Rapunzel und Ronald

Heute mal etwas Besonderes außer der Reihe: ein satirisches Märchen mit Gegenwartsbezug von FR-Leser und Blog-User Werner Engelmann, der auch Autor des dreiteiligen Roman-Zyklus „Maria“ ist.

Rapunzel und Ronald

Von Werner Engelmann

Märchen aus dem 21. Jahrhundert frei nach dem Märchen der Gebrüder Grimm

Es war einmal ein böser Zauberer mit Namen Ronald. Der verachtete die Menschen. Er liebte nur sich selbst und seine Macht. Um sich an seiner Macht zu berauschen, ließ er riesige Paläste und Türme bauen, die er nach seinem Namen benannte. Er selbst bewohnte einen riesigen Palast inmitten eines Zaubergartens, und nur er allein hatte Zugang zu ihm. Da wuchsen die seltsamsten Zauberpflanzen. Von denen aß er täglich, um seine Zauberkraft zu erhalten. Nun war es aber mit seiner Sprache nicht aufs beste bestellt. So hatte er für alles nur einen Namen. Und er nannte sie „Rapunzel“.

Dann zwitscherte er den ganzen Tag Lobeshymnen auf sich selbst. Und er umgab sich mit bunt aufgeputzten Papageien. Die flüsterten ihm die eigenen Worte tagein, tagaus ins Ohr, krächzten sie zu seinem Ruhme in die weite Welt hinaus.

Wenn er wütend war, hörte er nicht auf zu zwitschern, bis sich seine Stimme überschlug und er nur noch heiser krächzte. Dann flogen alle Papageien kreischend auf. Und um nicht in Ungnade zu fallen, flatterten sie, seine Stimme imitierend, wild um ihn herum durch die Luft.

Doch das alles reichte ihm noch nicht. Er wollte der Allergrößte sein, der je auf dieser Erde lebte, der von den Menschen, die er hasste, verehrt wurde wie niemals jemand vor ihm. So versprach er den Menschen in seinem Reich, teilzuhaben an dem, was er selbst am meisten liebte: Größe und Macht. Für sie alle sollte sein Land das erste sein, das größte, das je auf diesem Planeten existiert hatte. Und mit seinem Lieblingsmotto „Wir zuerst“ zogen seine Untergebenen durchs Land, und die Papageien kreischten es, für alle vernehmlich, vom Himmel. Er wollte ein Reich begründen, das tausend Jahre und noch länger überdauern und herrschen würde.

Da aber hatte der böse Zauberer Ronald einen bösen Traum. In seiner Selbstherrlichkeit und Einsamkeit wurde er sich bewusst, dass er alles haben konnte, was immer er wollte – nur eines nicht: Er konnte sich keinen Nachkommen zaubern, der ihn und sein mächtiges Reich beerben würde. Das war für ihn ein erschreckender Gedanke. Er hasste ja alles, was nicht aus ihm selbst erwuchs. Er hasste alle, die sich ihm bedingungslos unterwarfen, mehr noch die, die sich ihm verweigerten, und am meisten alle Fremden, die in sein Land kamen.

Um Fremde abzuschrecken und von seinem Reich fern zu halten, hatte er eine meterhohe Mauer ringsherum bauen lassen. Damit in seinem Reich alle nur ihm allein hörig seien.

Nun aber brauchte der Zauberer Ronald ein fremdes Kind, das ihn beerben, das seine Größe und Macht weitertragen, das ihn verewigen würde. Doch wie nur sollte er zu einem Kind kommen, das er sein eigen nennen konnte?

Der Zufall kam ihm zu Hilfe. Er ertappte in seinem Zaubergarten einen Mann, der Rapunzel sammelte. Er stellte ihn zur Rede, herrschte ihn an:

„Was haben Sie in meinem Garten zu suchen!“

Der Mann erschrak, warf sich vor ihm auf den Boden, flehte ihn an:

„Verzeihen Sie, gnädigster Herr, meine Missetat. Ich tat das nur, um meiner Frau zu Hilfe zu eilen. Die liegt zu Hause und erwartet ein Kind. Sie wird von Tag zu Tag schwächer, und sie wird wohl sterben müssen, wenn sie nicht durch die Kraft der Rapunzel wieder geheilt werden kann.“

„Ein Kind!“ durchzuckte es den Zauberer Ronald. Und er gab sich plötzlich ganz liebenswürdig:

„Nun ja, guter Mann. So will ich ihm wohl verzeihen. Und er mag aus meinem Garten so viel Rapunzel haben, wie er nur braucht.“ Doch dann fügte er mit drohender Stimme hinzu: „Aber unter einer Bedingung: Das Kind, das seine Frau gebären wird, ist mein!“

Dem Mann erzitterten die Knie, als er diese Worte hörte: „O, gnädigster Herr!“

„Keine Widerrede!“, herrschte der Zauberer Ronald ihn an: „Sein Kind – oder er hat sein Leben verwirkt!“

Jammernd willigte der Mann ein und trottete benommen davon.

So kam denn der Tag, an dem die gute Frau das Kind gebar. Es war ein Mädchen, und sie nannten es „Greta“ – die Perle. Denn es war alles, was sie besaßen, ihr einziger Schatz. Eines Tages aber war das Bettchen, in dem Greta gelegen hatte, leer. Die Mutter raufte sich voller Verzweiflung die Haare. Da gestand ihr Mann, was er aus Angst um ihr Leben dem bösen Zauberer versprochen hatte. Voller Kummer verließen die Beraubten ihr Heim und begaben sich in Knechtschaft in einem der Schlösser des bösen Zauberers.

Der Zauberer Ronald aber ließ das Baby auf sein Schloss bringen. Und da er nicht einmal seinen Namen kannte und es mit seiner Sprache nicht allzu gut bestellt war, nannte er es, wie alles, aus dem er seine Zauberkraft schöpfte: „Rapunzel“. Auf dem Schloss ließ er es von einer Amme umsorgen, streng bewacht in einem abgelegenen Teil. Er selbst schaute nur selten nach ihm. Was sollte er auch mit einem so kleinen Menschenkind anfangen, wo er doch die Menschen verachtete?

Die Amme aber umsorgte das Kind mit viel Liebe. Und als es größer wurde, spazierte sie oft mit ihm durch den Garten. Sie lauschten dem Summen der Bienen, und die Amme lehrte es, die Geheimnisse der Natur zu entdecken. Und wenn sie dürre Gräser, vorzeitig verwelkte Blätter fanden, schüttelte sie sorgenvoll den Kopf und seufzte: „Da siehst du, was die gedankenlosen Menschen anrichten, die im Bann des bösen Zauberers stehen und Krieg führen gegen die Natur.“

Rapunzel versuchte zu verstehen. Das aber war schwer. Und es beschäftigte sie mehr und mehr, je älter sie wurde.

Eines Tages fragte sie den Zauberer, warum denn die Menschen Krieg führten gegen die Natur, die sie doch so liebte. „Pappalapapp!“, herrschte der sie an. „Kümmere dich nicht um das Gerede. Das ist alles eine bloße Erfindung der Chinesen, die uns nicht gönnen, dass wir mächtiger und klüger sind als sie.“

Rapunzel aber gab sich damit nicht zufrieden. Und die Amme besorgte ihr Bücher, darunter viele wissenschaftliche Werke über die Natur. Die studierte das Mädchen mit großer Hingabe und vergaß so seine Einsamkeit. Und je mehr es studierte, desto mehr ängstigte es sich über das, was ihm und den Menschen bevorstehen würde, wenn sie nicht endlich den Krieg gegen die Natur beendeten. Und es wurde immer trauriger und immer zorniger.

Als Rapunzel noch kaum sechzehn Jahre alt war, entschloss sie sich, etwas dagegen zu tun. Sie setzte sich mit einem Schild vor den Palast des Zauberers. Darauf stand: „Streik für die Natur!“ Und sie weigerte sich, in das Schloss zurückzukehren. Da wurde der Zauberer Ronald sehr wütend. Er machte die Amme für den Widerstand des Mädchens verantwortlich und verbannte sie aus seinem Land. Rapunzel aber ließ er in einen hohen Turm sperren, zu dem es keinen Zugang gab, nur zwei kleine Fensterchen in großer Höhe. Und er verzauberte sie und ihr Haar.

Von nun an kümmerte er sich selbst um das Mädchen. Und wenn er von unten rief „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“, dann wuchs ihr Haar bis zum Boden, und sie musste ihn daran hinauf ziehen. So ging das viele Tage und Wochen. Die Amme aber war indes nicht untätig geblieben. Wo sie auch hinkam, berichtete sie vom Schicksal Rapunzels und von der Not der Natur. So kam es, dass sich immer mehr Menschen um sie versammelten. Und die beschlossen, das Wüten des Zauberers nicht länger hinzunehmen. Sie sannen darauf, wie sie das Land von dem Zauberer und das Mädchen aus seinen Fängen befreien konnten.

Die Amme aber wusste Rat. Sie hatte auch den Zauberspruch erlauscht, mit dem der Zauberer sich Zugang zu Rapunzel verschaffte. Und eines Tages – es war der sechzehnte Geburtstag des Mädchens – war der Zauberer Ronald mal wieder mit Zwitschern und Wüten mitsamt seiner Papageien beschäftigt. Da marschierte eine große Menge junger Menschen auf den Turm los, in dem Rapunzel gefangen war. Sie brachten eine Strickleiter mit und trugen Schilder, auf denen stand: „Freiheit für Rapunzel!“ und „Für die Natur!“.

Beim Turm angekommen, rief die Amme mit lauter Stimme: „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ Rapunzel erkannte sofort die Stimme der Amme, stürzte vor Freude ans Fenster, und ihr Haar wuchs und wuchs. An diesem zog sie die Amme zu sich herauf. Und auf der Strickleiter stieg Rapunzel zusammen mit der Amme nach unten. Jubelnd wurden die beiden unten empfangen. Und im Triumphzug zogen sie von dannen.

Durch den Jubel aufgeschreckt, stürzte der Zauberer Ronald aus seinem Schloss heraus. Doch er kam zu spät, und er erntete nur noch ein vielstimmiges, triumphierendes Lachen. Die Botschaft von der Befreiung Rapunzels aber ging um die Welt. Und immer mehr Menschen machten sich auf den Weg, die ihren Forderungen folgten. Und eine mächtige Bewegung formierte sich überall auf der Welt, um die Natur vor Dummheit und Zerstörung zu retten. Der Zauberer Ronald aber wütete und tobte. Er stopfte Unmengen von Zauberrapunzel in sich hinein. Doch bei seiner riesigen Wut hatten die ihre Zauberkraft verloren. So ließ er die Wut an seinen Papageien aus. Diese tobten wie er, schwirrten wild durch die Luft, hackten sich gegenseitig und zuletzt auch dem bösen Zauberer die Augen aus. Und wenn sie nicht gestorben sind, so wüten sie noch heute.

2 Kommentare

  1. Stefan Vollmershausen sagt:

    Ein Weihnachtsmärchen,
    als ein neuer hessischer Fürst, ein Ministerpräsident, überraschend gewählt wurde und ein bayrischer König aus München von Berlin aus regieren wollte.
    Es war auf dem Arbeitsamt in Langen/ Hessen, nachdem eine Berufsausbildung abgeschlossen worden war.Die Berufsausbildung war tatsächlich bestanden worden und dann auf dem ersten Arbeitsmarkt gearbeitet worden. Nach zwei Jahren Arbeit mit Psychopharmaka wurde abgesetzt, zehn Jahre hatte man es genommen – Aus einem Gerichtsbeschluß vom Oktober 1990 resultierend
    Ohne Medikamente, mit dem Medikamentenentzug, war die Arbeitsstelle nicht mehr zu halten. Damals musste nicht nur zum Arbeitsamt gegangen werden, sondern auch 1999/2000 zusätzlich zum Sozialamt, weil das Arbeitslosengeld nicht langte.
    Dort, in der Behörde, beschloss man, sich die zusätzliche Arbeit zu erleichtern,die Arbeitslose mit sich bringen. Wenn nur kurzfristige Tätigkeiten ausgeübt werden. Zusätzliche Arbeit für die Behörde, wegen der Bescheid Erstellung.
    Tatsächlich wurden mit der Verrentungswelle, – wie sie 1999/2000 – geschah, sich Luft auf der Behördenseite, verschafft .
    Nun gibt es heute Studien, wie erfolgreich Migranten integriert werden, auf dem Arbeitsmarkt, oder im sozialen Gefüge.
    Ich würde gerne eine Studie über die Integration bei Erwerbsminderung oder psychischer Behinderung im sozialen Gefüge sehen. Keine vierzig Jahre alt war man und mit einem einmaligen Gutachten wurde über die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit geurteilt. Wahrscheinlich macht man das auch noch heute so.
    Es war auf dem Arbeitsamt, wie im Personalbüro eines großen Konzerns, ein hire and fire, vor zwanzig Jahren. So wurde von der Behörde ganz im Sinne der Fürsten gehandelt

  2. Stefan Vollmershausen sagt:

    Oder das Weihnachtsmärchen von Hans Christian Andersen. : das Mädchen mit den Schwefelhölzern
    Bis das letzte Streichholz zum wärmen in der Weihnachtsnacht erloschen ist.
    Grundsicherung zehn Euro am Tag, fünf Euro für Lebensmittel. Dabei hat sich seit 2000 nichts wesentliches geändert.
    Politik ist nur etwas für die reichen und intellektuellen.
    Uns bleiben nur die schwefelholzer