Raser: Ist Hoffnung etwa das einzige Gegenmittel?

Ein Autofahrer fährt in Frankfurt-Sachsenhausen über Rot und tötet zwei Passanten. Mit deutlich mehr als 50 Kilometern pro Stunde ignorierte der 38-Jährige eine rote Ampel. Zwei Fußgänger, die Grün hatten, wurden von ihm erfasst und schwer verletzt. Beide Männer starben kurz darauf. Auch der Fahrer wurde verletzt und ins Krankenhaus gebracht. Die Polizei leitete ein Strafverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und Unfallflucht ein.

Anscheinend nimmt die Zahl der Raser in den letzten Jahren zu. Das meint jedenfalls der Verkehrspsychologe Patrick Grieser im FR-Interview. Er unterscheidet drei Tätergruppen, von denen eine neu sei: „Zum einen sind da die Überforderten. Sie nutzen das Auto, um Druck abzulassen. Dann gibt es die Adrenalin-Junkies und als neues Phänomen die Protzer. Sie haben ein schwaches Selbstwertgefühl.“ Er fordert schneller höhere Strafen für Raser. „Wer rast, rast ja immer, wird aber nur bei jeder 1000. Fahrt geblitzt.“ Wenn der Führerschein erst mal weg sei, sei der Leidensdruck hoch genug, um auch das Verhalten zu ändern. Im Sachsenhäuser Fall vermutet er allerdings den Versuch eines erweiterten Suizids.

Anmerkung Bronski: Diese Einleitung fällt notgedrungen wegen Krankheit kurz aus. Ich bitte um Verständnis. Ihr Bronski

fr-debatteEinziges Gegenmittel scheint Hoffnung zu sein

nach dem furchtbaren Unfall in Sachsenhausen steht aufgrund von Zeugenaussagen die Frage im Raum, ob der Autofahrer etwa absichtlich auf Fußgänger zugehalten hat. Wer kann das wissen? Ich weiß es jedenfalls nicht, ich war nicht dabei. An anderer Stelle war ich dabei. Denn die Umstände, die in Sachsenhausen zum Tod von zwei Menschen geführt haben, sind keineswegs ein Einzelfall. Anfang November hatte ich mit zwei Bekannten in absolut gleicher Situation und an anderer Stelle einfach mehr Glück. Auch wir überquerten von rechts kommend bei Fußgängergrün eine Straße (in unserem Fall war es die Friedberger Landstraße), auch in unserem Fall stand der Autoverkehr auf der rechten Spur, während auf der linken Spur nicht nur ein, sondern zwei Autofahrer hintereinander mit hoher Geschwindigkeit bei Rot über die Ampel und damit auch den Fußgängerüberweg fuhren. Die Situation war für uns extrem gefährlich, weil wir von rechts kamen und keine Chance hatten, die heranpreschenden Fahrzeuge zu sehen. Die Autofahrer konnten uns übrigens genauso wenig sehen, sie werden also nicht mit Absicht auf uns zugehalten haben. Sie fuhren halt bei Rot über die Ampel, und wir hatten einfach Glück. Es war in unserem Fall ein quantifizierbares Glück: anderthalb Meter. Wären wir anderthalb Meter weiter und damit auf der linken Fahrspur gewesen, wären wir mit Sicherheit schwer verletzt oder sogar getötet worden.
Rotlichtverstöße und überhöhte Geschwindigkeiten sind also in Frankfurt kein Einzelfall. Die Stadt verweist darauf, „dass das vorsätzliches (sic) Fehlverhalten einzelner Verkehrsteilnehmer mit behördlichen Mitteln grundsätzlich nicht unterbunden werden kann“ (Zitat aus einer E-Mail der Verkehrspolizei, die ich auf abermaliges Nachhaken in eigener Sache erhielt, s.u.). Kontrollen könnten nicht „nach Belieben“ erfolgen, man wolle sich auf Unfallschwerpunkte konzentrieren.
Dann wollen wir alle gemeinsam mit der Verkehrspolizei darauf hoffen, dass es möglichst wenige Tote und Verletzte gibt. Andere Mittel als Hoffnung stehen offenbar nicht zur Verfügung.

Katja Faßhauer, Frankfurt

Ich fasse nicht, dass es Dich nicht mehr gibt!

Liebster Olivier, ich kann es nicht glauben, ich will es nicht glauben, dass du eines der beiden Opfer bist. Die Café Bar am Römer, in der ich dich kennenlernte, ist Geschichte, aber die Erinnerung an unsere Gespräche bleibt. Vor, während und nach deiner Schicht fandest du immer Zeit für einen Plausch über das Leben im allgemeinen und im besonderen. Ich mochte deine Sicht der Dinge, deine ehrliche und freche Art, mitzuteilen, was du denkst.
Du wirst mir auch in Sachsenhausen nicht mehr über den Weg laufen und ich fasse  es einfach nicht, das es dich nicht mehr gibt. Sollte es einen Himmel geben, du wirst ihn aufmischen! Du hattest noch so viel Leben vor dir. Du hattest so viel zu geben. Es schmerzt einfach total. In Liebe

Anna Hartl, Frankfurt

Ein Autofahrer rast mit massiv überhöhter Geschwindigkeit durch den Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, missachtet die Einordnungshinweise vor einer Ampel, die in alle Richtungen rot zeigt, überholt auf der freien Linksabbiegerspur wartende Fahrzeuge und überfährt zwei Fußgänger, die während ihrer Grün-Phase die Straße überqueren. Sein PKW, ein so genannter SUV, prallt anschließend gegen einen anderen Wagen, überschlägt sich, doch der Verursacher kann sich trotz eigener Verletzung selbst befreien und versucht zu flüchten. Passanten können ihn daran hindern. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot schnell am Tatort, ebenso mehrere Rettungswagen. Die schwerstverletzten Fußgänger, zwei Männer, sterben wenig später im Krankenhaus. Auch der Täter muss in eine Klinik eingeliefert werden.
Als der Anschlag bereits geschehen war, hielt ich mich zufällig in der Nähe auf. Das Terrain war weiträumig abgesperrt, Polizei- und Rettungsfahrzeuge mit Blaulicht standen im gesamten Kreuzungsbereich und noch darüber hinaus. Eine Szenerie, die man aus der Berichterstattung über Attentate kennt. Und tatsächlich hatte hier jemand der Zivilgesellschaft den Krieg erklärt und Krieg geführt. Als Waffe hatte er ein Auto benutzt.
Dieser Vorgang ist leider kein Einzelfall. Er reiht sich ein in ähnliche, die man nicht als Unglücke bezeichnen kann. Im November des vergangenen Jahres war ein grenzenlos enthemmter und geschwindigkeitssüchtiger SUV-Fahrer im Frankfurter Ostend auf den Gehweg geraten, hatte zwei Menschen getötet und mehrere schwer verletzt.
Von Verkehrsunfällen kann man nicht mehr reden, denn hier handelt es sich um Verbrechen, verübt aus niederen Beweggründen. Meistens werden sie mit einem SUV begangen. Da stellt sich doch die Frage: Entwickeln Kriminelle eine besondere Leidenschaft für Fahrzeuge dieser Bauart oder verführt der Gebrauch eines solchen PKWs zu Aggression und Rücksichtslosigkeit und führt in die Kriminalität? Wäre es zum Schutz der Bürger nicht höchste Zeit, die Halter und Fahrer dieser Gefährte einem Eignungstest zu unterziehen, um charakterliche Merkmale abzuprüfen? Für Kampfhunde und deren Halter gibt es ein ähnliches Verfahren. Kampfhunde und SUVs sind bekanntlich in vergleichbaren Milieus anzutreffen.

Klaus Philipp Mertens, Frankfurt

Das darf ja nicht wahr sein. Bis fünf Jahre Knast oder Geldstrafe. Das war zweifacher Mord! Und nix anderes. Der Kerl gehört lebenslang weggesperrt. Und Politiker, die Geschwindigkeitsregeln verhindern, machen sich mitschuldig.

Emil Jacob, Poppenhausen

Die sich häufenden, für Fußgänger und Unbeteiligte tödlichen Raserunfälle in deutschen Städten wären fast vollständig vermeidbar, wenn es in allen Innerortsstraßen wie in Frankreich alle 100 bis 200 Meter Bremsschwellen („Schikanen“) gäbe. Die machen Rasen unmöglich. Fußgänger und besonders Kinder sind in Frakreich sicher! Die Raser fahren meistens SUV und haben entweder das Gaspedal nicht unter Kontrolle oder werden vom Teufel geritten.
Gegen Bremsschwellen können sich nur verantwortungslose Raser aussprechen, die die das Freiheit ausleben bedeutet. Sie schimpfen über Geschwindigkeitskontrollen als „Radarfallen“.
Was ist los mit den Regierenden, die sich solchen Einsichten versperren, was ist los mit dem Verkehrsminister, der Tempo 120 oder 130 auf den Autobahnen für Freiheitseinschränkung oderTeufelswerk hält? Er ist ja willfähriger Knecht der Automobilindustrie.
Im größeren Frankreich gilt Tempo 80 auf Land- und 120 auf den Autobahnen. Von Frankreich kommen Raser auf deutsche Autobahnen, um mal richtig Gas zu geben. Von den Gelbwesten, die gegen 80 statt vorher 90 waren, hört und sieht man kaum noch was. Manche Politiker haben vor Gelbwesten in Deutschland gezittert. Wir trafen in München Amerikaner, die ihr neues Auto abholen wollen, um auf deutschen Autobahnen die Geschwindigkeit zu probieren. In ganz Europa gelten auf Autobahnen 120 oder 130, nur in Polen 140, außerorts 80 oder 90, nur in Österreich und Portugal 100. Uneingeschränkte Abschnitte gibt es in Europa (in der Welt?) nur in Deutschland.

Martin Krauß, Fernwald

 

„Ja, es müssten schon früher höhere Strafen gesetzt werden. Wer rast, rast ja immer, wird aber nur bei jeder 1000. Fahrt geblitzt.“
Ja, das paßt: Ein guter Freund, ein bekennender Autofahrer, hat sein KFZ in Paris für 40 EUR am Tag(!) in’s Parkhaus gestellt …, weil er an der Straße keinen halben Meter in’s Parkverbot geragt hätte. Die Gefahr, in kürzester Zeit abgeschleppt zu werden bei hohen Kosten, war ihm zu groß.
In Frankfurt parkt er dagegen ungeniert im Haltverbot: Es kommt ja kaum jemand; und wenn doch, dann wird man nicht abgeschleppt und es kostet kaum Geld.
Ich frage mich, auch angesichts der anstehenden Wahlen, wie Politiker dieses Dilemma erklären können? Es gibt tagtäglich zahllose, leicht zu ahnende Ordnungswidrigkeiten: Parken und Halten auf dem Radstreifen, auf der Sperrfläche, im Kreuzungsbereich, … Nur ganz schnell, mal eben kurz, … 10 oder 20 Min. halt. Aber weil so viele davon Gebrauch machen, kommt die Ordnungsmacht nicht mehr dagegen an.
Auf eine Einsicht der Autofahrer ist nicht zu hoffen; auf eine Einsicht der Politiker aber leider auch nicht.

Hans Dietmar Jäger, Frankfurt

 

Ich werde immer wahnsinnig wütend, wenn ich lese, dass ein Einzelner aus egoistischen Motiven das Leben anderer leichtfertig aufs Spiel setzt oder sogar beendet.
Bei den Rasern im Straßenverkehr wird seltsamerweise fast ausschließlich auf die sicher dringend notwendige Anhebung der Strafhöhe fokussiert (in der Schweitz hält man sich genau an die Geschwindigkeitsbegrenzung, weil es so teuer ist) mit der genauso nötigen Anhebung der Kontrolldichte (s. Handynutzung am Steuer).
Beide Maßnahmen würden die krankhaften Egomanen nicht hindern!
Zusätzlich sollte die technische Lösung nach dem Volvo-Vorbild, dass „durch einen Volvo kein Mensch mehr getötet oder schwer verletzt werden soll“ (Volvo-Zielsetzung für 2020) umgesetzt werden. Die ausreichend vorhandenen Sensoren der modernen Autos werden dabei von der Software auch auf die erlaubte Höchstgeschwindigkeit ausgewertet und lassen deren Überschreitung schlicht nicht zu. Schluss ist mit Protzer- und Poser-Gefahre! Und jedes Fahrzeug, das dann noch bei Geschwindigkeitsüberschreitungen dokumentiert wird, wird automatisch zur Überprüfung der Software konfisziert.
Mein drei Jahre alter Opel Ampera E leitet laut Bedienungsanleitung automatisch eine Notbremsung ein, wenn Fußgänger vor ihm auftauchen. Ich hab’s noch nie ausprobiert, ist mir zu riskant. Aber dass diese Möglichkeit nicht einmal diskutiert wird, lässt wohl nur den Schluss zu, dass eben doch die „Freie Fahrt für freie Bürger“ wichtiger ist als ein paar Tote und Verletzte im Straßenverkehr.

Detlef Kaiser, Butzbach

3 Kommentare

  1. hans sagt:

    Hoffnung ist nicht das einzige Gegenmittel gegen Raser. Man kann es auch mit wählen probieren. Die Politik ist, wohl auch berechtigt, der Meinung das die Bürger denen freies und oft auch schnelles Fahren wichtig ist bereit sind ihre Wahlentscheidung damit zu verbinden das sie das dürfen. Die wahrscheinlich vorhandene Mehrheit ist das nicht sie ist noch nicht einmal bereit dafür zu sorgen das solche Themen in Bürgerentscheiden abgestimmt werden können. Dann muss diese Mehrheit halt weiter hoffen.

  2. Anna Hartl sagt:

    Hoffnung kann nicht das einzige Mittel sein, um Rasern klar zu machen, dass sie den Tod anderer Menschen in Kauf nehmen.
    Ich möchte, dass diesen hirn- und gedankenlosen Menschen klar wird, welches Leid sie verursachen.
    Welchen Schock es verursacht, wenn man die Bilder der Menschen, die man lieb hat plötzlich in der Zeitung sieht. Wie es ist, wenn man hilf- und fassungslos versucht, jemanden zu erreichen, der einem doch hoffentlich bestätigt, nein, es sind nicht die Beiden. Wie Herz und Hirn sich weigern, die von einem verantwortungslosen Raser verursachten Tatsachen zu glauben.

    Weshalb ist der Typ in der Psychiatrie gelandet?
    Ist er krank? War das Absicht?
    Kann er nichts dafür, solches Leid verursacht zu haben?

    Der Übergang zur „Tagesordnung“ bis zum nächsten Vorfall ist schwer erträglich.
    Inzwischen macht sich eine neue Vorsicht beim überqueren der Strassen breit und gerade ältere Menschen haben Angst, ob es denn sicher ist, bei einer grünen Fussgängerampel auf die andere Seite zu gelangen. Kann es das sein??? Wollen wir wirklich so leben?

  3. hans sagt:

    Das sich abzeichnende Kommunalwahlergebnis in Frankfurt verspricht Spannung auch in der Verkehrspolitik. Egal wie es genau ausgeht sind die Grünen wohl die klar stärkste Partei die jetzt gefordert ist andere Akzente zu setzen als es die Union vorher gemacht hat und sich die dazu passenden Koalitionspartner zu suchen. Die Grünen kommen langsam in die Position das sie liefern müssen. Ich bin gespannt.