Freier Lauf für Frustrationen

Willkommen zum Postfach
vom 23. August 2017

Wieder sind Leserbriefe liegen geblieben, für die ich im Print-Leserforum keinen Platz gefunden habe. Also ab mit ihnen ins „Postfach“ hier im FR-Blog. (Mehr über die Hintergründe –> HIER.) Zuerst wie immer ein kleiner Überblick.

  • Juliane Schätze aus Frankfurt befürchtet, dass mehr Leser „in die sozialen  Medien wechseln“ und „ihren Frustrationen freien Lauf“ lassen könnten, wenn die Qualitätsmedien nicht neutral berichten. Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung hatte Kritik an der Berichterstattung deutscher Medien während der Flüchtlingskrise 2015 und 2016 geäußert.
  • Auch Stephanie Wirth aus Hannover hat Kritik: Sie wünscht sich, dass die Versuche aufhören, „Frauen zu erzählen, dass Mutterschaft alternativlos“ sei. „Ein Kinderwunsch ist nicht so natürlich, wie uns dies in der Sozialisation vermittelt wird.“
  • Wenn Kinder da sind, müssen sie betreut werden. Jochen Kühl aus Langen fordert „Gebührenfreiheit für die frühkindliche Bildung in Kitas“.
  • Jochen Dohn aus Mittelbuchen lobt zwei Traumapädagogen aus Hanau für ihr Engagement im nordsyrischen Kurdengebiet: „Meine Hochachtung! Wie wohltuend, dass es noch Humanisten gibt und die Story über ihre beispielhafte Arbeit in der Presse erscheint.“
  • Von diesem schrecklichen Thema machen wir einen Schwenk ins vergleichsweise behagliche Deutschland: „Wer ist der normale Mensch bei der SPD, wenn es um die Rente geht?“, fragt María del Carmen González Gamarra aus Frankfurt.
  • Und Christa Bietau aus Essen schreibt, das Prostituiertenschutzgesetz suggeriere, dass „die sexuellen Dienstleistungen von durch Behörden ‚zertifizierte‘, gesunde SexarbeiterInnen geleistet“ würden.

Was meinen Sie?

fr-balkenFreier Lauf für Frustrationen

Zu: „Studie beklagt einseitige Berichterstattung über Flüchtlinge“ , FR.de vom 21. Juli 2017

„Die Bevölkerung kann seriöse, gut recherchierte, kritisch hinterfragte Informationen in den Medien beanspruchen. Die Berichterstattung zu den Ergebnissen der Studie „Die ‚Flüchtlingskrise‘ in den Medien“ legt nun offen, dass Printleitmedien wie „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Süddeutsche Zeitung“, „Welt“, „Bild“ aber auch „Focus“, „Tagesschau.de“ und „Spiegel-online“ statt Qualitätsjournalismus zu liefern, die Sicht und die Losungen der politischen Elite vermittelten. Die Sorgen und Nöte der Betroffenen, der Helfer und Andersdenkender erschienen kaum in den Meldungen. Die Ergebnisse der Studie sollten als Weckruf begriffen werden. Es könnte unerfreuliche Folgen haben, wenn die Leser verstärkt in die soziale Medien wechseln. Dort lassen sie sich dann per „Fake News“, deren Ziel es bekanntlich ist, Misstrauen in die Demokratie zu erzeugen, informieren und ihren Frustrationen freien Lauf.“

Juliane Schätze, Frankfurt

fr-balkenMutterschaft ist nicht alternativlos

Zu: „Politische Bausteine für mehr Kinder“ , FR.de vom 27. Juli  2017

„Gern möchte ich mich für die Veröffentlichung des oben genannten Artikels bedanken. Insbesondere aber für den letzten Satz dieses Leitartikels zum Thema Geburtenrate. Dieser lautet: „Die nächste zu erreichende Stufe wäre, Kinderlosigkeit nicht als Manko zu betrachten.“
Hier stimme ich Melanie Reinsch vollends zu. Es ist an der Zeit, dass in unserer Gesellschaft alle Lebensformen respektiert, akzeptiert und als gleichwertig angesehen werden. Ein Kinderwunsch ist nicht so natürlich, wie uns dies in der Sozialisation vermittelt wird. Ich hatte nie einen und bin darüber weder traurig, noch bereue ich es kein Kind zu haben.
Ich führe ein erfülltes Leben und bin vielfältig engagiert, im (akademischen) Beruf und im Ehrenamt. Ich muss nicht bemitleidet werden und bin auch keine Sozialschmarotzerin, denn ich trage keinen Makel und mit mir gibt es viele andere Frauen und Männer, die meine Auffassung und Lebensweise teilen. Menschsein muss nicht gleichbedeutend sein mit Mutter oder Vater sein.
Es gibt viele Möglichkeiten im Jahr 2017 ein befriedigendes Leben zu führen. Gern wird auch vergessen, dass wir Kinderfreien nicht nur weniger respektieret werden, sondern auch höhere Steuern und Abgaben zahlen. Wir sorgen dafür, dass u.a. Infrastruktur für Kinder und Jugendliche vorgehalten wird, von der wir nicht profitieren. Eltern und Kinder erhalten viele Vergünstigungen.
Auf den Einwand: „Aber wer bezahlt denn unsere Renten?“ möchte ich das Folgende antworten…Das System sollte modifiziert werden. Jeder Mensch sollte durch dafür ausreichend hohe Löhne und Gehälter die Chance haben Rücklagen für die eigene Altersvorsorge zu bilden. In Norwegen hat es diebezüglich schon gelungene Vorstöße gegeben, die dann durch die populistische Rechts-Konservative Partei leider wieder gekippt worden sind. Rücklagen bilden halte ich auch in Deutschland für sinnvoll, dann fielen die subtilen und die offensichtlicheren Versuche, Frauen zu erzählen, dass Mutterschaft alternativlos sei, hoffentlich weg.
Von der Rundschau wünsche ich mir, dass oft Frauen (und Männer) positiv dargestellt werden, die glücklich und zufrieden kinderfrei sind!“

Stephanie Wirth, Hannover

fr-balkenGebührenfreiheit für frühkindliche Bildung

Zu: „Gratis ist zu billig“ , FR.de vom 2. Juli 2017

„Schon die Überschrift verrät, dass die Verfasserin das Thema nur zum Teil erfassen wollte. Würde sie das auch für Schulen und Hochschulen so sagen? Bildung in Kitas gehört doch ebenso zur Bildung von jungen Menschen wie Bildung in diesen Einrichtungen.
„Jedes Kind in Hessen soll möglichst früh, möglichst optimal und nachhaltig gefördert werden“, dies ist das erklärte Ziel der hessischen Landesregierung, und so hat sie es 2008 mit dem „Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren“ dokumentiert. Dort heißt es u.a.: „Der Bildungs- und Erziehungsplan nimmt die besonders lernintensive Altersspanne von 0 bis 10 Jahren in den Blick…Nationale wie internationale Debatten über eine Neubewertung früher Bildung haben in den vergangenen Jahren dazu geführt, sich verstärkt der kindlichen Entwicklung und Bildung in den ersten zehn Jahren zu widmen.“
Nur konsequent war Hessen seitdem nicht. Zwar sollte der Bildungs- und Erziehungsplan zunächst ein Orientierungsrahmen sein, mit dem vor allem die Qualität der Kita-Arbeit verbessert werden sollte. Das ist ja auch das Anliegen der Verfasserin.
Aber politisch fortgesetzt wurde das Bekenntnis zur Bildung in den Kitas in Hessen bis heute nicht. Noch immer besteht zwischen den Bildungsangeboten in Schulen und Hochschulen einerseits und Kitas andererseits der entscheidende Unterschied, das erstere kostenlos nicht nur in sondern auch von allen Bundesländern angeboten werden und Kita-Bildung von den Kommunen und Eltern sowie unter Bezuschussung der Länder in unterschiedlicher Höhe (z.B. Bayern und Baden-Württemberg um die 50 Prozent, Hessen deutlich darunter) finanziert werden.
Wenn neben Berlin auch Rheinland-Pfalz (seit 2010) und Hamburg (seit 2014) diesen Unterschied abgebaut haben und zum Teil für diese Einrichtungen auch die verantwortliche Trägerschaft übernommen haben, dann haben sie damit einen wichtigen Schritt eines einheitlichen Bildungskonzeptes nicht nur von 0-10 Jahren sondern auch darüber hinaus verwirklicht.
Erst wenn die Bundesländer nicht nur die Gebührenfreiheit sondern auch die Verantwortung für die frühkindliche Bildung in Kitas übernehmen, dann müssen sich diese Länder auch den Anforderungen nach besserer Qualität, wie sie die Verfasserin nicht ganz zu Unrecht stellt, auch messen lassen.
So will es in Hessen nicht nur die SPD (Landtagsantrag 2016) sondern auch die FDP (Parteitagsbeschluss (Mai 2016). Und dass das längst eine parteiübergreifende Forderung ist, dokumentiert nicht zuletzt auch eine von allen Mitgliedern der Langener Stadtverordneten-Versammlung am 22. Juni 2017 beschlossene Resolution für gebührenfreie Kitas.
Auf dem Weg dahin mögen kommunale Regelungen über einkommensabhängige Kita-Gebührenstaffelungen eine kleine Entlastung für einkommensschwächere junge Eltern schaffen, aber sie können nur eine Zwischenlösung der Kommunen sein. Am Ende des Weges wird es für alle Kinder länderfinanzierte Plätze in Kita’s geben müssen.“

Jochen Kühl, Langen

fr-balkenBeispielhafte Arbeit

Zu: „Hilfe für traumatisierte Kinder“ , FR.de vom 21 Juli 2017

„Vor gut einem Monat gab es einen Artikel über Heike Karau und Thomas Lutz die in den Norden Syriens ins Kurdengebiet nach Rojava gefahren waren, um den dortigen Lehrkräften zu helfen. Hilfe dahingehend, dass sie den dortigen Lehrkräften Instrumente an die Hand gegeben haben, damit diese Schülerinnen und Schüler helfen können, die von Krieg, Flucht und Angst traumatisiert sind. Menschen wieder Hoffnung zu geben, ihnen wieder Perspektiven zu geben, damit sie ein besseres Leben führen können, soweit dies in einem zerstörten Land, indem immer noch Krieg und Gewalt herrscht, überhaupt möglich ist. Meine Hochachtung! Auch den freiwilligen Helfer, die schon seit Jahren den hier angekommenen Flüchtlingen helfen, kann ich nicht genug danken. Wie wohltuend, dass es noch Humanisten gibt und die Story über ihre beispielhafte Arbeit in der Presse erscheinen.§

Jochen Dohn, Hanau-Mittelbuchen

fr-balkenDer normale Mensch bei der SPD

Zu: „Machen Sie sich keine Sorgen um die SPD, FR.de vom 16. Juli 2017

„Es kann auch eine Frage des Respekts vor der Leistung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sein, wenn die SPD, sich für eine „gute“ Rente einsetzt. Jedoch bei normalen Menschen, so Andrea Nahles. Wer ist ein normaler Mensch? Und was ist eine gute Rente? Nahles definiert es so: jeder der ein Leben lang gearbeitet hat, muß zehn Prozent oberhalb der Grundsicherung bekommen. Aktuell beträgt die Grundsicherung für Alleinstehende 409 Euro im Monat plus Miete, Nebenkosten und Heizung. Plus zehn Prozent darüber? Soll ausreichend sein? Mit Respekt kann also die Existenz bei steigenden Mieten und Lebenshaltungskosten nicht gesichert werden. Der (genannte) normale Mensch bei Nahles ist, wenn wir uns einige Zahlen im aktuellen Rentenmodell anschauen, lediglich der Mensch, der 45 Jahre lang sozialversicherungspflichtig gearbeitet hat, und, was entscheidend dabei ist, eine bestimmte Gehaltshöhe – ohne Unterbrechung – erreicht hat. Denn nur so hätte er seinen Rentenbeiträgen entsprechend regelmäßig Punkte sammeln können, d.h. 45 Pkt damit er davon im Alter leben kann.
Wer z.B. einer geringfügigen Beschäftigung nachgegangen ist 45 Jahre lang oder auch 50 Jahre, wird Grundsicherung beziehen müssen. Auch wer zwei und mehr Mini-Jobs 45 Jahre lang hatte, wird im Alter von Armut bedroht sein. Wer also nicht ein bestimmtes Einkommen monatlich (2017 – vorläufig 3092 EUR Brutto) bezogen hat, 45 Jahre lang und jeden Monat !, bekommt je nach Gehaltshöhe entweder 0,7 oder 0,4 oder gar 0,8 Pkt gut geschrieben. Die Studienzeit wird schon lange, mit der SPD, nicht mehr in die Rentenkasse gezählt, die Erziehungszeit, erst vor kurzem mit der sogenannten, „Mutterrente“ teilweise (eine Katastrophe) und die Arbeitslosigkeit trägt entsprechend nicht zur Rentenkasse bei u.ä.
Alle bisher von der SPD und bürgerlichen Parteien vorgestellten Renten-Modelle zeigen einen brutalen Abbau von Renten mit den unterschiedlichsten Tricks, ob Riester-Rente, „Privataltersversorgung“, sowie aktuell, das verrückte Modell mit Betriebsrenten u.ä. Weil, was vor ca. 40 Jahren galt, wer bis zur Rente bei einem Arbeitgeber bleibt, ist loyal und bezieht oft eine Betriebsrente, wurde durch die Umgestaltung der Arbeitswelt um 180 Grad gedreht. Heute wird derjenige, der nur bei einem Arbeitgeber beschäftigt ist, falls so etwas noch existiert, als unflexibel und nicht lernfähig beschimpft.
Ich persönlich habe in meinem Berufsleben bis heute nur zwei „normale Menschen“ kennengelernt, die volle 45 Jahre versicherungspflichtig einer Tätigkeit nachgegangen sind und dabei die Ungerechtigkeit der Geschlechterdifferenz erlebt. Ein Vorgesetzter vor Jahren, deren Ehefrauen nicht erwerbstätig war, da sie die zwei Söhne erziehen mußte und eine Freundin, die kinderlos sich früh hat scheiden lassen und für sich sorgen mußte.
Wer also ist der normale Mensch bei der SPD, wenn es um die Rente geht? Weiterhin der Mann. Denn auch bei ihm wird sogar die Bundeswehrzeit in der Punkte-Modell-Renten-Kasse angerechnet.“

María del Carmen González Gamarra, Frankfurt

fr-balkenZertifizierte Sexarbeiterinnen

Zu: „Ein ganz normaler Beruf?“ , FR.de vom 11. Juli 2017

„Irgenwie ist dieser Beitrag ein Sammelsurium zum Thema Prostitution aus Ekel und Moral (gegen Entgelt ins Gesicht ejakulieren), Menschenwürde, kapitalistische Verwertungslogik, Respekt für Sexarbeiterinnen, Prostituiertenschutzgesetz (PSchG), Berufswahl der Cousine – insgesamt wenig erhellend und eher überflüssig.
Aber was ich eigentlich kommentieren will ist die Behauptung der Autorin, das PSchG wolle den Schutz der Prostituierten durch „Gesundheitschecks“ ausweiten. Diese und ähnlich formulierte Behauptungen, wie „Gesundheitsnachweis“, „Gesundheitsprüfung“, „Zwangsuntersuchungen“ werden durch permanente Wiederholungen nicht richtiger! Wenn solch schön gruselige Skandalisierungen – zuweilen werden sogar Parallelen zum Faschismus gesehen und kundgetan – von Interessenvertretungen und „ExpertInnen“ benutzt werden, um Stimmung zu machen/zu beeinflussen oder sich selbst zu produzieren, ist das leider so, und man kann nur versuchen, mit Informationen dagegen zu halten.
Was mich wirklich an solchen Beiträgen ärgert:
1. Man erweist denen, die in den Gesundheitsämtern das Gesetz (§ 10, gesundheitliche Beratung) unter dem Aspekt des Schutzes und der gesundheitlichen Interessen der Prostituierten – nicht der Freier – umsetzen sollen/ müssen, wie auch den Prostituierten, die zur ordnungsbehördlichen Anmeldung eine Bescheinigung über eine vorhergehende gesundheitliche Beratung (um die geht es nämlich) brauchen, einen Bärendienst, indem man Angst, Wut und Ressentiments durch Falschinformationen schürt. Man könnte es auch Nebenkriegsschauplatz nennen. Das Gesetz enthält ja, außer der durchaus kritisch zu sehenden gesundheitlichen Pflichtberatung, genug Regelungen, gegen die die Betroffenen sich auch weiterhin wehren könnten und die Umsetzung des Gesetzes kritisch begleiten sollten. Aber dazu müsste man/frau sich ja damit wirklich auseinandersetzen.
2. Durch solche Behauptungen suggeriert man den Kunden (und Kundinnen), dass die sexuellen Dienstleistungen von durch Behörden „zertifizierte“, „saubere“, gesunde SexarbeiterInnen geleistet werden. Man(n) bzw. KundIn glaubt sich also vor jedem Infektionsrisiko geschützt und fühlt sich nicht etwa selbst verantwortlich.“

Christa Bietau, Essen

Ein Kommentar

  1. Thomas Seeling sagt:

    Hallo Frau Wirth,

    ich stimme Ihnen voll und ganz zu, dass jeder Mensch sich selbst entscheiden kann und sollte, ob er/sie Kinder haben will oder nicht. Über diese Entscheidung hat dann auch niemand zu urteilen außer Ihnen selbst.

    Aber bitte ersparen Sie doch sich und uns die Mär, dass die Kinderlosen höhere Abgaben zahlen und deshalb die Wohltäter für die Eltern mit Kindern sind.

    Bezeichnend finde ich übrigens, aber das will ich hier nicht weiter vertiefen, dass sie auffällig einen sperrigen, ungebräuchlichen Begriff wie „kinderfrei“ einführen statt des üblichen „kinderlos“.

    Wie schon mehrfach hier ausdiskutiert wurde, sind die „Steuergeschenke“ an Eltern mit Kindern lächerlich gering im Vergleich zu anderen Steuergestaltungsmöglichkeiten wie z.B. der derzeitigen Variante des Ehegattensplittings (siehe z.B. hier im Blog die Kommentare bei http://frblog.de/kinderlose/). Ganz generell halte ich den derzeitigen deutschen Staat und die Länder nicht für besonders kinderfreundlich, da ist noch viel zu tun.

    Das Steuerrecht ist sicherlich reformbedürftig, aber ganz bestimmt ist es nicht zu Lasten der Kinderlosen ausgeprägt. Ich muss mir also von Ihnen kein schlechtes Gewissen einreden lassen, dass ich als Vater von zwei Kindern auf Ihre Kosten lebe und vom Staat etwas bekomme, was Sie im Schweiße Ihres Angesichts erarbeitet haben und dann abgeben mussten.

    Und egal wie Sie es drehen und wenden wollen – wenn die Bevölkerungszahl weiter sinkt und vielleicht auch noch wegen schlechter Arbeitsmarktbedingungen qualifizierte Kräfte in andere Länder abwandern, können Sie die Rentenversicherung soviel reformieren wie Sie wollen, aber es wird nicht mehr erwirtschaftet. Und der Druck wird irgendwann so groß werden, dass immer mehr Einzahler abwandern – ein Teufelskreis.

    In Ihrem Beitrag klingt durch, dass Sie gern weniger gesetzliche Rentenversicherung zahlen wollen im Austausch für eigenverantwortliche, private Vorsorge. Das ist genau der falsche Weg. Die gesetzliche Rentenversicherung sollte mehr Einzahler bekommen, z.B. durch Abschaffung von winzig kleinen Kassen für einzelne Gruppen wie Ärzte, Tierärzte usw., so dass jeder Verdiener in die RV einzahlt und dafür auch einen Anspruch auf eine Mindestrente hat – so wird das z.B. in der Schweiz gehandhabt. Wer mehr Geld zur Verfügung hat, kann ja gern eine Zusatzversicherung abschließen. Dasselbe Prinzip halte ich auch bei der Krankenversicherung für sinnvoll, aber das ist ein ganz anderes Thema.