Wie gut, dass noch kein Stein gesetzt wurde

Mal ein anderes Thema statt Corona-Krise: In Frankfurt geht die Diskussion über den Neubau der Theater-Doppelanlage (Oper, Städtische Bühnen) weiter und in eine neue Runde. Dazu folgende Links zu aktuellen FR-Artikeln: „Dieser Walk of Fame reicht bis heute“ und „Man sollte dieses Gebäude mehr würdigen“.

Darüber hinaus verweise ich auf meine früheren Blog-Texte zu diesem Thema: „Theater und Opernhäuser gehören in die Zentren der Städte“ und „Für Normalverdiener ist ein Besuch der Oper schon jetzt teuer„.

Balken 4Identität stiftend im Herzen der Stadt

Das Interview von Claus-Jürgen Göpfert mit Jochem Jourdan zur Rettung der Theater-Doppelanlage darf hinsichtlich der erschöpfenden Bestandsaufnahme, nämlich des wertvollen Ist-Zustands, sowie hinsichtlich des engagierten, gleichwohl nüchternen Blicks von Jochem Jourdan auf das, was tatsächlich Gutes aus dem Bestand gemacht werden kann, als Glücksfall für eine Wegweisung im öffentlichen Diskurs um die Erneuerung dieser wichtigsten und hoch geschätzten Kulturstätten inmitten unserer Stadt bezeichnet werden. Die Sicht insbesondere von Jochem Jourdan, unter Erhaltung der alten Bausubstanz und Verwendung ihrer „grauen Energie“ die Renovierung und Modernisierung von Oper und Schauspiel zu bedenken und zu realisieren, leuchtet dem interessierten Laien ein und kann von den politisch Verantwortlichen der Stadtverwaltung nicht ignoriert werden, zumal angesichts der bekannten Unterschriftenaktion und Initiative zahlreicher Menschen vom Fach, bei denen mehr Sachverstand versammelt ist als bei manchen anders positionierten Mitgliedern des Stadtparlaments. Auch der Hinweis auf den Identität stiftenden und vertrauten Standort des Ensembles im Herzen der Stadt ist ein starkes, weil einer guten Tradition verbundenes Argument für die Erhaltung an dieser Stelle. Ohne weiteres überzeugend ist ebenfalls der Kostenvergleich zugunsten einer Sanierung der Doppelanlage. Dagegen dürfte ein Neubau im Osthafen, wie merkwürdiger Weise mit realitäts- und bürgerfernen Argumenten ausgerechnet von der CDU favorisiert, den von Jochem Jourdan geschilderten erheblichen Mehraufwand verursachen. Und denkt man dabei an den Kosten-GAU der Hamburger Elb-Philharmonie, liegt doch die Vorstellung nicht fern, dass das hier in Frankfurt ähnlich aus dem Ruder laufen wird. Es ist zu hoffen, dass sich eine große Anzahl der Freunde/Besucher von Oper und Schauspiel sowie die Stadtgesellschaft mit großer Mehrheit für die Erhaltung der Kunst am angestammten Platz „laut und deutlich“ engagieren.

Thilo Krause-Palfner, Frankfurt

fr-debatteDer ideelle Wert des jetzigen Standorts

Ja, man muss das Gebäude der Städtischen Bühnen viel mehr würdigen und seinen Wert schätzen und noch mehr nutzen lernen. Herr Engel spricht mir aus der Seele. Ich schließe mich seiner Meinung voll an und appelliere hiermit an alle Opern-und Theaterfreunde gleiche kund zu tun. Ich bitte die Stadt Frankfurt, den Beschluss, die Doppelanlage Oper / Schauspiel zwecks eines Neubaus abzureissen zu den Akten zu legen und die offensichtlich notwendige Sanierung neu zu überdenken. Ein anderer, bescheidenerer Blickwinkel zeigt jedem wachen Blick gewiss alle vorhandenen Bestands-Werte. Diese gilt es zu pflegen, zu achten, zu erhalten und nur da zu renovieren, wo es wirklich nötig ist, wo z.B. andernfalls den Nutzern Gefahren lauern würden. Beim Modernisieren also das Alte bewahren und so den ideellen Wert des Standortes behalten, nur das fühlt sich richtig an. Nun nach Corona gelten sowieso neue Regeln, auch die gesamte Finanzierbarkeit dürfte radikal neu zu kalkulieren sein. Ein Grund mehr, alte Beschlüsse für ungültig zu erklären. Wie gut, dass noch kein Stein gesetzt wurde….

Karl-Christoph Neumann, Kronberg

fr-debatte

Man sollte das Wolkenfoyer unbedingt erhalten

Ich bin Abonenntin beim Frankfurter Schauspiel.Aber auch als regelmäßige Theaterbesucherin hat man keine Vorstellung von den Räumen der Verwaltung, den Werkstätten, den Lagermöglichkeiten und an welchem Ort sie sinnvoll und notwendig sind.
Ich kann mich aber erinnern wie vor vielen Jahren das Theater mit seinem Wolkenfoyer gebaut worden ist. Das Wolkenfoyer – eine ganz neue Weise die Dynamik und das Geheimnis von Theater bautechnisch auszudrücken. Herr Engel spricht mir aus der Seele, daß man es erhalten sollte.

Gudrun Then, Frankfurt

fr-debatteUnnütz gewordene Garagenbauten

Als Vorprüfer bei dem Wettbewerb Landestheater Darmstadt erlebte ich einen Disput der Bühnenbildner Theo Otto und anderen zum Thema „Drei Bretter, die die Welt bedeuten“ und den Verteidigern der 32 Meter breiten Drehbühne in Darmstadt.
Shakespeare und Brecht brauchen die Hinter- Seitenbühnen aus der Zeit der Kulissenschiebereien aus der Feudalzeit nicht, auch nicht die Oberbauten in denen die Kulissen hingen. Auch stehen die Schauspieler wegen der Obermaschinerie eher in einer Fabrikhalle als in einem Theater. Als Theaterbesucher heute erlebt man Videos, große Maschinen, laute Disko Musik, alles störend, und das Schauspiel findet überwiegend auf der Vorderbühne statt.
Dem Architektenkollegen Engel ist also in allen Punkten zuzustimmen und den Vertretern der überholten Bühnentechnik sollte ein nachhaltiges, neues Bühnenkonzept vorgegeben werden, das beispielhaft für den zukunftsfähigen Theaterbau sein könnte. Frankfurt könnte dabei Maßstäbe setzen. Einige Politiker und ihre Investorenfreunde wie ehemalige Baudezernenten sind da fehl am Platze.
Die aussen mit teurem Material verkleideten und innen unverputzten riesigen Seitenbühnen und die Hinterbühnen sind unnütz gewordene Garagenbauten für Kulissen und ihr Wegfall wurde Kosten und Volumen erheblich reduzieren.
Vielleicht wäre auch ein Blick auf das Theatergebäude in Graz, das immer ohne Werkstätten auskam, hilfreich.

Konrad Mohrmann

fr-debatteÜberschrift kommt noch

Dem Beschluss des Frankfurter Stadtparlamentes, die Theaterdoppelanlage am Willy-Brand-Platz abzureissen und durch einen Neubau zu ersetzen unterstelle ich mangelndes Stadtbild- und Architekturverständnis. Natürlich kann ein Bild, wie es zum Gespräch mit Jochem Jourdan verwendet wurde zu dem Ergebnis verführen, das diese hilflose Technik – Dachunordnung einen sofortigen Eingriff erfordelich macht. Hier wird Jahrelanges Versäumnis gestalterisch in notwendige Technikerweiterung einzugreifen, sichtbar gemacht. Das dürfte aber bei einer renovierung, bei der die Theatertechnik ohnehin angängig ist, nicht die Gesamtabrissentscheidung begründen. Denn wie jourdan sehr richtig anmerkt, kann man in der Energieensparungsdebatte die wertvolle Rohbausubstanz, die auch nach Anmerkung von Jürgen Engels ohne Einschränkung weiter genutzt werden kann, nicht ohne Verschwendung von Energie beseitigen. Das alles sind jedoch nur Hintergründe zum Erhalt. Vordergründig ist das Erkennungsmerkmal der Frankfurter Theaterdoppelanlage , die mit der minimalistischen Foyerglasfassade geöffnet zum Willy-Brand-Platz ein in der Architektur Theatertypologie Alleinstellungsmerkmal aufweist. Hier erhält der Theaterbesucher sowohl beim Gang in das Gebäude in Erwartung einer Operaufführung oder eines Theaterstückes die Einstimmung, die ihn dann , ist er im Foyer angekommen, aus der Offenheit, die ihn gleichwohl ein teil der Architektur werden werden lässt, gut vorbereitet in Oper oder Theaterraum eintreten. Hier erhält er dann gut eingestimmt die Bühnenbildwelt, auf die er sich nachdenkend im Foyer freute. Diesem Hintergrund folgte 1963 der entwurfliche Gedanke. Das ist mit der Frankfurter Theater Doppelanlage beispiellos gelungen. Über fast 60 jahre prägt das Theater zeitlos an dieser stelle das Frankfurter Stadtbild, das
keiner Veränderung der Erscheinung bedarf. Der beschlossene Abriss sollte in der Nachdenklichkeit der Corona – Einsamkeit zurückgenommen werden und zugunsten eines an dieser stelle einmaligen Frankfurter Stadtbildes in Denkmalpflegerische Bestandssicherung übergeleitet werden.

Wulf Schmiedeknecht, Oberursel

fr-debatte

Überschrift kommt noch

Die Frankfurter Verantwortlichen erwiesen vor rund 200 Jahren große Weitsicht, als sie nach dem Abriss der überflüssig gewordenen Stadtbefestigung das freiwerdende Gelände zur Grünanlage umbauten und mit dem Wallservitut dauerhaft vor Bebauung zu schützen versuchten.
Wenn jetzt zum wiederholten Male geplant wird, Teilflächen davon zur Bebauung zu mißbrauchen, dann sollte ein Blick in die Vergangenheit erlaubt sein. Der Planungsdezernent erklärt, ein Eingriff in die Wallanlagen sei „nicht sensibel“. Falsch, mein lieber Genosse Mike Josef – jedes Wegnehmen von Grün in den Wallanlagen ist hochsensibel und unumkehrbar.
Ich erinnere an den Bau des Stadtbads Mitte 1960. Der Eingriff ins Wallservitut wurde damit begründet, daß es ja schließlich um eine öffentlich, dem Allgemeinwohl dienende Sport- und Erholungseinrichtung ginge. Schön, aber gut 30 Jahre später wurde das Bad an eine private Hotelkette verkauft und deutlich verkleinert, zugunsten der Hotelanlage. Womit sich das ursprüngliche Argument mit dem Allgemeinwohl in Luft auflöste.
Und so wird es letzlich mit weiteren Eingriffen in die Wallanlagen gehen – es ist noch nie ein Teil zurück zu Grün umgewandelt worden. Die Stadt sollte diesen seltenen Schatz an Erholungsfläche schützen statt ihn weiter zu reduzieren.

Manfred Stibaner, Dreieich

fr-debatte

Überschrift kommt noch

Der Autor mag ja recht haben, dass da vieles schief läuft, dass private Investoren sich der Sache der öffentlichen Hand annehmen usw.
Dennoch hinkt der Artikel meines Erachtens. Was soll die Abwertung mit dem Begriff Spektakelarchitektur? Soll man statt dessen langweilige Schuhschachteln hinstellen? Es wäre doch wunderbar, wenn vergleichbar mit einer Patchworkdecke sich ein Leuchtturm, ein aufregendes Gebäude ans andere reiht. Nur mal so als Vision. Auch das Ding mit dem Osthafen mag ich so nicht stehen lassen, ist doch die Entscheidung damals am heutigen Willy Brandt Platz das Theater zu bauen 1902 gefallen. Wie sah da die Nachbarschaft zu Offenbach aus? Es ist doch davon auszugehen, dass z.b.das Kaiserlei da noch gar nicht bebaut war. Ich kenne das Problem aus dem unaufhaltsam zusammenwachsenden Verdichtungsraum NürnBErg, FürTH und ErlANGen. Die NürnBErger verhindern vieles, weil sie ihre Altstadt als den Nabel der Welt betrachten. Auf dauer wird das nicht gehen. Man sollte vielleicht die Ansiedlung des Frankfurter Theaters im Osthafen als eine Chance sehen, die von der Stadtentwicklung her gesehen in die nächsten Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte hineinwirkt!

Karsten Neumann, Nürnberg

fr-debatte

Überschrift kommt noch

Theaterbauten sind Kultstätten. Sie werden errichtet und betrieben, um kathartische Erlebnisse, heftige körperliche und psychische Erregungen hervorzurufen. Nicht umsonst spricht man von einer sakralen Bedeutung einer Theaterstätte. Für zwei Stunden ihres Lebens sollen die Menschen aus ihren Gewohnheiten und starren Haltungen heraustreten und sich in den Figuren auflösen können. Sie sollen mitweinen können, wenn Mimi stirbt, Santuzza betrogen wird, Woyzeck verrückt und zum Mörder wird. Es geht um ein die Menschen tief ergreifendes Geschehen: ein existenzielles Sich befreien von psychischen und körperlichen Erstarrungen, eine „Reinigung“ von Konflikten und inneren Spannungen. Schauspiele, Opern und Tanz wecken seelische Ausnahmezustände, milde Trance, d.h. innere Verfassungen, die man vielleicht als Theater-Ich bezeichnen kann.
Das braucht es zeitliche und räumliche Kontinuität, zuerst ein bauliches Gehäuse, das diese Erregungen in gewisser Weise mütterlich umfasst, bindet und versöhnt. Während Schauspieler, Sänger und Tänzer „vagabundieren“, also ihre Ortsbindung immer wieder aufgeben, erzeugen Theatergebäude in den Zuschauern reale und seelische Bindungen an den Standort, an Gemäuer, Inventar und untereinander. Theaterbesucher suchen einen dauerhaft vertrauten steinernen Resonanzkörper, in den ihre Affekte sich „einnisten“, im Haus und im Ort dauerhaft Wurzeln schlagen. Es geht um eine emotionale Aneignung, alles Haus, aller Ort sollen „meins“ werden und den Menschen eine von ihnen selbst begründete Traditionsbildung ermöglichen.
So entsteht eine räumlich-seelische Einheit, ein historisch vertrautes Zuhause, das sogar den Mief des Parketts, den Schmutz an der Außenfassade, in Frankfurt auch noch die im Treppenhaus versteckten Mauerreste des alten Schauspielhauses einbezieht. Bei jedem Theaterbesuch kehren die Menschen zurück in die Ära Buckwitz oder Forsythe, in die Theaterbesuche ihrer Jugendzeit. Und wie im Traum geht es auch hier zeitlos zu, das Bauwerk redet von gestern heute und morgen. Diese Rede ist immer vielstimmig, ein Chor früherer Schauspieler, Tänzer, Sänger und Musiker, vieleicht mit Gielen am Pult, phantasierten früheren Besuchern, vielleicht Adorno in der ersten Reihe, Reich-Ranicki, Hoffmann, den Mitscherlichs, Bürgermeistern und wohl auch inzwischen verstorbenen ehemaligen Sitznachbarn. Irgendwie sind sie immer noch da und bilden in unseren Vorstellungen eine Szene wie ein beinahe wirklich gewordener Traum.
Die Menschen machen das mit vielen Bauwerken, mit Kirchen, Burgen, Schulen, selbst Städten. Deswegen benannten die Frankfurter ihren Dom nach dem heiligen Bartholomäus, trägt der Frankfurter Römer den Namen einer alten Familie, werden Schulen und Straßen mit den Namen bedeutender Männer und Frauen versehen. Mehr als in der profanen oder religiösen Welt erhält das Theater allerdings noch eine außergewöhnliche Zugabe: hier schreiben die Besucher sich schließlich sogar selber in die Gemäuer ein. Sie begegnen nun jedesmal neu ihren früheren Theater-Erlebnissen, treffen gewissermaßen sich selber. Das erzeugt „Heimat“.
Zudem werden Theaterbauwerke immer verstanden und genutzt als öffentlicher „Markt“. Regelmäßig und ohne Verabredung stellt sich hier eine säkulare städtische „Gemeinde“ ein und verbindet sich in Wechselbeziehungen untereinander und mit den Vorgängen auf der Bühne und dann im Foyer zu einer Kultur-und Geschichtsgemeinschaft. Es beseelt das Haus kollektiv und das strahlt nicht nur in ihr persönliches Leben, sondern auch auf die Stadt aus. Es trägt zur Güte und Stabilität einer demokratischen Stadtkultur bei, die hier nach dem Krieg wieder entstanden war.
Wie jedes Theatergebäude machen die städtischen Bühnen Frankfurts auch baulich etwas mit der Stadt als ganzer: sie bilden ein Gravitationszentrum. Eine Verlegung in ein anderes x-beliebiges Stadtgebiet zerstörte nicht nur Gebäude, vertraute Laufwege und Bindungen an den Ort, sondern brächte auch gewohnte Stadtarchitektur durcheinander. Seit 55 Jahren ist dieser Gebäudekomplex an dieser Stelle ein Schaukasten, Einblicks- und Ausblickspunkt für Millionen Besucher, wurde er mit seinen Blechwolken in der Foyer-Auslage zum architektonischen und kulturellen Schwerpunkt einer ganzen Metropolregion. Er hielt sie sogar zusammen. Zusammen mit der Komödie und dem Jüdischen Museum bildet er bis heute an diesem Standort gesellschaftspolitisch ein Gegengewicht, einen im Stadtbild verankerten demokratischen Widerspruch; es schafft kritische Distanz zu den umgebenden Wolkenkratzern, dem Arbeitsdistrikt einer internationalen Finanzwelt, die nicht aufhören kann, die Menschen weltweit mit Cum-Cum-Geschäften, Hedgefond- und Immobilienhandel zu betrügen. Abbruch und Neubau des Theaters wären ein politisches Rückzugssignal und brächten das soziale Gesamtgefüge Frankfurts komplett durcheinander. Zerstörte man es zusammen mit seinen Zuschauer-“Inschriften“, so stürben Buckwitz oder die hier erlebte Mimi endgültig und unwiederbringlich. Mit dem Bau stürbe Geschichte, etwas Früheres von den Zuschauern, die sich das Haus über mehr als ein halbes Dezennium lang angeeignet hatten.
Wie in keiner anderen Stadt wurde und wird in Frankfurt so vieles so rücksichtslos und geschichtsblind preisgegeben. Unübersehbar ist hier die Stadtgestaltung von einer ungewöhnlichen architektonischen Beseitigungs-Manie angetrieben, die insbesondere Nachkriegsbauten, jetzt das Theater und seine Tradition, ins Visier nimmt und auswechseln will. Offensichtlich ist dabei eine spezielle Zerstörungslust wirksam, die sich zwar durch Brandschutzbestimmungen u.ä. legitimiert und letztlich aber den Wunsch verkleidet, gerade die Nachkriegsgeschichte zu tilgen, wegzuwerfen. Das nennt man Frevel. Dabei gibt es doch gute Vorschläge, so vom früheren Baudezernenten Frankfurts, Hans Haverkampf, Ort und Bauwerk mit ihrem bedeutenden Erinnerungs- und Kulturwert originalgetreu und sogar einigermaßen kostengünstig zu erhalten!

Wolfgang Leuschner, Frankfurt

fr-debatteÜberschrift kommt noch

Ich hoffe, dass die Interview-Äußerungen des Architekten Jürgen Engel die Stadtoberen Frankfurts zum Nachdenken veranlassen. Die Vorschläge zu einem „zurückhaltenden Umbau“, der Auslagerung von Werkstätten (in den Osthafen) und Verwaltung (in eine nahegelegenes Hochhaus) sind vernünftig. Eine Sanierung bei laufendem Spielbetrieb scheint ebenfalls möglich und machbar. Gerne vernahm ich ein starkes Plädoyer für den Erhalt des „Wolkenfoyers“ und eine bis zum (abendlichen) Spielbeginn stärkere öffentliche (gastronomisch-kulturelle?) Nutzung des Platzes mit Öffnung zum Main und der Innenstadt hin. – Warum nachmittags bzw. zur Mittagszeit nicht „niedrigschwellig-anregende“ Kulturangebote des Schauspiels für das Innenstadtpublikum möglich sind, frage ich mich schon lange?!
Ein Neubau für eine schlappe Milliarde Euro (im Frankfurt Stadtteil Ostend?) halte ich für eine größenwahnsinnige Schnapps-Idee hoffnungslos überforderter Frankfurter Kulturpolitiker. Mit Blick auf die Baukosten der Hamburger „Elbphilharmonie“ befürchte ich schon jetzt eine Vervielfachung der ursprünglich veranschlagten Neubaukosten, wo es doch „keinen besseren Ort für die Bühnen als den Willy-Brandt-Platz im Zentrum der Stadt“ (Innenstadtlage mit bester ÖPNV-Anbindung) gibt. „Zurückhaltende“ Sanierung im laufenden Spiel-Betrieb mit einem im besten Sinne anstößigem und die Stadtgesellschaft aufrüttelndem Bühnenprogramm wäre auch die größte Würdigung für das bestehende und unter Denkmalschutz zu stellende Bauwerk. Abschließend: Der Erhalt der Frankfurter Theaterdoppelanlage mit diesem Foyer durch eine „zurückhaltende und spielbelgleitende“ Sanierung – gerne auch über längere Zeit! – dieses schon vorhandenen baulichen Frankfurter Juwels und „Highligts“ würde hunderte Millionen Euro für die ebenfalls dringend-notwendige Sanierung Frankfurter (Berufs-)Schulen freischaufeln helfen. – Die gedankliche Vorarbeit des Architekten Engels empfand ich als schönes „Feuilleton-Corona-Geschenk“!

Thomas Ewald-Wehner, Nidderau

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3 Kommentare

  1. Werner Junghans sagt:

    Es ist schon interessant, was in das Wolkenfoyer heute alles hineininterpretiert wird. Es war vielmehr ganz banal. Vonwegen die Dynamik und das Geheimnis von Theater bautechnisch auszudrücken.
    Bei der Eröffnung (ohne die Wolken ! ) gab es nämlich heftige Kritik. Foyer ohne Gesicht, ohne Ausstrahlung, Bahnhofswartesaal usw. war noch das mildeste an Kritik. Um Abhilfe wurde lange und streitig gerungen. In Presse, Rundfunk, Stadtparlament usw. Das Ergebnis waren die Wolken – so für um die 100.000 DM. Saumäßig viel Geld für eine quasi Reparatur – gesehen aus wohlgemerkt damaliger Sicht. Die Reinigung kostete später jeweils einen vierstelligen Betrag.
    Alles gut angelegt wie die Zuschriften von Frau Then und Herrn Engel beweisen. Aus der Not eine Tugend gemacht.
    Bronski bitte kläre es doch einfach auf. Von Ihrem HomeOffice aus haben Sie doch Zugriff auf das Zeitungsarchiv.

  2. Ein Theater wächst von innen her. Von Stücken, die auf seiner Bühne zur Sprache bringen, was draußen häufig als nicht gesellschaftsfähig gilt. Von Zuschauern, die sich inspirieren und überzeugen lassen und ihre Einsichten in die Stadt tragen. Und dadurch andere ermutigen, diesen Ort der Reflektion und des Widerspruchs ebenfalls aufzusuchen. Theater ist Diskurs. Auf den Pomp des Äußerlichen kann es getrost verzichten.

    Die Frankfurter Theaterdoppelanlage entspricht diesem Idealtyp durch ihre schmucklose und dadurch das Wesentliche betonenden Architektur. Sie erinnert überdies daran, dass sie teilweise auf Ruinen gründet und einen geistigen Neuanfang nach einer Epoche des Widerwärtigen markiert. Durch ihre Fensterfront verströmt sie den Geist einer Kultur, die nicht saturiert nach gestern blickt, sondern für den permanenten Aufbruch plädiert.

    Dieses Theater hätte bessere Sachwalter verdient als jene Krämerseelen in Stadtverordnetenversammlung und Magistrat, die es baulich verkommen ließen. Die seine Aufgabe nicht verstanden, sich auch nicht dafür interessierten und es offensichtlich als überflüssigen Kostenfaktor wahrnahmen. Deren Ignoranz es geschafft hat, eine Institution um ihren Ort zu bringen und ihre traditionelle Stätte verschleudern zu wollen. Ja, sie solchen Leuten auszuliefern (mit einer aus öffentlichen Geldern finanzierten Aussteuer), die ihre Eindimensionalität am liebsten prunkvoll zelebrieren. Und sich dafür allzu gern pompöse Kulissen entwerfen lassen, die außen das sprichwörtliche „Hui“ versprechen und sich innen als kontur- und inhaltsloses Nichts erweisen.

    Die Frankfurter Bürger, die weder ihren Verstand noch ihren Mut verloren haben, sind aufgerufen, ihren politischen Repräsentanten die „rote Karte“ zu zeigen: „Wir wählen euch ab in die politische Bedeutungslosigkeit, falls Theater und Oper nicht sofort und nachhaltig repariert werden!“

  3. Gerd Wild sagt:

    Die Forderung des Architekten Jürgen Engel, das Gebäude am Willi-Brandt-Platz zu erhalten, hat meine volle Unterstützung. Andererseits scheinen die Erfordernisse, die heute an Spielstätten gestellt werden müssen, mit so horrenden Umbaukosten verbunden, dass Vieles für einen Neubau von Theater und Oper spricht. Mich überzeugt inzwischen der Vorschlag, eine neue Theater-Doppelanlage am Osthafen zu errichten, dort gibt es reichlich Platz für einen modernen architektonisch hochwertigen Neubau, Interimsspielstätten könnte man sich sparen. Der Altbau könnte als Ausstellungshaus und Kulturzentrum nach dem Vorbild des Pariser Centre Pompidou umgestaltet werden einschließlich eines Premierenkinos und Restaurants auf einem begrünten Dach …. Ich könnte mir angesichts der zu erwartenden Beschränkungen für Auslandsreisen auch ein Ausstellungsprogramm „Weltmuseen stellen sich vor“ vorstellen. Vielleicht könnte ein Theatermuseum an herausragende Aufführungen erinnern.

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