Würdenträger ohne Würde

Papst Franziskus hat zu einer Konferenz über Kindesmissbrauch in den Vatikan gerufen. 114 Vorsitzende von Bischofskonferenzen und 70 weitere Teilnehmer wollten nach Wegen suchen, wie sexuelle Misshandlungen von Kindern durch Geistliche zu verhindern sind. Viele Vorschläge und Ideen standen zur Diskussion, bindende Beschlüsse konnten die Teilnehmer auf der Konferenz jedoch nicht fassen. Auch eine Abschlusserklärung war nicht vorgesehen. Die Konferenz ist inzwischen beendet. Zum Abschluss sagte Papst Franziskus, Kindesmissbrauch erinnere ihn an Menschenopfer „in heidnischen Ritualen“. Anscheinend hat er immer noch nicht begriffen, worum es für die Kirche (!) dabei geht. Worum es jedenfalls nicht geht: Die Öffentlichkeit braucht keine griffigen Vergleiche, mit denen ihr die Dimensionen des Problems erklärt werden sollen. Sie hat diese Dimensionen längst erkannt. Aber hat die Kirche erkannt, dass es um ihre Glaubwürdigkeit geht? Dass vielen katholischen Gläubigen inzwischen das Vertrauen in die Institutionen ihrer Kirche abhanden gekommen ist, weil nicht zu erkennen ist, dass sich etwas ändert? Der Papst hat das Problem durch seinen Menschenopfer-Vergleich begrifflich und sprachlich in große Kirchenferne gerückt, aber es hat mit der Kirche selbst zu tun, mit ihren Strukturen und Institutionen, die offenbar attraktiv sind für Pädophile.

FranziskusUm diese Konferenz dennoch richtig einzuordnen: Sie ist historisch einzigartig. Bis dahin hat es die Kirche nicht geschafft, diesem für sie so wichtigem Thema das gebührende Gewicht zu geben. Es herrschte eine Unkultur des Vertuschens und Verschweigens, an der durchaus auch Eltern von Betroffenen partizipierten. Priester, die des Missbrauchs überführt waren, wurden in der Regel einfach versetzt, und Eltern sahen davon ab, solche Täter anzuzeigen. Daher sind die meisten Missbrauchsfälle, um es jetzt geht, längst verjährt, so dass eine juristische Aufarbeitung nicht möglich ist. Vor diesem Hintergrund bedeutet es also durchaus eine ganze Menge, wenn ein ehemaliger US-Kardinal, Theodore McCarrick, vom Papst aus dem Klerikerstand entlassen wird. Das kann als Signal gedeutet werden: Wir haben verstanden! Dieses Signal geht auch von der Konferenz insgesamt aus.

Dem Präsidenten der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, darf man glauben, dass er das Problem in seiner ganzen Tragweite erkannt hat. Die deutsche katholische Kirche ist Vorreiterin bei der Bekämpfung des Missbrauchs. Die Vorschläge liegen auf dem Tisch: Die Zusammenarbeit mit weltlichen Justizbehörden muss dringend verbessert werden. Tätern müssen härtere Strafen drohen als lediglich die Versetzung in den Laienstand, also z.B. Gefängnisstrafen. Jene Kirchenoberen, die solche Täter decken, müssen ebenfalls bestraft werden können. Eine Kinderschutzkommission, die von Franziskus eingesetzt worden war, hatte vorgeschlagen, ein spezielles Gericht für Bischöfe zu schaffen, doch das hat die Kurie abgelehnt. Da fängt es an mit dem Glaubwürdigkeitsproblem: Sollen etwaige Täter etwa über sich selbst zu Gericht sitzen? Natürlich werden die Bischöfe einer solchen Gerichtsbarkeit niemals zustimmen, von der sie selbst betroffen sein können.

Doch am wichtigsten wäre es für die Kirche, endlich an die „systemischen Gründe“ heranzugehen, die schon in einer unabhängigen Studie zum Missbrauchsskandal festgestellt wurden. Wir haben hier im FR-Blog vor ungefähr einem halben Jahr darüber diskutiert. Sie erkannte ein „komplexes Zusammenspiel von sexueller Unreife und abgewehrten oder verleugneten homosexuellen Neigungen“ von Priestern in einer „teilweise auch offen homophoben Umgebung“. So sei zu erklären, dass die Opfer überdurchschnittlich häufig männlich sind. Es geht also nicht ausschließlich um Pädophilie, sondern auch darum, dass die Kirche ihr eigenes Verhältnis zur Homosexualität insgesamt und zur Homosexualität vieler ihrer Geistlichen nicht geklärt hat. Sie dämonisiert Homosexualität weiterhin, etwa wenn Kardinal Gerhard Ludwig Müller öffentlich zu Protokoll gibt, „dass kein Mensch gottgewollt als Homosexueller geboren“ werde. Angesichts solcher Sprüche muss man die Hoffnung wohl aufgeben: Der katholischen Kirche ist nicht zu helfen.

Auch aus einem weiteren Grund heraus: Die Kirche begreift die Missbrauchsvorwürfe als Anfeindung, als Angriff auf ihre Institutionen. Anders ausgedrückt: Sie sieht sich als Opfer. Sie hat nicht begriffen, dass Opfer nur jene genannt werden müssen, die, begünstigt durch die kirchlichen Strukturen, in die Hände von missbrauchenden Klerikern gefallen sind. Diese Menschen sind für ihr Leben gezeichnet. Die Kirche müsste sich ihnen zuwenden und sie – statt ein paar tausend Euro zu überweisen, wie hier und da geschehen – glaubhaft um Entschuldigung bitten. Mehr noch: Sie müsste glaubhaft versichern, dass sie von nun an alles unternehmen wird, um künftige Missbrauchsfälle von vornherein unmöglich zu machen und um Kinder und Jugendliche zu schützen. Das wird die Kirche jedoch nicht glaubhaft tun können, denn sie ist Teil des Problems, nicht der Lösung.

Balken 4Leserbriefe

Markus Grass aus Weinheim meint:

„Der Papst setzt ein Zeichen. Dass ich nicht lache. Normale, nicht durch Religion sich zu höherem berufene Menschen, würden für solch widerliche Verbrechen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, und dieser „geweihte“ „gottesfürchtige“ und verlogene Verbrecher wird nur des Priesterstands enthoben, – das war’s. Noch entsetzlicher ist aber die Tatsache, dass diese „Würdenträger“ – wo ist nur deren Würde? – bis hinauf zum obersten „Würdenträger“ von diesen Schweinereien und Verbrechen lange gewusst und nichts Wirkungsvolles dagegen unternommen haben. Wirkungsvoll dagegen anzugehen, fällt diesen „Würdenträgern“ natürlich schwer, denn sie müssten Grundlegendes ihrer Bibelauslegung in Frage stellen und sich der Frauendiskriminierung und dieses bekloppten Zölibats entledigen, offiziell anerkennen, dass Sexualität nicht nur Pflichterfüllung ist, sondern auch schön sein darf, überhaupt ihre chauvinistische Überlegenheit aufgeben. Und das wäre wirklich zu viel verlangt. Denn Jesus wollte ja die Pharisäer durch diese Kirchenbonzen ersetzen, er wollte ja, dass diese im Reichtum schwelgenden Würdenträger mehr seien als nur Menschen, dass diese Bonzen mit ihrer krankhaften Wertevorstellung anderen Menschen diktieren, wie sie zu leben haben, dass sie Frauen als nicht gleichwertig ansehen und Homosexualität als Teufelswerk abtun und eine schon ans Lächerliche grenzende Sexualmoral predigen. Pfui Teufel!
Hat dieser Steinzeitkardinal Müller, der den Katholiken ja auch die Urnenbestattung verbietet, wirklich gesagt: „Übrigens bin ich der Meinung, dass kein Mensch gottgewollt als Homosexueller geboren wird.“? Erfüllt diese Aussage nicht den Tatbestand der Volksverhetzung? Sie impliziert doch, dass alle Homosexuellen nicht gottgewollt also des Teufels sind. Außerdem laufen dann in der katholischen Kirche eine Menge nicht gottgewollter Priester rum. Zu meiner Kindheit hätte es für solch eine dumme Äußerung ne Ohrfeige gegeben.
Das wirklich perfide an all dem frauen- und sexualfeindlichen chauvinistischen Verhalten dieser Moralapostel ist doch, dass sie das alles mit „von Gott gegeben“ rechtfertigen. Wie hat der Papst bei seinem Besuch auf der arabischen Halbinsel gesagt, im Namen der Religion dürfe keine Gewalt ausgeübt werden. Die katholische Kirche übt, wenn auch subtil, täglich im Namen der Religion Gewalt aus.
Nun treffen sich die Moralapostel zu diesem Thema im Vatikan, ohne zu wissen, ob sich unter ihnen nicht auch Sexualstraftäter befinden. Komisch, oder?“

Alexander Lammer aus Langenau:

„Um Missverständnissen und bösartigen Unterstellungen vorzubeugen: Frau Reisinger hat mein volles Mitgefühl, wenn sie über die Verbrechen berichtet, die ihr in der Katholischen Kirche angetan wurden. Ich finde es toll, dass sie den Mut aufgebracht hat, diesen Fall öffentlich zu machen und wünsche ihr viel Kraft dabei, die Anfeindungen durchzuhalten und das Erlebte zu verarbeiten. Verwundert bin ich allerdings, dass sie als Novizin im Orden erstaunt war, „ein System der Selbstaufgabe“ und totalitäre Struklturen mit absoluten Gehorsamsregeln vorzufinden.
Wenn sie in einer gläubigen Familie aufgewachsen ist, dürfte ihr das doch bestens vertraut sein… In der Bibel wird Gott stets als eine solche absolute und nicht zu hinterfragende Autorität dargestellt, z.B. in Ex 20,1ff.: „Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väteran den Söhnen, an der dritten und vierten Generation.“
Wohin das führen kann, wenn man sich diesen Drohungen widersetzt, erfährt man aus der Geschichte von Noah und der Sintflut (Gen 6,1 ff.), die bereits jede Grundschülerin und jeder Grundschüler bestens kennt. Die Menschen damals haben sich einen eigenen Willen erlaubt, der nicht dem absoluten Willen von „Gott“ entsprach. Daraufhin hat dieser (fast) die gesamte Menschheit ausgelöscht!
Auch im NT finden sich zentrale Belegstellen zu dieser Thematik: Im Matthäus-Evangelium (Mt 26, 39) ist zu lesen, dass Jesus zu seinem Vater betet: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Bekanntermaßen ließ der Vater den Sohn auf grausamste Weise zu Tode foltern, ohne auf das verzweifelte Flehen seines Sohnes zu hören. Eine Vater- und Gottesfigur, die man selbst seinem schlimmsten Feind nicht an den Hals wünscht! Wenn man nun auch noch versucht, dies als ein Akt der Liebe darzustellen, finde ich das äußerst verstörend, wie müssen erst Kinder solche Gruselstorys empfinden?
Anhand solcher Geschichten lernt man als bereits als Kind sehr schnell, dass man sich mit einer Autorität besser nicht anlegt und macht, was sie will, ohne zu widersprechen und ohne nach dem zu fragen, was man selbst eigentlich will (Warum auch? Bringt ja eh nix!). Dem (Macht-)Missbrauch sind so Tür und Tor geöffnet.
Und damit aus Sicht der Kirche auch wirklich nichts schiefgeht und die Kinder erst gar nicht auf den Gedanken kommen, dass man eine Gottesfigur und damit verbundene Machtstrukturen auch kritisch hinterfragen kann, beginnt die religiöse Unterweisung (auch Gehirnwäsche genannt) bereits im konfessionell gebundenen Religionsunterricht in der Grundschule. Dort gibt es keinen ergebnisoffenen Diskurs. Die Kinder werden mit der gesetzten Existenz eines allmächtigen und absoluten Herrschers (und seines angeblichen Willens) konfrontiert, mit dem man weder ins Gespräch kommen und eigene Wünsche vorbringen kann, noch gegen seine Regeln verstoßen darf.
So erstaunt es mich dann doch über die Maße, wenn Frau Reisinger abschließend fordert, dass die Kirche Machtstrukturen ändern müsse und demokratischer und gleichberechtigt werden.
Mein Vorschlag dazu: Fangen Sie am Besten gleich mal damit an, die Bibel umzuschreiben oder treten Sie einfach aus der Katholischen Kirche aus und entziehen Sie ihr damit den wichtigsten Machtfaktor: die Kirchensteuer.“

Lorenz Breitinger aus Rimpar:

„Je mehr Details über sexuelle Gewalt in der kath. Kirche bekannt werden, um so mehr frage ich mich, was das denn für ein Gott ist, der ein solch perfides System duldet und gewähren lässt.
Mögen all die Täter, Vertuscher und Mitwisser auf ewiglich in der Hölle schmoren, mit der sie uns schon immer gedroht haben, um uns „klein“ und „bei der Stange“ zu halten.
Davor würde es mir schon genügen, all diese Männer – so wie jeden anderen Straftäter auch – der staatlichen Gerichtsbarkeit zu überstellen und entsprechend zu verurteilen.“

14 Kommentare

  1. Günter Rack sagt:

    @Markus Grass
    Ihren Ausführungen kann ich voll inhaltlich zustimmen. Allerdings bin ich in einem Punkt einer Meinung mit Kardinal Müller. „Übrigens bin ich der Meinung, dass kein Mensch gottgewollt als Homosexueller geboren wird.“
    Da es keinen Gott gibt, kann auch kein Mensch nach seinem willen geboren werden oder irgendwelche guten oder schlechten Eigenschaften aufweisen die „gottgewollt“ sind.
    Die gesellschaft sollte endlich aufhören, sich von den Soutanenträgern deren verquere Moralvorstellungen aufschwatzen zu lassen.

  2. Markus Grass sagt:

    Herr Lammer, meine volle Zustimmung. Auch mir tut Frau Reisinger leid (die Naivität einer Novizin ist zu verzeihen, denn welch nicht naive Frau wird Novizin?) Dieses von Ihnen angesprochene diktatorische Element in der katholischen Kirche ist aber ihr Grundübel. Sie führt nämlich alles, selbst den größten Schwachsinn, wie den Zölibat oder die Frauendiskriminierung oder die krankhafte Sexualfeindlichkeit „theologisch begründet“ auf Gott zurück. Und dagegen kommt leider auch keine Vernunft an. Vielleicht sollte der Staat aus Fürsorgepflicht die religiöse Indoktrination erst zulassen, wenn die Menschen volljährig sind, aber – und auch hier sieht man mal wieder welch Schwachsinn da gepredigt wird – dann käme ja ein vor der Volljährigkeit gestorbener Mensch in die Hölle, weil er ja im Stand der Erbsünde war: ungetauft!! Das glauben die nicht nur, das bläuen die ihren Schäfchen von Geburt an ein. Also das Erzeugen von Ängsten – gilt aber für alle Religionen – ist das Mittel, um die gläubigen Schäfchen bei der Stange zu halten. Und dieses Eintrichtern von Angst, ist in meinen Augen auch Gewaltanwendung, so dass ich nicht verstehe, dass aus der Tatsache, dass der verbrecherische Priester bei der Vergewaltigung von Frau Reisingerkeine physische Gewalt angewandt hat die Vergewaltigung juristisch nicht festzustellen war. Zum Schluss möchte ich Ihren Rat aufgreifen: Austreten aus der Kirche ist das einzig wirkungsvolle Mittel gegen Missbrauch und für Neuerungen in der Kirche, das den katholischen Laien übrigbleibt, denn das Schwinden der Steuereinnahmen ist das einzige, was den sogenannten Würdenträgern wirklich Angst macht. Zur Beruhigung kann ich den Laien sagen, dass man auch guter Christ sein kann und sich eine Chance, in den Himmel zu kommen wahren kann, auch wenn man diese indoktrinierten Ängste überwindet und diesem Verein nicht mehr angehört.

  3. Markus Grass sagt:

    Herr Rack,
    Ihre Spitzfindigkeit finde ich gut. Ob Kardinal Müller sie auch gut findet, bezweifele ich aber.
    Und Ihren letzten Satz kann ich nur lauthals wiederholen, aber meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass solche Aufforderungen wirkungslos verhallen. In diesem Zusammenhang: Ich kann z. B. nicht nachvollziehent, dass es katholische Frauen gibt und noch weniger, dass es katholische Theologieprofessorinnen gibt, die diese Frauen diskriminierende Lehre weitergeben.

  4. Werner Engelmann sagt:

    Ich bin’s einfach leid.
    Ich meine, zu dem Thema ist längst alles gesagt, unter anderem in dem von Bronski verlinkten Thread „Die Kirche ist nicht bereit, sich grundsätzlich zu ändern“.

    Das Schema ist immer das Gleiche: Schuld sind immer die einzelnen „sündigen Schäfchen“ (und mögen sie noch so zahlreich sein), nie die von Dogmen, Sexualfeindlichkeit, mittelalterlichen hierarchischen Strukturen verkrustete Kirche, die sie hervorbringt.

    Das von Markus Grass empfohlene „einzig wirkungsvolle Mittel“, aus der Kirche auszutreten, greift zu kurz.
    Was sollen die tun, die schon ausgetreten sind? Die Hände in den Schoß legen und zusehen? Oder wieder eintreten, um noch einmal austreten zu können?

    Der Ball liegt nach meinem Ermessen bei der Justiz bzw. den Staatsanwaltschaften der jeweiligen Länder. Wer eine Straftat vertuscht oder – schlimmer noch – dazu beiträgt, dass sich diese wiederholt, macht sich im juristischen Sinn selbst strafbar, ist als Straftäter zu behandeln.
    Und schon gar nicht kann der irgendwelche Privilegien genießen oder gar eine eigene Parallelgerichtsbarkeit aufbauen. Eine anerkannte Kirche ist kein juristischer Freiraum, der die Gültigkeit von Gesetzen nach eigenem Gusto aussetzen könnte.
    Strafrechtlich verantwortlich sind im oben genannten Sinn die Vorgesetzten, die nicht gegen Missbrauch vorgehen oder diesen ermöglichen. Das werden in der Regel die jeweiligen Bischöfe sein.

    Meiner Meinung nach dürften nur folgende Maßnahmen wirksam sein:
    (1) Setzen einer Frist durch die zuständigen Staatsanwaltschaften für alle in Frage kommenden Ordinariate, zum Zweck der Strafverfolgung alle in Frage kommenden Dokumente herauszugeben. Mit Androhung einer Zwangsvollstreckung im Falle der Weigerung.
    (2) Strafrechtliche Ermittlungen gegen alle, die sich der Strafvereitelung schuldig machen, Bischöfe eingeschlossen.
    (3) Als zusätzliches Druckmittel könnten auch Privilegien der Kirche, z.B. als Träger etwa von Krankenhäusern, Schulen oder Bildungseinrichtungen zeitweise ausgesetzt oder nötigenfalls beendet werden.

    Nach meiner Auffassung haben alle Opfer von Verbrechen jeder Art das Recht zu verlangen, dass der Rechtsstaat alles Erdenkliche zur ihrem Schutz tut, auch dass er sich mit einer mächtigen Institution anlegt.

  5. Leopold Glaser sagt:

    Schade, dass Markus Grass, Autor des Leserbriefs, seine im Kern berechtigte Kritik am Papst und der Oberhäuptern der Kirche in einer durch Hass vergifteten Sprache vorträgt. Für Enttäuschung und Zorn Zorn gibt es gute Gründe, habe ich auch. Aber dieser Ton? Apropos Würde: Auch die Wortwahl einer Äußerung kann würdelos sein und Kommunikation kaputt machen.

  6. Markus Grass sagt:

    Lieber Herr Glaser,
    ich gebe zu, scharfzüngig formuliert zu haben, aber angesichts dieser widerlichen Verbrechen ist es mir unmöglich, nicht ohne Zorn im Gemüt solche Schweinereien anzuprangern. Dass ich den Zölibat für bekloppt halte, hat doch nichts mit Hass zu tun, dass Leute die sich aufgrund ihrere Weihe für was besonderes halten und als Würdenträger gelten, diese Würde durch das Vertuschen von ekelhaftesten Verbrechen verloren haben, halte ich eigentlich für selbstverständlich. Dass der Umgang der katholischen Kirche mit Frauen eine Paradebeispiel für Diskriminierung ist, ist doch auch offensichtlich – es ist quasi gelebte Definition dieses Begriffes.Dass die Kirche Homosexulität als Teufelswerk abtut ist doch auch eindeutig, siehe das Zitat von Kardinal Müller. Ich wiederum empöre mich darüber, dass wir in dem Zusammenhang mit diesen Kirchenvertretern viel zu milde umgehen, die tun diese ganzen Kindesmissbräuche doch als kleine Übertretung des Zölibates ab, so ähnlich wurde jedenfalls mal ein Theologe in einer früheren Ausgabe der FR zitiert. Im Gegensatz zu Ihnen bin ich der Meinung, dass wir gerade mit diesen Würdenträgern besonders streng ins Gericht gehen müssen, eben weil sie Vertrauen erweckende Würdenträger sind und das auch genau wissen. Zum Schluss noch eine Bemerkung, die auch nichts mit Hass zu tun hat, aber das Treffen dieser Bischöfe und Kardinäle hat doch nichts gebracht außer phrasenhaften Sprüchen.(wenn Sie wollen können Sie das auch als von Hass erfüllt abtun)
    Bei Brecht ist ein kluger Satz zu finden: „Die Wahrheit ist konkret!“
    Und das Konkrete vermisse ich hier deutlich.

  7. Markus Grass sagt:

    Herr Engelmann,

    Sie haben Recht, mit dem Hinweis aufs Austreten aus der Kirche, wollte ich auch nur sagen , dass die katholischen Laien damit ein wirklich starkes Druckmittel in der Hand haben. Ich kann mich allen Ihren Forderungen nur anschließen, ich gehe sogar noch weiter und fordere, dass man der Kirche jegliche Privilegien entzieht, die sie genießt, nur weil sie sich als religiöse Gemeinschaft ausgibt.
    Zu ihrer 3. Forderung kann ich nur sagen, obwohl z. B. die Krankenhäuser als katholische gelten, trägt den größten Teil der Kosten der Staat.

  8. Uwe Thoms sagt:

    Wie wäre es denn, wenn man endlich die Religion, den Gotteswahn und den Glaubensdrang in Frage stellt. Jeder Gläubige spüre und prüfe einmal das religiöse Joch der Unterdrückung und stelle sich vor, davon befreit zu sein. Natürlich gibt es Menschen, die in ihrem Glauben mit einem Gebet Trost finden und in einem Gotteshaus einen Zufluchtsort; das wird man ihnen nicht nehmen wollen und können. Aber die vielen „Kulturchristen“, die irgendwann einmal im Laufe eines Jahres meinen, „man“ müsse doch auch wieder einmal in die Kirche gehen und sich sehen lassen, meistens an Weihnachten, die könnten doch die Gelegenheit beim Schopfe fassen und sich den Gedanken des Humanismus und den inzwischen fast 40 % Atheisten anschließen und tatsächlich eine bessere Welt schaffen. Dann steht plötzlich der „reine“ Mensch im Mittelpunkt mit seiner unermesslichen Werthaltigkeit. Dann findet man den Trost am Ohr des Nächsten und Einlass im Haus des Nachbarn. Man macht sich keine Gedanken mehr, warum eine fiktive Allmacht irgendetwas Böses und Grausames nicht verhindert, sondern übernimmt Verantwortung und stellt sich zum Kampf gegen all das, was das wertvolle Leben, und wir haben nur eines, stört und zerstört. Ach, wär“ das schön!

  9. Leopold Glaser sagt:

    Schade, dass der Autor des Leserbriefs Markus Grass seine im Kern berechtigte Kritik am Papst und der Oberhäuptern der Kirche in einer durch Hass vergifteten Sprache vorträgt. Für Enttäuschung und Zorn Zorn gibt es gute Gründe, habe ich auch. Aber dieser Ton? Apropos Würde: Auch die Wortwahl einer Äußerung kann würdelos sein und Kommunikation kaputt machen.

  10. Rudolf Dohnal sagt:

    Sehr geehrter Herr Gras, der verbal-aggressive Stil Ihres Beitrags hat mich sehr erschrocken. Grundsätzlich stimme ich ihrem kritischen Anliegen zu. Sollten Sie selbst Betroffener bzw. Opfer des Missbrauchs sein, könnte ich Ihre verbalen Überschreitungen nochmals anders verstehen.
    Eine Kritik sollte m.E. immer eine konstruktive Öffnung haben, zum neuen Nachdenken führen und damit Veränderung(en) ermöglichen. Dabei dürfen, müssen kritische Details, unabhängig ihrer Zuordnung , nicht verschwiegen bzw. unterdrückt werden. Alles darf, muss auf den Tisch! Dafür bedarf es auch besonderer Schutzräume, die sicherstellen, das das Gesagte nicht zum Nachteil bzw. zum Schaden des Informanten oder des Bekennenden missbraucht wird. Dafür gibt es in der Kirche das Beichtgeheimnis. So darf ein Priester niemals (!) dieses Geheimnis verletzen. In der Geschichte gibt es viele Berichte von Priestern, die selbst den Tod auf sich genommen haben, um das Beichtgeheimnis zu wahren. Jedoch, und hier bin ich jetzt in der aktuellen Realität , ist selbst dieses „Unantastbare“ offensichtlich zum Machtmissbrauch geschändet worden. Als Vater eines Kindes (einer Tochter) erlebe ich mich besonders sensibilisiert in diesen Fragestellungen.Wenn die Kirche sich hier nicht zu konkreten Veränderungen aufrafft, verrät sie die Sache Jesu,
    d.h. sie verrät ihn selbst! Sie ist dann nicht mehr die Kirche Jesu Christi.
    Wenn ich diese Zeilen schreibe, brennt in mir der Schmerz, die Trauer,um die Menschen, die als Opfer des globalen Missbrauchs gedemütigt, verletzt und verraten wurden.
    Gedemütigt, verletzt, und verraten durch meine Kirche. Ich schreibe bewusst meine Kirche, denn ich war Priester in dieser Kirche, Als ich meine Zölibatsverpflichtung aufgab und heiratete,wurde ich mit einem lebenslänglichen Berufsverbot belegt.Im Gegensatz dazu, wurde der Missbrauchstäter bisher lediglich nur versetzt.
    Und trotzdem: Es ist und bleibt meine Kirche und aus ihr heraus erhebe ich meine Kritik, meine fordernde, konstruktive Kritik, dass sie wieder die Kirche Jesu Christi werde. Es scheint, dass sie es aus sich selbst heraus nicht schafft. Damit eine Wiedergutmachung für die Opfer möglich wird (soweit dies eine Wiedergutmachung überhaupt leisten kann) und ein glaubwürdiger, überprüfbarer Neuanfang Realität werden kann, bedarf sie der Hilfe, wie es z.B. in unseren demokratischen Strukturen vorgegeben ist. Also keine alleinige innerkirchliche Steuerungsvariante, sondern ein mit demokratisch legitimierter Autorität erarbeiteter „Wiederaufbau“.

  11. Barbara Fuhrmann-Buroh sagt:

    Anstatt sich über die Heftigkeit des Leserbriefes von Markus Grass auszulassen, sollte man ihn zum Anlass nehmen, sich das seelische Leid missbrauchter KInder vor Augen zu führen , die – meist erstarrt und voller Panik – solche Attacken über sich ergehen lassen mussten. Ich hoffe, dass der Leserbrief auch von Erwachsenen gelesen wurde, die als Kinder Opfer wurden und noch keine Stimme gefunden haben . Er könnte ihnen eine kleine Hilfe sein .
    Ansonsten hilft ihnen vielleicht das Matthäus-Evangelium, Kapitel 18, Vers 6 , aber nicht eine der modernen, weichgespülten Übersetzungen, sondern eine alte Luther-Version: „Wer aber ärgert (in der anglikanischen Ausgabe heißt es „shall offend“) dieser geringsten Einen (gemeint sind die Kinder), die an mich glauben, dem wäre besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehänget und er ersäufet würde im Meer, da es am tiefsten ist.“ Fragt man sich: Dies wäre besser als was?, kommt gleich die Antwort hinterher: „Besser als in das ewige höllische Feuer geworfen zu werden.“ – Soweit Originalton Jesu.
    Eine Kirchenleitung, der die Verbrechen an den Kindern bekannt waren und die andererseits diejenigen ihrer Hirten rauswirft, die den vernünftigen, sogar von Paulus empfohlenen Weg der Ehe einschlagen, eine solche Kirchenleitung steht im Zentrum der Schuld und sollte langsam anfangen, sich mit dem Bild eines Mühlsteins um ihren Hals anzufreunden .

  12. Werner Engelmann sagt:

    @ Rudolf Dohnal, 5. März 2019 um 12:36

    „Als ich meine Zölibatsverpflichtung aufgab und heiratete, wurde ich mit einem lebenslänglichen Berufsverbot belegt. Im Gegensatz dazu, wurde der Missbrauchstäter bisher lediglich nur versetzt.
    Und trotzdem: Es ist und bleibt meine Kirche und aus ihr heraus erhebe ich meine Kritik, meine fordernde, konstruktive Kritik, dass sie wieder die Kirche Jesu Christi werde.

    Hallo, Herr Dohnal,
    Nun sind Sie ja ohne Zweifel Opfer einer institutionalisieren klerikalen Heuchelei, die zwar ein Gelübde auf die Kirche einfordert, aber kein Erbarmen mit deren Opfern kennt. Da ist Empörung verständlich. Schwer nachvollziehbar zunächst also Ihr „Und trotzdem“.

    Bevor ich darauf eingehe, einige persönliche Bemerkungen.
    Natürlich kann ich Ihre Einstellung verstehen, habe mich auch genügend mit der Problematik beschäftigt. Anlass dazu war ein ganz ähnlicher Fall der Re-Laisierung eines katholischen Priesters im engeren Bekanntenkreis meiner französischen Familie. Er war Opfer massiven Drucks seiner Eltern, die – einer in Frankreich damals verbreiteten „Tradition“ zufolge – ein Gelübde abgelegt hatten, eines ihrer Kinder dem geistlichen Dienst zu „opfern“.
    Der Fall war für mich Anlass zu intensiven Recherchen über interne Zusammenhänge von sexueller Verklemmtheit, Frauenverachtung und katholischer Dogmatik, insbesondere dem Mariendogma. Zunächst bei Hans Küng. Und ich mutete mir 500 Seiten Rabulistik des Erzbischofs Degenhardt zur Begründung des Lehrverbots gegen Eugen Drewermann zu (E. Drewermann, „Worum es eigentlich geht“, Kösel-Verlag, 1992)
    Das Ergebnis, ein vom Wahnbild des Dogmas der „unbefleckten Jungfrau“ geleitetes Frauenbild (entsprechend der Freudschen Analyse) habe ich in fiktiver Form, in meiner Romantrilogie „Maria“ festgehalten, als Bekenntnis eines ehemaligen Priesters(Bd.3, Frankfurt/M., 2009):
    „Ich war entsetzt darüber, was im Geheimen mich erregte. Ich zwang mich, das, was ich empfand, als des Teufels anzusehen. (…) Es dauerte recht lange, bis ich den Grund für meine Albträume erkannte: Es war mein Bildnis von Maria, der Gottesmutter. Sie war ja fürsorgliche Mutter und Jungfrau zugleich. Die fürsorgliche Mutter hatte Verständnis dafür, was sich ‚sündhaft‘ in mir regte. Die ‚unbefleckte Jungfrau‘ aber verstärkte meine Schuldgefühle noch. (…) Mein Bild von Frauen spaltete sich auf: Die ‚gute‘ Frau war meine eigene, fürsorgliche Mutter, die ‚sündhaften‘, ‚befleckten‘ Frauen waren die, die meinem Bild Mariens nicht entsprechen wollten: moderne Frauen, ungezwungen, selbstbewusst. (…) Mein Idealbild von der Frau schlug um in Verachtung und Hass. (…) Und ich rächte mich für die Verführung, für den ‚Sündenpfuhl‘, in den sie mich zu führen drohte, für ‚Sodom und Gomorrha‘.
    (S. 59f.)
    Da ich mir nicht sicher war, ob ich hier nicht überzeichnet hatte, schickte ich wesentliche Auszüge des Romans Eugen Drewermann (der ja auch Psychoanalytiker ist und dem ich diesen Band widmete) zur Stellungnahme zu.
    Aus seiner Antwort (9.6.2009):
    „…bin ich beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit und wie einfacher Sprache Sie psychisch äußerst komplexe Tatbestände zu schildern vermögen – als wenn Logarithmen natürliche Zahlen wären…! Darüber bin ich begeistert.“
    Soweit zur psychologischen Vorklärung, die aus spezifisch katholischer Sicht Sexualprobleme verdeutlichen, die auch zu Missbrauch führen können. Und die zugleich den Zusammenhang mit katholischer Dogmatik aufzeigen.
    Weshalb ich auch Ihre „konstruktive Kritik“, Ihre Hoffnung auf einen „Wiederaufbau“ der Kirche so nicht teilen kann. Denn der wäre ohne radikalen Abbau der Hierarchie, des inneren Machtgefüges, ohne Revision der Haltung in Sexualfragen sowie des Frauenbilds, damit auch ohne Abkehr von wesentlichen Dogmen (so Mariendogmen und Unfehlbarkeitsdogma) sowie dem Gebot des „Zölibats“ nicht denkbar.
    Davon aber sind nicht einmal die leisesten Ansätze erkennbar.

    Der nun seit über 20 Jahren anhaltende Missbrauchsskandal ist ja nur ein Teil des Problems.
    Das Schlimmste steht offenbar noch bevor: die umfassende Aufklärung dessen, was Papst Franziskus selbst am 5. Februar bei einer Pressekonferenz „sexuelle Sklaverei“ inmitten der Kirche nannte. Dabei bezog er sich aber nur auf den 2013 aufgelösten Orden der „kontemplativen Schwestern der Johannesgemeinschaft“ („Sœurs contemplatives de Saint-Jean“), ließ bis heute anhaltende Skandale organisierter Prostitution in mehreren Ordensgemeinschaften unter den Tisch fallen.

    Über den erschreckenden Umfang des sexuellen Missbrauchs von Nonnen hat die ARTE-Dokumentation „Missbrauchte Dienerinnen“ (zeitgleich auf Frz. im Schweizer Fernsehen) gestern informiert:
    https://www.arte.tv/de/videos/078749-000-A/gottes-missbrauchte-dienerinnen/
    Dazu auch ein Artikel in „Le Monde“: https://www.lemonde.fr/culture/article/2019/03/05/religieuses-abusees-l-autre-scandale-de-l-eglise-une-charge-violente-contre-le-vatican_5431448_3246.html.

    Hier nur einige Eckpunkte der vielfache Fälle von Missbrauch erfassenden Dokumentation. Diese macht vor allem Papst Johannes Paul II dafür verantwortlich, Anklagen systematisch verhindert und die „Kultur der Straflosigkeit“ gefördert zu haben, sodass sexueller Missbrauch im Klerus überhaupt erst ein solches Ausmaß annehmen konnte.
    (Genaue Informationen finden sich auch auf Wikipedia.fr unter den Stichworten: „Communauté Saint Jean“ (https://fr.wikipedia.org/wiki/Communaut%C3%A9_Saint-Jean) „Communautés de l’Arche“ und „Jean-Thomas Philippe“. Die Informationen auf der deutschen Wikipedia-Seite sind fragwürdig und nichtssagend.)

    Jean-Thomas Philippe, kurz „Père Thomas“ genannt, war Mitbegründer der „Communauté de l’Arche“. Ihm wurde wegen nachgewiesenen sexuellen Missbrauchs bereits 1954 vom Vatikan die Ausübung des Priesteramts untersagt. Was ihn nicht daran hinderte, diese Praktiken ungehindert bis zu seinem Tod 1993 an zahllosen Nonnen weiter zu verfolgen, die er bald als fällige „Buße“, bald als „wahre Gottesliebe“ erklärte. Erst 2015 erfolgten 14 Zeugenaussagen missbrauchter Nonnen (La Croix,‎ 15 octobre 2015).

    Die „Communauté Saint Jean“ („Johannesgemeinschaft“), gegründet 1975 vom jüngeren Bruder von „Père Thomas“, Marie-Dominique Philippe, (und von Johannes Paul II gefördert) wurde seit 2004 des sexuellen Missbrauchs von Nonnen verdächtigt. Der dem entsprechende weibliche Orden „Sœurs contemplatives de Saint-Jean“, deren Oberin, soeur Alix, Nonnen regelrecht zu Prostituieren ausbildete und sie dem Stammorden zuführte, wurde auf Veranlassung von Kardinal Barbarin (Lyon) am 13. Januar 2013 von Papst Benedikt aufgelöst. Eine seiner letzten Amtshandlungen, die seinen Rücktritt in anderem Licht erscheinen lassen. Kurz danach wurde auch der regelmäßige sexuelle Missbrauch von Nonnen durch den Ordensgründer nachgewiesen, dessen Seligsprechung unmittelbar bevorstand.
    Von 2010 bis 2012 wurden in Frankreich und Österreich 3 Priester des Ordens wegen sexuellen Missbrauchs mit bis zu 8 Jahren Haft verurteilt.

    Über diese Beispiele hinaus weist die Dokumentation auf viele andere Fälle hin, darunter systematischer erzwungene Prostitution von Nonnen im Vatikan sowie in afrikanischen Ländern.

    Angesichts dieser Fakten dürfte es für die Kirchenhierarchie außerordentlich schwer werden, die Schuld wieder auf einzelne „Sünder“ abzuwälzen.
    Es stellt sich aber auch die Frage, wo die Duldsamkeit von Gläubigen endet und wo die Mitverantwortung für die Leiden der Opfer dieser Verbrechen und für künftige Opfer beginnt.

    Die genannte Dokumentation bestätigt meine Einschätzung (26. Februar 2019 um 13:06), dass nur massivster Druck sowie staatsanwaltliche Ermittlungen in vielen Ländern in der Lage wären, grundsätzlichere Veränderungen zu erzwingen. Maßnahmen, die zum Schutz weiterer möglicher Opfer dringend geboten sind und welche die oberen Etagen der Verantwortlichen in der Kirchenhierarchie keinesfalls auszusparen hätten.

  13. Leopold Glaser sagt:

    Hallo Herr Engelmann,
    einige Bemerkungen dazu, dass Sie sich über das „Und trotzdem“ von Herrn Donahl wundern.Können Sie wirklich nicht verstehen, dass das einer sagen kann? Ich schon, als einer der seit Jahren mit dieser Kirche hadert, nicht erst seit dem Missbrauchsskandal. Diese Kirche hat ja in ihrer Geschichte eine Vielzahl von Verbrechen begangen, die es einem schwer machen, in ihr zu bleiben. Diese Kirche der des Autoritarismus und er starren Dogmen hat sich längst von der Botschaft Jesu verabschiedet – und ich von ihr, der Vatikankirche. Warum ich dennoch nicht ausgetreten bin? Weil ich viele Menschen kenne, die sehr gute Arbeit im Sinne Jesu leisten, die ich schätze und von denen ich mich nicht verabschieden will. Es ist schwer, gewiss, wider alle Hoffnung zu hoffen, dass eine solche Kirche sich gegen die Machtkirche, die ich nicht für reformierbar halte, durchsetzen kann/könnte. Und dennoch… Herzliche, freundliche Grüße Leopold Glaser

  14. Werner Engelmann sagt:

    @ Leopold Glaser

    Hallo, Herr Glaser!

    Sie scheinen mich doch etwas missverstanden zu haben. Natürlich habe ich auch Verständnis für das „Und trotzdem“. Daher auch die Einschränkung „schwer nachvollziehbar zunächst“.
    Daher auch die Ausführungen über Zusammenhänge mit katholischer Dogmatik, insbesondere den Mariendogmen. Und daher auch der Versuch, die Situation aus der Sicht Betroffener – hier: der „Täter“ – nachzuvollziehen. Interessant in dem Zusammenhang, dass mein ganzer Roman in erlebter Rede und Er-Form geschrieben ist, um die Versetzung in eine andere Perspektive sichtbar zu machen. Und da ich es nicht für gerechtfertigt hielt, andere aus eigener, also Ich-Perspektive zu beurteilen.
    Und aus eben dieser Innensicht kam ich, wie ja auch Sie und Herr Dohnal, von innen heraus zur Einschätzung, dass die katholische Kirche nicht mehr reformierbar ist.
    Es nützt aber nichts, nur auf Wunder zu hoffen, dass dies doch irgendwie geschehe. Man muss dann schon konkret benennen, welche konkreten Forderungen aufzustellen sind und mit welchen gesellschaftlichen Kräften bzw. Bündnispartnern dies erreicht werden soll.

    Zu den Forderungen:
    Ich habe schon deutlich gemacht, dass diese weit über die Frage des Zölibats hinauszugehen hätten (was meines Erachtens nicht einmal die zentrale Frage wäre), einen radikalen Umbau der gesamten Kirche (Enthierarchisierung, Unfehlbarkeitsdogma) einschließlich wesentlicher Teile der Lehre zu erfassen hätte. Insbesondere (1) Selbstverständnis des Priesterberufs und seiner Stellung in der Gesellschaft (Forderung von Drewermann), (2) Verhältnis zu anderen Religionen, vor allem dem Judentum (Forderung von Hans Küng) und (3) vor allem ein für das 21. Jahrhundert haarsträubendes Frauenbild und eine ebenso haarsträubende sexuelle Verklemmtheit.

    Zu (1) „Religiös gesehen, versperrt Angst den Zugang zu Gott, anstatt ihn zu öffnen. Psychologisch verinnerlicht ein System von Außenlenkungen, das unter dem Namen Gottes erstickt, was eigentlich befreien und erlösen sollte. (…) Mein Hauptvorwurf an die katholische Kirche: Sie ist überhaupt nicht daran interessiert, dass Menschen sich als Personen in Freiheit entwickeln. Das untergräbt ihr Herrschaftssystem.“
    (Eugen Drewermann, Worum es eigentlich geht, München (Kösel) 1992, S. 227f.)
    „Ich gebe zu: Mit vollem Recht kritisierte Sigmund Freud Machtarroganz und Machtmissbrauch der Kirchen, kritisierte er die Fehlformen der Religion, Realitätsblindheit, Selbsttäuschungen, Fluchtversuche und Verdrängung der Sexualität, kritisierte er aber auch ganz direkt das traditionelle autoritäre Gottesbild.“
    (Hans Küng, Credo, München (Piper) 1992, S.25)
    Erziehung zu Unmündigkeit manifestiert sich auch gerade an Priestern selbst, psychologisch gesprochen an Regression in vorpubertäre Verhaltensweisen. Übrigens hier, nach Analyse des Imam von Paris, ein deutliche Parallele zu Verhältnissen im Islam – wobei hier die Erstarrung in patriarchalen Verhaltensweisen freilich noch um einiges schimmer ist.

    Zu (2): „Dieser Frage (nach Antisemitismus in der katholischen Kirche) muss nachgegangen werden mit dem klaren Bewusstsein, dass der rassistische Antisemitismus der Nationalsozialisten nicht möglich gewesen wäre ohne den fast 2000jährigen christologisch begründeten Antijudaismus der Kirchen, der katholischen nicht nur, sondern auch der reformatorischen.“
    (Hans Küng, Credo, a.a.O., S.110)

    Zu (3): „Die Jungfrauengeburt gehört offensichtlich nicht zur Mitte des Evangeliums. Sie ist nicht nur nicht exklusiv christlich, sie ist auch nicht zentral christlich!“ (Hans Küng. a.a.O., S.65)
    „…so kann man doch nicht bestreiten, dass die Jungfrauengeburt ein in der Antike von Ägypten bis nach Indien verbreiteter Mythos ist? (…) Ja, der Pharao Ägyptens wird als Gottkönig wunderbar gezeugt: aus dem Geistgott Amon-Re in Gestalt des regierenden Königs und der jungfräulichen Königin. (…) Ist also die Jungfrauengeburt bereits Ausdruck christlicher leib-, sexual.- und ehefeindlicher Tendenzen? Jedenfalls findet sich im Neuen Testament noch nicht jene Hochstilisierung der Jungfräulichkeit Mariens zum großen Ideal, die für viele Zeitgenossen symptomatisch geworden ist für die ’sexuelle Verklemmtheit‘ der Kirche.“ (Hans Küng, ebd., S.63f.)
    Interessant hierzu, dass diese „sexuelle Verklemmtheit“ in großem Kontrast zur Sexbesessenheit im Islam steht (bezogen auf Männer), wobei diese hier die Basis für extreme patriarchale Strukturen darstellt.
    Nach Darstellung von Necla Kelek („Die fremde Braut“) muss Mohammed geradezu ein Lustmolch gewesen sein:
    „Sexuelle Belästigung und Gewalt müssen eine ständige Bedrohung für die Frauen gewesen sein, wann immer sie ins Blickfeld der Männer gerieten. Aber statt die Täter zu bestrafen, wurden die Opfer verschleiert. Der Schleier war also nicht, wie heute vielfach fälschlich dargestellt, ein Zeichen des Glaubens, sondern eine Maßnahme zum Schutz der Frauen vor der Zudringlichkeit der Männer, und zugleich wurde er Instrument der Ab- und Ausgrenzung von Frauen.“ (S. 175)
    Wenn man diesbezüglich den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Betracht zieht, erscheint es geradezu absurd, wie aus gegensätzlichen ideologischen Ansätzen sehr ähnliche Formen von männlicher Regression und Frauenverachtung erfolgen können.
    Zumindest aber tut man gut daran, sich an die eigene Nase u fassen, statt immer nur über ein in der Tat grässliches Frauenbild im Islam herzuziehen.

    Was die Frage des Verbleibs in der Kirche betrifft, ist das natürlich eine rein persönliche Entscheidung. Freilich spielt die Frage dabei auch eine Rolle, wie weit man die Skandale für sich selbst noch tragbar und die Kirche noch für reformierbar hält. Ein Eugen Drewermann jedenfalls hat als ehemaliger Priester für sich den Schluss gezogen auszutreten – was, soweit ich ihn kenne, deutlich auf eine negative Antwort hinweist.
    Ich halte diese Frage aber nicht für entscheidend.
    Entscheidend ist die Arbeit in der Praxis. Und da – auch da gebe ich Ihnen Recht – ist die gemeinsame Arbeit an sozialen Projekten ein wesentlicher Aspekt. Das ist aber keine Frage des Glaubens oder des Bekenntnisses, sondern der eigenen Überzeugungen.
    So arbeiten meine Frau und ich schon seit über 20 Jahren in Amnesty International (als weltanschaulich neutraler Organisation) zusammen, meine Frau auch als Mitglied von ACAT (Action Chrétienne pour l’Abolition de la Torture). Die Tätigkeit ist die Gleiche. Nun auch bei der von uns gegründeten Flüchtlingsorganisation. Und auch hier schätze ich die Mitarbeit von vielen aus der katholischen Gemeinde.
    Und um ein historisches Beispiel zu nennen: Christliche und kommunistische Widerstandkämpfer standen sich im 3. Reich einander unendlich viel näher als erstere den „Glaubensgenossen“, die sich aus Opportunismus der Unmenschlichkeit unterworfen hatten und zu einem funktionierenden Rädchen in einem umfassenden Unrechtssystem geworden sind.
    Herzlichen Gruß, Werner Engelmann

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