Die Großkotze vom Pausenhof

Rückgrat zeigen“ lautete in der Print-FR die Überschrift von Michi Herls Kolumne am 21. November, in der er wegen der „Jamaika“-Verhandlungen hart mit den Grünen ins Gericht geht. Der FDP hingegen zollt er Beifall: Chapeau, Herr Lindner! Da kann man durchaus geteilter Meinung sein, doch man weiß ja: Michi Herl provoziert gut und gern. Also alles nicht so gemeint? Oder irgendwie anders gemeint? Omid Nouripour aus Berlin lässt das so nicht gelten. Er ist Bundestagsabgeordneter der Grünen und außenpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag und hat eine Replik auf Herls Kolumne geschrieben:

Die Großkotze vom Pausenhof

Von Omid Nouripour

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Sehr geehrter Herr Herl, in der Frankfurter Rundschau  haben Sie uns Grüne als „nützliche Idioten“, „Weicheier“ und „Arschkriecher“ bezeichnet. Wir seien diejenigen gewesen, die „ohne eigene Meinung“ und „Rückgrat“ in die Sondierungen gegangen sind. In Zeiten, in denen ich im Schnitt zwei Hassmails in der Stunde bekomme, muss ich wohl Ihre Auslassungen als Teil meiner Berufsbeschreibung annehmen. Zumal Sie sich ja auch hinter der Freiheit der Satire oder einer Kunst (der großen Hetze?) verstecken können. Nur zu, Kulturschaffende dürfen alles.

Zwei Fragen habe ich dennoch an Sie: Früher gab es auf meiner Schule – wie auf jeder Schule der Welt – die Großkotze vom Pausenhof. Diese haben einen auf dicke Hose gemacht und dachten, sie wären die coolsten Typen auf unserem Planeten. Dabei waren sie ganz arme Tofuwürstchen.

Was sie stets verraten hat, war ihre hochgradig verächtliche Art, über Menschen zu sprechen. Und wenn sie Verachtung für die „Blassen“ abließen, waren sie ganz schnell bei der Verachtung für die „Schwachen“. Wohin diese Verachtung führen kann, wissen wir beide sehr gut. Diese Leute fühlten sich ja auch stets als besonders kreativ, Polemik hin, Polemik her.

Meine erste Frage lautet: Glauben Sie, in Zeiten der schnell in die Tasten gehackten Hass-Zeilen, dass Ihre Tiraden ein Beitrag zur Verbesserung der politischen Kultur in diesem Land sind, oder ist das der Trollen-Herdentrieb, dem Sie sich da hingegeben haben?

Man braucht Prinzipien – besonders dann, wenn man sich über die Rückgratlosigkeit anderer echauffiert. Wir Grüne haben uns vorgenommen, als Prinzip nicht alle halbe Stunde lautmalerisch die Klappe aufzureißen. Wenn das für Ihre messerscharfen Analyse-Fähigkeiten heißt, dass man nicht in den entscheidenden Momenten Rückgrat und Menschlichkeit zeigen kann, dann ist es wohl so. Das Leben aber zeigt: Nicht nur die Lauten schaffen es ganz nach oben (und das ist kein Wert an sich), sondern auch die Schlauen und Stillen (zu denen wir beide ja nicht gehören).

Aber kommen wir jetzt zu Ihren, ähm, nennen wir sie Tiraden gegen die Grünen: Wer nach einer Wahl wie dieser in Sondierungsgesprächen Kompromisse eingeht, hat nicht wie Sie behaupten, „keine eigene Meinung“, sondern verstanden, worum es in der Demokratie geht: nämlich ausgehend von einem demokratischen Wahlergebnis das Land zu gestalten. Wir haben Verantwortung zu tragen für unsere Demokratie und wollen nach diesem Wahlergebnis klare Verhältnisse schaffen. Wenn Sie mal eine Partei gründen, die es anders machen will, dann werden wir den Kopf schütteln, Sie aber sicher nicht mit Ihrer Fäkalien-Sprache überschütten.

Die Überheblichkeit, mit der Sie Parteien begegnen, die durch die harte Arbeit vieler engagierter Menschen politische Positionen erarbeiten und vertreten, und diese dann bestmöglich umsetzen wollen (die allermeisten von ihnen ehrenamtlich), ist eine weitere Referenz an bestimmte Jungs damals auf dem Schulhof.

Manchmal ist Desertieren ehrenvoll. Doch Politik ist kein Krieg. Sich unter Wahrung seines Heiligenscheins auf die Oppositionsbänke zu verkrümeln, ist keine Leistung, wenn die Möglichkeit besteht, eine andere Politik zu machen, eine Politik, die unser Klima retten und Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien verhindern kann. Aber bei diesem Thema sind Sie ganz nah bei Ihrem großen Zwillingsbruder Christian Lindner, der sich 2011 schon einmal aus dem Staub gemacht hat, als der Gegenwind für die FDP auf bundespolitischer Bühne zum Orkan wurde.

Sie schreiben es: „Rückgrat zeigen ist die Devise. Und zwar kompromisslos.“ Das führt mich zu meiner zweiten Frage: Verehren Sie eher Autokraten oder Dogmatiker? Diese beiden Gruppen sind nämlich die einzigen, die Kompromisslosigkeit als etwas Großartiges darstellen wollen. Wer Kompromisse so rücksichtslos kompromittiert, der stärkt nicht nur die puren Wutbürger, der legt auch die Axt an die politische Kultur dieses Landes.

Sie meinen, dieses „kompromisslose Rückgrat“ hätte uns die SPD vorgemacht. Ich muss ausnahmsweise mal die arme SPD in Schutz nehmen. Nachdem sie sich nach der Wahl nicht schnell genug in die Büsche schlagen konnte, wackelt sie jetzt beim Thema GroKo wie der Milchzahn eines Sechsjährigen. Und das ist auch gut so, denn verantwortungsvolle Parteien müssen bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn sie nicht immer bequem ist.

Kompromisse sind nicht per se ein Armutszeugnis. Ohne Kompromisse hätten wir keinen unserer Grünen-Erfolge feiern können: Weder den Atomausstieg noch das Zuwanderungsgesetz, die Gleichstellung homosexueller Paare oder das Gewaltschutzgesetz. Es gibt bei all diesen Themen noch viel zu tun, aber ohne Kompromisse wären wir noch immer im Jahr 1977. Wollen Sie dahin zurück? Damals gab es keine Grünen, und Sie waren auf dem Schulhof.

Mein Umgang mit den oben genannten Jungs war, auf dem Pausenhof über den Weltfrieden zu dozieren oder mit meiner Freundin rumzuknutschen. Hat entspannt – nachhaltig.

28 Kommentare

  1. Ralf Rath sagt:

    Erwiesenermaßen kennt in einer menschlichen Gesellschaft kein Handeln Unmittelbarkeit. Zu fordern, dass eine angesichts dessen wie auch immer geartete Politik das Klima rettet, könnte, im Lichte besseren Wissens betrachtet, somit vergeblicher nicht sein. Nicht von ungefähr wollte Herr Kubicki von der FDP deshalb sinngemäß wissen, ob die Sondierungen so lange hätten dauern sollen, bis alle tot umgefallen sind. Nachdem offenbar Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen noch immer keinerlei Einsicht zeigen, war der von Herrn Lindner verkündete Abbruch der Gespräche mehr als überfällig. Dafür gebührt ihm Lob.

  2. Henning sagt:

    Kompromisse sind immer eine feine Sache.
    Sie erwähnten manche glorreiche Kompromisse während der rot-grünen Ära, mir fehlen da noch bspw. die Unterstützung der Grünen für den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in Jugoslawien, oder das Exekutieren der neoliberalen Agenda (2010) die zur Spaltung der Gesellschaft bis heute ihren Anteil trägt. An solchen Stellen suchte ich das Rückgrat der grünen Partei vergebens, wie auch viele andere in dieser Gesellschaft.
    Kompromisse sind scheinbar immer dann gut, wenn es gilt „Verantwortung“ zu übernehmen.
    Klingt immer ein wenig nach dem ollen Wilhelm Zwo, der auch dann wenn‘s brenzlig wurde „nur noch Deutsche und keine Parteien mehr kannte“.
    Rückgrat bedeutet eben auch, sich nicht auf „atmende Obergrenzen“ einzulassen im Tausch für mehr EEG Umlagen und tägliche, vegane Fleischtöpfe für alle. 😉
    Wer bei grundsätzlichem, wie Menschenrecht, bereit ist Kompromisse einzugehen, der stützt ein weiter so derer, die einen Dreck auf diese geben, wenn darunter Arbeitsplätze leiden könnten, dem Mantra der ganz Dummen.
    Kompromisse kann und muss es sicherlich im Kleinen geben, die große, eigene Linie jedoch aufzuweichen und aufzugeben bedeutet in Konsequenz eben, kernlos zu werden oder bereits zu sein.

    Und, weil der Leserbrief ja von Ihnen und nicht ihrer Partei kam, noch ein paar Anmerkungen zu ihrer Person die ich mir nicht verkneifen kann,. Stellen Sie mich doch vor ein echtes Rätsel.
    So scheint mir jene Fähigkeit sich zu verbiegen…äh Tschuldigung …einen Kompromiss zu finden sich massiv in ihrer Person zu manifestieren.
    Einerseits, so kann man lesen, sind sie im Vorstand der Atlantik Brücke und deswegen per definitionem stetig bemüht Freihandelsabkommen wie TTIP voranzutreiben und zu unterstützen während ihre Partei , die Grünen, jedoch strikt dagegen argumentiert.
    So kann man lesen: „Im Hinterzimmer verhandelt, von Konzern-Interessen dominiert, von Millionen Menschen abgelehnt: die Beispiele TTIP, CETA, JEFTA und TISA zeigen, wie Handelsabkommen nicht aussehen dürfen. Deshalb lehnen wir Grüne sie ab und fordern einen Neustart.“ (https://www.gruene.de/programm-2017/a-bis-z/wir-machen-den-welthandel-fair.html)
    Während ihr GeVo bei den Atlantikern, Friedrich Merz folgert: „Denn es geht im Kern bei TTIP um die strategische Bündnisfähigkeit zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten von Amerika.“/https://www.atlantik-bruecke.org/ttip-podiumsdiskussion-mit-friedrich-merz/)
    Das nenne ich mal einen veritablen Spagat, sicher nicht leicht sowas unter einen Hut zu bringen.

    Auch ihre Funktion bei der „Deutsche Atlantische Gesellschaft“ als NATO-Lobbyverein wäre sicherlich zu früheren Zeiten bei den Grünen mit einer pazifistischen Ideologie nicht so einfach unter einen Hut zu bringen.
    Zum Glück gelang es ihrer Partei aber beim „Langen Marsch durch die Institutionen“ diesen sozialen und antibellizistischen Ballast loszuwerden.
    Und die alten Klassiker „Raus aus der NATO – Rein ins Vergnügen“ sind ja eh‘ nicht mehr en vogue, der alte und neue Feind im Osten bereits wieder aufgebaut, NATO hat wieder Sinn, mission accomplished.
    Ein paar Sanktionen hier(Russland) und ein wenig gezielte Förderung(Ukraine) da und schon kann man sich sicherlich auch noch mit den christlichen Bereichen der Partei arrangieren und die NATO endlich wieder ihren Job tun lassen. Deutsche Freiheit muss ja nicht immer am Hindukusch verteidigt werden, kann ja auch am Majdan geschehen, gelle.

    Auf dem „Langen Marsch“ an die steuerlich finanzierten Tofutröge des Staates wurden dann Menschen mit erkennbarem Rückgrat, die beständig Unbequemen, die gesellschaftlichen Kritiker von sogenannten Realpolitikern(also dem rechten Flügel) als „Dogmatiker“ gemarkert und kaltgestellt, bzw. stellten sich -wie Jutta Ditfurth- selber kalt.
    Was zurückblieb ist die Herrschaft von Blassen, dauerhaft Kompromissbereiten, die, wie es Herr Herl durchaus angemessen skizziert, eben nicht mehr für eigenes Einstehen bereit zu sein scheinen. Spitz formuliert also, die Masse derer, denen Kirchentagsfloskeln schon genug Sozialpolitik zu sein scheinen. Mittelmaß eben, durch und durch bürgerlich und in der Produktionsweise verhaftet. Kapitalismus ja bitte, aber bitte biologisch nachhaltig und gerecht. m(
    Statt die „Soziale Frage“ zu stellen ist man steckengeblieben in gendergemäßer Sprache und dem biedermeierischen Wunsch nach safe-spaces und Gut-zu-sein-in-Permanenz Ideologie, lebt man gerne im Gruppenmief der anderen Blassen.
    So lese ich die Kritik an ihrer Rolle bei den Verhandlungen. Ob das nun fair war es so zu benennen in Bezug auf die Sondierungsgespräche, weiß ich nicht. Wenn man die Grünen aber als Gesamtkunstwerk betrachtet, liegt man damit allerdings sicherlich nicht allzu falsch.

    Um noch kurz auf ihre etwas süffisante Formulierung “ Ich muss ausnahmsweise mal die arme SPD in Schutz nehmen. Nachdem sie sich nach der Wahl nicht schnell genug in die Büsche schlagen konnte, wackelt sie jetzt beim Thema GroKo wie der Milchzahn eines Sechsjährigen.“ einzugehen.
    Ich halte von der Verräterpartei, der Sozialdemokratie mal so gar nichts. Muss aber feststellen: Diese Entscheidung war und ist -sowohl strategisch- als auch als „Wir-haben-verstanden“ Reaktion durchaus richtig. Eine sozialdemokratische Erneuerung -oder die Hoffnung darauf- kann nur in Abgrenzung zu den Rot-Grünen und Schwarz-Roten Regierungsjahren gelingen, eine glaubhafte(haha!) Sozialdemokratisierung der SPD nur auf der Oppositionsbank.
    Da jetzt „Führer und Vaterland“ nach Verantwortung für und „Deutschland zuerst“ rufen, allen voran die feixenden „Realpolitiker“ vom Seeheimer Kreis, also die Rechten, jene die in Sachen sozialdemokratisches Denken und Handeln locker von den Sozialausschüssen der CDU/CSU abgehängt werden, dies nur nebenbei, macht die Entscheidung der SPD „Opposition machen zu wollen“ sicher nicht falsch. Falsch wird es erst, wenn die Sozialdemokraten mal wieder das machen, was sie neben „Vaterland retten“ und Demonstranten wegkartätschen am zweitbesten beherrschen, Umfallen und Politik für herrschende Eliten praktizieren.
    Das von ihnen so beschriebene „Wackeln“ ist somit „not a bug, it’s a feature“ um es etwas polemisch zu formulieren.

    Recht geben muss ich Ihnen allerdings auch noch.
    Warum der geschätzte Herr Herl den geplanten und vollzogenen Egotrip der neoliberalen FDP in seiner Kolumne ernsthaft als positives Beispiel für Rückgrat anführt, erschloss sich mir leider auch nicht. Das bedeutet den Flötentönen des Wuppertaler Rattenfänger schon zu folgen.
    Aber auch ein Michi Herl darf mal was wirklich Dummes schreiben, solange es in Minderheit bleibt.

  3. Jemanden, der so viel Menschenverachtung nötig hat wie Herr Herl, kann man nur bemitleiden.

  4. @Henning
    Warum verbreiten Sie soviel Hass?
    Ich hoffe, dass wir auf Grund der fast Namensgleicheit nicht verwechselt werden.

  5. Peter Boettel sagt:

    Wenn ich auch absolut kein Anhänger der FDP, deren politischer Programmatik oder von Lindner bin, kann ich mir einen gewissen Respekt zu seiner Haltung nicht verkneifen.

    Denn im Gegensatz zu den Grünen, die wohl mit aller Macht in die Regierung drängen und vielen Forderungen der CSU und FDP nachgegeben haben, hat Lindner eine rote Linie für Zugeständnisse seiner Partei markiert und einen Schlussstrich gezogen.

    Ich wünschte mir von der SPD, dass sie sich gegenüber den Unionsparteien bei deren überzogenen neoliberalen Vorhaben ebenso verhalten würde anstatt sich aus falsch verstandener Koalitionstreue oder Burgfrieden dauernd zu verbiegen.

  6. Brigitte Ernst sagt:

    @ Henning Flessner

    Tatsächlich war ich wegen der Gleichheit des Vornamens kurzzeitig verwirrt, aber ungefähr nach dem ersten Absatz wurde mir klar, dass Sie, lieber Herr Flessner, das nicht sein konnten, denn wir kennen Sie alle als sehr sachlichen Diskussionspartner, der sich zu Entgleisungen, wie sie sich Ihr Namensvetter hier leistet, niemals herabließe.

    Michi Herl geht mir mit seiner Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit schon lange gehörig auf den Senkel. Die Menschenverachtung, mit der er in dieser Kolumne das soziale Engagement der sogenannten „Blassen“ verunglimpft und diese sogar in die Nähe von Nazi-Mitläufern rückt, ist abstoßend.
    Und auch „Henning“ operiert an völlig unpassender Stelle mit Nazivergleichen („Führer und Vaterland“, „Deutschland zuerst“). Mit solchen Tiraden disqualifizieren sich die Autoren Herl und Henning nur selbst.

    Was mich erstaunt, ist die breite Zustimmung (Herl, Rath, Boettel), die das durchschaubare taktische Manöver der Selbstdarsteller Lindner und Kubicki hier findet. Was ich von diesen beiden Herren halte, habe ich mehrfach deutlich gemacht.

  7. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Christian Lindners FDP hat sicherlich kein Rückgrat bewiesen, als sie die „Jamaika“-Sondierungen platzen ließ. Sie hat lediglich erkannt, dass ihr neoliberaler Forderungskatalog nicht durchsetzbar sein würde und dass die Wähler dieser Partei Zugeständnisse in diesen Kernfragen nicht honorieren würden.

    Michael Herl hat das nicht korrekt analysiert. Möglicherweise, weil er einen Aufhänger benötigte, um mit den GRÜNEN Tacheles zu reden. Die schienen um einer Regierungsbeteiligung willen bereit gewesen zu sein, in entscheidenden Punkten ihres Selbstverständnisses Kompromisse einzugehen. Um das darzustellen, wäre es jedoch gar nicht notwendig gewesen, die Partei mit ungehobelten Kraftausdrücken zu beleidigen.

    Omid Nouripour hat ihn im Gegenzug als „Kulturschaffenden“ beschimpft. Das wiederum scheint mir ebenfalls ehrabschneidend zu sein. Schließlich ist dieser Begriff belastet durch seinen Gebrauch im Nationalsozialismus. Man denke beispielsweise an den „Aufruf der Kulturschaffenden“ vom 18.08.1934 zur Vereinigung der Ämter von Reichspräsident und Reichskanzler. Auch im 1937 erschienenen „Handbuch der Reichskulturkammer“ taucht das Unwort wiederholt auf. Wilhelm Emanuel Süskind ordnete es in einem Zeitschriftenbeitrag 1946 dem „Wörterbuch des Unmenschen“ zu.
    Auch in der DDR wurde der Ausdruck in offiziellen Verlautbarungen gebraucht. Er gilt sogar als überlebensfähiges Relikt der spezifischen DDR-Sprache.

    In ähnlicher Weise greift Omid Nouripour sowohl sprachlich als auch inhaltlich daneben, wenn er das beliebte, aber die Tatsachen verschleiernde Schlagwort „Übernahme von Verantwortung“ heiligt. War sein Parteifreund Trittin etwa verantwortungslos, weil er mit großer Skepsis in die Sondierungsgespräche ging? Schließlich kann man Verantwortung nur übernehmen, wenn klar ist, wer einem die Verantwortung mit welchem Ziel überträgt. Eine Vier-Parteien-Koalition hätte den kleinsten gemeinsamen Nenner als Regierungsziel vereinbaren müssen. Das hätte jedem Wahlprogramm widersprochen. Es wäre mithin die Verantwortung gewesen, die man sich selbst gibt. Ehrlicherweise sollte man sie als Selbstgerechtigkeit bezeichnen.

    Ähnlich verhält es sich mit dem Kompromiss, den Nouripour zum politischen Instrument schlechthin erhebt. Wenn man weiß, dass die von Dieselmotoren emittierten Stickoxyde lebensgefährlich sind, bedeutet jeder Kompromiss (also das Nichterlassen von Fahrverboten), dass Menschen früher sterben. Dieses Wenn-Dann lässt sich auch auf andere Inhalte der Grünen übertragen. Ich denke beispielsweise an die Belastung der Gesundheit durch den Flugverkehr. Der grüne Wirtschaftsminister in Hessen, Tarek Al-Wazir, verkauft sein Versagen in dieser Frage ebenfalls als Kompromiss.
    Wenn existentielle politische Forderungen innerhalb einer Regierungskoalition nicht durchgesetzt werden können, erscheint die Mobilisierung der Bevölkerung aus der Opposition heraus als der erfolgversprechendere Weg.

  8. Henning sagt:

    Da ich in zwei Beiträgen erwähnt wurde muss ich leider, bevor ich aufs Thema eingehe, ein paar Zeilen in eigener Sache dazu loswerden.

    Ich hätte mir wohl zuerst einmal ein paar alte Diskussionen anschauen sollen, um die mögliche Betroffenheitsskala von potentiell Beteiligten abschätzen zu können. Mein Fehler, sorry.
    Zwar hätte ich meine Worte dann auch nicht anders gewählt, aber an mancher Stelle wohl noch einen Smiley reingebastelt.
    Sicherlich wollte ich niemanden persönlich beleidigen und -wenn ich mir meinen Beitrag nochmal anschaue- habe ich dies auch nicht.
    Nun habe ich keine inhaltliche Kritik zu oder an meinem Beitrag gelesen, einzig erregte Befindlichkeit wahrgenommen(„Hass“, „disqualifiziert sich“).
    Dazu kann ich nur erwidern: ich formuliere nun mal so, wie ich es tue aber Hass ist sicher weder meine Triebfeder nch mein Ziel.

    Ein sprachliches Taktieren und diplomatisches Abwägen erscheint mir für meinen Beitrag bei dieser Thematik, die Herr Mertens -zugegebenermaßen- treffender und entspannter aufzeigt, aber eben nicht sinnvoll zu sein.
    Noch mal in a nutshell: Ich beleidige niemanden persönlich, sondern überspitze und nutze Ausdrücke die mir geboten erscheinen. Dies nur kurz als Replik.

    und back to the roots…

    Mit Verlaub, Herr Flessner und Frau Ernst aber ich sehe keinen „Menschenverachtung“ im Beitrag von Herrn Herl.
    Das klingt in meinen Ohren so ähnlich wie die immer wiederkehrenden Klagen der Freunde des Fischs, wenn in der Herl‘schen Kolumne mal wieder der angebetete, allmächtige Imaginäre durch den Kakao gezogen wurde.
    Oder ist eventuell doch einfach mein Kompass so schlecht eingenordet, dass nur ich das menschenverachtende Element des Beitrags nicht erkenne?
    Ich fürchte immer, wie auch bei den #meetoo Geschichten oder bei den vorschnellen Nazi! Rufen, man tut sich keinen Gefallen wenn man undifferenziert eine Keule fallen lässt.
    So denke ich, es gibt tatsächlich menschenverachtende Texte, es gibt sogar menschenverachtende Menschen, aber die sind gewöhnlich ein komplett anderes Kaliber als der Kolumnenbeitrag von Michi Herl.
    Herl skizziert, soweit ich es verstehe, in seinem Beitrag einen bestimmten Menschenschlag, den klassischen Opportunisten, Radfahrer und Mitläufertypus.
    Diesen assoziiert er -wie ich oben schrieb- „ob zu Recht bei den Sondierungen wage ich nicht zu beurteilen“ mit dem Verhalten der Grünen bei den Vorgesprächen zu einer möglichen Koalition. Kann man so machen, elegant ist aber anders. Menschenverachtend aber sicher auch. Wenn grüne Ministerpräsidenten primär an Arbeitsplätze, Wiederwahl und Arbeitgeberboni denken, muss man sich tatsächlich fragen ob die von Herrn Nouripour favorisierten Kompromisse noch urgrünes Gedankengut(„Mama Erde retten!“) repräsentieren oder nicht doch schon schlicht Ausdruck des herrschenden Diskurses geworden sind.

    Der, Frau Ernst wie sie finden, unpassende Nazivergleich ist meine überspitze sprachliche Form der Beschreibung jener augenblicklich von Hinz und Kunz immer wieder an die SPD herangetragene Zwänge und Drücke, sich doch ‚für Deutschland‘, ‚für die Demokratie‘, für ‚wen oder was auch immer‘ zu verbiegen damit Frau Merkel und ihre Politik weiter im Amt bleiben kann. Business as usual.
    Meine spitze Kritik der durchsichtigen Versuchen mit eben den aus Wirtschaft, Politik und Parteien an die SPD herangetragenen vorgeblichen Regierungszwang und Koalitionszwang. Man tut gerade so, als wenn Bürgerkrieg herrschte und nur dieses von Herrn Nouripour angesprochene Einknicken endlich wieder Ruhe einkehren ließe im Land.
    Mehr von jener Ruhe unter deren Decke sich die – im Gefolge der sozialen Schieflage im Land entstandene- Unzufriedenheit als fauliger, autoritärer Hauch in echten Parteien bzw. Bewegungen manifestiert hat, deren Existenz tatsächlich die Tendenz hat die Demokratie zu gefährden.
    Und sei es nur dadurch, dass die alten Parteien sich immer weiter nach rechts lehnen und versuchen, versprengte Wahlschafe dadurch wieder einzufangen.
    Aber darum ging es weder im Beitrag von Herrn Herl noch von dem von Herrn Nouripour, zumindest nicht vordergründig. Der Menschentyp jedoch, den Herr Herl beschreibt, der ist es der tatsächlich brandgefährlich ist und den es zu neutralisieren gilt(nein, keine Angst, nicht physisch, sondern politisch). Hier ein beruhigender Smiley.

    Wenn nun die von Herrn Nouripour so gelobpreiste Kompromissfähigkeit aber ein Teil des Problems ist, sei es in realiter oder auch nur in der Wahrnehmung des Volkssouveräns, dann füttert man durch diese eben genau jene Kräfte die am Ende sicherlich weder über einen Toleranzbegriff noch über Kompromisse diskutieren wollen oder werden.

    Wie anders also, als mit überzeichnetem ‚Nationalhohn‘ kann man auf diese vorgebliche, ’nationale Herausforderung‘ antworten, wie diese beschreiben, als mit dem von mir versuchten „Da jetzt „Führer und Vaterland“ nach Verantwortung für und „Deutschland zuerst“ rufen“ um die Tragweite dieser Forderungen deutlich zu machen.
    Ein Nazivergleich war damit nicht gedacht, wenn sie den aber konstruieren möchten, bitteschön, wenn es sie glücklich macht und sie meinen Beitrag dadurch nicht Ernst nehmen müssen.

  9. Ralf Rath sagt:

    Weswegen die Herren Lindner und Kubicki meiner Zustimmung sicher sind, wenn sie Sondierungsgesprächen eine Abfuhr erteilen, die zweifelsohne fernab jeglicher Realität so tun, als ob die Bewegungsgesetze moderner Gesellschaften übersprungen oder gar wegdekretiert werden könnten, muss ich nicht gesondert begründen. Bereits der Satz „Der Klimawandel ist von Menschenhand gemacht“ spottet der nicht mehr widerlegbaren Erkenntnis, dass selbst noch das Unvermittelte gesellschaftlich vermittelt ist. Insofern käme es vielmehr darauf an, notwendig die ökonomisch-gesellschaftlichen Mechanismen zu konterkarieren, anstatt einem ohnehin seit längerem boomenden Naturalismus zu frönen und beispielsweise ein Verbot für Verbrennungsmotoren auszusprechen. Daran lässt sich sehr anschaulich ablesen, wie verfehlt die Strategie von Bündnis 90/Die Grünen schon im Ansatz war und noch immer ist. An der scharfen und von Herrn Herl geübten Kritik ist demnach nichts auszusetzen.

  10. @Henning
    Man muss sich bei einem Debattenbeitrag überlegen, was man will. Will man andere überzeugen oder einfach nur «Dampf ablassen»?
    Ich glaube nicht, dass Sie Herrn Nouripour überzeugt haben.

  11. Jürgen Malyssek sagt:

    Von Rückgrat bei Christian Lindner beim Ausstieg aus den Jamaika-Gesprächen zu sprechen, das geht mir nicht über die Lippen. Es tur mir leid, aber die Persönlichkeit Lindners erinnert mich an Großmannsucht. Ich habe die Kolumne von Michael Herl nicht gelesen. Der Kommentar von Omid Nouri hat mich insofern angesprochen, als dass ich gemerkt habe, wie tief getroffen der Grüne sich gefühlt hat von der harschen Kritik Herls an seiner Partei. Ich will die Bedeutung von Politik-Kompromissen hier nicht bewerten. Die leidenschaftlich vertretene Überzeugung von Nouripour hat mich jedenfalls beeindruckt.
    Hinzu kommt, dass ich beim Kapitel Tiraden gegen die Grünen im Kontext von Jamaika-Sondierung nicht wirklich mitschwinge. Es war von vorne herein klar, dass die Grünen bereit waren zum Mit-Regieren. Aber das Spektakel von Christian Lindner ist mir wirklich bitter aufgestossen. Rückgrat – dass ich nicht lache!

  12. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Michael Herls Kolumne „Rückgrat zeigen“ wird in Bronskis Einleitungstext verlinkt. Ich empfehle, sie dort zu lesen.

  13. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Danke! Werde ich lesen.

  14. Werner Engelmann sagt:

    „Und warum nun das ganze Geschreibsel?“
    Das ist wohl der einzige bedenkenswerte Satz in dem Sammelsurium aus Stillosigkeit, schiefen Bildern, Arroganz und Verachtung, das ein Michael Herl hier präsentiert. Und eine Beleidigung für Menschen, die wirklich „Rückgrat“ bewiesen haben.
    Mir kommt, um diese Frage zu beantworten, bestenfalls ein Klassenclown in den Sinn, der keine Situation auslässt und für den nichts zu blöde ist, um auf sich aufmerksam zu machen.
    Aber über den kann man in der Regel wenigstens lachen.
    „Die Großkotze vom Pausenhof“ ist da sicher nicht so falsch.

  15. Brigitte Ernst sagt:

    Was mich an Michael Herls Kolumne stört, ist nicht einmal seine – zugegebenermaßen herabwürdigend formulierte – inhaltliche Kritik an den Grünen, sondern das Menschenbild, das sich in seiner Beschreibung des „blassen“ Durchschnittsmenschen manifestiert.
    Da werden Schüler, die freiwillig Arbeiten für die Gemeinschaft übernehmen, wenn sich alle anderen (eher vom Schlag eines großmäuligen Michi Herl) davor drücken, als „Weicheier“ und „nützliche Idioten“ abqualifiziert und es wird ihnen unterstellt, sie erledigten das nur, weil sie nicht genügend Rückgrat besäßen, sich dagegen zu wehren. Das ist eine interessante Beurteilung von Menschen, die mehr soziales Engagement zeigen als Machotypen, die lieber andere für sich arbeiten lassen und diese vermeintlich Schwächeren dann auch noch (in Herls Fall „nur“ verbal) mobben. Diese letzteren halte ich persönlich für erheblich gefährlicher, weil sie als Alphatiere in einer Gruppe den Ton angeben oder aber sich solchen Opinionleaders anbiedern und jeden, der anders als die Ingroup tickt, ausgrenzen.
    Bezeichnend in dem Zusammenhang ist der Satz: „Keiner mag sie, erst recht schaut keiner zu ihnen auf“. Was für ein Wert steckt denn in einer Position, zu der andere aufschauen? Ich dachte wir leben in einer demokratischen Gesellschaft, in der alle einander gleichgestellt sind, man sich auf Augenhöhe begegnet und niemanden braucht, zu dem man aufschaut – und gleichzeitig auch niemanden, den man ausnutzt und herabwürdigt.

    Nun zu Ihnen, Henning.
    Ich habe nicht etwa deswegen kritisch auf Ihren Beitrag reagiert, weil ich mich persönlich angegriffen fühlte. Die Grünen gehen mich nichts an, ich habe sie zu Joschkas Zeiten zum letzten Mal gewählt und will mich gar nicht über ihr Verhalten in den Jamaika-Verhandlungen streiten. Was mich an Ihrem Beitrag stört, ist Ihre unsachliche, schlagwortartige und undifferenzierte Polemik, die ich für der Sache völlig unangemessen halte. Um diese Sprache auf eine Sachebene zu heben, helfen auch keine Smileys.
    Es fängt schon damit an, dass Sie die SPD einfach mal pauschal als „Verräterpartei“ abwatschen. Für meinen Geschmack reichlich platt!
    Und dann die ständigen Rückgriffe auf nationalistisches und nationalsozialistisches Vokabular.
    „Ein Nazivergleich war damit nicht gedacht, wenn sie den aber konstruieren möchten, bitteschön, wenn es Sie glücklich macht und sie meinen Beitrag dadurch nicht Ernst nehmen müssen.“
    Wenn Sie nicht selbst ermessen können, was Sie da schreiben, sollten Sie in Zukunft etwas genauer nachdenken, bevor Sie sich äußern.
    Wenn Sie nicht merken, dass Sie mit dem Ausdruck „Führer und Vaterland“ unseren Bundespräsidenten, der versucht, die Parteien zu einer vernünftigen Regierungsbildung zu bewegen, mit Hitler vergleichen, der von seinen „Untertanen“ bedingungslose Gefolgschaft bei seiner verbrecherischen Politik forderte, dann fehlt Ihnen offensichtlich jegliches Sprachgefühl – und/oder das erforderliche historische Wissen.
    Mit „Deutschland zuerst“ stellen Sie dagegen eine Parallele zu Donald Trump her, ebenfalls völlig an den Haaren herbeigezogen, weil es hier nicht um Nationalismus geht, sondern um die Bildung einer Regierung, die gerade auf internationaler Ebene, innerhalb der EU und darüber hinaus, wichtige Aufgaben zu erfüllen hat.
    Und wer außer Ihnen spricht denn im Zusammenhang mit der anstehenden Regierungsbildung von „Vaterland retten“ oder „nationaler Herausforderung“? Außer der AfD kein Politiker, den ich kenne. Deshalb kann ich diese Diktion nicht „überspitzt“ nennen, sondern böswillige verfälschend.

  16. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Volle Zustimmung. Mich kotzt diese herablassende Arroganz auch an.
    Bei Michi Herl kommt hinzu, dass er sich als „Autor und Theatermacher“ produziert. Wer nur ein bisschen Ahnung von dem Metier hat, der weiß, welche Sensibilität und welch hohes Einfühlungsvermögen gerade ein Theatermacher braucht.
    Herr Herl desavouiert mit seinem Geschreibsel die gesamte Theaterzunft. Und mit seinem Unfug über „Weicheier“, „Häuptlinge“, „Fahnenflucht“, „braune Vergangenheit“ und „Rückgrat“ zudem jeden seriösen Historiker.
    Ein loses Mundwerk erlaubt jedem Wichtigtuer, sich selbst zum Helden zu stilisieren.

  17. Uli sagt:

    Was den herlschen Kommentar angeht – dies trifft auch auf mach anderen „Kommentator“ zu, den sich Printmedien halten – so habe ich den Eindruck, dass es ihm nicht um die Sache an sich geht, sondern dass prinzipiell versucht wird, Streit und Dissenz zu provozieren. Diesen Hang, Konflikte zu generieren, haben auch die TV- und Radio-Medien, wenn Sie in sog. „Diskussionsrunden“ oder auch Einzelinterviews Fragen stellen, die mit der in Rede stehenden Sache wenig zu tun haben, sondern allein darauf abzielen, Konflikte zu provozieren. Da ich dies nun schon öfter wahrgenommen habe, sehe ich die Rolle der Journalisten und der Presse ganz allgemein nicht mehr als nur auf Information-zu-vermitteln gerichtet an. Insofern habe ich mitllerweile auch meine Problme mit der Presseberichterstattung und misstraue dem Deutschen Journalismus ganz allgemein!

  18. Folkhart Funk sagt:

    Michi Herl hat in seiner drastischen „Fäkalien-Sprache“ die Grünen in seiner Kolumne vom 21.11. mit Kritik überschüttet. Es war zu erwarten, dass die Grüne Partei das nicht mögen und eine Retourkutsche nicht ausbleiben würde. Dass er aber jetzt von Omid Nouripour wegen seiner offenen, unterzeichneten Kolumne in die Nähe von Hass-Mails und Trollen gerückt wird, verschiebt meines Erachtens doch die Maßstäbe. Auch bedient sich Omid Nouripour selbst durchaus einer drastischen, durchaus unter die Gürtellinie zielenden, Sprache: „die Großkotze auf dem Pausenhof“, die „einen auf dicke Hose gemacht haben“ und dabei doch nur arme „Tofuwürstchen“ waren. In einem kleinen Exkurs betreibt er dann auch noch nebenbei sein politisches Geschäft und watscht die momentanen Lieblingsfeinde FDP und SPD ab.
    So sind die beiden also quitt? Die Texte bald vergessen? Viel Lärm um nichts?
    Ein politisch aktiver Mensch meines Jahrgangs erinnert sich jedoch daran, dass – um im Bild der Großkotze auf dem Schulhof zu bleiben – die Grünen selbst einmal zu diesen Großkotzen gehörten, ihre Gegner kompromisslos bekämpften, sich dabei der “Fäkalien-Sprache“ reichlich bedienten und in vielen Situationen durchaus als „Wutbürger“ aufgetreten sind. In ihrem Falle schafften es auch die Lauten „ganz nach oben“. Auf dem Weg dorthin wurden sie schlauer und stiller und jetzt sind sie staatstragende, verantwortungsvolle, angesehene Politiker. Sie rühmen sich immer noch ihrer „Grünen-Erfolge“. Ich bin aber, vielleicht wie Michi Herl, der Meinung, dass sie auf diesem Wege und besonders dort, wo sie an der Macht kommen (wollen), frühere ökologische und politische Positionen leichtfertig aufgegeben haben.

  19. Agnes Ster sagt:

    Nun, ja – wenn der Herr Omnipour sich über die Ausdrucksweise des Herrn Herl beschwert, sollte er zumindest in der Lage sein, seine eigene Ausdrucksweise zu überdenken. In der Sache gebe ich Herrn Herl recht – die Grünen haben sich bis zur Unkenntlichkeit verbogen. Kompromisse sind etwas anderes, als seine Überzeugungen vollkommen aufzugeben, um mit zu regieren. Und wenn Herr Herl von den Blassen schreibt (überspitzt aber durchaus sehr treffend) meint er nicht die Schwachen, sondern die rückratlosen Opportunisten und Speichellecker – und ich finde, die hat er sehr treffend beschrieben. Noch ein Wort zur „Verräterpartei“ SPD – diese hat mit Hartz IV, Entfesselung der Finanzmärkte, Liberalisierung des Arbeitsmarkts, Schaffung des „besten“ Niedriglohnsektors in Europa, Privatisierung der Rente und vieler anderer Dinge beileibe nicht zum ersten Mal ihre Wähler verraten. Dafür wurde sie jedenfalls nicht gewählt, in ihren Wahlkämpfen hat sie das Gegenteil versprochen, die Partei, die das sozial in Ihrem Namen führt. Unvergessen auch das Wahlversprechen, mit uns wird es keine Mehrwertsteuererhöhung geben“ – sie fiel dann noch höher aus, als von der CDU vor der Wahl angekündigt. Wohlwissend, dass diese Steuer vor allem die kleinen Leute trifft, hat man im selben Atemzug den Betuchten üppige Steuergeschenke gemacht. Oder der Herr Müntefering mit dem roten Schal: Es ist unfair, Politiker an ihren Wahlversprechen zu messen“. Da muss man nicht noch weiter in der Geschichte zurückgehen, die in vielen Dingen keineswegs rühmlich ist. Im Juli 1914 organisierte die SPD noch Massendemos gegen den drohenden Waffengang – wenige Tage später stimmte sie den Krediten für den Ersten Weltkrieg zu. Ich will nicht weiter ausholen, obwohl sich noch sehr viel zu dieser Partei im sozialen Tarnmantel sagen ließe, z. B. Radikalenerlass, mit dem sie Existenzen zerstörte – eins ist jedenfalls gewiss, der Verrat an ihren Wählern zieht sich wie ein rotes Band durch die gesamte Geschichte dieser Partei, die stets links blinkt und scharf rechts abbiegt.

  20. @Agnes Ster
    «Im Juli 1914 organisierte die SPD noch Massendemos gegen den drohenden Waffengang – wenige Tage später stimmte sie den Krediten für den Ersten Weltkrieg zu.“
    Sie benutzen ein wörtliches Zitat aus dem „Spiegel“. Wenn Sie den zugehörigen Artikel gelesen haben, dann sollten Sie wissen, dass die Dinge nicht so simpel waren, wie sie im ersten Anschein aussehen.
    Der heutigen SPD und damit ihren Mitgliedern vorzuwerfen, sie hätten 1914 für die Kriegskredite gestimmt, ist absurd.
    Zu den „Opportunisten und Speichelleckern”: der erste Paragraph des Grundgesetzes gilt für alle (, sogar für Politiker und Manager).

  21. Agnes Ster sagt:

    @Henning Flessner

    doch, die Dinge sind m. E. simpel – daran ändert auch die Meinung des Spiegels nichts. Ich kann übrigens auch in dem Spiegelartikel nichts erkennen, was das Umfallen der SPD rechtfertigen würde und hier ging es nicht um Peanuts, sondern um die Zustimmung zu einem verheerenden Gemetzel, das Europa ins Unglück gestürzt hat- aber lassen wir das gerne mal dahingestellt.

    Ich hatte ja nicht nur diesen einen Satz geschrieben, sondern sehr viele andere Sachargumente erwähnt, die m. E. belegen, dass die SPD sich nicht wundern muss, dass sie als Verräterpartei bezeichnet wird. Es wurde hier ja dem anderen Henning vorgeworfen, dass er diesen Begriff benutzt hat, und das sei „Platt“, aber ich finde, er benutzt ihn zu Recht und habe mich bemüht, das anhand diverser Fakten zu begründen, dass sich der Verrat an ihrem Markenkern, mit dem sie sich vermarktet und zur Wahl empfiehlt, wie ein roter Faden durch die Geschichte dieser Partei zieht.

    M. E. hat die SPD, die das sozial (im Gegensatz zur CDU) im Namen trägt, ihre Wähler, denen sie stets vor der Wahl sozial verspricht, und hinterher das Gegenteil macht, derart schlimm hinter die Fichte geführt, wie keine andere Partei – sodass ich mich wundere, dass sie überhaupt noch Wähler hat.

    Die schlimmsten Grausamkeiten gegen die eigene Klientel hat definitiv die SPD begangen, die Beispiele hatte ich oben aufgezählt und vollständig sind sie keineswegs. Diese Grausamkeiten, die zu einer Spaltung der Gesellschaft geführt haben, die es in diesem Ausmaß davor nicht gegeben hat, und die sich infolge dieser von der SPD/den Grünen allein zu verantwortenden „Reformen“immer weiter verschärft hat, (abzulesen am Anstieg des Ginikoeffizienten als objektives Maß für die soziale Ungleichheit), waren keine Kompromisse, die hat die SPD ganz eigenständig mit den Grünen umgesetzt.

    Heute hängt sich das Spitzenpersonal mal wieder ein soziales Mäntelchen um, weil ihnen die Wähler in Scharen abhanden kamen, konkrete Inhalte Fehlanzeige, nur wohlklingende Worte. Sie erinnern mich an Kaffeefahrtverkäufer, die wertlose Produkte mit irreführender Werbung an Leichgläubige zu verscherbeln trachten. Die sogenannte Bürgerversicherung ist keine Bürgerversicherung, sondern ein Witz und wenn die SPD meint, sie müsse einer Sache (der Zweiklassenmedizin) einfach einen anderen Namen verpassen, und schon laufen ihr die Wähler wieder zu, dann täuscht sie sich (hoffentlich).

    Bis heute hält die Führungsriege an den „Reformen“ fest – die schlimmsten sozialen Grausamkeiten haben weder die FDP noch die CDU eingeführt, das waren die Genossen und die Grünen und dass sich bei dieser Partei irgendetwas Relevantes erneuert, mit immer noch demselben neoliberalen Spitzenpersonal, das glaubt kein Mensch, der seinen Verstand gebraucht.

    Im Gegensatz zum heutigen Spitzenpersonal hat W. Brandt wenigstens zugegeben, dass der Radikalenerlass, mit dem unzählige Menschen ihre bürgerliche Existenzgrundlage verloren, ein schwerer Fehler war. Das hat den Menschen allerdings dann auch nicht mehr geholfen.

    Im Übrigen merke ich an, dass Begriffe wie „Kotzt mich an“, „Geschreibsel“, „Wichtigtuer“, „Klassenclown, dem nichts zu blöde ist“, um einige Beispiele derer zu nennen, die sich hier über Herrn Herl (und den anderen Henning) echauffieren, auch nicht von Sachlichkeit, Sensibilität und Einfühlungsvermögen zeugen. Meine bescheidene Meinung.
    Freundlichen Gruß
    Agnes Ster

  22. Agnes Ster sagt:

    Und um das noch zu ergänzen, Herr Flessner: Ich hatte ganz allgemein vom Typus der rückgratlosen Opportunisten und Speichellecker (im Gegensatz zu den Schwachen) geschrieben, um zu verdeutlichen, welchen Typ Mensch m.E. Herr Herl beschrieben hat – eben nicht die Schwachen. Ich habe auch nicht der „heutigen SPD und damit ihren Mitgliedern vorgeworfen, sie hätten 1914 für die Kriegskredite gestimmt“. Dieser Vorwurf ist absurd. Die Nerven mancher SPD-Mitglieder oder -Wähler scheinen ziemlich blank zu liegen – da kann ich aber nichts dafür. Also bitte, unterstellen Sie mir freundlicherweise nichts, was ich nicht geschrieben habe. Danke

  23. @Agnes Ster
    Wenn Sie jemand als „Speichelleckerin“ bezeichnen würde, empfänden Sie das mit Ihrer Menschenwürde vereinbar? Ich nicht.
    Sonst hat Frau Ernst schon alles gesagt, was es für mich hier zu sagen gäbe.

  24. Brigitte Ernst sagt:

    Da Henning Flessner auf meinen Beitrag vom 30. November hingewiesen hat, hier noch eine Ergänzung.
    Bereits der erste herabwürdigende Begriff, den Michael Herl in dieser Kolumne verwendet, nämlich „Weichei“, zeigt doch überdeutlich , wes Geistes Kind er ist. Hier greift er nämlich ganz tief in die Mottenkiste der Machoklischees: Das Weichei, also der Mann, der nicht den herkömmlichen Vorstellungen von Männlichkeit entspricht, indem er, oh Graus, einer so unmännlichen Beschäftigung wie Spülen nachgeht, während sein gepriesenes Gegenstück, der „harte Mann“, das nötige „Rückgrat“ besitzt, sich erfolgreich gegen eine solche Zumutung für seine Männlichkeit zu wehren. Ist Herrn Herl – und auch Ihnen, Frau Ster – eigentlich bewusst, auf welches Niveau er sich hier begibt?

  25. Irgendwie habe ich den Eindruck , dass das ganze ein wenig aus dem Ruder läuft . Es ging doch nur darum , dass die Lindner Partei gelobt wurde und die Grünen als blasse Weicheier dargestellt wurden . Das Lindner Lob kam nicht so gut an , die Grünen , na ja . Festhalten würde ich gern , dass die Grünen die einzigen waren , die glaubhaft ums Klima besorgt waren (und heute noch sind),und nur vor der Wahl standen , gehe ich in die Sondierung oder nicht . Wenn ja blieb nur die Möglichkeit , Kompromissfähigkeit zu zeigen um zu sehen , ob sich andere bewegen würden .Wenn ich nicht ganz falsch liege ist doch das eigentlich Problem , dass keine der Volksparteien am Klima irgendetwas machen werden

    sondern es völlig ausblenden . Die Rechnung dafür wird kommen , aber später ,die heutigen Schulhofexperten jedenfalls sind für mich nicht die Grünen sondern alle anderen .

  26. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen H. Winter

    Natürlich ging es Herl um eine Kritik an den angeblich prinzipienlosen Grünen und ein Lob für das tolle Rückgrat, das die FDP angeblich gezeigt habe.
    An Herls Kolumne wurde aber neben der parteipolitischen Bewertung auch der misslungene Aufhänger kritisiert, nämlich die Gegenüberstellung von Schülern, die er als „Weicheier“ und „nützliche Idioten“ diskriminiert, weil sie sich für die Gemeinschaft engagieren, und dem Verhalten, das Herl auf Schülerebene offenbar favorisiert, nämlich das Ausnutzen, die Verachtung sowie das Mobben anderer.

  27. @ Brigitte Ernst
    Sie haben natürlich recht . Der alte Spruch , wer schreit hat Unrecht gilt auch heute noch .Man muss sich nur die Schreihälse der Welt heute ansehen.Mir sind da die Weicheier auch lieber . Trotzdem hätte ich Herrn Schulz zum Beispiel etwas mehr „Dampf“ gewünscht , welch eine Startvorgabe und was hat er daraus gemacht . Schade ,hätte dem Land sicher gut getan .

  28. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen H.Winter

    Da kann ich Ihnen nur zustimmen.

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