffentlichkeit nicht so recht wahrgenommen zu werden, denn offensichtlich hatten viele Deutsche bei Erscheinen des Sarrazin-Buchs den Eindruck, dass hier lange verschwiegene Wahrheiten endlich auf den Tisch kämen. Tatsächlich gibt es aber, wie Sie sagen, einen jahrelangen Diskurs über Integration. Haben Sie ein Kommunikationsproblem damit, Ihre Arbeit in die Öffentlichkeit zu bringen? Oder liegt es an den Medien, die sich eines Themas immer nur annehmen, wenn es durch ein schlagzeilenträchtiges Ereignis – wie etwa das Erscheinen des Sarrazin-Buchs – in den Fokus rückt?

  59. Bronski sagt:

    Bei der Klage des Hessischen Städtetages gegen das Land Hessen geht es letztlich darum, dass der Stichtag, der über die Zuteilung von Landesgeldern für die Förderung der Kinderbetreuung entschied, nachträglich festgelegt wurde. Die Stadt Offenbach hatte zu diesem Stichtag eine Qualität der Kinderbetreuung, die nach Lesart des Landes keine weitere Förderung aus Landesmitteln erübrigte. Werfen Sie der Landesregierung Trickserei vor?

  60. Bronski sagt:

    Liebe Frau Simon,

    da heute unser letzter Blogtalk-Tag ist und wir fertig werden wollen, stelle ich die letzten Fragen, die wir an Sie haben, en bloc hier hinein. Dabei möchte wir auch noch was zur Bildung wissen, auch wenn das nicht Ihre Domäne ist: Bildung, insbesondere die kindliche, gilt ja als entscheidend für den Integrationserfolg.

    Doch zunächst noch ein Fragen zum Zusammenleben in Offenbach.

    1. In Offenbach gibt es mehrere Moscheen, ich glaube, sieben an der Zahl. In der türkisch-islamischen Moschee in der Bleichstraße wirkt neben zwei Imamen eine Imamin. In der Sandgasse ist ebenfalls eine muslimische Theologin aktiv. Haben Sie Kontakt zu diesen Frauen? Wie reagieren die männlichen Muslime?

    2. Die Imame der türkisch-islamischen Moschee werden durch ein vom türkischen Staat finanziertes Austauschprogramm für ein paar Jahre hierhergeschickt. Die Vermittlung besorgt die DITIB, einer der in Deutschland wirkenden – und in der Kritik stehenden – Dachverbände deutscher Muslime. Der Bundesinnenminister redet nicht mehr mit den DITIB-Vertretern; zumindest hat er sie vom runden Integrationstisch verbannt. Welchen Einfluss nimmt der türkische Staat über die DITIB auf die Offenbacher Integrationspolitik?

    3. Bildung: In der Vergangenheit sind in vielen Städten, auch in Offenbach, Fehler beim Zuschnitt der Schuleinzugsbezirke gemacht worden. Exemplarisch kann man das in Darmstadt beobachten, im Vergleich der Stadtteile Eberstadt und Kranichstein. In Kranichstein hat man sich schon vor Jahrzehnten für eine große Grundschule entschieden, die zu einer Gesamtschule mit guten Erfolgen auch in der Integration der Kinder erweitert wurde. Ist Kranichstein für Sie ein Vorbild?

    4. In Offenbach gibt es Schulen mit einem sehr hohen Ausländeranteil, etwa die Wilhelmschule in der östlichen Innenstadt. Was hat das für Konsequenzen für das Sozialverhalten dieser Kinder, und wie gehen Sie damit um?

    5. Im Zuge der Deregulierung in der Bildungspolitik ist die Wahlfreiheit der Eltern gewachsen, auf welche Schule sie ihre Kinder schicken wollen. Tendenziell werden sie sich wohl eher gegen eine „Problemschule“ entscheiden und für eine Schule, an der der Bildungserfolg halbwegs garantiert ist. Beobachten Sie dieses Problem auch in Offenbach?

    6. Nun hat Offenbach neuerdings die Erasmusschule, deren Schirmherrin Sie sogar sind. Damit hat Offenbach ein Ganztags-Schulprojekt umgesetzt, das viele als vorbildlich ansehen. Sogar Frankfurter sollen deswegen schon nach Offenbach umgezogen sein – was ja an sich unglaublich ist. Das Erasmus-Bildungshaus setzt einen Bildungstraum um: Ganztagsbetreuung der Kinder von der Kita an, flexible Schulschlusszeiten je nach Elternbedürfnissen, relativ kleine Jahrgangsgruppen, Mehrsprachigkeit. Aber: Es befindet sich in freier Trägerschaft, und der Besuch dieser Privatschule kostet 300 Euro im Monat. Fördern Sie mit so einem Angebot nicht gerade die Desintegration? Wäre das nicht ein Angebot, dass allen Offenbachern gemacht werden müsste, nicht nur denen im Westend?

    Und 7. (letzte Frage): Der Frankfurter Professor Frank-Olaf Radtke hat im Zuge von HEGISS die Kommunen Wiesbaden und Darmstadt hinsichtlich ihrer Bildungspolitik untersucht. Seinem Vortrag „Bildungsdefizite, Schulsegregation und das Integrationsinteresse der Kommunen“ entnehme ich die These, dass das Schulsystem in puncto Gerechtigkeitsfrage keine korrigierende Instanz ist. Er schreibt: „Wenn wir so etwas wie ‚Parallelgesellschaften‘ beobachten können, müssen wir feststellen, dass diese Parallelgesellschaften – jedenfalls, was den Schulbereich angeht – nicht von integrationsunwilligen Migranten ausgehen, sondern von der deutschen Mittelschicht: von Eltern, die ihre Wahlmöglichkeiten in Bezug auf das Schulsystem nutzen, um ihre Vorteile, ihre Privilegien in diesem Schulsystem zu sichern, und von Lehrkräften die im Zuge der Profilbildung und der Organisation von Bildungsmärkten die Schülerinnen und Schüler auswählen, mit denen sie möglichst problemlos arbeiten können.“ Wie wollen Sie die Gerechtigkeitsfrage in Hinsicht auf die Integration beantworten?

    Viel Stoff, ich weiß – und hoffe, dass Sie Zeit zum Antworten finden.

  61. fox sagt:

    Hallo Frau Simon,
    vielen Dank nochmal für Ihre Antworten. Meine letzten Fragen werden von Bronski #60 zum Teil schon gestellt.

    Zwei bleiben übrig.
    Wie stehen Sie zu den Forderungen von Politikern unterschiedlicher Parteien, dass Immame und v.a. islam. Religionslehrer in Deutschland ausgebildet werden sollen?

    Die meisten Soziologen bewerten Integrationsfortschritte nach den Kontakten, die Einwanderer zu der „einheimischen“ Bevölkerung aufbauen (und umgekehrt). Wie sieht es in Offenbach mit den Verbindungen und Beziehungen zwischen deutschen und eingewanderten Bürgern aus? Haben auch die unterschiedlichen Migrantengruppen untereinander Kontakt? Wie wird eine Vernetzung, außer durch die von Ihnen bereits beschriebenen Methoden, gefördert?

    MfG

  62. Birgit Simon sagt:

    60 # Bronski am 24. September 2010 um 09:54:

    Hallo Bronski,
    im Text habe ich meine Antworten gleich hinter die Fragen geschrieben. Vorneweg aber noch ein Hinweis zu Ihren einleitenden Worten. Sie schreiben, die Bildung sei nicht meine Domäne. Dazu: wer mit Kindern und Jugendlichen arbeitet – ist immer für Bildung zuständig!

    ………………………………
    1. In Offenbach gibt es mehrere Moscheen, ich glaube, sieben an der Zahl. In der türkisch-islamischen Moschee in der Bleichstraße wirkt neben zwei Imamen eine Imamin. In der Sandgasse ist ebenfalls eine muslimische Theologin aktiv. Haben Sie Kontakt zu diesen Frauen? Wie reagieren die männlichen Muslime?

    Antwort:

    Ja. Diejenigen männlichen Muslime, die ich kenne, sind stolz darauf.
    ………………………………

    2. Die Imame der türkisch-islamischen Moschee werden durch ein vom türkischen Staat finanziertes Austauschprogramm für ein paar Jahre hierhergeschickt. Die Vermittlung besorgt die DITIB, einer der in Deutschland wirkenden – und in der Kritik stehenden – Dachverbände deutscher Muslime. Der Bundesinnenminister redet nicht mehr mit den DITIB-Vertretern; zumindest hat er sie vom runden Integrationstisch verbannt. Welchen Einfluss nimmt der türkische Staat über die DITIB auf die Offenbacher Integrationspolitik?

    Antwort:

    Zumindest keinen sicht- oder spürbaren. Wo wir mit ausländischen Verbänden und Vereinen, auch Moscheevereinen, gemeinsam an Integrationsprojekten arbeiten oder – wie etwa im Rahmen der Interkulturellen Wochen – Angebote an die Stadtgesellschaft rund um die vielfältigen Aspekte von Integration gerichtet werden, spielt DITIB keine herausragende Rolle.
    Aber vielleicht ist es in diesem Zuzsammenhang interessant für Sie zu erfahren, dass die Stadt Offenbach so genannte Orientierungs und Sprachkurse für Imame anbietet, an denen alle Imame Offenbachs teilnehmen.
    Diese sollen den Imamen zum einen die Möglichkeit geben, an der Gesellschaft zu partizipieren. Zum anderen sollen sie es den Imamen erleichtern, als Multiplikatoren mit sozialer Funktion für die Gemeinde zu fungieren, in der sie wirken.
    Außerdem sollen die Imame in die Lage versetzt werden, auf Wunsch oder bei Bedarf Gebete und Predigten in deutscher Sprache halten zu können, z.B. an einem Tag der Offenen Tür in der Moschee. Auch sollen Sie selbst an Diskussionen zu interreligiösen Fragestellungen teilnehmen und mitwirken können.

    Schwerpunkte der Orientierungskurse sind

    • Besuch der Offenbacher Museen mit Führung
    • Besuch der Stadtbücherei mit Führung
    • Stadtführung an Orte des Gedenkens (Migrationsgeschichte, Stolperstein, Gedenktafeln etc.)
    • Besuch der Stadtverordnetenversammlung
    • Besuch des Bürgerbüros
    • Vorstellung der Angebote für Kinder und Jugendliche
    • Vorstellung des Integrationskonzeptes
    • Vorstellung des Altenplans
    • Friedhofneugestaltung
    • Vorstellung der Angebote des Klinikum Offenbach
    • Vorstellung des Kulturwegweiser
    • Vorstellung der Migrationsberatung
    • Vorstellung der Angebote der vhs, des Selbstlernzentrums, der Servicestelle Bildung, Einbürgerungstest
    • Vorstellung der Ausländerbehörde Offenbach
    • Führung für Neubürger
    • Begegnung mit dem Team der Interkulturellen Wochen

    Grundsätzlich noch zur Kritik an muslimischen Verbänden: hier existieren harte Kriterien, mit wem Zusammenarbeit stattfinden kann und mit wem nicht – dies letztendlich zu bewerten ist Aufgabe des Verfassungsschutzes
    ………………………………

    3. Bildung: In der Vergangenheit sind in vielen Städten, auch in Offenbach, Fehler beim Zuschnitt der Schuleinzugsbezirke gemacht worden. Exemplarisch kann man das in Darmstadt beobachten, im Vergleich der Stadtteile Eberstadt und Kranichstein. In Kranichstein hat man sich schon vor Jahrzehnten für eine große Grundschule entschieden, die zu einer Gesamtschule mit guten Erfolgen auch in der Integration der Kinder erweitert wurde. Ist Kranichstein für Sie ein Vorbild?

    Antwort:

    Wie an anderer Stelle im Blogtalk schon ausgeführt: das gesamte System Schule hinkt hinter den Ansprüchen her. Problematisch ist nicht nur, dass wir uns in Deutschland inzwischen das traurige Alleinstellungsmerkmal in Europa leisten, kein echtes, flächendeckendes Ganztagsangebot für alle Schülerinnen und Schüler zu haben. Auch Lern- und Lehrkonzepte sowie Inhalte, Lehrerausbildung und und und müssten vor dem Hintergrund meines Bildungsverständnisses und vor dem Hintergrund der heutige gesellschaftlichen Anforderungen (Hierbei auch Integration mitgedacht) auf den Prüfstand.
    Sicher kann man unter diesen Voraussetzungen an kleinen Stellschrauben wie den Schuleingangsbezirken herumdoktorn – doch zu Ihrem Beispiel Darmstadt muss man auch mitdenken, dass die soziale Zusammenstellung Offenbachs sich von der in Darmstadt unterscheidet.
    Wir haben uns für einen anderen Weg entschieden: konsequent befördern wir an den Schulen mit dem größten Bedarf unser Offenbacher Ganztagsklassenmodell, damit erreichen wir die Menschen, um die es geht, direkt – und ordnen sie nicht lediglich anderen Planquadraten zu.

    ………………………………

    4. In Offenbach gibt es Schulen mit einem sehr hohen Ausländeranteil, etwa die Wilhelmschule in der östlichen Innenstadt. Was hat das für Konsequenzen für das Sozialverhalten dieser Kinder, und wie gehen Sie damit um?

    Antwort:

    Jugendhilfe und Schule sind in Offenbach sehr eng verzahnt. Das ist nicht in allen Städten so, denn – wie an anderer Stelle im Blogtalk schon festgestellt – sind beide Institutionen unterschiedlichen Behörden und Verwaltungssystemen zugeordnet. Es funktioniert trotzdem, weil alle Akteure sich engagieren und kooperieren, wie ich an dieser Stelle mit großem Lob auch an die Adresse des Staatlichen Schulamtes mitteilen kann.
    Kooperationsaktivitäten des Jugendamtes bestehen mit den sechs Offenbacher Haupt-/Real- und Gesamtschulen Zusätzlich gibt es noch eine Zusammenarbeit von Schulen mit der Innenstadt.

    Unsere Haushaltsmittel im Jahr 2010 für diesen Bereich – von Schulsozialarbeit über Lernhilfen bis zum Projekt Ganztagsklassen belaufen sich auf rund 400.000 Euro.

    5. Im Zuge der Deregulierung in der Bildungspolitik ist die Wahlfreiheit der Eltern gewachsen, auf welche Schule sie ihre Kinder schicken wollen. Tendenziell werden sie sich wohl eher gegen eine „Problemschule“ entscheiden und für eine Schule, an der der Bildungserfolg halbwegs garantiert ist. Beobachten Sie dieses Problem auch in Offenbach?

    Antwort:

    Ja.

    ………………………………

    6. Nun hat Offenbach neuerdings die Erasmusschule, deren Schirmherrin Sie sogar sind. Damit hat Offenbach ein Ganztags-Schulprojekt umgesetzt, das viele als vorbildlich ansehen. Sogar Frankfurter sollen deswegen schon nach Offenbach umgezogen sein – was ja an sich unglaublich ist. Das Erasmus-Bildungshaus setzt einen Bildungstraum um: Ganztagsbetreuung der Kinder von der Kita an, flexible Schulschlusszeiten je nach Elternbedürfnissen, relativ kleine Jahrgangsgruppen, Mehrsprachigkeit. Aber: Es befindet sich in freier Trägerschaft, und der Besuch dieser Privatschule kostet 300 Euro im Monat [plus Essen, B.S.]. Fördern Sie mit so einem Angebot nicht gerade die Desintegration? Wäre das nicht ein Angebot, dass allen Offenbachern gemacht werden müsste, nicht nur denen im Westend?

    Antwort:

    Um mal kurz ins Träumen zu geraten: Ja, Bronski, dieses Angebot sollte allen Offenbachern und auch allen Hessen und überhaupt allen Schülerinnen und Schülern in ganz Deutschland gemacht werden!! Bis jetzt habe ich persönlich bei Landes- und Bundeswahlen auch immer eine Partei gewählt, die einen entsprechenden fortschrittlichen Bildungs- und Erziehungsansatz verfolgt 😉
    Aber zurück zur erst genannten Frage: Nein, das Angebot fördert nicht die Desintegration. Das Angebot fördert die Integration. Es bindet, wie sie selbst schreiben, Bevölkerungsschichten an unsere Stadt, die für den Integrationsprozess von Bedeutung sind. Wie kommen Sie eigentlich auf die – hier unterschwellig mitschwingende – Annahme, dass das neue Bildungsangebot nur von Personen ohne Migrationshintergrund befürwortet und genutzt wird??
    Noch ein Nachtrag: gestern hat die Stadtverordnetenversammlung Ihren Wunsch formuliert, auch in der neuen Schule, die im Zuge der Hafenbebauung geplant ist, ein entsprechendes Bildungsangebot zu etablieren.

    ………………………………

    Und 7. (letzte Frage): Der Frankfurter Professor Frank-Olaf Radtke hat im Zuge von HEGISS die Kommunen Wiesbaden und Darmstadt hinsichtlich ihrer Bildungspolitik untersucht. Seinem Vortrag „Bildungsdefizite, Schulsegregation und das Integrationsinteresse der Kommunen“ entnehme ich die These, dass das Schulsystem in puncto Gerechtigkeitsfrage keine korrigierende Instanz ist. Er schreibt: „Wenn wir so etwas wie ‚Parallelgesellschaften‘ beobachten können, müssen wir feststellen, dass diese Parallelgesellschaften – jedenfalls, was den Schulbereich angeht – nicht von integrationsunwilligen Migranten ausgehen, sondern von der deutschen Mittelschicht: von Eltern, die ihre Wahlmöglichkeiten in Bezug auf das Schulsystem nutzen, um ihre Vorteile, ihre Privilegien in diesem Schulsystem zu sichern, und von Lehrkräften die im Zuge der Profilbildung und der Organisation von Bildungsmärkten die Schülerinnen und Schüler auswählen, mit denen sie möglichst problemlos arbeiten können.“ Wie wollen Sie die Gerechtigkeitsfrage in Hinsicht auf die Integration beantworten?

    Antwort:

    Das „Schulsystem in puncto Gerechtigkeitsfrage als keine korrigierende Instanz“ – das ist ja sehr freundlich ausgedrückt. Zumal wir seit der PISA-Studie wissen, dass unser Schulsystem die Unterschiede befördert, wenn nicht stellenweise gar erst produziert!
    An dieser Frage ist schwierig, dass sich zwei Ebenen vermischen. Die der staatlichen, institutionellen Verantwortung für die Bildung in unserem Land – und die konkret-individuelle Entscheidungsfrage von Eltern.
    Glauben Sie im Ernst, die Bildungserfolge aller werden besser, wenn der Migrantenanteil unter den gegebenen und hier schon mehrfach kritisch benannten Rahmenbedingungen an einer Innenstadtschule in Offenbach nicht 70 sondern 64 Prozent betragen würde? Sicher nicht. Und die Schule wäre auch keine andere. Ihre Frage zäumt insofern das Pferd von hinten auf.
    Und auch die Verhaftung der Deutschen Mittelschicht ist in der hier vorgetragenen Ausschließlichkeit eine verkürzte Sichtweise. Hierzu ein ganz konkretes Beispiel aus einer Begegnung; ein Satz, den ich vor Kurzem hörte, als ich im Gespräch mit einer türkischen(!) Erzieherin war, die in Offenbach arbeitet und lebt. Sie sagte: „Wissen Sie Frau Simon, bald kommt mein Kleiner in die Schule. Dann ziehen wir aus Offenbach weg. Zu viele Ausländer.“
    Deshalb mein Vorschlag – auch in dieser Frage einfach mal die Farbe des Passes vergessen; denn hier geht es letztendlich um milieuspezifisches Verhalten.
    Indem wir als Kommune – im Rahmen der begrenzten Einflussmöglichkeiten, die wir haben – die Schulen unterstützen (wie oben schon mehrfach beschrieben) tragen wir aber dazu bei, das Bild der Schulen zu verbessern und sie attraktiv zu machen. Dies ist der einzige, ein zu geringer, aber auch der wichtigste Beitrag den wir beitragen können, um Bildungsgerechtigkeit zu befördern.

    Unsere „echten“ Ganztagsklassen in der Goetheschule sind, wie ich aus meinen Gesprächen mit jungen Eltern weiß, auch und gerade für die von Ihnen ins Feld geführten Mittelschichtseltern ein Argument, ihr Kind in der Innenstadt auf eine Schule zu schicken – auf eine Schule mit hohem Ausländeranteil. Daran wird deutlich: für Eltern zählt in der Bildung die Qualität. Nichts sonst!

  63. Birgit Simon sagt:

    @ 61, fox

    Hallo fox,

    Zur ersten Frage: siehe meine Ausführungen oben. Ich denke, eine Ausbildung in Deutschland hat für die Imame – aber auch für die Gemeindemitglieder – vor allem den großen Vorteil, dass sie besser mit der Gesellschaft vertraut werden. Imame sind auch wichtige Ansprechpartner und Vermittler, wenn Gemeindemitglieder Rat suchen. Eine gute Kenntnis der Gegebenheiten vor Ort ist hierfür wichtig.
    Zu zwei: die oben aufgeführten Aufzählung der Integrationsmaßnahmen ist nicht abschließend. Es würde auch das Format hier sprengen, jedes Mikroprojekt vom Fahrradkurs über das Müttercafe bis zur Schreibwerkstatt aufzuführen. Und, ich bitte Sie, natürlich ist nicht jeder Kontakt und jede Vernetzung von Bevölkerungsgruppen staatlich gelenkt, verordnet oder kontrolliert. Offenbach hat den Charme, eine Stadt der kurzen Wege zu sein, in der es leicht fällt, Kontakte zu knüpfen. Das nutzt die Bevölkerung. Vor wenigen Jahren wurden zwei Sportvereine für Ihre Integrationsarbeit ausgezeichnet – auch das sind Formen eines integrationsfördernden Miteinanders, das aus sich selbst heraus entsteht.
    Sicherlich hat zu dem beschriebenen Klima, wenn man mal zurückblickt, auch die lange Tradition der Integrationsarbeit in unserer Stadt beigetragen. Ich erinnere daran, dass wir schon Ende der 90er Jahre die Leitstelle Integration eingerichtet haben, die nun sogar in eine komplett neue Abteilung für soziale Stadtentwicklung und Integration eingemündet ist. Die Interkulturellen Wochen existieren ebenfalls – wie bereits gesagt – seit nunmehr 13 Jahren. Der Integrationspreis wird seit 1998 von den Stadtverordneten vergeben ….

  64. Bronski sagt:

    Vielen Dank!

    Ich bringe jetzt der Übersichtlichkeit halber noch einmal die Fragen ein, die weiter oben gestellt und noch nicht beantwortet wurden.

    1. Frau Simon, Sie sagten in #55:

    “Interessant ist auch, dass bisher keiner der Fachleute, mit denen wir jahrelang im Diskurs über Integration stehen, zu einer Diskussion über das Buch eingeladen hat.”

    Dieser Diskurs über Integration scheint von der Öffentlichkeit nicht so recht wahrgenommen zu werden, denn offensichtlich hatten viele Deutsche bei Erscheinen des Sarrazin-Buchs den Eindruck, dass hier lange verschwiegene Wahrheiten endlich auf den Tisch kämen. Tatsächlich gibt es aber, wie Sie sagen, einen jahrelangen Diskurs über Integration. Haben Sie ein Kommunikationsproblem damit, Ihre Arbeit in die Öffentlichkeit zu bringen? Oder liegt es an den Medien, die sich eines Themas immer nur annehmen, wenn es durch ein schlagzeilenträchtiges Ereignis – wie etwa das Erscheinen des Sarrazin-Buchs – in den Fokus rückt?

    2. Bei der Klage des Hessischen Städtetages gegen das Land Hessen geht es letztlich darum, dass der Stichtag, der über die Zuteilung von Landesgeldern für die Förderung der Kinderbetreuung entschied, nachträglich festgelegt wurde. Die Stadt Offenbach hatte zu diesem Stichtag eine Qualität der Kinderbetreuung, die nach Lesart des Landes keine weitere Förderung aus Landesmitteln erübrigte. Werfen Sie der Landesregierung Trickserei vor?

  65. Birgit Simon sagt:

    Sehr gerne! Am heutigen Montag liefere ich gerne abschließend die beiden Antworten nach, die noch offen geblieben waren. Ich verabschiede mich bei dieser Gelegenheit aus dem Blog-Talk und danke allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für Ihre Beiträge.

    Zu 1)
    Ich denke tatsächlich, dass ein großer Teil der der Wahrnehmung unserer Integrationsanstrengungen auch den Gesetzmäßigkeiten unserer gegenwärtigen Kultur der Medienberichterstattung geschuldet ist. Katastrophenmeldungen und Provokationen kommen nun einmal schneller ins Rampenlicht der Öffentlichkeit als die kleinteiligen positiven Bilanzen zäher Integrationsanstrengungen, die wir zu vermelden haben.
    Doch auch diese scheinen durchzudringen, wie jetzt im Zuge der Sarrazin-Diskussion übrigens für mich noch einmal deutlich wurde. Ich hatte in den letzten Wochen aufgrund der Sarrazin-Diskussion viele Anrufe von Außerhalb zu verzeichnen – von SPIEGEL über FOCUS bis ZDF. Sie alle haben sich nach den Verhältnissen in Offenbach erkundigt, weil sie gehört haben, dass hier sehr viel in Bewegung ist.

    Zu 2 und zur Klage)
    Nein, Trickserei im Sinne von bewusster Täuschung oder kleinganovenhafter Schattenspielertricks werfe ich der Landesregierung nicht vor. Das Anliegen der klagenden Kommunen ist ganz simpel, und es bezieht sich auf die Selbstverpflichtung der Landesregierung zum Prinzip der Konnexität. Hiernach muss der auftragende Gesetzgeber als Verursacher von kommunalen Kosten auch für den finanziellen Ausgleich der von ihm aufgetragenen Aufgaben sorgen. Bezogen auf die neue Mindestverordnung für Kindertagesstätten geht es also um diejenigen Kosten, welche den Kommunen aufgrund der geänderten Gesetzeslage entstehen. Hierfür steht uns nach der Logik des Konnexitätsprinzips unserer Auffassung zufolge der entsprechende Ausgleich zu.

  66. Bronski sagt:

    Tesekür ederim, Frau Simon!

    Vielen Dank für Ihre Bereitschaft zu diesem Blogtalk. Vielleicht nehmen Sie ja die eine oder andere Erfahrung oder Erkenntnis mit! Für mich war es spannend, zumal dies mein erster Blogtalk mit einer aktiven Politikerin war. Dank auch an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die größtenteils erquickliche Mitwirkung und die von Ihnen eingebrachten Fragen.

    Auf mich kommt jetzt ein Haufen Arbeit zu, denn die FR wird Auszüge aus diesem Gespräch in ihrer Printausgabe veröffentlichen. Ich werde jetzt klären, wann und auf welchen Seiten, in welchem Ressort das geschehen wird.

    Wenn Bedarf besteht, kann nun anschließend zu dem Blogtalk diskutiert werden. Frau Simon wird sicherlich mitlesen.

  67. ChristosV sagt:

    Sehr geehrte Frau Simon, vielen Dank für Ihre Stellungnahme.

    “mal einfach, mal sehr schwierig” ist eine sehr allgemeine Aussage. Fakt ist, dass es sehr viele Ausländer gibt, die über exellente Deutschkenntnisse verfügen, aber im Gegensatz zu gleich oder schlechter qualifizierten Deutschen keine Arbeit bekommen. Tests auch von öffentlichen Stellen, haben diese Situation wiedreholt bestätigt.

    Die öffenliche Meinung ignoriert diese Ausländer und verweist auf eine kleine Minorität, die kein Deutsch spricht. Ein großen Missverständnis der Politiker ist, dass es dem Bürger nicht darauf ankommt, zu sehen, dass der Politiker etwas macht, sondern das dessen Handeln etwas ändert.

    Und ja die Millionen gutausgebildeter türkischstämmiger Mitbürger ohne Arbeit, gezielt aussortiert von deutschen Personalchefs, machen mir Angst. Erst recht, wenn die Politik (von CDU bis Grüne) nur auf “Integrationskurse/Sprachkurse” verweist. Bitte nehmen es Sie sich zu Herzen, diesen Kursunfug nicht als Lösung zu preisen, sondern die Hauptprobleme beim Namen zu nennen.

    Und was die erwähnte neue Einstellungspolitik der Stadt anbelangt, so kenne ich viele Ausländischstämmige die nicht geeigneter als Deutschstämmige in der Integrationsarbeit wären, da sie längst “integriert” sind. Kerem oder Guiseppe mit denen ich auf dem Schulhof Ball spielte kennen die Probleme von Asylanten oder Neuankömmlingen ebensowenig wie Jens oder Christian aus der gleichen Grundschulclique. Die positive Diskreminierung auf diesen Posten ist also umsonst. Kein lukrativer Job bei der Stadt, der je für Kerem oder Guiseppe in Frage käme.

  68. Peter Weinberger sagt:

    @ 55 Birgit Simon

    Ich hatte nicht danach gefragt, ob man Ihrer Meinung nach das Buch zwingend gelesen haben muss, um Integrationspolitik zu betreiben, sondern warum Sie persönlich es (bis jetzt) nicht gelesen haben, obwohl es doch Ihr Thema ist und aktuell für so viel Aufregung sorgt. Ich kann nur empfehlen, dies nachzuholen.

    In Anbetracht der diesbezüglichen Hexenjagd finde ich es weniger interessant sondern eher verständlich, dass keiner der mit Ihnen im Diskurs stehenden Fachleute zu einer Diskussion über dieses Buch einlädt. Es geht ja auch gar nicht um das Buch an sich, sondern neben Meinungsfreiheit hauptsächlich um vernünftige Integrationspolitik. Hierbei unterstütze ich den von Ihnen beschriebenen Ansatz. Wir brauchen in der Tat mehr Pragmatismus und weniger Dogmatismus.

    Es zeichnet sich jetzt ein deutlicher Paradigmenwechsel ab, der Einwanderer mehr in die Pflicht nimmt, und das ist gut so. Früher war die Erde eine Scheibe, heute darf sie schon fast rund sein, wer die Wahrheit ausspricht soll nur nicht so böse gucken.

    Der offensichtliche Nachholbedarf zeigt deutlich, dass in der Vergangenheit aufgrund der bei uns historisch bedingten politischen Korrektheit viele Fakten einfach ignoriert wurden. Oder glauben Sie, diese Entwicklung wäre ohne die Diskussionsbeiträge der “Ketzer” (Sarrazin, Heisig, Brooder, und aktuell Schwarzer) möglich gewesen?

  69. BvG sagt:

    Man sollte nicht so tun, als hätten Sarrazin,Heisig oder Broder das Thema Integration erfunden. „Wahrheiten“ wurden schon sehr viel früher zu dem Thema Integration getan, nur eben andere, freundlichere, und wirksame.

    Der Versuch, diejenigen, die das Buch nicht lesen wollen zu Feinden der Meinungsfreiheit oder gar der „Wahrheiten“ abstempeln zu wollen ist mehr als durchsichtig.

    Ich werde jedenfalls kein Burch in die Hand nehmen, welches schon im Vorfeld durch extreme Polarisierung bis hin zu provokanten Beleidigungen „in’s Gespräch“ gebracht wurde.

  70. fox sagt:

    @Birgit Simon #63

    „Und, ich bitte Sie, natürlich ist nicht jeder Kontakt und jede Vernetzung von Bevölkerungsgruppen staatlich gelenkt, verordnet oder kontrolliert.“

    Frau Simon, das ist mir doch völlig klar. Auch wollte ich nichts über Mikroprojekte erfahren, die aber natürlich durchaus sehr wichtig sind. Ich habe meine Frage allerdings nicht präzise genug gestellt. Ich dachte u.a. an zwei konkrete Möglichkeiten, bessere Voraussetzungen zur Kontaktknüpfung und Vernetzung zu schaffen.

    Zum einen geht es um die Vermeidung von gesellschaftlicher Segregation. Je stärker sich unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und soziale Schichten in den Stadtvierteln mischen, desto größer sind auch die Chancen, dass sich soziale Kontakte zwischen ihnen herstellen. Bleibt eine Einwanderergruppe räumlich und gesellschaftlich unter sich, schwindet die Bereitschaft zur Integration. Eine städtische Verwaltung kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie z.B. mit Wohnungsbauunternehmen (sofern es sie noch gibt) kooperiert, die selbst ein großes Interesse an einer solchen Mitwirkung haben. Aus meiner Heimatstadt weiß ich leider, dass solche Bestrebungen nicht zwangsläufig zum Erfolg führen müssen, wie mir Mitarbeiter von Wohnungsbaugesellschaften berichteten. Hier hätten mich Ihre Erfahrungen interessiert.

    Gleiches gilt für den zweiten Punkt, den ich ansprechen möchte. Auch im Bereich Schule können Freundschaftsnetzwerke zwischen Schülern verschiedener Gesellschaftsgruppen gefördert werden, indem vermieden wird, dass einzelne Gruppen eine zu starke Dominanz ausüben. In den Problemschulen Berlins z.B. werden Minderheiten (darunter eben auch deutsche Schüler) diskriminiert. Auch wäre es hinsichtlich solcher Schulen aus meiner Sicht wichtig, dass neben oder nach dem Unterricht Projekte stattfinden, die von Sozialarbeitern betreut werden. Ich habe gelesen, dass in anderen europäischen Ländern und in den USA zu hohe Migrantenquoten an entsprechenden Schulen erfolgreich verhindert werden, indem Schüler einer dominierenden Gruppe mit Bussen zu Schulen in anderen Stadtbezirken gebracht werden. Über diese Idee sollte man auch mal in Deutschland nachdenken.

    Zum Schluss möchte ich noch mal auf einen anderen wichtigen Aspekt verweisen, ohne den sich Integration nicht erreichen lässt. Einwanderern, die nach Deutschland kommen und ganz andere Werteordnungen kennen, müssen unsere Erwartungshaltungen besser vermittelt werden. Bestimmte gesellschaftliche Traditionen und patriarchalische Strukturen können in unserem Land nicht fortgeführt oder weitergelebt werden. Der niederländische Soziologe Paul Scheffer hat in seinem Buch „Die Eingewanderten“ gefordert, dass Freiheitsrechte und gesellschaftliche Errungenschaften durchaus gegenüber Einwanderern mit anderen Vorstellungen verteidigt werden müssen. Dies ist in der Vergangenheit zu wenig geschehen, die Folgen bekommen wir heute zu spüren.

    Sie haben hier in diesem Blogtalk drei oder vier Tage lang fast alle Fragen umfangreich beantwortet, obwohl eine Bürgermeisterin sicher einen vollen Terminkalender hat. Dafür auch von mir ein herzliches Dankeschön.

    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.

    MfG

  71. fox sagt:

    Ich hatte in meinen Beiträgen u.a. auf spezifische Probleme an Schulen mit hohem Anteil von Einwandererkindern hingewiesen. Im Berliner Tagesspiegel gab es zu diesem Thema vorgestern folgenden Bericht:

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/schule/lehrer-beklagen-mobbing-gegen-deutsche-kinder/1946414.html

    Ich möchte hier nochmal Bezug nehmen auf die Aussagen des Frankfurter Professor Frank-Olaf Radtke nehmen. Bronski zitiert ihn wie folgt:“Wenn wir so etwas wie ‚Parallelgesellschaften‘ beobachten können, müssen wir feststellen, dass diese Parallelgesellschaften – jedenfalls, was den Schulbereich angeht – nicht von integrationsunwilligen Migranten ausgehen, sondern von der deutschen Mittelschicht: von Eltern, die ihre Wahlmöglichkeiten in Bezug auf das Schulsystem nutzen, um ihre Vorteile, ihre Privilegien in diesem Schulsystem zu sichern, und von Lehrkräften die im Zuge der Profilbildung und der Organisation von Bildungsmärkten die Schülerinnen und Schüler auswählen, mit denen sie möglichst problemlos arbeiten können.“

    Ich kenne natürlich nicht die Situation an den Schulen, die Herr Radtke untersucht hat. Doch seine Aussagen lassen sich, wie auch der von mir angeführte TSP-Bericht belegt, wohl kaum auf andere Problemschulen übertragen. Überhaupt glaube ich kaum, dass sich jemand ein Bild macht, wie es an solchen Schulen zugeht. Ein Freund von mir unterrichtete an einer Duisburger Hauptschule, deren Schüler zu über 80% MH hatten. Er erzählte, dass normaler Unterricht kaum möglich war. Meist sei er damit beschäftigt gewesen, Streitigkeiten zu schlichten. Dabei ist er nicht selten selbst von Schülern angegriffen worden. Im Unterricht wurden Drogen gedealt. Das Problem war dem Lehrerkollegium bekannt, getan wurde dagegen nichts. Das Lern-und Leistungsniveau ist in solchen Schulen extrem niedrig, die Schüler sind beim Abgang nur unzureichend auf die Berufswelt vorbereitet. Zudem wurden auch an seiner Schule deutsche Kinder diskriminiert. In Grundschulen sieht die Situation natürlich nicht großartig anders aus.

    Verwundert es da, dass deutsche Familien der Mittelschicht vor solchen Verhältnissen fliehen? Herr Radtke hat gut reden. Er würde seine Kinder niemals auf solche Schulen schicken.

  72. Katja Wolf sagt:

    Hallo Bronski,
    ich bin wieder aus dem Urlaub zurück und habe festgestellt, dass Sie wohl keine Lust hatten, den von mir angeregten Gender-Aspekt als Integrationsproblematik anzusprechen.
    In diesem Zusammenhang wäre ich jedoch einmal neugierig und wüsste gerne, woran es liegt, dass Sie sich in Offenbach bei weitem wohler fühlen als im Frankfurter Nordend.

  73. Giordano sagt:

    Habe erst heute aus der FR erfahren, dass die Offenbacher Bürgermeisterin sich auch im Blog mit dem Thema Integration befasst.

    Daher will jetzt nur einmal kurz mit zwei Bemerkungen auf den heutigen Text der Seiten 12 und 13 eingehen, um nicht die ganze Diskussion, die seit Mitte September bereits läuft, noch einmal aufzurollen.

    „Wir haben in Offenbach keine rosa Integrationsbrille auf.“

    Sehr wohl! Nur ein kleines Beispiel: Nach meinem Artikel in der „Offenbach-Post“, der die Offenbacher Wirklichkeit aus der Sicht eines Innenstadtbewohners beschrieb und in keinem Punkt widerlegt werden konnte und wurde, musste ich auf „Befehl“ des Oberbürgermeisters den „Runden Tisch Innenstadt“ verlassen.

    Besonders pikant: nicht einer der dortigen Behördenvertreter (9 von 13 Teilnehmern) wohnte in der Innenstadt – noch „witziger“ nicht einer von ihnen wohnte überhaupt in Offenbach; der Jugendkoordinator der Polizei beispielsweise im traulichen Klein Welzheim und der ausführende OB-Referent in beschaulichen Offenthal.
    „Vom sichern Port läßt sich’s gemächlich raten!“

    Frau Simon spricht von der „sogenannten Mehrheitsgesellschaft“.

    Die gibt es in Offenbach in den Grund- und Hauptschulen schon viele Jahre nicht mehr. Und wenn da gefragt wird nach Schulen mit hohem (!) Ausländeranteil, „etwa die Wilhelmschule“, dann ist das auch schon wieder pädagogisch-euphemistisch:

    In sehr vielen Grund- und Hauptschulen findet sich nicht einmal mehr ein (!) Kind ohne Einwanderungshintergrund. So lange man diese banale Wirklichkeit nicht wahrnehmen will, ist sowieso alles Nachdenken „für die Katz'“.

    In welche „Mehrheitsgesellschaft“ sollen denn diese Kinder integriert werden? Vielleicht in die türkische? Von denen dreißig Prozent ohne Bildungsabschluß dastehen? Und achtundzwanzig Prozent der Jugendlichen arbeitslos sind und auch bleiben?

    Und so ganz nebenbei: deutsche Jugendliche meiden seit Jahren die Innenstadt, es ist zu gefährlich für sie, nach Einbrechen der Dunkelheit auf jeden Fall! Wie ich mit unseren beiden Söhnen bezeugen kann!

  74. Giordano sagt:

    @ Fox # 71
    „Überhaupt glaube ich kaum, dass sich jemand ein Bild macht, wie es an solchen Schulen zugeht. Ein Freund von mir unterrichtete an einer Duisburger Hauptschule, deren Schüler zu über 80% MH hatten. Er erzählte, dass normaler Unterricht kaum möglich war. Meist sei er damit beschäftigt gewesen, Streitigkeiten zu schlichten. Dabei ist er nicht selten selbst von Schülern angegriffen worden.“

    Dazu kann ich mit zwei Beispielen aus Frankfurt beitragen:

    1) Schule in Fechenheim: Eine Lehrerin berichtete mir, dass sie die meiste Zeit mit Disziplinarmaßnahmen verbringe und den Rest damit, diese mündlich und schriftlich bei ihrem Chef zu begründen.

    2) Ebenfalls aus Fechenheim: Der Lehrer gab ehemaligen Schülern nachträglichen Unterricht, damit sie vielleicht doch noch den Hauptschulabschluß schaffen. Nicht alle kamen dazu regelmäßig, obwohl die Jugendlichen für diesen kostenlosen Nachhilfeunterricht sogar noch Geld bekamen, damit sie sich herabließen überhaupt zu erscheinen.

    Als er einem Jugendlichen drohte, seine häufige Abwesenheit zu melden, dann würde ihm die geldliche Belohnung entzogen, entgegnete dieser: „Wenn du das tust, hast du ein Messer im Bauch.“ Der Klügere gab nach – und die Frechheit siegte in Fechenheim. Und anderswo wohl auch!

  75. Giordano sagt:

    @ 3# Bronski am 21. September 2010 um 10:44:
    Würden Sie den deutschstämmigen Offenbachern empfehlen, schon mal türkisch zu lernen? Wenn man die Diskussion um die Sarrazin-Thesen verfolgt, könnte man ja den Eindruck gewinnen, dass die türkischstämmigen Offenbacher – und nicht nur die – dank ihrer Fruchtbarkeit bald die Bevölkerungsmehrheit stellen

    Na, Herr Bronski,

    so schlimm ist’s in Offenbach nun auch wieder nicht, wie Ihre spöttische Frage vermuten läßt. Schließlich ist Frau Sarrazin ja auch Lehrerin in Berlin und nicht an der Mathildenschule. In der ehemaligen Lederstadt gibt es nicht nur Türken. Vielleicht wäre es sogar ein wenig einfacher?

    Bei den Geburten des Jahres 2005 (Neueres hat Frau Simon noch nicht ins Netz stellen lassen) haben die türkischen Geburten lediglich einen Anteil von 14,3% – und die deutschen von 43,7%, immerhin eine Minderheit (nebst Einbürgerungen).

    Schaut man sich in gleicher Quelle die Dreißigjährigen an, dann sind da 897 Deutsche und 905 Ausländer zu finden.

    In anderen Altersklassen ist das Verhältnis für die „Eingeborenen“ allerdings noch besser.

    Berücksichtigt man allerdings, dass eine Menge Nichtgemeldeter unter uns weilen und auch in gewissen Kreisen das an- und ab- und ummelden nicht immer üblich ist, was Ihnen jede Schule gerne bestätigen kann, dann sieht’s noch ein wenig anders aus.

  76. Giordano sagt:

    62 # Birgit Simon am 24. September 2010

    „Und auch die Verhaftung der Deutschen Mittelschicht ist in der hier vorgetragenen Ausschließlichkeit eine verkürzte Sichtweise. Hierzu ein ganz konkretes Beispiel aus einer Begegnung; ein Satz, den ich vor Kurzem hörte, als ich im Gespräch mit einer türkischen(!) Erzieherin war, die in Offenbach arbeitet und lebt. Sie sagte: „Wissen Sie Frau Simon, bald kommt mein Kleiner in die Schule. Dann ziehen wir aus Offenbach weg. Zu viele Ausländer.““

    Das hat mir ein Offenbacher Türke (SPD-Mitglied) schon vor zwanzig Jahren gesagt. Und auch aus dem Lauterborn kenne ich diese Ansichten von Jugoslawen.

  77. Giordano sagt:

    67 # ChristosV am 27. September 2010 um 13:58:

    „Und ja die Millionen gutausgebildeter türkischstämmiger Mitbürger ohne Arbeit, gezielt aussortiert von deutschen Personalchefs, machen mir Angst.“

    Dazu schlicht ein paar Zahlen:

    in Deutschland ohne Bildungsabschluß:

    Türken 30%, Afrikaner 25%, ehem. Jugoslawien 14%, Südeuropa 17%, andere EU-Staaten 3%, Deutsche 1%.

    „Türkischstämmige Migranten haben nicht nur eine fast schon ein halbes Jahrhundert währende Geschichte im Einwandererland Deutschland, sie stellen auch die zweitgrößte Gruppe von Migranten dar. Umso bedenklicher ist es, dass sie im Integrationsvergleich mit Abstand am schlechtesten abschneiden. Besonders alarmierend sind der hohe Anteil von Personen ohne Bildungsabschluss und die sehr hohe Erwerbslosigkeit unter den Jugendlichen.“

    Quelle: Studie zur Lage der Integration in Deutschland, Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Januar 2009.
    http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Zuwanderung/Integration_RZ_online.pdf

  78. Bronski sagt:

    @ Katja Wolf, + 73

    Das hatte nichts mit Lust zu tun. Wir haben viele Fragen nicht stellen können, allein schon wegen der dann doch knappen Zeit. Für Ihre Frage hat es leider ebenfalls nicht gereicht, so wie für viele anderen auch.

    „In diesem Zusammenhang wäre ich jedoch einmal neugierig und wüsste gerne, woran es liegt, dass Sie sich in Offenbach bei weitem wohler fühlen als im Frankfurter Nordend.“

    Das kann ich Ihnen sagen: wegen der Lebendigkeit. Offenbach ist eine junge Stadt, eine lebhafte Stadt. Im Frankfurter Nordend habe ich mich zu behütet gefühlt, zu weit weg vom wirklichen Leben, und ich habe mich oft über die Arroganz der „besseren“ Nordender geärgert.

    @ Giordano

    „Habe erst heute aus der FR erfahren, dass die Offenbacher Bürgermeisterin sich auch im Blog mit dem Thema Integration befasst.“

    Das wundert mich, denn wir haben den Blogtalk im Vorfeld in der Print-FR breit kommuniziert, sowohl mit redaktionellen Texten als auch mit Eigenanzeigen. Auch auf der Leserbriefseite war am Starttag des Blogtalks ein Hinweis.

    „Und so ganz nebenbei: deutsche Jugendliche meiden seit Jahren die Innenstadt, es ist zu gefährlich für sie, nach Einbrechen der Dunkelheit auf jeden Fall! Wie ich mit unseren beiden Söhnen bezeugen kann!“

    Sie haben negative Erfahrungen gemacht – ist das möglicherweise schon etwas länger her? Ich kann das nicht bestätigen. In der Offenbacher Innenstadt sind nachts sogar Frauen allein unterwegs.

    # 76

    Meine „spöttische Frage“ zielte auf die Sarrazin-Thesen. Im übrigen kann ich ein wenig Türkisch und finde das gar nicht schlimm. Kann man auch im Urlaub in der Türkei gebrauchen.

  79. Bronski sagt:

    @ Giordano

    Eine Bitte. Was ich an anderer Stelle anderen Usern gesagt habe, möchte ich auch an Sie herantragen. Sie betätigen sich hier ja gerade als Dampf-Kommentator. Bitte keine drei oder mehr Kommentare nacheinander!

  80. Schnippsel sagt:

    @ Bronski #80

    Giordano hat, was ich durchaus sinnvoll finde, seine Kommentare wohl deswegen gesplittet, weil er sich auf jeweils andere Beiträge bezog – statt alles in eine einzige ellenlange Antwort zu packen. Genau das aber ist der Unterschied zu den vielen Beiträgen einer einzelnen Dame über unsere strahlend-fusionierte Zukunft andernthreads.

  81. Bronski sagt:

    @ Schnippsel

    Das ist mir schon klar. Trotzdem: Wenn ich den einen User darum bitte, muss ich auch andere darum bitten. Ist nur gerecht, oder?

  82. Giordano sagt:

    81 # Schnippsel am 5. Oktober 2010 um 16:54:
    @ Bronski #80

    „Giordano hat, was ich durchaus sinnvoll finde, seine Kommentare wohl deswegen gesplittet, weil er sich auf jeweils andere Beiträge bezog.“

    Danke,

    hätte aus der Offenbacher Wirklichkeit noch ’ne Menge mehr zu berichten, da ich die Stadt seit Jahrzehnten kenne. Aber gut, will die Eintracht nicht stören und halte mich (erst einmal) zurück.

    Gruß G.

    P.S. Zu Bronski, 79:

    Hab‘ leider miterlebt, wie nach und nach alle Deutschen aus „meiner“ Straße weggezogen sind, aus nachvollziehbaren Gründen. Nicht jeder lebt in so „beschützter“ Umgebung, wie Frau Bürgermeisterin! Dort hängt wohl auch kein halber Hammel vor dem Fenster und die Aufzüge werden nicht mit einem anderen Häuschen verwechselt!

    Bronksi: „In der Offenbacher Innenstadt sind nachts sogar Frauen allein unterwegs.“

    Meine Freundin Jutta ist nach nächtlichen Belästigungen deshalb aus der Offenbacher Innenstadt in die Wetterau verzogen!

  83. Katja Wolf sagt:

    @ Bronski #79:
    was Ihr Erleben im Nordend angeht kann ich Sie wahrscheinlich sogar gut verstehen.
    Was hat denn die „besseren“ Nordender ausgemacht?

  84. Bronski sagt:

    @ Giordano

    So gehen die Erlebniswelten auseinander. Ich lebe in der Innenstadt (südlich vom Hbf), mitten im Getümmel, und habe dergleichen noch nicht erlebt. Und wenn ich sowas mal mitbekomme, was ich keineswegs ausschließen will, werde ich dazwischengehen. Außerdem beginne ich gerade, mich persönlich hier in Offenbach in Integrationsprojekten zu beteiligen.

    Eine weitere Anmerkung zu dieser Diskussion. Ich bin durchaus interessiert an Ihren Erfahrungsberichten, und dass ich dergleichen hier noch nicht erlebt habe, heißt nicht, dass ich das Vorkommen solcher Ereignisse negiere. Ich frage mich allerdings,
    1. ob das ausländer- bzw. migrantenspezifische Verhaltensweisen sind, vorzugsweise also solche mit Muslimen (denn das ist ja der Vorwurf des Herrn Sarrazin);
    2. ob man von dieser Analyse des Ist-Zustandes (oder des vormaligen Ist-Zustandes, falls die jetzige Situation anders ist als die von Ihnen erlebte) vielleicht auch zu konkreten Vorschlägen kommen könnte, was zu unternehmen wäre, um diese Zustände zu verändern; denn die Bestandsaufnahme hat auch bei Ihnen, verzeihen Sie, etwas Vorwurfhaftes.

    Konkret zur Situation an den Schulen – da haben wir im Blogtalk ja nach dem Zuschnitt der Schuleinzugsbezirke gefragt. Hier sind in der Vergangenheit erhebliche Fehler gemacht worden. Gleichzeitig wird der „Bildungsmarkt“, wie Professor Radtke (Link unter #72) schrieb, dereguliert, die Wahlfreiheit der Eltern also erhöht. Wären demnach die Eltern gezwungen, ihre Kinder auf eine ihrem Wohngebiet zugewiesene Schule zu schicken, dann wäre der Druck auf die Politik, mehr für Integration zu tun, beizeiten schon viel höher gewesen, denn diese Eltern hätten ihre berechtigte Kritik gewiss hörbar artikuliert. Professor Radtke stellt in seinem Vortrag die These auf, dass deutsche Eltern zum Entstehen „mono-migrantischer“ Schulen durchaus ihren Beitrag geleistet haben. Man sollte diese Kritik mal selbstkritisch prüfen. Verständigung kann nämlich nur da geschehen, wo es Reibungsflächen gibt.

    @ Katja Wolf

    Die „besseren“ Nordender hat z.B. ausgemacht, dass sie sich im Rewe am Grünhof hinten in der Schlange angestellt haben. Die „besseren“ Nordender hat ausgemacht, dass sie zurückgrüßen, wenn sie gegrüßt werden, dass sie eine Plastiktüte dabei hatten, wenn sie ihr Hundchen in den Anlagen spazieren führten, und die Hundescheiße aufgesammelt haben, dass sie ihre Zigarettenkippen in die Müllbehälter geworfen haben und nicht auf den Weg, und vor allem: dass man mit ihnen ins Gespräch kommen konnte. Die „schlechteren“ Nordender zeichnet aus, dass sie ganz einfach stolz darauf sind, im guten Nordend zu wohnen, weil sie sich die hohen Mieten leisten können, und dass sie negieren, in einer lärmumtosten Oase zu leben, einer Art selbstgewähltem Ghetto. Ein wenig erinnern mich diese Menschen an manche Freiburger. Ich habe vorher in Freiburg gelebt, und auch dort gibt es einen gewissen mitunter dünkelhaften Lokalpatriotismus, weil man ja Ökohauptstadt ist. Ich habe selbst erlebt, wie sogar Teebeutel säuberlich in ihre Bestandteile zerlegt und den passenden Entsorgungsroutinen zugeführt wurden. Irgendjemand hat dafür vor einer Weile den Begriff Öko-Spießer kreiert. Ein vorbildliches Verhalten wird dann zum Problem, wenn man meint, dass es etwas Besonderes ist, während es eigentlich der Normalfall sein sollte. Man stellt sich selbst damit heraus und sagt: Ich bin vorbildlich! Das ist eine Haltung, der ich auch im Frankfurter Nordend oft begegnet bin.

  85. maat sagt:

    @Bronski,
    ich weiß nicht wie die Lage der Schulen in Offenbach ist, ich erahne aber die Lage von Gesamtschulen in Berlin aus Erzählungen von Kollegen- und diese stimmen Sarrazin zu (abgesehen von dieser Gen- Geschichte natürlich). Es gibt in Berlin massive (!) Probleme mit den Kindern aus islamischen Elternhäusern in den Schulen bzw. mit deren Eltern. Mich wundert, warum darüber nicht in der FR berichtet wird. Schickt doch mal Eure Journalisten für einen längeren Zeitraum(!) in durchschnittliche Gesamtschulen nach Berlin, nicht in Vorzeigeprojekte wie Rütli, erlebt den Alltag und hört den Lehrern dort zu. Das wäre erhellend.

  86. Schnippsel sagt:

    Dazu gab es gerade wieder mal eine Meldung in der Berliner Morgenpost vom 04.10.2010

    Berliner Ghettos – Wie Araber und Türken deutsche Schüler mobben
    Montag, 4. Oktober 2010 10:14 – Von Tanja Kotlorz

    „Die Zustände an Berlins Problemschulen standen am Wochenende im Mittelpunkt einer Gewerkschaftstagung. Dabei wurden haarsträubende Dinge geschildert. Wo ausländische Schüler in der Überzahl sind, steht Mobbing auf der Tagesordnung.“

    Übrigens: Im Schuljahr 2008/2009 waren vor 16 (!) Neuköllner Schulen Sicherheitsdienste tätig, um tätliche Übergriffe zu verhindern. Seit der Einführung des Sicherheitsdienstes sind Vorfälle drastisch zurückgegangen.

    [1] http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article1413729/Wie-Araber-und-Tuerken-deutsche-Schueler-mobben.html

  87. fox sagt:

    @ Bronski

    Sie fragen bezüglich der in diesem Thread dargestellten Erfahrungsberichte:“1. ob das ausländer- bzw. migrantenspezifische Verhaltensweisen sind, vorzugsweise also solche mit Muslimen (denn das ist ja der Vorwurf des Herrn Sarrazin);…“

    Ich wünschte es wäre anders, aber ich befürchte, es hat etwas vorzugsweise mit Muslimen zu tun. In dem Tagesspiegelbericht, den ich bereits unter #71 verlinkt habe, heißt es konkret: „Kreuzberg werde dabei vor allem für die türkischstämmigen Jugendlichen zu einem „mystifizierten Ghetto“. Eine Ursache sei der „Kulturkonflikt zwischen westlichen und aus dem traditionellen Islam herrührenden Vorstellungen“. …Die beiden Autoren arbeiten im GEW-Landesausschuss für multikulturelle Angelegenheiten mit.“
    Und weiter:“ „Man kann den Begriff Deutschenfeindlichkeit stehen lassen“, findet die Neuköllner Personalrätin und langjährige Lehrerin Mechthild Unverzagt. Allerdings gehöre dazu, dass dieselben Schüler auch feindlich gegenüber Leistungsbereiten seien und gegenüber jenen, die sich an Regeln halten. Dass es „Deutschenfeindlichkeit“ gebe, „müssen auch Gewerkschafter akzeptieren, die politisch korrekt die Augen verschließen wollen“, sagt Unverzagt, die an der Otto-Hahn-Gesamtschule arbeitet.“

    In dem anderen Blogtalk zum Thema habe ich Frau Cezairli zitiert, die Beraterin der Islamkonferenz ist. Sie behauptet in einem Leserbrief an den Spiegel, dass der in Deutschland gelebte und von den Verbänden vertretene Islam nicht zu den liberalen, weltoffenen Strömungen gehört. Ein türkischer Freund von mir erzählte, dass Deutsche meist keine Vorstellung haben, was in teilweise „normalen“ Moscheen „gepredigt“ wird. Viele Moscheevereine sind eindeutig gegen eine liberale Gesellschaftsordnung und verhindern aktiv die Integration muslimischer Einwanderer. Andersdenkende oder –gläubige werden nicht als gleichwertig akzeptiert. Und genau diese Einstellung kommt dann auch in den Schulen zum Ausdruck. Der Islam scheint bezüglich der Integrationsschwierigkeiten entsprechender Migranten also eine entscheidende Rolle zu spielen. Hier möchte ich auf Rüdiger Safranski verweisen, der in einer Spiegelausgabe vom 18.01. von heißen und kalten Religionen spricht . Er schreibt.:“ Eine heiße Religion ist empfindlich für Kränkungen. Sie muss Ironie, Zweifel, Relativierungen ablehnen. Zweifellos ist der islamische Fundamentalismus eine heiße Religion. Sie hat wie einst das Christentum apokalyptische Aspekte. Die, die in die Türme New Yorks flogen, waren Apokalyptiker, sie waren im wörtlichen Sinne: ein Himmelfahrtskommando.“ Kalte Religionen, zu denen das Christentum heute überwiegend gezählt werden kann, definiert Safranski wie folgt:“ „Kalte“ Religionen…sind solche, die dieses Wechselspiel von Überhitzung und Abkühlung nicht nur äußerlich, sondern innerlich akzeptiert haben, die vernünftig geworden sind, die sich auf das Gesellschaftsdienliche herunterkühlen lassen, pluralistisch, privatisiert und in den getrennten Wertsphären domestiziert.“ Er beendet seinen Artikel mit der Frage:“ Wie umgehen mit jenen, die den Ball wörtlich nehmen? Die alles auf eine Karte setzen? Die, wie im Islam, weder Zweifel noch Ironie noch Relativierung kennen, wenn es um die letzten Fragen geht, und die im Diesseits nur einen Transitraum sehen?“
    Aus der „Überhitzung“ ergibt sich wohl der entscheidende Konflikt des wahhabitischen Islam, der in D. überwiegt, zu anderen Religionen oder Anschauungen. Lesenswert hierzu ist auch das neue Buch von Abdel-Samad: Der Untergang der islamischen Welt.

    Zur Lebenswirklichkeit. In der bereits von anderen Usern erwähnten Studie des Berlin-Instituts von Anfang 2009 wird nachgewiesen, dass türkische und arabische Einwanderer in Deutschland am schlechtesten integriert sind. Interessant dagegen: ausgerechnet Migranten aus SO-Asien, die evtl. sogar noch schlechtere Ausgangssituationen als z.B. türk. Einwanderer haben, übertreffen bei Schulleistungen und anderen Aspekten „Herkunftsdeutsche“. Laut dem Institut für Islamangelegenheiten nehmen 16% aller muslimischen Einwanderer an Integrationskursen teil, Migranten anderer Herkunft zu 32%. Und in Kriminalstatistiken, die auch den MH berücksichtigen, sind türkische und arabische Jugendliche deutlich überrepräsentiert. Dies lässt sich, wie Kirsten Heisig nachweist, nicht mit einer angeblich höheren Anzeigebereitschaft seitens „Herkunfstdeutscher“ begründen. Selbst C.Pfeiffer kommt neuerdings zu dem Ergebnis, dass muslimische Jugendlicher wesentlich gewaltbereiter sind.

    Ich denke, dass wir uns mit diesen Tatsachen auseinandersetzen müssen. Sie zeigen auch, dass die Menschen, die zu uns kommen, nicht über einen Kamm geschoren werden dürfen. Und man kann wohl ebenfalls davon ausgehen, dass die Mehrheit der türkischen Migranten sich gut eingelebt haben. Allerdings kommen aus ihren Milieus (neben den arab.) die meisten jener, die sich mit Integration schwertun. Und das Thema muss angepackt werden.

  88. Schnippsel sagt:

    @ fox #88

    Ich hatte leider nicht mitbekommen, dass Sie den Inhalt meines unter #87 angeführten Links auf die Berliner Morgenpost bereits unter #71 als Link auf den Berliner Tagesspiegel eingestellt hatten.

    Ansonsten stimme ich, was ja nicht verwunderlich ist, Ihren Ausführungen zu. Zwei Anmerkungen noch dazu:

    1. Übersehen hat man von offizieller Seite möglicherweise, dass eine ganze Reihe von Migranten (z.B. Kurden, Libanesen, Palästinenser) aus dezidiert militanten (Kriegs- oder Bürgerkriegs-) Milieus stammen, bei denen sie auf der „falschen“ Seite standen. Anhand der Aufenthaltstitel (und den darin enthaltenen Begründungen) dieser Bevölkerungsgruppe ließe sich dies vermutlich relativ leicht herausfinden.

    2. Bedenken sollte man auch, dass im Hinblick auf die Schulabschlüsse (nicht bezogen auf Gewaltdelikte) meines Wissens die italienischstämmigen Jugendlichen noch schlechter abschneiden. Schaffen die nun alle bei Vatern in der Pizzeria oder für die Mafia? Jedenfalls fallen sie nicht groß durch Deliktverhalten auf.

  89. Giordano sagt:

    Heute brachte die Frankfurter Rundschau eine Verlagsbeilage zum Thema Malteser.
    Das regt an, diesen Blog zur Situation in Offenbach um eine pikante Variante zu ergänzen:

    Der Sohn unserer Freundin Britta*) leistet derzeit (!) ein Freiwilliges soziales Jahr bei den Maltesern. Dabei kommt er in unterschiedlichen Städten zum Einsatz. Darunter auch in Offenbach. Etwas pikiert erzählte uns Britta: „Nur in Offenbach tragen die Malteser bei ihren Einsätzen schusssichere Westen.“ – „Ist’s denn schon so schlimm bei Euch?“ fragte sie uns bei der letzten Begegnung!

    *) Britta ist diejenige, die uns entsetzt berichtete von der Freude von Kindergartenkindern in Büttelborn über die vielen Toten des 11. Septembers !

  90. Schnippsel sagt:

    Als sammelsurischer Nachtrag (Angaben aus 2008-2010) zur weiteren eigenen Recherche:

    1. Als Quellenangabe finden Sie einige Links zu Zeitungsberichten.
    2. Sie finden einen Link zur (europaweiten) Ausschreibung für den Wachschutz durch das Bezirksamt Neukölln.
    3. Der Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) verweist darauf, dass zwei Drittel aller gemeldeten Vorfälle von Schülern und nicht von schulfremden Personen verursacht würden.
    4. An der Ludwig-Cauer-Grundschule in Charlottenburg (einem der „besseren“ Berliner Bezirke) hatte ein neunjähriger, türkischstämmiger Drittklässler drei Lehrer geschlagen.
    5. Die in den Zeitungsberichten dargestellte Sicherheitsfirma Germania heisst nun Prodiac. Näheres zu dem Unternehmen ebenfalls unten per Links.
    6. Wie man Probleme beschönigt und statistisch bereinigt, zeigen die Links [7] und [8] – einfach die Meldepflicht für bestimmte Vorgänge abschaffen.

    [1] 09.02.08 Gewalt – Kinder prügeln auf ihre Lehrer ein
    http://www.welt.de/regionales/berlin/article1654719/Kinder_pruegeln_auf_ihre_Lehrer_ein.html

    [2] 02.04.08 Jugendgewalt – Neukölln weitet Wachschutz an Schulen aus
    http://www.welt.de/regionales/berlin/article1865110/Neukoelln_weitet_Wachschutz_an_Schulen_aus.html

    [3] Pressemitteilung Berlin, den 03.04.2008 – Neuausschreibung Wachschutz an Neuköllner Schulen
    http://www.berlin.de/ba-neukoelln/presse/archiv/20080403.1010.97501.html

    [4] 13.05.08 Jugendgewalt – Wachschutz an Neuköllner Schulen soll erweitet werden
    http://www.welt.de/regionales/berlin/article1990454/Wachschutz_an_Neukoellner_Schulen_soll_erweitet_werden.html

    [5] 08.03.2010 Wachdienst an Schulen – Ein Gefühl von Sicherheit
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/ein-gefuehl-von-sicherheit/1715474.html

    [6] Gewalt an Schulen – Dossier der Berliner Zeitung
    http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/spezial/dossiers/gewalt_an_schulen/

    [7] 07.03.2010 Schulgewalt: Die halbe Wahrheit – Keine Meldepflicht mehr für Prügeleien
    http://www.berlinonline.de/berliner-kurier/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0307/berlinbrandenburg/0036/index.html

    [8] 06.04.2010 Keine Meldepflicht – GEW: Senat schaut weg bei Schul-Gewalt
    http://www.berlinonline.de/berliner-kurier/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0406/berlinbrandenburg/0054/index.html

    Prodiac

    [1] Unternehmensprofil Prodiac
    http://www.prodiac.de/unternehmen/

    [2] 30.09.2009 BIELEFELD Universität wirft Prodiac aus dem Haus – Wachschutz-Firma von Ausschreibung ausgeschlossen
    http://www.nw-news.de/owl/3164685_Universitaet_wirft_Prodiac_aus_dem_Haus.html

    [3] 02.02.2010 BIELEFELD Prodiac entlässt Geschäftsführung
    http://www.nw-news.de/lokale_news/bielefeld/bielefeld/3364385_Prodiac_entlaesst_Geschaeftsfuehrung.html